Münchner Bande

Nutzen wir die Zeit für Fortbildung – oder den Blick über den Tellerrand oder auch beides gleichzeitig. Neulich gelesen: “Münchner Bande – eine Hooligan-Story” von Toni Meyer

Nun löst allein der Titel möglicherweise bereits einen gewissen Beißreflex in Franken aus, der auch noch einmal dadurch intensiviert wird, dass Toni Meyer (ein Pseudonym, da der Autor nicht mit echtem Namen in der Öffentlichkeit auftreten möchte) auch tatsächlich noch ein Anhänger der Roten aus München war. Aber wir legen sogar noch eine Schippe drauf und verorten Toni Meyer in die nächste Schublade: Hooligan aus Leidenschaft. Und genau darum geht es im Buch.

Das im autobiografischen Stil verfasste und im EMPA-Verlag erschienene Buch führt den Leser zu Beginn in den bürgerlichen Münchner Osten und beschreibt eine Lebensgeschichte zwischen Spießbürgertum, Bussi-Gesellschaft bis hin zum ganz harten Kern der Hooligan-Welle Anfang der 80er Jahre. Man wird Zeuge einer Entwicklung, die man selbst vielleicht so nie gegangen wäre, die man aber durchaus für plausibel anerkennt. Toni Meyers Karriere in der Szene war kein gottgegebener Schicksalsweg, kein trauriges Kapitel deutscher Jugend, es ist ein Dokument einer Entwicklung voller bewusster Entscheidungen für die eigene Leidenschaft: Der Kick an Gewalt.

Trotz vereinzelter Schwächen in der Sprache und einer (betrachtet man das Ende) eher bedenklichen didaktischen Story-Führung, bietet “Münchner Bande” einen mehr als interessanten Einblick in eine Parallelwelt zum Leben von uns “Normalo”-Fans, den es so wohl nicht oft zu lesen gibt. Schonungslos werden dabei (ob unfreiwillig oder gewollt) die Zusammenhänge zwischen Fußball und dieser Art des Fan-Seins entkoppelt. Natürlich bestand für Toni Meyer eine Beziehung zu seinem Verein, zum Fußball, doch im Grunde stellt er sich an einer Stelle, als man sich gerade mit denen für einen Kampf auf internationaler Bühne verbündete, mit denen man sich gestern noch die Birne einhaute, auch selbst die Frage, ob das eigentlich alles noch auf einen Nenner zu bringen ist. Fußball nur noch der Anlass, nicht mehr der Grund. Das Ziel immer das Gleiche: Der Adrenalinkick.

Toni Meyer bekommt am Ende die Kurve, wenn auch nicht ganz freiwillig und wenn auch nicht wirklich ganz unbeschadet. “Heute arbeitet er bei einer sozialen Einrichtung erlebnispädagogisch mit auffälligen Jugendlichen.” (Quelle: EMPA-Verlag) Das Buch versucht auch gar nicht erst zu beschönigen, es versucht noch nicht einmal im Rückblick eine moralische Wertung – und das macht es vielleicht so authentisch. Es ging um das Ausleben dieser Art “Fan zu Sein” und geht darum, wie man sich dieses Recht nahm und warum man dieses Recht für sich in Anspruch nahm – ob das der Gesellschaft nun passte oder nicht.

Und tatsächlich könnte man dieser Logik auch bis zu einem gewissen Punkt folgen, wäre da nicht ein ganz entscheidender (ich nenne es bewusst provokant) “Fehler” im Gedankengang, den man mit den Worten von Rosa Luxemburg wohl am besten auf den Punkt bringt: “Die Freiheit des Einzelnen hört da auf, wo die Freiheit des Anderen anfängt.” Solange sich Gleichgesinnte nämlich im dunklen Wald unter Ausschluß der Öffentlichkeit sich die Köpfe einhauen, ist da (bis auf die zu vernachlässigenden Krankenkassenkosten) nix einzuwenden, aber sobald der öffentliche Raum und das Stadion als Bühne (Kampffeld) genutzt werden, sobald unbeteiligte Dritte involviert werden, das Eigentum Dritter (egal ob versehentlich im Eifer des Gefechts oder mutwillig) zerstört wird und sich auch Kinder dieses Ausmaß an Gewalt ansehen müssen, hört die Freiheit – zumindest nach meinem Verständnis – auf. Und das könnte man über den Bereich Hooligans und Gewalt ausweiten auch auf andere Teilbereiche des Fanlebens – Stichwort “Emotionen respektieren” -, aber das soll an anderer Stelle noch einmal zum eigenen Thema werden.

Was in dem Buch zu kurz kommt, ist der Bezug zum Fußball selbst. Zwar besteht der kraft Faktischem, wenn man über Hooligans spricht, aber die Beziehung zum eigenen Verein (inklusive der Fanarbeit des Vereins aber auch im Verhältnis zu anderen Gruppierungen) kommt ebenso zu kurz wie die Beziehung zum Fußball-Spiel selbst. Wie sieht ein Hooligan eigentlich Fußball an sich? Wie leidet er mit dem Auf und Ab des Vereins rein sportlich – das wäre ein interessanter Punkt gewesen, der nähere Betrachtung verdient gehabt hätte. So ist es im Buch reine Interpretationssache und es bleibt im Zweifel der Eindruck, der Fußball sei überhaupt nur die Nebensache, das Beiwerk gewesen und der Konflikt/die Gewalt die Hauptsache – zu Recht?

Wer also mehr erfahren möchte über Fankultur zwischen Kuttenträgern, Normalos, Hooligans und Ultras, dem sei dieses Buch empfohlen. Man wird keine didaktische Aufarbeitung bekommen, dafür aber einen tiefen ungefilterten Einblick. Das Buch kann zum Preis von EUR 14,90 (zzgl. Versandkosten) direkt beim Verlag bestellt werden (siehe auch Bestellinformationen).

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Kommentare (11)

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  1. Markazero sagt:

    “Solange sich Gleichgesinnte nämlich im dunklen Wald unter Ausschluß der Öffentlichkeit sich die Köpfe einhauen, ist da (bis auf die zu vernachlässigenden Krankenkassenkosten) nix einzuwenden, aber sobald der öffentliche Raum und das Stadion als Bühne (Kampffeld) genutzt werden, sobald unbeteiligte Dritte involviert werden, das Eigentum Dritter (egal ob versehentlich im Eifer des Gefechts oder mutwillig) zerstört wird und sich auch Kinder dieses Ausmaß an Gewalt ansehen müssen, hört die Freiheit – zumindest nach meinem Verständnis – auf.”

    – Das ist genau der Punkt. Und für mich auch der casus knacktus, wenns um Bengalos geht: wer sich prügeln will, wer sich verstümmeln will, bitte sehr, aber der möge das dann auch nur mit Leuten veranstalten, die das genauso dufte finden. Dass diese Spaßvögel sich dann noch wie selbstverständlich darauf verlassen (können), dass die Sani sie schon versorgen werden, falls… Event-Publikum hat schon echt Vorteile. Wenn dieses mich nervt, dann nur weil ich neidisch bin auf deren unkompliziertes Umschalten von “da is was los” auf “da is nix los, gehmer woanders hin”. Als Clubberer (Aushilfs-Formel, kleinster gemeinsamer Nenner) geht das nicht, da geht man nicht woanders hin.

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  2. Beate60 sagt:

    Markazero,

    Wieso bist du denn auf die Eventis neidisch? Eins ist mal sicher: genauso wie die nicht drunter leiden, wenn es mal schlecht läuft, werden die nicht tagelang mit einem Grinsen im Gesicht rumlaufen, wenn mal was ganz toll lief (Siegtor in letzter Sekunde …) und diesen Flow in der entscheidenden Sekunde werden die auch nie verspüren. Mir tun die eher leid: irren da auf der Suche nach dem Glücksgefühl orientierungslos durchs Leben.

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  3. Markazero sagt:

    Beate60,

    Touché – Du hast natürlich vollkommen Recht (zumal Neid sowieso etwas ist, was unproduktiv nur Lebensqualität nimmt). Eigentlich wollte ich darauf raus, daß die Sorte “Fan”, die man demnächst auf jeder x-beliebigen Fan-Meile bewundern kann, im Gegensatz zu der in der Rezension beschriebenen, immerhin friedlich ist (muss endlich mal “Fight Club” sehen, soll spitze sein). Nachdem ich aber kurz zuvor über die unselige Oenning-Abschieds-Gala in Köln geschrieben hatte, war ich noch im “habt ihrs gut, die ihr euch sowas nicht antun müsst”-Modus. Einige von denen, die mich damals für verrückt erklärt haben, werden demnächst EM-Grillabende veranstalten, nicht verstehen, warum Markazero seit Zidane ’98 den Blauen verfallen ist, Thomas Müller süß finden und… tatsächlich nie verstehen, wie sich Kristiansens Hammer und die Minuten danach angefühlt haben (und nebenbei bemerkt: auch nicht, warum Hunderte Fortunen versehentlich verfrüht wie bekloppt den Platz gestürmt haben nach 15 Jahren Erstliga-Abstinenz).

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  4. Frank sagt:

    Ich habe gerade gelesen, dass der Club angeblich Interesse an Ottl hätte… hoffentlich ist das nur eine Zeitungsente!
    Erstens sind wir im defensiven Mittelfeld prima besetzt und brauchen niemanden und zweitens schon gar keinen Absteiger

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  5. Frank:
    Ich habe gerade gelesen, dass der Club angeblich Interesse an Ottl hätte… hoffentlich ist das nur eine Zeitungsente!
    Erstens sind wir im defensiven Mittelfeld prima besetzt und brauchen niemanden und zweitens schon gar keinen Absteiger

    Was hatte ich heute dazu gelesen?

    “Ottl ist nicht unser Anspruch” :mrgreen:

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  6. Woschdsubbn sagt:

    Puh, ich dachte schon, ich wäre der einzige, den dieses Gerücht um den Ex-Norditaliener beunruhigt. Wir scheinen hier alle dieselbe Meinung darüber zu haben.
    Das find ich gut.

    WAS? Norditalien holt den Dzeko? Nach Pizarro und Dzeko fehlt dann noch Koller und Charisteas.

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  7. Woschdsubbn:
    Puh, ich dachte schon, ich wäre der einzige, den dieses Gerücht um den Ex-Norditaliener beunruhigt. Wir scheinen hier alle dieselbe Meinung darüber zu haben.
    Das find ich gut.

    Koan Ottl

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  8. Woschdsubbn sagt:

    Falls ein bekannter Wurstfabrikant hier mitlesen sollte:
    Roy Makaay hat leider aufgehört, arbeitet als Co-Trainer und kann den Sturm deshalb für das neu geplante 1-3-2-5 System NICHT verstärken.

    Genau:
    Koan Ottl und fei aa koan Lell oder solche.

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  9. Optimist sagt:

    Woschdsubbn: Koan Ottl und fei aa koan Lell oder solche.

    Kobiashvili soll für kommende Saison günstig zu haben sein…. :mrgreen:

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  10. Beate60 sagt:

    Optimist: Kobiashvili soll für kommende Saison günstig zu haben sein….

    Denke, die Hertha will ihn auf jeden Fall halten. Soll den Kampfgeist der übrigen Spieler hochhalten.

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