Es fehlt halt noch ein Stück

»Seit zwei Monaten werde ich gefragt: ‚Wie wollen Sie die Euphorie bremsen‘? Mit solchen Spielen schaffen wir es.«
Hans Meyer zum Liga-Pokal-Aus mit 2:4 gegen Schalke 04 (Quelle)

Da hilft auch keine Nacht drüber schlafen, »die Wahrheit liegt auf dem Platz«, ein Zitat, dass Otto Rehhagel zugeschrieben wird, und dass auch den euphorisierten Nürnberger Club-Blogger wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholt.
Natürlich war das nicht alles schlecht, was da zu sehen war, natürlich weiß man um den Stellenwert, den Stand der Vorbereitung und die Verletzungsprobleme von Leistungsträgern. Und dennoch: Auch mit eisernem Fan-Willen, grenzenlosem Optimismus und bedingungslosen Hans-Meyer-Glauben ausgestattet brachten uns die Schalker-„Freunde“ eine deftige Watschen aus dem Ruhrpott mit und hätten ganz offensichtlich auch gern noch ein paar mehr draufgepackt. Und wenn man genau hinhörte, nach dem Abpfiff, da meinte man das Lied der Balalaika noch zu hören.

Der Erfolg des Clubs der letzten 1 1/2 Jahre mit Platz 8 von 18 kommend und Platz 4 in der Rückrundentabelle sowie dem noch sensationelleren Platz 6 der vergangenen Saison und dem DFB-Pokalsieg hat nichts mit Zufall zu tun, aber auch nichts mit einer jedweden ßberlegenheit gegenüber den in der Tabelle hinter sich gelassenen 12 anderen Mannschaften, sondern mit knallharter Arbeit und Akribie – allen voran des Trainers Hans Meyer.

Aus dem American Football kommt der Satz: »Offense wins games, defense wins championships.«

Und genau darauf setze Meyer in der Vergangenheit. Man spielte nominell mit drei Spitzen, betonte dabei aber immer die Organisation. Ich meine mich noch an ein Interview mit Hans Meyer zu erinnern in dem er referierte, dass man nicht aus reiner Freude am Offensivspiel mit 4-3-3 spiele, sondern auch und gerade, weil dieses System es erlaube ergonomisch zu spielen und es leichter mache eine Grundordnung zu halten.

Nürnberg robbte sich in der vergangenen Saison auf der Zielgeraden noch auf den verdienten Platz 6 und konnte in Halbfinale und Finale des DFB-Pokals mit einer wahren Energie-Leistung von Physis und Willen durchsetzen. Was der Substanzverlust durch die Spielzeit und Verletzungen bedeutete, konnte man in Spielen gegen Leverkusen, Wolfsburg, Schalke und Hamburg mit 1 Punkt aus vier Spielen gut sehen, bevor ein Befreiungsschlag gegen Hannover gelang, der vom Spielverlauf aber auch nicht zwingend war.
Genau so schätze Meyer auch das Pokal-Finale ein und reagierte ungehalten, als man dem Club vorwarf, man habe die in Unterzahl spielenden Stuttgarter nicht klarer beherrscht.

Nein, Nürnberg gehört nicht per se da oben in diesen illustren Kreis aus Vereins-Millionarios, wo man allein im Bereich Trikotsponsering mit seinen 3 Mio.-Einnahmen bis zu 17 Millionen auf die Top-Clubs hinten liegt und sich damit auf Platz 10/11 im munteren Kreis des sogenannten „long tail“ der Liga einreiht.

Holt sich Nürnberg Charisteas für 2,5 Mio., so ist das der Rekord-Transfer. Dabei holt en passant Werder Bremen einen Sanogo, der im Vergleich zu Charisteas nun keinerlei Erfolge diesen Kalibers vorweisen kann, für – nach Medienangaben – 5 Mio. Dies möge man berücksichtigen, bei aller Freude über unsere Neuzugänge. Misimovic, Kluge, Charisteas, Jacobsen … sicher Spieler, die z.T. auch in der letzten Saison richtig gut waren und sich auch höchste Ehren durch Aufnahme in kicker-Rankings verdienten. Allein: Auf den Notizzetteln der Großen standen sie nicht. Das mag verschieden Gründe haben, einer wird aber sein, dass man ihnen nicht zutraute, sich gegen die Etablierten durchzusetzen. Sie mögen diesen Skeptikern durch eine weitere Traum-Saison des Clubs Lügen strafen, doch vergessen sollte man das nicht.

Wer da oben mitpinkeln will – und nur aus dieser Warte ist dieser Artikel zu verstehen – der muß sich auch mal kritisch an den Kandidaten oben messen lassen. Daher sind die Worte des Führungstrios des Clubs auch kein Understatement, wenn man einfach nichts mit dem Abstieg zu tun haben will. Punkt.

Was Schalke zeigte war, dass man durch die Bank top besetzt ist. Hat man sich als Club-Fan gefreut, dass Charisteas oder Zwetschge in der Anfangsphase so manch feinen Ball in die Gasse spielen konnte, so zeigte sich, dass bei Schalke diese Fähigkeit offenbar im Eignungstest auch des Reserve-Verteidigers mit abgeprüft wurde. Munter flogen da die Bälle durch und zwischen die löchrigen Nürnberger Abwehrreihen. Dies zu unterbinden ist kein Zufall, das ist harte Arbeit und Konzentration auf höchstem Niveau. Da kann man noch so viel die Augen als Fan zusammendrücken und Daumen halten. Liegt vielleicht einfach doch auch daran, dass der Durchschnittswert eines FCN-Kickers bei 2,1 Mio. taxiert wird (Quelle), der der acht vor dem Club stehenden Mannschaften bei 2,3 weitergeht und erst bei 8,6 Mio. endet. Durchschnittswert. Nur so als Anhaltspunkt.

Aber auch bei den Fans fehlt noch ein Stück – ist Luft nach oben. Klar ist da Riesenfreude über den Dauerkartenrekord, keine Frage. Aber nur 25.000 Zuschauer für die FCN-Premiere im Liga-Pokal – das war für mich eine Enttäuschung. Klar, es war unter der Woche und „nur Liga-Pokal“, und auch die Live-ßbertragung tat da ihr übriges, aber es war auch Schalke und es war gutes Wetter. Ich glaube hier in meinem Exil in Frankfurt wäre die Bude voll gewesen. Soviel dann auch zur kolportierten Euphorie, die – wie ich mich an meine Nürnberger Zeit vor Ort erinnere – gerne auch mal „himmelhochjauchzend“ bis „zu Tode betrübt war“.

Nein, Nürnberg tut nicht gut daran sich an sich selbst der letzten Saison zu messen, auch wenn man sich verstärkt hat. Die anderen haben das ja im Zweifel auch, gerade „da oben“. Soll es wieder klappen mit einem Platz nahe der Europapokal-Marke, dann sicher nur über die Disziplin und Taktik, die die fehlenden Prozent an Spielerpotential nach oben ausgleichen. Der Fan wird hier ganz wichtig sein, durch Anwesenheit und Unterstützung, aber auch durch Anerkennung einer disziplinierten Remis-Leistung gegen einen starken Gegner. Gegen Schalke hatte man das Gefühl nach dem 1:0, die Nürnberger Spieler hätten gedanklich die Schalker schon im Sack und das 2:0 wäre nur eine Frage der Zeit, bzw. das 1:1 nur ein Ausrutscher. Anders kann ich mir nicht erklären, wie man auch nach dem 1:1 mit der Abwehrreihe komplett auf der Mittellinie steht und sich auskontern lässt.

Ein Stück fehlt noch, damit man da oben auch Ansprüche stellen kann. Aber das fehlende Stück ist mit Geld allein nicht zu erreichen. Der Verein ist darauf eingestellt, wie es den Anschein hat, auf den langen harten Aufstieg über den steinigen Weg, die Fans und das Umfeld tun gut daran, das nicht zu vergessen und nicht zu sehr nach vorne zu pushen.

So. Und nun korrigier ich mal brav meine Saison-Prognose von Platz 5 auf Platz 8-10.

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Kommentare (7)

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  1. Als Schalke-Fan sehe ich das ganze etwas anders. Meyer wusste ganz genau, was seinen Schäfchen noch fehlt. Aber es macht keinen Sinn, dauernd zu predigen wenn keiner zuhört.

    Deshalb hat er sie in das Messer rennen lassen. Das war in der Höhe zwar nicht so geplant, aber sie sind eben auf ein Schalke gestoßen, das ohne Druck, einfach Freude am Spiel entwickelte.

    Die Nürnberger werden sich mehr um ihren Trainer scharren, was ihnen mit Sicherheit gut tut. Ich sehe Platz 4 bis 8. Und das ist dann angesichts der Situation ein tolles Ergebnis.

  2. Komisch, ich sah als Schalker das über weite Strecken überhaupt nicht gut.
    Clever im entscheidenden Moment, das ja. Aber außer die sieben Minuten vor der Pause war das nicht besonders gut.

    In der Pause des Spiels hat Club-Chef Roth nicht zu Unrecht gesagt, das im letzten Jahr vielleicht zuviel erreicht wurde und man daher einen einstelligen Tabellenplatz erreichen will. Wenn das Platz 9 ist, ist das immer noch gut. Euphorie und Erwartung bremsen. Sehe ich ähnlich. Nicht weil Nürnberg schlecht ist, aber letztes Jahr passte nun wirklich alles. Zum Beispiel einen katastrophalen HSV, der in der Bundesliga wohl wieder gen Platz 3-5 schielt.

  3. Abuse sagt:

    Ich mache mir eher über diese Fans Sorgen. Das war ziemlich peinlich. Nicht die Anzahl, die UN hatte ja eh zum Boykott aufgerufen, aber über das Alter oder sagen wir die Reife. Ich weiß nicht obs nur mir so geht, aber ich fand deren Pfiffe und diverse Kindereien sehr sehr Peinlich, zumal man das Spiel in ganz Deutschland gesehen hat.

  4. Glubberer sagt:

    Ich muss als Glubberer zustimmen!

    „Ihr wird niemals deutscher Meister!“ wird da gesungen. was soll das? sind wir jetzt schwarz-gelb oder was? ich wünsche mir von herzen das das einige schalker-fans nicht so eng sehen und diesen ausrutscher verzeihen. vielleicht war es auch die verzweiflung nach dem 1:4! trotzdem ist sowas scheiße und man sollte sich darauf besinnen was sache ist: schalke und nürnberg sind freunde!

  5. S04 sagt:

    hallo.ich wollte auch mal was zu den „ihr werdet nie deutscher meister“ rufen was schreiben.als ich da vorm fernseher saß und mir das spiel anguckte,dachte ich mich trifft der schlag,als ich auf einmal dieses oben erwähnte lied hörte.ich habe mich die ganze zeit gefragt,warum ausgerechnet von den nürnbergern.zählt den so ein scheiss ligapokal mehr als freundschaft?ich glaube nicht.ich als schalker habe mich immer gefreut wenn der fcn gewonnen hat(außer gegen s04);).ich denke wir sollten die freundschaft nochmehr festigen,denn feinde haben wir genug.ich wünsche dem fcn eine gute saison.bis dann und glück auf

  6. Manuel K. sagt:

    Auch noch zu dem obengenannten Lied „Ihr werdet nie deutscher Meister“. Ich muss gestehn, dass ich auch im Stadion war und selbst mitgesungen habe. Erklären kann ich dass selbst nicht, was da in mich gefahren ist. Ich schäme mich auf jedenfall. ES TUT MIR LEID. Und wenn den FC Bayern jemand aufhalten kann, dann ist es Schalke 04. Ich wünsch euch viel Glück dabei.
    PS: Die Ultras waren beim Spiel net dabei, die hätten das nie gesungen!!!