Meyer ist Meyer bleibt Meyer

Die Kollegen aus Frankfurt bereiten sich mental auf das Spiel vor und sondieren gewissenhaft die Medienlandschaft. Motiviert durch die hier zu verfolgende Pressekonferenz (im Zusammenschnitt) kommt man offenbar zum Schluß, dass Meyer „in letzter Zeit mehr und mehr als Karikatur seiner selbst“ auftrete und im Zweifel statt sachlich fachlich den Vertretern der Presse Rede und Antwort zu stehen, in seine „gefürchteten Monologe“ verfalle. Meyer, so ist zu lesen, ziehe das bekannte Schema durch (ergänzt von mir: wenn ihm sonst nichts mehr einfällt) und tadele Journalisten als „grundsätzlich inkompetent, schlecht vorbereitet und [unterstellt, sie] schreiben Unfug“. Tja, meinen die Kollegen aus Frankfurt, „so sitzt er da, kämpft mit der Lesebrille, lächelt ab und zu ein wenig herablassend und erklärt den Vertretern der Medien, warum Nürnberg vom Tabellenplatz her wesentlich schlechter dasteht als es nach den Leistungen der Fall sein dürfte. Und das Hoffnung besteht, dass man dies mittelfristig korrigieren kann.“ – Und dabei mag ich die Kollegen aus Frankfurt und lese sie gerne ob ihrer Schreibe. Aber da – man mag mir das nachsehen – mag ich doch was dazu sagen.

Die Kollegen aus Frankfurt blasen da nämlich in das gleiche Horn wie das ‚beliebte‘ Boulevard-Blättchen, das stets ja auf der steten Suche nach einem ist, der die Wahrheit (kennt und) ausspricht. Und ja auch bei eyeP.tv wird sinniert »Chef-Trainer Hans Meyer, eigentlich immer gut für einen lockeren Spruch, ist deutlich schmallippig geworden und beantwortet Fragen in seiner Pressekonferenz längst nicht mehr so entspannt und souverän wie noch vor einigen Wochen.«

Ich verfolge jetzt Meyer schon seit seiner Gladbacher Zeit. Im Folgenden beim DSF als Experte, dann Hertha, nun Nürnberg. Meyer hat sich komischerweise gar nicht verändert. Er wirkt auf mich nicht schmallippig oder würde sich plötzlich mit überzogenen Sarkasmus gegen den in der Krise aufkommenden Gegenwind aus den Reihen der um die Wahrheit und Analyse bemühten Vertreter der deutschen Pressefreiheit wehren. Meyer tat das immer. Oben auf der Welle des Erfolgs und auch unten. Erinnern wir uns doch einfach an das Interview kurz nach dem größten Triumpf der letzten Dekaden, dem Endspielsieg in Berlin, als Lierhaus die ‚falsche Frage‘ stellte. Meyer – das unterstelle ich ihm mal – hasst einfach Plattheiten und Phrasen. Und wenn er monoton wiederholend immer die gleichen Statements herausholt, dann weil ihm immer die gleichen Mechanismen der schreibenden Presse begegnen. Stets die gleichen (blöden) Fragen, stets die vollkommene ßberzeichnung nach oben und unten.

Meyer ist nicht anders als sonst, in Zeiten der Krise finden es nun alle komischerweise nur nicht mehr witzig. Warum? War es vorher witziger? Waren die verbalen Ergüsse treffender? – Für mich das klassische Syndrom, dass man mit Siegertypen immer (mit)lacht, bei einem der unten ist aber jede Art von Humor, ist sie nicht auf sich selbst in einer Art Galgenhumor gerichtet, nicht abnimmt oder als Zynismus wertet.

Meyer kritisiert die Medien, kritisiert, dass sie eine Mannschaft, die noch bis vor dem Bayern-Spiel unisono in den „Medien“ als intakt und eher unglücklich gewertet wurde, nun als demotiviert und in sich gespalten darstellen will. Dass die Einstellung auf dem Platz fehle, wird vorgeworfen, was man nach den überzeugenden Aufholjagden noch als Plus darstellte. Es wurden Aussagen einzelner Spieler in diesem Geiste aus dem Zusammenhang gerissen und zur Headline erhoben (und was nicht gesagt wurde, wird eben interpretiert…). Es wurde die hochgelobte Einkaufspolitik, die einen Neuzugang Kluge, Misimovic und Jacobsen feierte, nun als löchrig und ohne Weitblick abgestempelt. Es wurden die Abgänge, allesamt einst noch als verschmerzbar und im Falle Polaks gar als wirtschaftlich hervorragend und im Sinne der Mannschaft verständliche Maßnahme, als Mitursache gefunden.
Und diese Vertreter der Presse sitzen nun vor dir – die, die in einer einzigen Woche nicht nur alles in Frage stellten, sondern z.B. fast schon niederschrieben. Die sitzen dir gegenüber und stellen Fragen, wo du genau weißt, sie suchen keine Antwort, sie suchen meistens nur einen Aufhänger. Da sitzen sie. – Also dafür war der Meyer aber noch sehr sachlich ruhig.

Was den meisten wohl zu schaffen macht: Meyer ist kein Medienliebling. Und das obwohl ihn die Medien in Zeiten der Siege gern dazu machen. Er ist konstant. Er ist authentisch. Damit kommen manche wohl nicht zu Recht. Klar, wäre einfacher gewesen zu hören und zu lesen, würde Meyer sich nun hinstellen, die Frankfurter loben, die Situation in der Mannschaft bedauern. Würde er mit flehender Stimme um Geduld bitten und mit gesenktem Haupt die Verletzungsmisere beklagen und das Pech und die Schiedsrichter vielleicht mit ins Boot nehmen. Meyer könnte Dollsche Kämpferparolen ausbringen, die „Jungs arbeiten super“ ab jetzt wird mit doppel „Herz und Moral“ gespielt. Meyer aber bleibt Meyer. Seine Einschätzung ist die gleiche sachliche, nüchterne. Und wenn er mal in Rage kommt, dann meistens wenn genau das die Medien gern spielen würden. Das gleiche monotone Spiel, das man ja gern als die „Mechanismen der Branche“ bezeichnet.

Ich mag Meyer. Für mich sind seine „Sprüche“ nicht platter geworden, noch wird für mich „etwas viel rumgemeyert“ und für mich ist auch nicht „allmählich […] der Lack“ ab. Ich mag Meyer als Typen. Dass er sich nicht verbiegen mag. Mag es mir manchmal auch nicht passen, was oder wie er es sagt, aber er ist eben kein Typ, den die Medien lieben, er ist ein Typ mit dem die Medien umgehen müssen und nicht umgekehrt – und diesen Umstand können so manche Medienvertreter am allerwenigsten leiden. Wer Meyer auf seine Sprüche reduziert, wer eben nur das mitbekommt was einem die Medien durchsickern lassen, der braucht sich nicht wundern, wenn sich sein Meinungsbild mit dem der Medien wandelt wie das berühmte Fähnchen im Winde.

Wenigstens eins ist wohl unbestritten: Meyer ist ein verdammt guter Trainer und Fachmann. Den Rest muss man mögen oder nicht. Respektieren allerdings sollte man einen Mann, der so in der ßffentlichkeit steht wie ein Bundesliga-Trainer, und sich partout nicht verbiegen lässt. Davor zieh ich meinen Hut. Nicht (nur) als Clubfan, als Mensch.

7 Gedanken zu „Meyer ist Meyer bleibt Meyer

  • Zustimmung. Das hätte gar keiner so ausführlichen Begründung bedurft.

    Bei euch dürfte frappierend sein, und jedes andere Argument überflüssig machen, die Beurteilung der Transfers vor der Saison und heute. Das disqualifiziert die schreibende Zunft von selbst.

    Ich kann immer nur aus Gladbacher Sicht mahnen: Wir heulen dem Hans heute noch hinterher. Weil man meinte, ein anderer Trainer könnte mehr aus der Mannschaft machen. Und dann kam …. Ewald Lienen.

    In Gladbach gab es allerdings eine spezielle Situation. Der lokale Bild-Korrespondent hatte vom ersten Tag an einen Hals auf Meyer und schrieb knapp drei Jahre lang alles nieder, was der Trainer anstellte. Es war Prinzip. Was sicher daher rührte, dass Meyer vom ersten Tag an den Bild-Reporter hasste und ihn informationstechnisch am langen Arm verhungern ließ.

    Letzlich war das aber der Auslöser für den „freiwilligen Rücktritt“. Der Druck des Boulevards war zu groß geworden. Deswegen mein Tipp an die Fans von Nürnberg: Im Zweifelsfall ganz fies die Bildzeitung niedermachen und Meyer unterstützen. Sonst gibts bald ein genauso böses Erwachen wie am Niederrhein.

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  • apropos fachlich: meyer hat letzte saison wiederholt, wenn nicht beständig, darauf hingewiesen, dass die mannschaft noch nicht zur spitze gehöre, was ein verfrühter erfolg bewirken könne etc., und dass ausgerechnet nach einer – nicht wirklich unerwarteten – niederlage gegen die bayern, sich eine medial gefütterte untergangsstimmung auszubreiten droht, kann ich nun überhaupt nicht nachvollziehen. natürlich erinnert der derzeitige stand an die vorletzte saison, nur ist der auftritt der mannschaft schlicht ein anderer als „damals“. bleibt zu hoffen, dass das vereinsumfeld die nerven behält, und so sieht es momentan auch aus, auch eine gehörige veränderung, die mit meyer zusammenhängt… bleibt weiterhin ein munteres „vorwärts franken“, und neben der ligamitzitterei ist da natürlich die freude auf die uefacupspiele, schon klasse, dass der club gegen everton antreten wird…

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  • achim, aber da sagten die Medien doch: das ist doch nur Understatement

    und da die Medien eben die wahren Gedanken dahinter besser deuten konnten als HM selbst, dürfen sie ihn dafür doch jetzt auch zu Recht kritisieren! Oder? Alles klar?! 😉

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  • die laenderspielpause kam zum rechten zeitpunkt und die weissen trikots scheinen glueck zu bringen.jetzt nochleng und weitermachen, heut beginnt die saison. grosses kompliment an die mannschaft und hans meyer.

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  • ja, treffend formuliert, alexander, und noch ein apropos: treffen, smile, da treffen sie plötzlich „alle“ fröhlich drauflos (was ein tor vom kennedy!), sehr schön, auch der ruhige meyer nach dem spiel…

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  • Hans Meyer hat im Jahre 2006 ein langes Gespräch mit den Schauspieldirektor der Salzburger >festspiele geführt. Da ging es auch um Glück, Erfolge und Misserfolge. Wer das lesen will der schaue mal nach bei
    www.kossawa.de
    Dieter Braeg

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