Der überspannte Fan

Fußball ist die schönste Nebensache der Welt – sollte man meinen. Für den Fan eines Vereins, der mitten im Abstiegskampf steckt, verkehrt sich dieser Satz ins brutale Gegenteil. Wenn’s ums nackte Überleben geht, wenn‘s auf jeden verdammten Punkt ankommt, um die Klasse zu halten, kann Fußball schnell zur Strapaze werden.

Früher ging das ja noch einigermaßen. Da war in den Bundesliga-Stadien samstags um halb vier Anpfiff und nach 90 Minuten plus Nachspielzeit wusste man, was Sache war, weil die Konkurrenz zeitgleich spielte. Mittlerweile wird – aus kommerziellen Gründen – nicht nur am Samstag, sondern auch einen Tag davor und danach gespielt. Wenn es der Spielplan dann übel meint, wird für den von Abstiegsängsten geplagten Fan so ein überlanger Spieltag zu einem Gang durch die Hölle in drei Akten.

An diesem Osterwochenende war’s mal wieder so: Stress pur am Gründonnerstag, denn Cottbus geht in Frankfurt in Führung…, Frustration pur am Samstag, weil der Club auch im Heimspiel gegen Bochum keinen Dreier einfährt und die 2. Liga bedrohlich nahe rückt, und nochmal Stress pur am Sonntag, weil man, statt mit einem guten Buch auf dem Sofa zu liegen, wie ferngesteuert auf die Videotexttafel starrt und betet, dass bei Bielefeld gegen Bremen die „eins“ endlich auch hinter dem Doppelpunkt erscheint. Als der Spuk dann vorbei ist, stellt man mit ein paar grauen Haaren mehr fest, dass der Sprung auf Platz 15 zum x-ten Mal verpasst wurde (die Mannschaft versagt und versagt…), der Rückstand auf Platz 15 aber nicht so groß ist, dass er nicht noch aufgeholt werden könnte (wenn die Mannschaft das zeigen würde, was sie mal gezeigt hat…), und dann freut man sich so richtig auf den Montag, weil man da endlich wieder spielfrei hat (jedenfalls in der laufenden Saison…).

Vor kurzem habe ich irgendwo gelesen, dass darüber nachgedacht wird, die neun Bundesligaspiele über das gesamte Wochenende verteilt mit jeweils verschiedenen Anstoßzeiten anzusetzen, um die einzelnen Spiele besser vermarkten zu können. Da soll dann am Samstag schon mittags um zwölf gespielt werden. So was können sich doch nur Sadisten ausdenken! Das geht dann so: Mutti ruft: „Essen is‘ fertig!“ und aus dem Fernsehzimmer ruft Vati zurück: „Keinen Appetit Schatz, Cottbus führt gegen Bayern 2:0 und wenn Cottbus das Spiel gewinnt, ist der Club abgestiegen!“ Und wenn Bayern doch noch zum Ausgleich kommen sollte, muss Vati erst noch die Ergebnisse von Duisburg gegen Rostock (Anpfiff 14:00h) und, was weiß ich, Bielefeld gegen Bochum (Anpfiff 20:00h) abwarten und spät in der Nacht weiß er dann vielleicht, dass der Club den Klassenerhalt noch schaffen kann, falls er am nächsten Wochenende endlich mal wieder gewinnt und Mannschaft x gegen Mannschaft y so oder anders spielt. Allmächt Freunde: Wenn’s so weit kommt, bin ich endgültig reif für die rot-schwarze Klapsmühle!

Aber gut, die „schönste“ Nebensache der Welt ist halt auch nur eine Ware, und Waren unterliegen nun mal den Gesetzen des Geschäfts: Je ausgedehnter die Spieltage, desto lauter klingelt’s in den Kassen. Wen kümmert da schon das seelische Befinden eines überspannten Club-Fans…

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Kommentare (3)

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  1. Richtig! Ich versuche auch auf “locker” zu schalten, da ich mich mit dem Abstieg schon abgefunden habe! DOCH es ist immer noch möglich und wäre nicht mal ein WUNDER! Also gehts das Zittern weiter und mein Herz rast nun, da die Fürther dran sind uns zu überholen, von Freitag bis Montag-Abend!!!

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