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Die Fußball-Welt ist eine Scheibe

Die Fußball-Welt ist eine Scheibe. Es gibt nur oben und unten, alles dazwischen ist eine Art wackliger Rand auf dem man kaum stehen kann und von dem man dann eben nach oben oder unten zu kippen droht. Beim Fußball ist eigentlich schon so ein Remis nur was für Warmduscher (oder Italiener). Und Fußball ist eine Art Religion, die Neuerungen nur ungern zulässt – runde Fußball-Welten bspw.

Dass der FCN in Dortmund nicht gewinnen wird, hätte man sich denken können. Aber so denken darf man nicht, wenn man Fußball-Gläubiger ist. Nach dem Wechselbad der Gefühle zwischen Zweckoptimismus (sonst könnte man ja gleich die Punkte per Post schicken und spart sich auch noch die Anfahrt) und Realitätssinn (4 Top-Spieler weg, Neuaufbau, erfahrene Leistungssträger verletzt) nimmt man dann die so auch eingetretene Niederlage zur Kenntnis, um sich erneut einem Wechselbad zu stellen: War es jetzt gut, dass man gut spielte und verlor – oder ist das gerade schlecht, weil es eben darüber hinwegtäuscht, dass man nun ja so oder so keine Punkte hat?

Nein. Fußball lebt vom Ergebnis und das Ergebnis wird durch die Tore bestimmt. In der Fußball-Welt als Scheibe ist die Wahrheit daher auch einfach: Gut gespielt hat der, der gewinnt, und es gewinnt der, der mehr Tore schießt. Ob das nun dann auf Grund einer übermächtigen Spielbeherrschung erfolgte (Dominanz) oder der Ausnutzung seiner wenigen Torchancen trotz sonstiger Ratlosigkeit (Effizienz), darf danach beliebig argumentativ bedient werden. Wer gewinnt, hat die Gläubigen auf seiner Seite – vom Fan bis zu den Medien.

Apropos Medien. Angesprochen heute auf die desaströse Abwehrleistung des FCN fragt man irritiert und höflich nach, wie man denn zu dieser Ansicht komme, wird dann aber nonchalant auf den Zusammenschnitt der Sportschau verwiesen. Alternativ hätte man auch gleich auf die naheliegende Statistik kommen können und sagen: Wer von drei Schüssen zwei reinkriegt, der muss entweder eine miese Abwehr oder einen miesen Torwart gehabt haben. Da man aus Gründen einer deutschlandweiten positiven Jugend-Stimmung einen 18-Jährigen Debütanten aber nicht ans Bein pinkeln will (Welpenschutz) und ihm auch in den wenigen Sekunden der Zusammenfassung keine Fehler im Bild nachweisen kann, zeigt man eben das 1:0 des BVB, bei dem in der Tat die Abwehr des FCN auseinandergenommen wurde. Beim Meister, wohlgemerkt – beim Meister, der in der vergangenen Saison (und übrigens auch schon diese Saison, ausgenommen in Hoffenheim – Stichwort: Angstgegner) alles in Grund und Boden spielte. Eine brilliante Szene eines brillianten Fußballers, Mario Götze, der einmal gedanklich einen Schritt schneller war und danach einfach alles richtig machte. – Aber wenn der Prediger von der Sportschau-Kanzel spricht, ist die Gemeinde eingenordet.

Ja, es gab auch noch ein zweites Tor, einen vollkommen sinnfreien Weitschuß-Versuch eines Großkreutz für den man einen Eigler oder Pinola auf der anderen Seite noch maximal mit “Verzweiflungsschuss” hätte durchkommen lassen, wird in einer Bogenlampe unhaltbar abgefälscht ins lange Eck. Und da auf der anderen Seite ein blutjunger Wießmeier versuchte seinen Kopf einzusetzen, statt sich mal keinen zu machen und das Ding einfach ins Tor zu dreschen, ein Hegeler die Hegeler-Bogenlampe schon in Halbzeit 1 zu tief installierte hatte und auch ein Simons seinen markanten Schädel nur unzureichend gegen den Ball wuchtete, so dass selbiger knapp neben das Tor ging, steht am Ende eben eine Niederlage, die nun einmal verdient ist, denn verdient ist das, was man erreicht hat – wie auch immer. Dann eben Arbeitssieg, sagt Klopp, und Arbeit ist ja auch was Redliches, auf das man stolz sein kann am Ende des Tagwerks.

Die Fußball-Lehre kann so einfach sein. Oben, unten, gewonnen, verloren. Siege sind nun einmal Resultat des Ergebnisses erzielter und nicht erzielter Tore. Wehe dem, der sich dieser einfachen Dogmatik wiedersetzt – ihm ist die Abstiegshölle fast schon gewiss. Wer kein Ketzer sein will, der schließt sich dem Kanon daher an, schüttelt den Kopf über zwei Niederlagen und die verpasste große Chance, den Auswärtssieg in Berlin zu vergolden, und malt nun düstere Szenarien an die Wand, sollte der geforderte Pflichtsieg gegen Augsburg nicht gelingen. Nur wenige, die hier den (Frei-)Mut haben, ketzerisches Gedankengut wie “Hannover und Dortmund sind vielleicht doch nicht das Maß unserer Dinge?” leise und mit vielen Fragezeichen in den Raum zu stellen. Es sind diese Stimmen, die gar Augsburg als ein schwieriges Unterfangen ansehen, vielleicht sogar noch schwieriger als Dortmund ansehen – denn dass die Arbeit nach hinten gut klappt (nach vorne aber nicht so), konnte man ja schon in den ersten drei Spielen sehen (wenn man mal nicht der Sportschau folgt). Wehe diesen Blendern, diesen Fehler-Verstehern und Statistik-Erklärern, die damit doch schon vorab nur alle Probleme legitimieren und so die reine Lehre “Heimspiele müssen nun mal gewonnen werden, komme was da wolle” verwässern.

Hecking, Hüter der Fußball-Gemeinde zu Nürnberg, habe geklagt und ihm sei bitter aufgestoßen (AZ), dass man die Ernte nicht einfahren konnte, die man mit harter Arbeit sähte. Wer allerdings die Pressekonferenz gesehen hatte, hat wohl die vielen umrahmenden Worte der Einfachheit weggelassen – Worte, die vor allem lobten, die die Mannschaft beglückwünschten und bei der in Sachen Bitterkeit nur das von sich gab: „Heute werden wir gelobt, morgen auch. Am Montag lesen wir es in der Zeitung und am Dienstag stellen wir fest: Wir haben keine Punkte gewonnen.“ – Was er nicht ahnte, dass man im Internet und im TV wohl schneller ist, als im veralteten Medium “Zeitung”. Da ist man schon heute, am Montag, am Bejammern der fehlenden Punkte angelangt. Vielleicht haben ihn viele aber einfach auch falsch verstanden (oder es gar nicht erst versucht). Zufrieden sein mit dem Geleisteten, zuversichtlich sein ob des Gezeigten und sich dennoch mit den Gegebenheiten nicht zufrieden geben wollen – eine nicht so einfach auf einen Nenner zu bringende Botschaft.

Sollte der Fußball jemals eine religiöse Reformation erfahren, dann könnte man sich vielleicht am Spielgerät orientieren. Der Ball ist nämlich rund, er dreht sich laufend, ständig ist man oben oder unten und die Übergänge dazwischen sind fließend. Und nur wer in der Lage ist, am Ball zu bleiben und sich eben nicht von Zwischenstandsberichten vom Glauben abbringen lässt, wird am Ende gute Chancen haben, auf Dauer seinen Platz im Fußballhimmel Bundesliga zu bewahren.

Amen.


Bild (Ausschnitt): Universum – C. Flammarion, Holzschnitt, Paris 1888, Kolorit : Heikenwaelder Hugo, Wien 1998. Heikenwaelder Hugo, Austria, Email : heikenwaelder@aon.at, www.heikenwaelder.at. Diese Datei ist unter der Creative Commons-Lizenz Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.5 US-amerikanisch (nicht portiert) lizenziert.

     

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Kommentare (5)

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  1. Dass das alles mit Religion zu tun hat, hat wohl auch Luhukay erkannt:

    Also müssen neben dem eigenen Einsatz laut Luhukay höhere Kräfte helfen, am besten schon am kommenden Samstag beim 1. FC Nürnberg. „Vielleicht sagt der liebe Gott dann: ‚Ich gebe euch die zwei, drei Zentimeter.‘“
    http://www.tz-online.de...tt-helfen-1370146.html

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  2. Kugelblitz sagt:

    Fantastischer Artikel, der es sehr genau auf den Punkt bringt.

    Leider ist dieses rein ergebnisorientierte Denken keine fußballspezifische Sache sondern in allen Bereichen unseres Lebens weit verbreitet. Was ist aus der alten Weisheit “aus Fehlern lernt man” geworden? Heute werden Fehler gleich mit Versagen gleichgesetzt.

    Ich begeistere mich doch lieber an der Spielweise des Clubs und ärgere mich leise und vor allem kurz über die paar blöden Szenen, als dass im Nachhinein plötzlich alles schlecht war, nur weil das Ergebnis nicht stimmt.

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  3. christian sagt:

    religion und realismus passen nicht zusammen und dann noch die medien…jede saison bei der der club 10siege plus x holt und dabei noch ein paar unendschieden ist eine gute saison für den club.in der letzten hatten wir 13 siege und acht unentschieden-ein schnitt von 1,24punkten.und wenn der club seine siege gegen direkte konkurenten(meiner meinung nach ab platz 6 bis 18) dann hat das mehr substanz als auf topleistungen gegen topclubs(oder gegen solche mit nem lauf) zu hoffen.nochmal religion:lasst die kirche im dorf

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  4. clubfanseit1965 sagt:

    Danke, Alexander, für Deinen Artikel, er trifft voll ins Schwarze!

    Eine brasilianische Freundin hat mir vor Jahren einmal gesagt: “Von mir aus braucht man gar keine Tore auf dem Spielfeld aufstellen. Ich liebe den Fußball einfach so – die Ballpassagen, die Pässe…” Ich sagte ihr, dass ich bei aller Ästhetik aber das Sportliche entscheidend fände, und das heißt Wettkampf mit Siegern und Verlierern. Wichtig ist auch, WIE ein Ergebnis zustande kommt, sonst brauche ich mir 90 Minuten lang kein Match, sondern zwei Minuten nur noch Statistiken anzusehen… Letztlich sind Schönspiel-Mannschaften, die zwar hochklassigen Fußball zelebrieren, aber keine Punkte holen, genauso uninteressant wie hocheffiziente Teams, die sich trotz miesem Spiel immer zu günstigen Resultaten durchwurschteln. Auf alles kommt’s halt an: auf Taktik und Technik, Kampf und Spiel, Dramatik und das Ergebnis. Mei, klingt wie beim alten Weisen vom Berg, ist aber so.

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  5. Hab gerade gelesen, dass der HSV aktuell die treffsicherste Mannschaft der Liga mit einer Chancenverwertung von 60 % habe. Respekt.

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