Saisonvorschau 2006/07: 1. FC Nürnberg

Nicht einmal mehr eine Woche bis zum Saisonstart, Zeit für eine ??kleine? vorausschauende Analyse aus der Sicht eines Club-Fans.
Wobei natürlich die Frage bleibt, was so eine ??Analyse?? in so einem Blog bringt – eine Einzelmeinung, nicht mehr, bin ja keiner der sogenannten Experten, die man sonst so heranzieht, wie Lattek, Breitner oder Neururer – hält mich aber trotzdem nicht ab. Vielleicht sieht sich ja jemand bestätigt oder sieht es ganz anders, dann kann man gern mal kommentieren und am Ende der Saison wird verglichen, ob man es tatsächlich doch besser wußte.Nürnberg ? das ist so eine stetige Hassliebe. Der Club ist jedes Jahr wie eine Pralinenschachtel: Man weiß nie, was man bekommt (Zitat aus dem Film: Forrest GumpWikipedia). Da wird man als Fan regelmäßig enttäuscht die letzten Jahre (auch eine Art Konstanz) und dann plötzlich – aus heiterem Himmel – kommt Woche für Woche ein Wunder nach dem anderen.

Nürnberg eben, der Club ? und wir sind seine Fans.

Stefan von clubfans.de sieht übrigens seine Saisonvorschau entsprechend skeptisch – aber mutig genug einen UI-Platz anzustreben (so sind wir halt, die Clubberer: Immer skeptisch und doch Träumer).
Schau mer mal, wie mein Fazit aussehen wird.
Der Rückblick

Atemberaubend! Die Rückserie der letzten Saison war ja wie ein Traum. Vom letzten Platz ging es mit Hans Meyer nach oben als wäre es das leichteste der Welt. Aus der eklatanten Heimschwäche wurde eine Heimstärke, was auch der HSV und Bremen zu spüren bekamen, auswärts blieb man gefährlich und stets für eine ßberraschung gut. – So weit so gut, doch das war vielleicht nur ein Hype, eine Welle der Euphorie, die alle Protagonisten zu Höchstleistungen antrieb und den Gegner bisweilen schon vorab verunsicherte und beeindruckte. Neue Saison, neuer Anfang. Alte Schwäche oder neue Stärke?
Wir erinnern uns durchaus an die Vorbereitung der letzten Saison. Da wurde vom besten Kader seit der letzten Meisterschaft gesprochen (da war ich noch nicht mal geboren), vom Aufbruch in sichere Gefilde der Tabelle ? und vielleicht ein bisschen mehr. Die Realität sah am 12. Spieltag so aus: Tabellenletzter mit ganzen 6 Punkten (aus 12 Spielen!) und das Aus für den bei den Fans beliebten Trainer Wolf.
Erst mit Meyer kam dann die beschriebene Wende, manche sagen ??das Wunder an der Noris??. Aber genau das ist eben die Frage: Nur Wunder oder doch eher die Aktivierung des vorhandenen Potentials?

Die Abgänge:

  • ßberraschend: Mario CantaluppiWikipedia
    Laut Kicker-Rangliste immerhin Platz 8 der Bundesliga-Rangliste, aber es zeichnete sich schon ab, dass der Kapitän der letzten Saison es im neuen System nur schwer haben würde einen Stammplatz zu ergattern. Ein (Ex-)Kapitän auf der Ersatzbank, das ist nicht gut für??s Klima. Der Abgang also konsequent.
  • Mit Wehmut: Stefan KießlingWikipedia
    Für (nach Medienberichten) 5 Mio. ließ man den sympathischen Stürmer nach Leverkusen ziehen. Kießling könnte einmal ein ganz großer werden, so heißt es unisono, war er aber noch nicht und die Konkurrenz war auch beim Club bisweilen zu stark für einen Stammplatz in der vergangenen Saison. Zudem: 5 (fünf) Millionen, da muss man, wenn man der Club ist, nicht lange fragen bei einem Nachwuchsspieler. Also Briefmarke auf den Popo und zum Abschied winken. So sahen es wohl auch die meisten Fans.
  • Und viele weitere?
    Insgesamt verließen bis dato 11 Spieler den Club, wobei nur die erstgenannten einen echten Verlust darstellen. Die einst hoffnungsvollen Neuverpflichtungen, wie Wagefeld oder Lense, Chedli oder Daun, stellten sich nicht als echte Verstärkungen dar bzw. konnten sich nicht durchsetzen. Spieler wie Sven und Lars Müller, die sich zwar Anerkennung beim Club erspielten, die aber zuletzt mehr und mehr ins zweite Glied rückten – ohne Aussicht auf Besserung, da die Konkurrenz zu stark wurde. Die Abgänge also allesamt kein echter Substanzverlust an der Spitze, in der Breite hat man – bisweilen jüngeren – Ersatz verpflichten können. Bis auf Lense also, den ich durchaus mal noch eine Saison gesehen hätte, alles ok.

Die Zugänge

  • Australien-Connection:
    Mit Heffernan, Beauchamp (zwei Verteidiger) und Kennedy (Stürmer) kamen gleich drei Kiwis zum Club, allesamt Nationalspieler aber – bis auf Kennedy, der aus Dresden kam – in Deutschland unbekannt und kaum einschätzbar. Letztes Jahr also die Tunesien-Connection (Chedli, Mnari), dieses Jahr Australien. Offenbar gibt es bei Spielevermittlern Rabatt wenn man mehrere Nationalspieler eines Landes ??erwirbt?? – der Spot war letztes Jahr entsprechend gross (irgendwo war zu lesen, meine bei 11 Freunde, dass der Spielervermittler eine Auszeichnung erhalten sollte, weil zwei Tunesier an den Mann zu bringen noch keinem gelang?). Aber wenn die Ausbeute mit den Kiwis ebensogut ist wie bei den Tunesiern (immerhin handelt man Mnari im Kicker im Blickfeld der besten defensiven Mittelfeldspieler), dann wäre das doch eine gute Sache. Die Spötter dürften also erstmal etwas leiser werden.
    Dumm: Kennedy kam um die Lücke Kießlings zu schließen, verletzte sich aber im ersten Training gleich so schwer, dass er lange ausfallen wird. Ob Kennedy das Zeug dazu hat sich durchzusetzen, bleibt abzuwarten. Talent ist sicher vorhanden, immerhin zählte er in Dresden zu den mit Abstand stärksten Spielern, der Beweis in Liga 1 steht allerdings noch aus. Mit Vittek, Saenko, Schroth und Mintal ist Konkurrenz gross und selbst fit dürfte ein Stammplatz schwer werden.
  • Viel Talent
    Auch Benko, Weber, Stephan und Huber sind noch nahezu unbekannt und entsprechend schwer einzuschätzen. Aber als Verein wie der Club, der eben keinen Dos Santos verpflichten kann und dann ein Jahr mal Regionalliga spielen lässt, muss man eben ein bisschen nach Talenten fischen.
  • Marco EngelhardtWikipedia
    Wieso verpflichtet man einen Spieler, der sich im letzten Spiel einen Kreuzbandriss zugezogen hat? – Ganz einfach: Weil man ihn jetzt kriegen kann. Engelhardt war – bis auf die vergangene Saison – auf dem Weg zum Nationalspieler (sogar 3 Einsätze) und Führungsspieler (Kapitän beim FCK). Die letzte Saison war vielleicht ein kleiner Rückschritt und die Verletzung kann den Karriereknick bedeuten, aber wenn nicht jetzt, dann nie, denn wenn er sich noch weiter positiv entwickelt, dann kriegt ihn ein Verein mit der Lizenz zum kleineren Brötchen backen, wie der FCN, wohl nicht mehr. Engelhardt ist eine Option für die nahe Zukunft im defensiven Mittelfeld und kann auch mal links hinten aushelfen.
  • Gerald Sibon
    Mit Sibon wurde ein erfahrener Spieler vom PSV Eindhoven geholt, der hier aber nahezu unbekannt ist. Mit einem Jahresvertrag ausgestattet sollte Sibon aufgrund seiner Erfahrung und seiner fast 2 Meter Größe eine Alternative im Sturm sein, bis Kennedy wieder voll mitwirken kann. Seine letzte Saison war eine verlorene, davor konnte Sibon in 19 Spielen immerhin 7 Tore für den PSV erzielen. Eine Ergänzung und Alternative, mehr wohl nicht.
  • Tomas GalasekWikipedia
    Fehlt noch die eigentliche Sensation: Tomás Galásek. Der tschechische Nationalmannschaftskapitän (51 Einsätze) heuert mit seinen 33 Lenzen in Nürnberg an. Und man denkt man sich: Wow, Galasek! Galasek! Aber warum eigentlich holen wir Galasek? – Galasek ist sicher ein Star, wenn auch einer am Ende seiner Karriere, und wäre sicher nicht gekommen, wenn die Entwicklung beim FCN im letzten Jahr nicht so gelaufen, die tschechische Heimat nicht so nahe und das Gehalt nicht entsprechend wäre. Dennoch: Eine mittlere Sensation war es durchaus, gerade wenn man Konkurrenten wie den FC Porto im Ringen um die Verpflichtung des ablösefreien Galasek ausstechen kann. Im defensiven Mittelfeld wird jedenfalls eine Position nun fest vergeben sein – Verletzungen einmal ausgenommen.

Die Taktik

Der Erfolg des vergangenen Jahres war eigentlich ein alte Taktik. Hans MeyerWikipedia spielte sozusagen mit Libero, namentlich Mario Cantaluppi. Das war wohl derart aus der Welt, dass kein gegnerischer Sturm so richtig damit zurecht kam und die wacklige Abwehr plötzlich Stabilität bekam. Aber Meyer machte nie einen Hehl daraus, dass er dieses System nur als Rettungsmaßnahme einführte, nicht aber als Dauerzustand. Das eher offensive 4-3-3 ist wohl die erste Wahl, wenn Meyer kann wie er will, doch das ging im vergangenen Jahr bei Tests im Regelbetrieb (gegen Dortmund) gründlich daneben. Nun, nach durchlaufener Vorbereitung, müßte das neue taktische Konzept besser klappen, Fragezeichen bleiben aber natürlich.

Die erste Mannschaft

Sicher, eine erste Mannschaft in dem Sinne gibt es nicht mehr, zu lange ist so eine Saison, zu viel kann passieren. Aber dennoch, eine Stammelf wird bereits jetzt im Kopf Meyers sein, und die könnte so aussehen:

Schäfer – Pinola, Glauber, Nikl, Reinhard – Galasek – Polak, Mnari – Saenko, Mintal, Vittek

Die Aussichten

Viele Fragezeichen stehen hinter der Umstellung auf das neue System, da der Erfolg des letzten Halbjahres mit einem anderen System erreicht wurde, das freilich keine Option für die Zukunft war. Cantaluppi stand hier als Erfolgsgarant und zugleich als das Problem, wenn in der Viererkette gespielt wurde – wenn man den Fachleuten glauben wollte.
Mit Glauber hat man für das neue System einen guten Mann, immerhin kam der Innenverteidiger auf Anhieb in seiner ersten Halbsaison(!) in das Blickfeld der kicker-Rangliste. Pinola hat gezeigt, wie gut, aber auch (in der Vorbereitung) wie schlecht er sein kann. Zur Zeit plagt ihn auch noch eine Verletzung. Reinhard zeigt sehr gute Ansätze und ist schon mehr als ein Talent, Nikl schafft es einfach immer wieder sich durchzusetzen gegen jede Konkurrenz. Und doch: Die Abwehr (oder besser: die Defensive) könnte also das Sorgenkind sein, wird aber nun gestützt von einem erfahrenen Galasek davor und einen immer besser werdenden Torhüter Schäfer dahinter, der sensationell als internationale Klasse auf Platz vier beim kicker geführt wird – direkt nach Oliver Kahn übrigens.

Das Mittelfeld ist vielversprechend: Mit Mnari, Polak und Galasek stehen drei defensiv enorm starke Spieler in den Reihen. Polak kann dabei auch auf enormes Offensiv-Potential verweisen, was er letzte Saison als Mintal-Ersatz unter Beweis stellen konnte. Die Diskussion ist also eigentlich gar nicht ??Galasek oder Polak auf der 6er-Position??, sondern ??wohin mit Mintal??? Mit einem offensiven Polak ist allen auch viel wohler, zu impulsiv ist er bisweilen, was er auch nachhaltig bei der WM unter Beweis stellte mit einigen Harakiri-Aktionen, die mindestens mitverantwortlich für das Ausscheiden Tschechiens bei der WM waren. Ihn nach vorne zu ziehen und mit Galasek abzusichern ist sicher ein guter Schachzug. Galasek ist der Kopf der Mannschaft und eine Klasse besser als Larsen, unser alter Kapitän, der doch eine größere Lücke als gedacht hinterlassen hatte (siehe Hinrunde letzte Saison).
Neben Galasek könnte der zuletzt taktisch brilliante Mnari spielen, als Organisator defensiv neben Galasek, oder lückenfüllend und organisierend rechts zentral.

Der FCN-Sturm ist sicher in Bestbesetzung das Glanzstück: Mit Mintal kommt endlich wieder unser erster Nürnberger Torschützenkönig zurück (und hoffentlich wieder in alter Form), Saenko hat zuletzt fantastisch gespielt und steht neben Vittek ganz oben in der Rangliste. Saenko dabei an Platz 6 und Vittek sensationell eingestuft als internationale Klasse auf Platz 2 hinter Klose (und vor versammelter Prominenz à la Berbatov, Podolski und Makaay). Saenko und Vittek eher über die Außen und in der Mitte Mintal leicht hängend, das könnte gehen, oder auch rochierend. Als Option dann Schroth oder Sibon ins Zentrum, wenn es mal mit hohen Bällen in die Mitte gehen muss.

Und – nicht zu vergessen – einer unserer größten Trümpfe sitzt auf der Bank: Hans MeyerWikipedia, unser Trainer. Ein Mann, der eigentlich erst jetzt als einer der besten seiner Zunft wahr genommen wird. Ein Tatktikfuchs und Motivator, der zudem noch eine brilliante Wortklinge führt. Nürnberg liegt ihm zu Füßen.
ßbrigens wurde Meyer noch nie entlassen und feierte bereits in jungen Jahren erfolge mit FC Carl Zeiss JenaWikipedia. Aber auch Martin BaderWikipedia machte einen Klasse-Job die letzten Jahre und überstand die Krise der vergangenen Saison mit Bravour. Präsident Michael A. RothWikipedia zeigt sich auch zuletzt von seiner besten Seite: Als aufmerksamer, aber auch zurückhaltender Regent, der seine Führungsmannschaft unterstützt aber ruhig arbeiten lässt.

Das Fazit

Rundherum hat sich der Club in seinen Möglichkeiten gut verstärkt und Baustellen beheben können. Allerdings nicht alle, gerade in der Abwehr sind noch ein paar Fragezeichen auch aufgrund der Umstellung. Die gute Vorbereitung macht hier aber Hoffnung.

Man darf sich also freuen auf die neue Saison und bei aller Euphorie (Dauerkartenrekord!) wird natürlich nicht vergessen, dass es in der ??Breite in der Spitze? (wie das so schön einst Berti formulierte) fehlt, und wenn Verletzungsprobleme auftreten sollten (oder Formschwächen) sollte man sich auf einem schlichten Mittelfeldplatz sehr wohl fühlen. – Aber Leute wie Banovic, Paulus, Wolf oder Kristiansen können sicher noch einen richtigen Sprung nach oben machen und sind zusammen mit den Rekonvaleszenten also durchaus für eine ßberraschung gut.

Mit einem guten Start und frei großer Verletzungssorgen sollte also ein Blick nach unten ohne Sorge in dieser Saison sein. Und auch wenn man weiß, dass ja sich auch die anderen Clubs sich verstärkt haben (Mönchengladbach überweißt z.B. mal so eben 4 Mio. für einen offensiven Mittelfeldspieler), so sollten doch mindestens 5 bis 8 Vereine mehr Sorgen als der Club haben. Namentlich genannt einmal die Aufsteiger Aachen, Bochum und Cottbus, aber auch Mainz, die einen Aderlaß erster Kategorie im Sturm zu verzeichnen haben (Thurk, Zidane und Auer), und Frankfurt, die für mich zwar nicht akut bedroht sind, aber sich auch nicht wirklich verstärken konnten (und was letztes Jahr gerade so reichte, wird dieses Jahr wohl nicht viel besser sein), des Weiteren Bielefeld und Hannover (auch mit viel Substanzverlust). Mit Mönchengladbach könnten wir auf Augenhöhe sein, ebenso wie mit Wolfsburg, Hertha BSC und Stuttgart. Bayern, Bayer, HSV, Bremen und Schalke sind out-of-range, Dortmund irgendwo dazwischen aber vor dem FCN.

Im Idealfall dürfen wir also den UI-Platz-Kampf aufnehmen, eine Wiederholung des einstelligen Tabellenplatzes (+/- ein bis zwei Positionen) ist aber erklärtes und erlaubtes Ziel.

Dieser Artikel wurde zuerst auf zielpublikum.de veröffentlicht. Besten Dank an Alexander von zielpublikum.de.

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