Gegen die Fanenteignung

Symbolfoto, Bild © Endl 2006

In Fortsetzung des Themas Stellenwerte ein Blick auf die aktuelle Diskussion um eine wirklich und faktische „Enteignung“ der Fans, ganz jenseits der im ersten Artikel eher angesprochenen rührseeligen Nicht-Beachtung der Fan-Wünsche. Die Diskussion hat auch schon einen Namen: 50+1

Was bei Eingabe bei Google noch nach einer simplen Rechenaufgabe klingt, ist ein knallhartes Konzept, das klar die bereits angesprochenen Tendenzen zementiert. Wenn das Prinzip „50+1“ kippt, steht die wohl einschneidendste Änderung bevor, die der Fußball seit Einführung des Vereinsprinzips vor sich hat. Es geht konkret darum, wer im „Verein“ das sagen hat.

Der Verein („Mutterverein“) ist an der Gesellschaft mehrheitlich beteiligt („Tochtergesellschaft“), wenn er über 50 % der Stimmenanteile zuzüglich mindestens eines weiteren Stimmenanteils in der Versammlung der Anteilseigner verfügt.
Quelle: DFB-Satzung § 16 c Nr. 2

Das bisherige Prinzip ist klar, dass dem eigentlichen Verein immer die Mehrheit zustehen muss, also 50% plus 1%. Dieses kleine eine Prozent ist das vielleicht hart umkämpfteste der Wirtschaft, der Gesellschaft und manchmal auch im privaten Leben. Bereits ein Putt sorgt für viele Probleme, bekannt aus dem Prinzip Doppelspitze. Wenn zwei gleiche Macht haben, kann dies sehr förderlich sein, häufig bis meistens sorgt dies aber über kurz oder lang für Stillstand, da bei kontroversen Themen keine Richtung entschieden werden kann. Im Vereinsfußball war daher klar: Auch wenn Investoren noch so großes Verlangen danach haben, auf Entscheidungen im Verein mit „ihrem“ Geld Einfluß zu nehmen, am Ende muss der Verein das sagen haben. Eben das 1% mehr. Doch das soll sich nun – geht es nach Vereinen wie Hannover 96 – ändern. Und auch wenn derzeit noch eine Front gegen diese Änderung steht, so bröckelt diese aktuell merklich, denn die DFL wirbt intensiv für die Abschaffung der bestehenden Regel.

Der Liga-Vorstand wolle sein Bild noch vervollständigen und werde erst nach einer weiteren Informationsveranstaltung eine Empfehlung an die Vereine geben. Diese votieren derzeit mehrheitlich gegen die Abschaffung der sogenannten 50+1-Regel, die bislang den Einstieg von Großinvestoren a la Roman Abramowitsch bei den 36 Bundesligavereinen verhindert. Um die Regel zu kippen, ist eine Zweidrittelmehrheit und anschließend die Zustimmung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) nötig, die auf einem Bundestag ebenfalls einer Zweidrittelmehrheit bedarf.
Quelle: DFL will bis Ende 2008 über 50+1-Regel entscheiden

Es mag einen verkauft werden wie lecker Honig: Ja, wenn man tolle Fußballspieler im Lande will und mit den Großen wie Madrid, Barcelona oder Chelsea mithalten will, brauche man Kapital. Und wenn man schon keine radikale PayTV-Kultur durchbekommt, müssen eben Investoren eingreifen, doch die wollen für ihre Millionen auch mehr und mehr Mitspracherechte. Engagements wie in Chelsea Hoffenheim, wo auf dem Papier dem Verein zwar aller Einfluß bleibt, faktisch aber klar sein dürfte, wer das sagen hat, könnten dann die Regel werden. Der Fan und das Vereinsmitglied sind dann endgültig zum Statisten und Konsumenten degradiert. Und das mit dem PayTV macht uns (= erfahrene Steuerzahler) doch auch keiner mehr vor: Erst wird die eine Steuer durch die andere kurzzeitig ersetzt oder ergänzt, bis dann plötzlich beide Steuern da sind und bleiben. Und so wird es auch mit dem PayTV sein: Erst die Investoren und ihr Einfluß, dann kommt trotzdem oder erst Recht die radikalisierte PayTV-Kultur. Da muss man uns doch nichts vor machen wollen. Und eines ist auch klar: Nivelliert sich das erst einmal in der Breite, haben wir keinen Vorteil mehr, dafür aber alle Nachteile an der Backe.

Was man denn nun gegen mehr Geld einweden wolle? Gute Frage. Natürlich würde auch der Club gerne mit einem Millioneninvestor mal so richtig am Transfermarkt mitmischen und einen Kießling nicht ziehen lassen müssen und auch einen Hilbert von Fürth nach Nürnberg lotsen können. Aber was so lecker klingt sollte man eben zu Ende denken. Denn es mag vielleicht einige ambitionierte Fußball-Mäzene geben, die a la Hoffenheim Fußball als Leidenschaft sehen und sonst auch wenig Interessen verspüren, doch wenn die Heuschrecken-Mentalität auch hier zum Tragen kommt, was schlicht und ergreifend einfach eine Gesetzmäßigkeit der Wirtschaft ist, kommen auch die Investoren, die maximalen Erfolg erzielen wollen. Erfolg, der abverkauft und zu Geld macht, was nicht niet- und nagelfest ist. Dabei muss man noch nicht einmal nach Salzburg blicken, wo man Fankultur vom Namen bis Vereinsfarben mal mir nichts dir nicht umbrandete, da darf man auch weiter denken. Da muss einem dann klar sein, dass Spieler spielen werden, die schlicht und ergreifend wegen maximaler Marketings-Verwertbarkeit eingekauft und aufgestellt sind. Da werden Spiele terminiert, wie es eben maximale Einschaltquote und Werbeerträge gibt, ob das der Fankultur passt oder nicht. Investoren sind keine Gönner aus Leidenschaft, Investoren sind vor allem dem Investment verpflichtet und das sagt: Schaffe Ertrag!

Überzogene Panikmache? Da empfehle ich einen aktuellen Blick nach England. Zu einem der kultigsten Vereine der Welt vielleicht: Manchester United

Jeder Premier League-Club soll in Zukunft ein reguläres Saisonspiel im Ausland bestreiten. Damit will die reichste Liga der Welt ihre globale Ausnahmestellung untermauern.
Quelle: Premier League-Spiele rund um die Welt?

Ein Heimspiel des Clubs gegen Bayern München in Prag. Das mag in Anbetracht unserer Kaderbesetzung vielleicht tatsächlich dann wie ein Heimspiel sein, aber viel Spaß bei der Anreise für die Dauerkartenbesitzer. Und diese Tendenzen sind doch nur der Einstieg.

Und noch ein Blick auf die Insel: Arsenal – so die bereits zitierte 11Freunde-Ausgabe – vergibt die Dauerkarten übrigens nach gut Dünken. Da sitzen dann die Kumpels nicht mehr nebeneinander, sondern verabschieden sich nach der Kneipe um sich auf die zugewiesenen Plätze zu bewegen. Das ist für mich nicht nur respektlos vor dem Fan, das ist Konzept. Man will keinen „Fan“, man will Zuschauer, Konsumenten, und ein bisschen Kulisse. Aber keine organisierten Fans, die am Ende noch meinen der Verein gehöre ihnen.

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Kommentare (6)

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  1. Gretl sagt:

    Jetzt ist mir schlecht

  2. Failhaid sagt:

    Da hast du ganz recht,Alex.Es geht nur noch ums Geldeintreiben,ob von Freund oder Feind,ganz egal.Der FC St. Pauli ist meinermeinung nach das Beispiel wie Fußball sein sollte,da geht es nicht nur um Geld,sondern vor allem um die Fans(da wird nämlich nicht stuhr gegen die Anhänger entschieden).Und auch mit wenig Geld hat Pauli eine tolle Mannnschaft.
    Investoren mag ich nicht,genau die sind nämlich der Grund,warum ein Verein kein Verein mehr,sondern nur noch aus Geldsüchtigen besteht.

  3. Aber auch der FC St. Pauli ist sich selbst als Marke schon sehr bewusst und zieht momentan enorm viele „Fans“, die eigentlich mit Fußball nichts zu tun haben…

  4. Failhaid sagt:

    Hauptsache wir werden nicht so ein Verein,der nur noch auf der Suche nach Geld ist und dabei vergisst das auch der Fan ein Mensch und kein „Steuerzahler“ ist.Wie ich schon sagte,Investoren mag ich nicht.

  5. Rangers sagt:

    Ich find zum Beispiel St. Pauli gar kein so tolles Vorbild mehr,die haben jetzt für ihre neue Sitzplatztribüne auch schon beschlossen dass es da keine Eintrittskarte mehr unter 40 Euro geben soll!!Und dass in der 2.Liga!!! wenn da einer kommt und will z.B.dem Millerntorstadion nen neuen Namen geben dann sind die auch gleich dabei!