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Schon wieder 85

Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann.

Diese Worte aus der Feder eines berühmten Dichters, der lange Zeit in meiner Geburtsstadt gelebt hat, drücken eine Wahrheit aus, die erklärt, warum ich in letzter Zeit so oft an das Jahr 1985 denke. Sie erklärt, warum es passieren kann, dass ich morgens beim Rasieren nicht nur mein Gesicht im Spiegel sehe, sondern vor meinem geistigen Auge auch den Film von Ecksteins erlösendem 1:0 gegen Hessen Kassel am letzten Spieltag der Saison 84/85. Und sie erklärt, warum mich gestern, als ich mit meinem Auto in der Waschanlage war, meine Gedanken an einen lauen Dienstag- oder Mittwochabend im August 1985 entführten, an dem ich zusammen mit meinem Vater auf Block neun des alten Stadions Zeuge einer Partie wurde, die in meiner privaten Rubrik “Spiele, die ich nie vergesse” einen der vorderen Plätze einnimmt.

In diesem Spiel gingen die Gäste zu Beginn der zweiten Halbzeit durch ein Tor des ehemaligen Club-Stürmers Dieter Trunk mit 1:0 in Führung und es schien, als sollte die gerade aufgestiegene Nürnberger Elf nach der 0:1-Heimniederlage im Auftaktspiel gegen Bochum und dem1:1 bei Eintracht Frankfurt auch im dritten Spiel der Bundesligasaison 85/86 sieglos bleiben. Doch dann entzündete die junge Club-Mannschaft ein Feuerwerk an Dynamik und Spielfreude, das die Club-Anhänger unter den 30 000 Zuschauern in entzücktes Staunen versetzte.

Das 1:1 besorgte Stefan Reuter, der von der rechten Außenbahn aus in den Strafraum eindrang, die Gegenspieler umkurvte und dem Torwart keine Chance ließ (auf ähnliche Weise erzielte er einige Wochen später die 1:0-Führung im Münchner Olympiastadion, die die  Bayern dann in einen 2:1-Sieg umwandeln konnten, weil a) der Schiedsrichter einen von Thomas Brunner auf der Linie geklärten Lerby-Schuss hinter derselben sah, b) ein Eckstein-Kopfball nur an der Latte landete und c) Grahammers Strafstoß von dem am Fünfmeterraum postierten Jean-Marie Pfaff pariert wurde…).

Nur zwei, drei Minuten nach Reuters Ausgleichstreffer ging der Club durch ein Tor des aufgerückten Manndeckers Roland Grahammer in Führung, ehe kurz vor dem Abpfiff Jörg Neun mit dem spielentscheidenden 3:1 das Stadion zum Beben brachte.

Die Mannschaft, die diesen für mich unvergesslichen Sieg errang, spielte in folgender Besetzung:

Tor: Grüner – Abwehr: Th. Brunner, Lieberwirth, Grahammer - Mittelfeld: Reuter, Geyer, Dorfner, Güttler (Neun), N. Wagner – Angriff: Philipkowski, Eckstein (Stenzel).

Die in der Aufstellung fett hervorgehobenen Spieler bildeten zusammen mit den im Laufe der Saison 85/86 zum Kader gestoßenen Norwegern Anders Giske und Jörn Andersen den harten Kern einer Mannschaft, die sich unter der Führung von Heinz Höher Schritt für Schritt weiterentwickelte und drei Jahre später mit der Qualifikation für den Uefa-Cup den größten Vereinserfolg seit dem Gewinn der deutschen Meisterschaft im Jahr 1968 feiern durfte. Unter Dach und Fach gebracht wurde dieser Erfolg übrigens am vorletzten Spieltag der Saison 87/88 durch einen von Eckstein und zwei mal Andersen herausgeschossenen 3:2-Heimsieg gegen den gleichen Gegner, der an jenem Augustabend des Jahres 1985 in Nürnberg 1:3 verlor.

Dieser Ausflug in die Historie ist zu einem nicht geringen Teil dem Umstand geschuldet, dass der Fan eines Vereins, von dem es so (un-)schön heißt, er hätte schon mal bessere Zeiten erlebt, gern von besseren Zeiten spricht. Er erfolgte aber durchaus auch aus aktuellem Anlass, denn am Montagabend gastiert mit dem 1. FC Kaiserslautern eben der Verein in Nürnberg, gegen den der Club die beiden angesprochenen historischen Siege erzielte.

Die Ausgangsposition für die Begegnung zwischen den beiden Altmeistern, die am Montag erst zum zweiten Mal in  Liga zwei aufeinandertreffen, ist klar: Den Pfälzern winkt bei einem Dreier der Sprung auf den dritten Platz. Für den Club geht es darum, den Punktrückstand auf die Spitzenränge zu verringern. Der Club muss dieses Spiel gewinnen. Tut er das nicht, ist der Club-Motor im Rennen um die ersten drei Plätze abgeschmiert, bevor er überhaupt gezündet wurde.

Sollte der grippegeschwächte Mnari nicht doch noch fit werden und Oenning nicht doch den in der letzten Woche verpflichteten Neuzugang Bunjaku im Sturm spielen lassen, wird der Club wohl in folgender Formation beginnen (NZ):

Tor: Schäfer – Abwehr: Reinhardt (Diekmeier), Maroh, Pinola, Bieler – Mittelfeld: Perchtold – Kluge, Mintal, Frantz – Angriff: Eigler, Boakye.

Diese Mannschaft ist ähnlich jung wie die Club- Mannschaft von 1985, die in einem furiosen Sturmlauf in die Bundesliga einzog und dort nicht nur durch den 3:1-Sieg gegen den FCK für Aufsehen sorgte. Ob Eigler, Maroh & Co. auch die Klasse haben, um in die Fußstapfen von Eckstein, Reuter und den anderen zu treten, wird sich zeigen. Wobei ich, um ehrlich zu sein, fürchte: diese Schuhe sind wohl eine Nummer zu groß.

Es hat eben seine Gründe, dass ich beim Rasieren oft an Dieter Eckstein denke und nur selten an Eigler und Boakye

(Quellen zu den Spielen von 1985 und 1988 hier und hier.)

     

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Kommentare (5)

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  1. Es hat ja seine Gründe, dass ich beim Rasieren oft an Dieter Eckstein denke und nur selten an Eigler und Boakye…

    Vielleicht brauchen Eigler und Boakye einfach die Jahre, bis aus der Realität auch für sie eine schöne Erinnerung werden durfte …

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  2. bernd sagt:

    Denke auch oft an die Zeit und diese Mannschaft zurück. Gegen Hessen Kassel, Aachen und Hannover kann ich mich gut erinnern, vor allem wie wir Fans zur Mannschaft standen.
    Diese Saison gab es auch gute Spiele, Freiburg geputzt und natürlich der Sieg gegen die Westvorstadt.
    Wir müssen bedingungslos dran glauben und die Mannschaft muss leidenschaftlich kämpfen, dann gibt es im Mai 2009 auch ein zweites 85.

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  3. fischla sagt:

    Dann hoffen wir mal, dass dazu heut Abend der Grundstein gelegt wird und die Mannschaft überzeugt und ihre Leistung voll abruft. :)

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  4. Optimist sagt:

    Bin gespannt, welche Überraschung MO in seiner Aufstellung diesmal parat hat….
    Kluge als 6er?
    Was ist eigentlich mit Gygax?
    Wie auch immer, Klabautern muss man eine starke Kampf- und Laufleistung entgegensetzen und Druck erzeugen. Haut rein, Jungs!

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  5. [...] | Vorbericht Eigentlich ist fast alles schon gesagt, was es zu sagen gibt. Kann man hier und hier mit jeweils viel Nostalgie noch zu Gemüte führen, wer noch nicht [...]

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