Der steife Hals
Ich bin’s gewohnt, den Kopf recht hoch zu tragen,
Mein Sinn ist auch ein bißchen starr und zähe,
Wenn selbst der König mir ins Antlitz sähe,
Ich würde nicht die Augen niederschlagen.
Diese Verse bilden die erste Strophe eines Gedichts des großen Schriftstellers und brillanten Lyrikers Heinrich Heine (klick und klick), und dass mich diese Zeilen so ansprechen, liegt wohl daran, dass ich ein ziemlicher Dickschädel bin (wenn’s sein muss…) und ich mich bemühe, Autoritäten – sogenannten “echten” und solchen, die sich für eine solche halten – unverzagt entgegenzutreten (Augenhöhe...). Und auch die in dem Gedicht angesprochene Kopfhaltung ist eine Übung, der ich mich von meinem Naturell her durchaus nicht verschließe…
…nur wollte mir diese Übung seit geraumer Zeit nicht mehr so recht gelingen. Mit dem Abstiegsgespenst im Nacken fällt es nicht leicht, wie ein Pfau (Brust raus, Kopf nach oben…) durch die Gegend zu stolzieren, und nach so manchem Genickschlag glich die Sprache meines Körpers wohl eher der eines Pudels, den mit Wasser zu begießen und kräftig zu schamponieren nichts bringt, weil ihm die Läuse nicht durchs Fell, sondern über die Leber laufen.
Lausbedingtes Leberkribbeln verspürte ich phasenweise auch während des Frankfurt-Spiels.
Was nicht so sehr daran lag, dass sich unsere Mannschaft lange schwer tat, den Gegner zwingend unter Druck setzen. Dass dieses Spiel eine zähe Sache werden würde, hatte ich erwartet. So verblendet bin ich nicht, dass ich davon ausgehe, dass unsere Mannschaft, auch wenn sie drei Spiele in Folge gewonnen hat, eine Mannschaft wie Eintracht Frankfurt, auch wenn diese in den letzten fünf Spielen kein Tor erzielte und nur einen Punkt holte, mal so eben weghaut (klick) oder demontiert (klick), wie es der “Stern” und die “Nürnberger Nachrichten” unter dem Eindruck des am Ende doch noch klaren Club-Siegs mit den Spielverlauf vereinfachenden, um nicht zu sagen verfälschenden Schlagzeilen feststellen.
Was mir Verdruss bereitete, waren die vielen unnötigen Ballverluste unserer Mannschaft. Häufig wurde das Spielgerät in an sich übersichtlichen Spielsituationen hektisch-übereilt weitergespielt und landete irgendwo im Nirgendwo oder beim Gegner. Einmal spielte Eigler – es stand 1:0 für den Club und es waren vielleicht noch zehn Minuten zu spielen – tief in der eigenen Hälfte überstürzt nach vorne und in die Beine eines Frankfurters, statt mal langsam zu machen, den Ball zu kontrollieren und kontrolliert zu einem frei postierten Mitspieler abzugeben, und man kann nur von Glück sagen, dass die Eintracht nicht clever genug war, diesen “Faux-Pass” auszunutzen.
Es ist mir bewusst, dass schnelles, nicht durch Ballannahmen verzögertes Passspiel zum Grundrepertoire des Fußballs unserer Zeit gehört (Ballzirkulation…). Es sollte aber nicht nur um des Schnellspielens willen schnell gespielt werden. Vor allem dann nicht, wenn man bei absehbarer Spieldauer knapp in Führung liegt. Sonst läuft man Gefahr, genauso schnell, wie man nach vorne spielen wollte, in einen Konter zu laufen, und schaut mit dem Ofenrohr ins Gebirge, weil die Zeit, die einem noch bleibt, um den verspielten Sieg doch noch einzufahren, zu schnell vergeht.
Was mich besonders ärgerte, war, dass gut fünf Minuten nach der Halbzeit – es stand 0:0 und für den Club war bis dato abgesehen von einem nach einer präzisen Pinola-Flanke knapp am rechten Pfosten des Eintracht-Tores vorbeistreichenden Cohen-Kopfball und der Szene, in der ein Frankfurter Abwehrspieler bei einer Club-Ecke seinen Torwart mit einem in die falsche Richtung gehenden Kopfball zu einer Glanzparade zwang, keine nennenswerte Torschance zu verzeichnen – Hegeler eine hundertprozentige Torchance vergab. Der Angriff, durch den Hegeler in Position gebracht wurde, war glänzend eingefädelt. Ein messerscharfer Konter über Ekici, der mit einem verzögerten Pass Eigler auf dem linken Flügel freispielte, der – ohne Ballannahme – mit dem linken Fuß flach nach innen passte, wo Hegeler – mit allem Raum und aller Zeit der Fußballwelt ausgestattet – in Mittelstürmerposition…
… über das Tor schoss.
Geärgert habe ich mich auch, als fünf Minuten vor dem Schlusspfiff beim Spielstand von 1:0 – Schieber hatte den Club in der 67. Minute mit einem von Ekici angetippten indirekten Freistoß aus 27, 28 Metern, der den Frankfurter Torwart auf dem falschen Fuß erwischte, in Führung gebracht, ein Schuss(versuch), der so optimistisch war, dass Club-Trainer Hecking dem Torschützen den Vogel zeigte (klick) – der für Hegeler eingewechselte Mak nach einer Maßvorlage von Eigler unbedrängt aus optimaler Schussposition links am Tor vorbeizielte und die erlösende Entscheidung verpasste.
Hätte ich zu diesem Zeitpunkt gewusst, dass Mak zwei Minuten später mit einer glänzenden Einzelleistung (ein formidabler Bogenlampen-Lob über den Frankfurter Torwart, nachdem er sich den Ball durch unnachgiebiges Nachsetzen gegen einen Frankfurter Abwehrspieler erkämpft hatte) das 2:0 erzielen und Cohen mit einem 25-Meter-Treffer noch einen draufsetzen würde (Kommentar Hecking: “Ich wusste gar nicht, dass Almog so weit schießen kann”; klick), hätte ich mich über die vergebenen Torchancen zwar auch geärgert (ich ärgere mich immer, wenn meine Mannschaft klare Torchancen vergibt), es wäre mir aber zu diesem Zeitpunkt nicht so eng ums Herz gewesen.
Entscheidend ist aber nicht, ob und wann es einem Fan, der ohnehin im Ruf steht, auch dann Haare in der Suppe zu sehen, wenn diese so klar ist wie Kloßbrühe, eng ums Herz wird. Entscheidend ist auch nicht, ob der eine Spieler ein Tor mit einem vom Trainer mit dem Vogelzeichen bedachten vogelwilden Schuss erzielt und der andere mit einem Schuss, zu dem er nach Einschätzung seines Trainers gar nicht fähig ist. Entscheidend ist, dass der Club das Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt mit 3:0 gewonnen hat.
Entscheidend ist, dass unsere Mannschaft, in der sich – nur um das nicht unerwähnt zu lassen – der junge Abwehrspieler Wollscheid und der bienenfleißige, giftig zupackende Mittelfeldyoungster Cohen stetig in den Vordergrund spielen, die letzten vier Spiele gewonnen hat und nunmehr seit fünf Spieltagen unbesiegt ist. Und Fakt ist, dass unsere Mannschaft im bisherigen Verlauf der Rückrunde eine so nicht zu erwartende und, wenn man so will, sensationelle Bilanz vorzuweisen hat.
35 Punkte nach 23 Spielen…
…damit hat unsere Mannschaft bereits elf Spieltage vor dem Saisonende so viele Punkte auf dem Konto, wie es Alexander für das gesamte Spieljahr veranschlagt hat (klick).
12 Punkte Vorsprung gegenüber dem Tabellendrittletzten und nur zwei Punkte Rückstand auf den fünften Platz (klick)…
…da kann man als Fan schon dem Gedanken erliegen, den Kopf ein bisschen höher als gewohnt zu tragen und beim Blick auf die Tabelle denselben ganz kurz und ganz verstohlen in höhere Regionen schweifen zu lassen…
…doch will das erst einmal gelernt sein. Ich jedenfalls habe seit Sonntagmorgen einen steifen Hals. Das vorsichtige Heben des Kopfes, das Schielen nach oben beim Betrachten der Tabelle, das alles ist wohl etwas zu viel für meine auf den Blick nach unten programmierte Nackenmuskulatur. Aber ich nehme die Herausforderung an und wünsche mir, dass unsere Mannschaft auf Erfolgskurs bleibt und meine Nackenmuskeln zwingt, sich an eine neue Kopfhaltung zu gewöhnen.
[Spielberichte: klick, klick.]
Bild: Halswirbelsäule im seitlichen Röntgenbild – Author: Hellerhoff – Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license




Wie üblich ein sehr schöner Artikel, belschanov.
Ja, wir Clubfans müssen in manchen Dingen umdenken, und das ist ungewohnt.
Ich empfehle als Training, nur die Rückrundentabelle zu betrachten, auch wenn dabei die Gefahr besteht, ein wenig größenwahnsinnig zu werden.
Gefällt mir
0
Passt zwar nicht ganz zum hier Geschriebenen, aber Bader sollte sich beeilen Wollscheidt langfristig an den Club zu binden. Die guten Leistungen Woche für Woche bleiben bei anderen Vereinen nicht unbemerkt!
Gefällt mir
0
Klar sollte man so Talente binden, aber auch nicht überhastet. Denke Wollscheid weiß, was er beim Club auch für eine Chance bekommt und übereilte Vetragsgespräche bringen auch nur Unruhe. Zudem: Was will man ihm anbieten? Langfristigen Vertrag für kleines Geld? Wird er kaum machen. Und für den Verein wäre ein höheres Gehalt im Falle dessen, dass er wieder einen Rückschritt macht (auch das gibt es zu genüge in dem Alter, auch Maroh sahen manche schon als internationale Klasse an), ein Klotz am Bein.
Gegenseitiges Vertrauen ist der Anfang von allem.
Gefällt mir
0
Ich finde nach wie vor, dass Maroh ein erstklassiger IV ist, der derzeit leider zuwenig Spielpraxis bekommt.
Wollscheid ist sicherlich der Hauptverantwortliche dafür, dass man nicht mehr bei jeder gegnerischen Ecke die Luft anhält.
Gefällt mir
0
Kann es sein, dass der Club im Kalenderjahr 2011 noch kein einziges Gegentor nach einem Standard bekommen hat? Oder bilde ich mir das nur ein?
Gefällt mir
0
Kein Geheimnis aber für mich persönlich erfreulich ist, dass vor allem die Definsive in der Rückrunde noch stabiler zu sein scheint. Spielte man in der Vorrunde doch nur 1x zu null (0:0 gegen die Pillendreher) stehen in der Rückrunde doch schon drei Spiele ohne Gegentor zu buche.
Was mich nervt wenn ich die Clubspiele auf Sky schaue ist, dass die nach wie vor von der schlechten Abwehrleistung bei Standarts sprechen.
Ich weis zwar nicht wann wir das letzte Tor nach einer Standartsituation bekommen haben – gefühlt aber seit November nicht mehr.
Stellen wir uns nur mal vor wo wir stünden hätten wir diese Standart Gegentore nicht bekommen…
Gefällt mir
0
Natürlich sollte man nichts überhasten, aber ich hatte beim Club shcon lange bei keinem IV mehr so ein gutes Gefühl wie bei Wollscheidt. Hoffen wir mal, dass Bader auch hier seinen Job vernünftig macht und ihm zum Saisonende eine Vertrag zu Clubüblichen Konditionen anbietet. DH wird hier sicher auch intervenieren.
Gefällt mir
0
Heute wurde nun erst mal Plattenhardt langfristig gebunden.
Gefällt mir
0
Ja, der Alexander und seine Tabellenrechnereien…wo bleibt die Abbitte?
Gefällt mir
0
Halt! Ich darf mich an der Stelle höchst gern selbst quotieren:
Es ging bei der damaligen Rechnerei mir weniger darum, meine Expertise unter Beweis stellen zu wollen, sondern um Panik rauszunehmen. Denn der einzige Zweck bestand darin einmal darzulegen, dass es sogar für Club-Verhältnisse aus der Position nur schwerlich gelingen würde noch abzusteigen.
Allerdings – und dafür tue ich nun wirklich gern Abbitte: Wie es jetzt tatsächlich gelaufen ist, daran habe ich auch in meinen kühnsten Träumen nicht gedacht. Aber die Saison ist auch noch nicht vorbei.
Gefällt mir
0
Deswegen bleibe ich dabei: Es wird in jedem Fall viel besser als vor der Saison (und selbst in der Winterpause noch) gedacht. Die erhoffte langweilige Saison können wir uns abschminken.
Gefällt mir
0
Nennt mich kleinlich, aber so, wie sich die Tabelle mir gerade darbietet, ist das in Sachen Langeweile absolute Optimum ein langweiliges Saisonfinale. Hätte der Club zwei Siege weniger auf dem Konto, würde die Abstiegsangst umgehen (obwohl punktgleich mit Schalke und damit schlimmstenfalls zwei, drei Plätze weiter hinten), jetzt befindet sich unser Ruhmreicher zumindest im weiteren Dunstkreis von Europa. So grob auf die letzten Spielzeiten schielend glaube ich festhalten zu dürfen, dass das durchaus normal ist im Sinne von häufig vorkommt. Offen gestanden wüsste ich aber auch gar nicht, wie ich mir so eine langweilige Saison vorzustellen hätte (möglicherweise liegt also das Problem bei mir…)
Gefällt mir
0
Das war mir neu.
http://www.welt.de/spor...idigt-und-bedroht.html
Gefällt mir
0
Die Sonne brennt aufs rot-weiße Wappen,
Trübt blendend grell die klare Sicht.
Würd‘ es regnen, wär‘ die Einsicht:
Nicht zum König geht es, nur zu Knappen!
Gefällt mir
0
Februar 2008: 1. FC Nürnberg scheidet gegen Benfica Lissabon aus der EL aus und steigt ab.
Februar 2009: Hertha BSC Berlin scheidet gegen Benfica Lissabon aus der EL aus und steigt ab.
Februar 2011: VfBäh Stuttgart scheidet gegen Benfica Lissabon aus der EL aus und …. ?
Gefällt mir
0
Nicht auszumalen was wäre hätte der Club zwei Siege mehr auf dem Konto (Hinspiel Freiburg, Rückspiel Gladbach), dann würde das Europapokalfieber grassieren (1 Punkt nur bis zur CL
Laut wahrer Tabelle könnte man sogar auf Platz 4 stehen, mit 3 Punkten mehr als aktuell.
@Woschdsubbn:
Somit steht ja dann der erste Absteiger auch schon fest. Bei der Personalpolitik auch nicht so verwunderlich, dass sie nicht hinten raus kommen.
Gefällt mir
0
..kann man sich denken bei einem Trainer, der es nicht mal schafft, mit den Fäddern Platz 5 zu erreichen
Gefällt mir
0
Laut kicker online mindestens 6 Wochen Pause für Schieber!
Muskelfaserriss
Gefällt mir
0
Vergesst es. Es ist ein Meniskuseinriss

Gefällt mir
0
Oh je, Höhenflug vorbei ohne Schieber?
Auf der einen Seite schießt er (im Vergleich zu anderen Stürmern der Liga) nicht sooo viele Tore. Allerdings beschäftigt er die gegnerische Abwehr und bereitet Chancen für das Mittelfeld vor.
Kann das irgendein anderer Stürmer von uns?
Eigler scheint eher aus dem Mittelfeld heraus zu wirken momentan. Okotie hatte einen guten und einen desaströsen Auftritt und wahrscheinlich hat Hecking Bedenken ihn endgültig zu “verbrennen”. Bunjaku wird frühestens in zwei oder drei Wochen größere Einsatszeiten schaffen (und selbst dann spielte er letzte Saison mehr auf der linken Mittelfeldposition als n der Sturmspitze). Mak und Mendler sind beide sehr unerfahren und wie Eigler keine wirklichen Stoßstürmer. In meinen Augen bleiben für die nächsten Spiele nur Eigler und Mintal als Notlösungen- wobei beiden diese Position nicht wirklich liegt.
Die andere Möglichkeit wäre auf einen Stürmer ganz zu verzichten und nur mit einer schnellen hängenden Spitze (Mendler/Mak/Eigler) zu spielen. Ich weiß nicht ob das funktionieren kann.
Gefällt mir
0