Zapfenstreich
Mein Neffe Simon ist acht Jahre alt. Er geht in die zweite Klasse Grundschule und spielt linker Verteidiger in einer F-Jugend-Mannschaft.
Simon ist traurig. “Warum spielen die immer so spät?”, sagt er, “das Halbfinale darf ich nicht sehen, und wenn sie ins Endspiel kommen, darf ich das auch nicht sehen. Warum spielen die nicht am Nachmittag? Das ist gemein.”
Ja, das ist gemein. Und vielleicht ist es ja auch gemein, dass mein Schwager nicht bereit ist, mal eine Ausnahme zu machen. “Schule geht vor”, sagt er, “das ist Prinzip. Und außerdem wird Simon noch viele Weltmeisterschaften erleben.”
Mein Schwager macht sich nichts aus Fußball. Er gehört zu jener Spezies von Menschen, die eine Kindstaufe während einer Fußballweltmeisterschaft ansetzen, ohne zu gewährleisten, dass zu diesem Zeitpunkt nicht die deutsche Mannschaft spielt. Simons Taufe fand am Nachmittag des 1. Juni 2002 statt. Auf diese Weise verpasste ich den 8:0-Sieg der DFB-Elf gegen Saudi-Arabien bei der Weltmeisterschaft in Japan und Südkorea.
Dieses Spiel ist in zweierlei Hinsicht “historisch”. Erstens ist das 8:0 gegen die Saudis der höchste Sieg, den eine deutsche Fußballnationalmannschaft bislang bei einer WM erzielte. Zweitens ist es das einzige WM-Spiel einer deutschen Mannschaft, das ich nicht live im Fernsehen gesehen habe, seitdem ich Fußballweltmeisterschaften verfolge (was seit der verregneten Sommermärchen-WM, die 1974 in Deutschland stattfand, der Fall ist).
“Historisch” ist auch das Halbfinalspiel zwischen Deutschland und Frankreich bei der 82er-Spanien-WM, das Schumacher, Breitner, Rummenigge & Co im Elfmeterschießen für sich entschieden. In puncto Dramatik und Spannung stand diese Partie dem Halbfinale Deutschland gegen Italien, das zwölf Jahre zuvor bei der WM in Mexiko stattfand und als “Spiel des Jahrhunderts” in die Geschichte einging (klick), in nichts nach.
Eigentlich hätte das 82er-Halbfinale auch in anderer, nicht sportlicher Hinsicht “historisch” werden müssen. Es hätte eigentlich das einzige WM-Spiel mit deutscher Beteiligung werden müssen, bei dem ich ins Bett gegangen bin, bevor das Ergebnis feststand. Dass ich nicht ins Bett gegangen bin, lag daran, dass ich einen Befehl verweigerte.
Am 1. Juli des Jahres 1982 – zwei Tage, nachdem die deutsche Mannschaft im ersten Zwischenrundenspiel gegen England 0:0 gespielt hatte (klick) – war ich zur Bundeswehr eingezogen worden. Deutschland erreichte durch einen 2:1-Sieg im zweiten Zwischenrundenspiel gegen Spanien (klick) das Halbfinale, das am 8. Juli, einem Donnerstag, ausgetragen wurde. An jenem Tag teilte uns der Spieß beim Abendappell mit, dass im Unterrrichtsraum (“U-Raum”) ein Fernseher aufgestellt sei. Wer Interesse habe, könne sich dort das Fußballspiel anschauen. Der Zapfenstreich sei bis zum Ende des Spiels verlängert. Das Anschauen des Spiels “auf Stube” sei aber verboten, damit Kameraden, die das Spiel nicht sehen wollen, schlafen können.
Als ich mich zehn Minuten vor dem Anpfiff zusammen mit einem Schulkameraden, der mit mir einrücken musste (und mit dem ich im Herbst 1983 in den Tagen von Able Archer ein Heimspiel der SpVgg Bayreuth besuchen sollte), im U-Raum einfand, war kein Sitzplatz mehr frei. Wir mussten stehen. Was wir wohl auch getan hätten, wenn wir einen Stuhl gefunden hätten, denn das, was man in diesem Halbfinalspiel zu sehen bekam, riss einen von den Sitzen.
Die deutsche Mannschaft, die das Spiel in der Besetzung:
Die Aufstellung der deutschen Mannschaft
vom 8. 7. 1982
SCHUMACHER
STIELIKE
KALTZ K.-H. FÖRSTER B. FÖRSTER
DREMMLER BREITNER MAGATH BRIEGEL
LITTBARSKI FISCHER
Spielbeginn:
21 Uhr
begann, ging nach gut zwanzig Spielminuten durch einen Treffer von Pierre Littbarski in Führung, doch wenig später stand es nach einem von Platini verwandelten Foulelfmeter 1:1. Das Spielgeschehen wogte hin und her, Torchancen auf beiden Seiten, ein brutales Foul von Toni Schumacher an Battiston, der kurz nach seiner Einwechslung auf der Bahre vom Platz getragen werden musste, 1:1 nach neunzig Minuten.
In der Verlängerung lagen die Franzosen schnell 3:1 vorne, das Spiel war gelaufen, doch dann spitzelte der eingewechselte Rummenigge nach schöner Vorarbeit von Littbarski das Leder filigran über die Torlinie und den Franzosen wackelten die Knie und die deutsche Mannschaft begann mit dem Mute der Verzweiflung zu zaubern und kam mit einer an Leichtigkeit und Eleganz nicht zu überbietenden Kombination zum Ausgleich: Littbarski flankte von links auf den langen Pfosten, der eingewechselte Hrubesch wuchtete den Ball per Kopf zurück zu Klaus Fischer und der beförderte das Spielgerät mit einem artistischen Seitfallzieher ins rechte Toreck.
3:3 nach 120 Spielminuten. Elfmeterschießen.
Ich dachte an Uli Hoeneß’ Schuss in den Belgrader Nachthimmel beim Elfmeterschießen im Europameisterschaftsfinale 1976 (klick und klick) und auf dem Bildschirm sah ich Jupp Derwall in der Mitte eines Kreises von Spielern, auf die er onkelhaft-beschwörend einredete, und dann hörte ich, wie jemand brüllte: “Zapfenstreich! Alle Mann in die Betten! Aber dalli!”
Der Unteroffizier vom Dienst (“UvD”) stand spreizbeinig und mit hinter dem Gesäß verschränkten Armen in der U-Raum-Tür. Jemand sagte: “Wir haben vom Spieß die Erlaubnis, das Spiel bis zum Ende anzuschauen”, und der UvD schrie: “Das können Sie Ihrer Großmutter erzählen! Wir sind weit über den Zapfenstreich! Außerdem haben sich einige Ihrer Kameraden über den Lärm beschwert! Damit ist Schluss jetzt! Jetzt geht’s ab in die Betten! Und dann herrscht Ruhe! Absolute Ruhe! Das ist ein Befehl!”
Ich sagte zu meinem Freund: “Komm mit, auf meiner Stube steht ein Fernseher.”
Als wir die Stube betraten lagen zwei Mann schlafend im Bett und drei Mann, die auch aus dem U-Raum vertrieben worden waren, zogen sich gerade die Schlafanzüge an. Ich sagte: “Warum läuft der Fernseher nicht?”, und ging zum Fernseher und stellte das Programm ein. Einer der Schlafanzug-Anzieher sagte: “Bist du verrückt? Hast du nicht gehört, was der UvD gesagt hat?”, und einer deutete auf meinen Freund und sagte: “Was will denn der hier?”, und ich sagte: “Der schaut sich mit uns das Elfmeterschießen an.”
Wir sahen, wie ein französischer Spieler den ersten Elfmeter verwandelte. Dann glich ein deutscher Spieler aus und einer der beiden im Bett Liegenden sagte: “Ruhe, ich will schlafen”, und einer der nicht im Bett liegenden Schlafanzugträger sagte: “Dann steck dir halt Watte in die Ohren”, und ein Franzose verwandelte und ein Deutscher verwandelte und ein Franzose verwandelte und Stielike verschoss und das Spiel war gelaufen und dann sahen wir, wie Littbarski, der den auf dem Boden knienden Stielike tröstete, die Arme nach oben warf und zum Elfmeterpunkt ging und verwandelte, und dann kam Platini und verwandelte und dann glich Rummenigge aus und dann verschoss Bossis und dann kam Hrubesch und “machte das Ding rein” und die deutsche Mannschaft war im Endspiel (klick).
Sollte die deutsche Mannschaft am Mittwoch das Halbfinale gegen Spanien gewinnen, was sie tun wird, wenn es ihr gelingt, die Leistungen aus den Spielen gegen England und Argentinien zu wiederholen, widme ich den Finaleinzug meinem Neffen Simon und all denen, die dieses Spiel aus welchen Gründen auch immer nicht sehen durften.


Daniel Klewer, der seine Karriere bereits beendet hatte, kehrt nochmals auf den Fußballplatz zurück. Der 33-jährige Torhüter soll Medienberichten zu Folge Daniel Batz (19) ersetzen, der von Trainer Dieter Hecking vorerst aus dem Kader genommen wurde.
Weiß da jemand mehr drüber?
Is der Batz so schlecht oder so jung?oder beides?
oder is der verletzt?
das so muss durch zu ersetzt werden,dann stimmts
ich zitiere: “Gestern sagte er zu BILD: „Ich hätte kein Problem damit, noch ein Jahr in Nürnberg zu bleiben. Ein Wechsel zum HSV wäre aber der nächste logische Schritt in meiner Karriere.”
ergo: der FCN hat die Option in der Hand und der HSV muss was am Tisch legen
Klar ist aber auch, dass wir ihn spätestens nächste Saison verkaufen müssen, denn mit so einer Aussage braucht man sich um eine Vertragsverlängerung gar nicht erst zu bemühen. Man sollte ihn auf keinen Fall solange behalten, dass man ihn am Ende ablösefrei gehen lassen muss.
Ich habe allerdings Zweifel, ob man jetzt noch > 4 Mio bekommen kann, denn dazu war seine Rückrunde zu schwach und die Vereine sind jetzt auch nicht so verzweifelt auf der Suche, wie im Winter. Ich denke, 3,5 Mio wäre ein realistischer Preis, über den man nachdenken könnte.
Am Ende der Saison wird er dann entweder deutlich teurer, wenn er eine gute Saison gespielt hat, oder deutlich billiger, weil der Vertrag eine geringe Restlaufzeit hat und seine Saison doch nicht so toll war. Da muss man halt das Risiko abschätzen. Wir werden es wohl erleben, wie die sportliche Leitung sein Wertsteigerungspotential einschätzt…
Hm, wie steht eigentlich die MoPo zur Bild? Schreiben die ab, oder haben die ihren eigenen Stolz? Dieses Zitat jedenfalls habe ich auf Transfermarkt .de gefunden.
[...] die Partie so arm an Höhepunkten, dass mein neben mir sitzender acht Jahre alter Neffe Simon (klick) gelangweilt an den Fingernägeln kaute und ich auf einen ausführlichen Spielbericht [...]