Zuma … Montezuma … Zuma
Nicht, dass ich alles schon im Voraus gewusst hätte. So abgrundtief schwarz kann selbst ich nicht sehen und ich gehöre weiß Gott nicht zu den Optimisten unter der Sonne. Aber geahnt haben muss ich wohl etwas, oder zumindest meine Eingeweide, die sich unheilvoll zusammenzogen, als ich beim Anpfiff zur zweiten Halbzeit sah, dass Bielefelds Trainer den Spieler mit der Nummer 22 eingewechselt hatte: Sibusiso Zuma.
Reflexartig versuchte ich die Gefahr zu bannen. Nein, sagte ich zu mir, es wird nicht zum dritten Mal geschehen. Diesmal spuckt uns der Kerl nicht in die Suppe wie damals im Oktober 2005, als er in der 89. Minute den Siegtreffer zum 3:2 für die Arminen (übrigens mit von Heesen auf der Trainerbank) erzielte, obwohl der Club in diesem Heimspiel (das letzte mit Wolf als Trainer) in der 88. Minute noch mit 2:1 geführt hatte. Und es wird auch nicht so kommen wie in dieser Saison auf der Alm, als der in der zweiten Halbzeit eingewechselte Südafrikaner die 1:0-Pausenführung des Clubs quasi im Alleingang (eine Torvorlage, ein Treffer) in ein 3:1 für Bielefeld umwandelte. Diesmal behalten wir die Punkte und dann sind wir erst mal weg von den Abstiegsplätzen und dann wird – vielleicht – doch noch alles gut…
Tja Freunde, heute wissen wir, dass es doch so kam, wie ich es ahnte. Und das einzig Erfreuliche an diesem verfluchten Samstagnachmittag war, dass sich das mit dem Erscheinen Zumas heraufziehende Drohen in meinem Gedärm dann doch nur als kurzzeitige nervöse Regung entpuppte, wie sie eben auftritt, wenn einen Menschen plötzlich die blanke Angst befällt. Dabei war das, was sich in dieser zweiten Halbzeit abspielte durchaus dazu angetan, beim Club-Fan erhöhte Darmtätigkeit, wenn nicht sogar einen heftigen Anfall von Montezumas Rache auszulösen. Gut vorstellbar, dass am letzten Wochenende in Haushalten, in denen ein rot-schwarzer Schal an der Garderobe hängt, der Verbrauch von Toilettenpapier um einiges höher war als in solchen, in denen Papi samstags die Rabatten pflegt.
Es fällt verdammt schwer, über die – womöglich schicksalhaften – Ereignisse nach der Halbzeitpause zu sprechen. Aber ich muss trotzdem noch einmal auf den Anschlusstreffer zurückkommen bzw. auf seine Entstehung, die seit dem Spielende in meinem Kopf herumgeistert wie ein böser Traum. (Konfrontationstherapie soll ja manchmal helfen…)
Da ist zunächst die Frage, warum Wolf, der ja nicht gerade als Verfechter des körperlosen Spiels bekannt ist, Zuma nicht durch entschlosseneres Zweikampfverhalten daran hinderte, diesen tödlichen Pass auf Wichniarek zu spielen. Da ist die Frage, warum Abardonado zu weit von Wichniarek entfernt stand und es dadurch ermöglichte, dass dieser tödliche Pass bei dem Arminenstürmer ankam. Und da ist auch die Frage, warum der Torwart einen sicher nicht leicht zu haltenden Ball eben nicht doch mal hält (die „Glanzparade“ ist bekanntlich eine zulässige Option im Torwartspiel).
Diese Verkettung von individuellen Fehlern war aber letztlich nur der Dominoeffekt eines taktischen Fehlverhaltens des gesamten Teams. Und damit bin ich beim Kern der Frage: Welcher Teufel hat unsere Mannschaft eigentlich geritten, in der ersten Minute der zweiten Halbzeit bei einer beruhigenden 2:0-Führung so unverhältnismäßig weit aufzurücken und dem im Prinzip schon geschlagenen Gegner die Gelegenheit zu geben, durch einen Konter über zwei Stationen wieder zurück ins Spiel zu kommen? Eine Mannschaft, die Harakiri spielt, obwohl es eigentlich nur noch darum geht, einen soliden Vorsprung zu verwalten, braucht sich nicht zu wundern, wenn sie auch ein drittes Mal ein Opfer von „Zumas Fluch“ wird und am Ende eines Sechs-Punkte-Spiels mit nur einem Punkt dasteht wie mit leeren Händen. Und sie liefert den traurigen Beweis, dass auf dem Thermometer der Club-Idiotien auch dann noch Luft nach oben ist, wenn die Säule den Höchststand schon längst erreicht hat.
Und dennoch – und das ist mal wieder das Tragische – haben nur Zentimeter gefehlt, und das, was hier zu lesen ist, hätte einen gänzlich anderen, vielleicht sogar euphorischen Klang. Hätte sich in den letzten Sekunden des Spiels Mintals Schuss ins Tor gesenkt, hätte der Bielefelder Schlussmann nicht mehr die Fingerspitzen an den Ball gekriegt, um ihn noch an die Latte zu lenken, sähe alles anders aus.
Nur Zentimeter haben gefehlt, und Marek Mintal, der mit seinem Tor zum 1:0 dafür sorgte, dass wir wieder so richtig hoffen durften, und der sich in diesem Schicksalsspiel zerriss wie kein Zweiter, wäre verdientermaßen der strahlende Held dieses Spiels gewesen. So stand er nach dem Spiel mit verweinten Augen im Kreis von Club-nahen Journalisten und versuchte zu erklären, was nicht zu erklären war. Und er suchte wohl auch ein bisschen Trost bei Freunden, die selbst getröstet werden wollten.
Kopf hoch, Marek! Wir wissen, was wir an Dir haben und hoffentlich – egal in welcher Liga – noch recht lange an Dir haben werden.
A propos Trost: Um den grauenhaften Begebenheiten des Vortags zu entfliehen, ordnete ich am Sonntag mal wieder meine CD-Sammlung. Dabei stieß ich auf eine alte Neil Young-Platte, die ich schon lange nicht mehr aufgelegt hatte. Diese Scheibe höre ich jetzt schon die ganzen Tage. Während ich diese Zeilen in mein Notebook tippe, läuft gerade Don’t Cry No Tears – ein Song der nicht nur wegen seines Titels eine trostspendende Wirkung hat.
Den Namen dieses 1975 erschienenen Albums sollte ich vielleicht besser verschweigen, aber ich nenne ihn doch. Wir Club-Fans sind ja hart im Nehmen:
Zuma.
So Freunde, jetzt geht’s belschanov etwas besser…
Tags: Bundesliga, Fußball-Philosophie, Historie, History


ouugghh der album titel haut mich um !! =)aber du hast recht wir glubberer schaffen das schon!
mir auch.. danke!
schöner Beitrag,belschanov!
Außerdem,ich wusste gar nicht,dass Neil Young ein Fan von Sibusiso Zuma ist(der ist ja 1975 geboren)
[...] hat die Mannschaft nach dem 2:2 gegen Arminia Bielefeld, das noch nicht alle verwunden haben, etwas gut zu [...]
was bedeutet eigentlich “Failhaid”?
@belschanov:
Weißt Du, was ich mache, damit es mir nach Club-Niederlagen (bzw. “gefühlten” Niederlagen) besser geht?
Ich schließe die Augen und denke zurück an den 26. Mai 2007 im Berliner Olympiastadion, kurz vor halb elf abends.
Und diese Erinnerung ist jeder Abstieg aus der Bundesliga wert.
@Töffi: Danke für den Tipp.
Ich war ja nicht in Berlin dabei, habe den Triumph vor dem Fernseher miterlebt. Danach bin ich aber mit Club-Schal in die Kneipe gegangen. Wenn’s der Club heuer tatsächlich noch schaffen sollte, nehme ich meine alte Fahne mit…
Ach, wenigsten die Bauern geben heute mal wieder Anlass zur Freude
erklär mir mal jemand den fußball! die bauern holen sich in petersburg ne klatsche, petersburg spielt leverkusen daheim unter den tisch und wir schaffen auswärts ein 2:2! könnt ihr euch noch erinnern? jedenfalls hab ich heute abend gesehen, wie man mit nem 2:0 aus der halbzeit kommt und den vorsprung noch ausbaut. ich weiß, ich bin nachtragend …
Hab mir grad mal so überlegt, wie es wäre wenn schon alles entschieden wäre. Wir auf nem sicheren Platz in der Tabellenmitte. Vom Abstieg überhaupt nicht bedroht. Keine Spannung mehr, kein Zittern. Und soll ich mal was verraten: Das wäre mir fei zu langweilig. Ist das jetzt Masochismus? *grübel
@Gretl: Ich bin zwar kein Psychologe und auch kein Psychiater, aber das, was Du sagst, hört sich nach einem unbewussten Schutzmechanismus an. Du versuchst der üblen Situation etwas Positives abzugewinnen. Ganz nach dem Motto: Wenn ich schon leiden muss, will ich es wenigstens schön finden… (Ist aber nur die Meinung eines Psycho-Laien!)
Ich hätte gegen Langeweile absolut nichts einzuwenden, aber vielleicht bin ich halt einfach ein langweiliger Typ…
@ belschanov & Gretl … ne ne, da hat Gretl schon was Wahres gesagt, meine ich. Vor ein paar Tagen hatte ich mit nem Eintracht-Fan ein Gespräch und dann stand er vor mir, sinnierte kurz vor sich hin, und meinte: Irgendwie beneide ich euch gerade. Irgendwie. Bei euch ist wenigstens was los, bei uns ist totale Tristesse. … Und wenn man Blog-G liest meint man auch, dass bei der Eintracht gerade der totale Frust ausgebrochen ist. … Ich für meinen Teil hätte gegen eine gewisse Tristesse nun wahrlich nichts einzuwenden gehabt. Aber verstehen kann ich das schon.
Puh..dann kann ich ja beruhigt das Telefonbuch mit den örtlichen Psychiatern wieder aus der Hand legen…
Der von Heesen regt mich auf. Hat der ‘ne Einwechslungs-Phobie??!!
[...] Club-Idiotien mal wieder eine der Kapriolen hervorzauberten, die im Magen-Darm-Trakt des Club-Fans Montezuma in Aktion treten lassen, während sich der Rest der Fußball-Welt den Bauch vor Lachen kaum [...]
[...] hat in dieser Saison erst vier (!) Bundesligaspiele gewonnen. Beruhigend auch, dass Zuma nicht mehr bei den Arminen spielt. Aber Bielefeld hat den Trainer entlassen und die Telefonnummer [...]
[...] Posttraumatische Depression. Baumanns Rückpass auf Golz im letzten Spiel der Saison 98/99 gegen Freiburg (klick), Vitteks Kullerball am leeren Tor vorbei im ersten Spiel der Saison 07/08 gegen Karlsruhe (klick), Mintals Pfostenschuss im Heimspiel gegen Bielefeld im Frühjahr 2008 (klick). [...]