Die Medien sind schuld

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Die „Blockteilung“ – siehe Fußnote

Nein, so nicht, denn schuld sind die, die brennende Pyro in über die Köpfe hinweg werfen und dabei schwere Verletzungen unbeteiligter Dritter riskieren, die in Kauf nehmen, dass eine Situation entsteht, in der aus „Unruhe“ eine Eskalation wird, wie im Club-Block am Samstag, als man spätestens nach Einschreiten der Polizei und Spielabbruch mal hätte die Fresse halten sollen, statt sich – wie man las – herausgefordert zu fühlen jetzt erst Recht zu demonstrieren, dass man sich nicht unterkriegen lassen würde. Einfach mal die die Füße still (und die Fresse) halten, das wäre es gewesen, statt dann auch noch irgendeine bescheuerte Choreographie zu versuchen.

Denn was passiert ist – ganz subjektiv von mir zusammengefasst nach all dem was ich las und sah – war das: In einer eh schon angespannten Lage hatten manche unter den Stehblock-Fans die (saublöde) Idee, dieses mal mit besonders leuchtender und böllernder Unterstützung eine Art Initialzündung als Choreographie zu versuchen und damit der Mannschaft ein Signal zu geben. Unterstützt wurde man dabei auch noch von einer versprengten Gruppe Ultras aus Wien, deren Rolle man bisher nicht richtig einsortieren kann oder will, die aber wohl kaum zur Mäßigung beigetragen haben sollte – was aber auch eigentlich in dem Sinne unerheblich ist. Nachdem die Böller gezündet waren und das wohl auch nicht gleich (negative) Folgen hatte, zündete man weiter und warf auch schon die eine oder andere Bengalo. Dann kam die Polizei in den Block und die Situation spitzte sich schlagartig zu. Jetzt wurde es irgendwie „ernst“. Spielabbruch. „Hundertschaft“ im Block. Drama. Skandal. – Wenn man aber in die Gesichter der Leute blickte, hatten viele das wohl nicht ganz kapiert, was da gerade passierte. Die meisten guckten irgendwie nur so aus der Wäsche oder alberten rum. Aber die Stimmung in Frankfurt brodelte jetzt. Und gerade Frankfurt ist mir da – was aber mit den Vorfällen hier nichts zu tun haben soll – vielleicht aufgrund der Bauart, in jedem Fall aber aufgrund der zahlreichen und „engagierten“ Fanszene, sehr aggressiv (nach meiner eigenen Wahrnehmung auch von anderen Spielen – gegen Werder z.B.). Von der ganzen Stimmung nun fühlte sich der Gästeblock, der ja Auslöser des ganzen war, nun auch noch provoziert und ließ sich auf ein „Stimmungs-Duell“ ein – frei nach dem Motto: „Wer kann lauter?“ – Dabei aber kapierte man wohl nicht, dass das und die dabei auch noch dummerweise gerade in dem Moment probierte Choreo einer Blockteilung nun in der Außenwahrnehmung nahezu als Eskalation erscheinen ließ.
Man hätte eben einfach nur die Fresse (und die Füße still) halten sollen. So wurde aus einer Präventivmaßnahme ein 20-minütiger Spielabbruch und die ganze Sache zum Eklat.

„Die Medien sind schuld“ – das sage nun nicht ich, da zitiere ich Christoph Daum, da nur zwei Tage später im Spiel Köln gegen Gladbach ähnliches passierte. Warum?

Kölns Trainer Christoph Daum schrieb in diesem Zusammenhang in der Analyse beim DSF zunächst den Medien wegen „Voyeurismus“ eine Mitverantwortung für solche Auswüchse zu. „Ich habe 49.900 vernünftige Zuschauer gesehen. Wenn man diese Bilder nicht mehr zeigen würde, würde man den Randgruppen auch keine Plattform mehr geben“, sagte Daum und ergänzte: „Der Fußball hat sich wunderbar entwickelt, er ist Familiensport. Ich will nur zu einer Versachlichung des Themas beitragen.“ Quelle: welt.de

Und in dem Sinne gebe ich auch den Medien vielleicht keine „Schuld“, aber eine Mitverantwortung. Wenn nicht gerade am Verlauf in Frankfurt, aber mindestens aus dem was danach passierte. Denn ich muss mich schon sehr wundern, was man seit Samstag, und ich lass so gut wie jede Quelle die ich online finden konnte (Auszug davon siehe Pressespiegel), landauf landab in den Gazetten lass. Kriegsähnliche Zustände muss man da ja fast vermuten, doch egal wie viele Bilder ich ansehe, von einer Eskalation von Gewalt oder ähnliches kann ich beim besten Willen nichts entdecken.

Noch einmal zum Mitschreiben: Ich verurteile weiterhin in vollem Umfang was da passierte. Ich lehne solche Knallerei in allen Belangen ab. Wer selbst Bierbecher durch die Gegend wirft, gehört für mich nicht ins Stadion. Aber auch muss man festhalten, dass das Abbrennen von Leuchtstoffen ein Standard-Problem ist, dass nicht erst in Frankfurt sondern in allen Stadien Europas zu sehen ist, Woche für Woche. Das nimmt dem nicht die Gefahr, aber rückt das mal ins richtige Licht. Dass die Dinger geworfen werden ist hochgradig gefährlich, das muss man mit allen Mitteln unterbinden. Aber auch das hat noch nichts mit einer Skandal-Situation wie beschrieben wurde zu tun.

Aber nach meiner Sicht der Dinge war dies eines nicht: Eine Aktion, die auf Randale aus war, eine Situation, die Nahe der Eskalation stand, oder eine Bedrohungssituation, die geeignet war gewalttätige Spannungen nach innen oder außen zu tragen. Was gewesen wäre, wenn das Grüppchen von Heim-Fans den Block erreicht hätte (die nach Medienberichten aber davon abgehalten worden sind) mag ich – wertfrei – nicht berurteilen.

Die Medien haben hier aber wieder einmal massiv versagt, inklusive der so genannten neuen Medien. Jedenfalls in der Breite.

Nur wenige Medien bemühten sich nämlich um eine sachliche Aufarbeitung. Sogar bekannte Sportsendungen führten bisweilen kuriose Beweisführungen von „Kämpfen im Block unter den eigenen Fans“. Da wurde abgeschrieben voneinander, dass die Schwarte krachte, und bei den meisten hatte man den Eindruck sie konnten endlich den Artikel veröffentlichen, den sie schon damals zu Zweiten englischer Hooligan-Szenarien längst fertig hatten, aber nie publizieren konnten. – Und warum ähnliche Ausschreitungen bereits im März bspw. in der Regionalliga zwischen Union Berlin und Erfurt kaum eine Zeile wert waren, soll da auch einmal in Frage gestellt werden wie der Umstand, warum man den Ausschreitungen in Köln am Montag nur noch gefühlte 10% an Beachtung schenkt – trotz ähnlicher Vorfälle mit Feuerwerkskörpern.

Da wurden Ängste geschürt, Horror-Szenarien blumig ausgemalt und pauschaliert die ganze Fan-Kultur in Frage gestellt. Es fehlte fast nur, dass man ab sofort den Einsatz Bundeswehr sofort bei jedem Spiel forderte, nebst Tornado-Einsatz aus der Luft. Und mit dieser Ansicht bin ich wohl nicht alleine („Brückners Breitseite: Gespielte Empörung„, „Prestigeduell im Sandkasten„)

Und noch einmal zum Mitschreiben, weil einem bei so einem Thema gern die Worte im Munde gedreht werden: Ich verurteile jede Art von Gewalt in den Stadien und auch das Abbrennen von Pyro. Auch wenn ich letzteres gerne mehr sehen würde, sieht nämlich toll aus, dann aber kontrolliert und in Abstimmung mit der Stadionleitung.

Das aufgemachte Faß war aber definitiv zu groß!

Und die Ausmaße sind evtl. sogar evident. Denn was Christoph Daum wohl anspricht ist, dass die Berichterstattung in Frankfurt genau das falsche Signal auslöste, für Krawallmacher, die wirklich nur wenig mit dem Fussball zu tun haben, wird das nun wieder interessant hier ein wenig auf sich aufmerksam zu machen und ein Podium zu finden. Wenn ich mich Recht erinnere, hatte man in England irgendwann die Reißleine im Hooligan-Problem gezogen und was gemacht? Genau, man verordnete sich selbst einen Medien-Berichterstattungs-Maulkorb um die Ausschreitungen für Hooligans unattraktiv zu machen. Denn wenn sich keiner mehr dafür interessiert, verlieren viele davon die Lust daran.

Man sollte nun sehr aufpassen, wie man darauf reagiert und welche Maßnahmen man ergreift. Leise Maßnahmen, die vor allem im Bereich direkter Ansprache mit Fans und Gruppierungen erfolgt, werden definitiv die besseren sein als brachial verkündete Sanktionen, die „Zeichen setzen“ sollen und „Exempel statuieren“. Man sollte die Ultras auch nicht pauschal verurteilen, denn was sie zum Teil für den Verein und auch für den Zuschauer allgemein tun, das ist kreativ und sehr gut und auch wichtig für die Mannschaft. Die Ultras in Nürnberg wurden ja nicht zuletzt oft gelobt für ihre Choreographien zuletzt. Aber irgendwo las ich sehr treffend: ‚Die Ultras wollen eine große Organisation sein – jetzt müssen sie auch die Probleme einer großen Organisation bewältigen“. Richtig. Und dabei brauchen sie angebotene Hilfe und sie müssen in der Lage sein, Hilfe anzunehmen.

Was in den so genannten neuen Medien passiert ist, ist dagegen bisweilen auch sehr traurig. Einerseits wurden mit den neuen Möglichkeiten von Kommentaren und Publikationen wie in Blogs und Foren viel dazu beigetragen, die echte Volkes Stimme zu erfassen und auch eine Recherche eines Stimmungsbilds ermöglicht, die sonst so nur schwer möglich wäre. Aber es war auch eine Plattform für verbale Randalierer, die zwar einzeln nicht so wichtig sind, in der Folge aber Kolletarelschäden unter den Fans hervorriefen indem sich auch sonst gemäßigte Stimmen zu verbalen pauschalierten Rundumschlägen hinreißen ließen. Ich denke hier sind in dem Zuge einige neue und tiefe Gräben entstanden. Statt Aufklärung und die Verbreitung des Rufs nach Besonnenheit und Mäßigung, nahmen viele das zum Anlaß sich gegenseitig den Haß zu erklären und sich den (sportlichen) Niedergang zu wünschen.
Das ist unnötig und zum Teil sogar peinlich. So schrieb mich eine Fan aus dem Rheinischen an, dass er solche Fans wie ‚diese‘ Club-Fans nicht mehr in seinem schönen Stadion sehen wolle, um dann am Montag Abend mit ansehen zu dürfen, wie ’seine‘ Fan-Kollegen die gleiche Randale veranstalten. Andere vergaßen auch gern mal die jüngste Vergangenheit im Eiltempo, wie Ausschreitungen eigener Fans in Dortmund oder Überfälle auf unbeteiligte Fan-Busse mit schweren Verletzungen.

Die Beherzigung des Satzes, man solle hier immer erst vor der eigenen Tür kehren, ist eben immer wieder sehr sinnvoll.


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Die Blockteilung, die man an manchen Stellen als Eskalation unter den Clubfans selbst beschrieb. Wer in die Gesichter blickt sieht da blanke Wut? Wo ist die Eskalation? Die stehen gelangweilt rum und zwei, drei frotzeln sich gegenseitig an. Hat sich keiner die Bilder angesehen?

6 Gedanken zu „Die Medien sind schuld

  • Du sprichst ein Grundproblem der „Medien“ an:
    Einerseits verurteilen und dramatisieren diese das Geschehen, andererseits lebt man davon. Man kann das jeden Tag in der Tagesschau oder jeden Sonntag im DSF sehen. Damit meine ich nicht unbedingt solche Vorfälle wie in den letzten Tagen, da geht es ebenfalls um grobe Fouls, blinde Schiedsrichter etc.
    Das kann man verteufeln und ablehnen, daran wird sich aber nichts ändern.

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  • mal etwas Off-Topic:

    Welche Nummer hatte Zarate damals eigentlich regelmäßig getragen?

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  • @Spell: Soweit ich mich erinnere, hatte Zarate immer die 7. Oder täusche ich mich da? Auf alle Fälle hatten die Spieler damals noch keine feste Rückennummer und es stand auch der Name noch nicht auf dem Trikot.

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