Vom Wetter und anderen Kapriolen

Vordergründig betrachtet ist der Spielabbruch vom letzten Freitag lediglich ein weiteres kurioses Ereignis in der reichlich mit Kuriositäten gespickten Geschichte des FCN. Es hat ja schon so manches gegeben, was für denjenigen, der in schicksalhafter Symbiose an diesen Verein gebunden ist, schmerzvoll war, zugleich aber beim Rest der Fußballwelt Schmunzeln, wenn nicht sogar höhnisches Gelächter auslöste. Neben der wohl für immer einzigartigen Kapriole, als amtierender deutscher Meister abzusteigen, fällt mir spontan ein: die Entlassung Entenmanns nach einem triumphalen 2:0- Heimsieg gegen die Bayern, Helmers Phantom-Tor mit anschließendem Abstieg in die 2. Liga, Punktabzug wegen Lizenzverstößen mit anschließendem Abstieg in die Regionalliga, Magaths verblüffender Abgang, nachdem er den Club in die Bundesliga geführt hatte, Last-Minute-Abstieg aus der Bundesliga, weil Kaiserslautern die Frankfurter in den letzten Saisonminuten die Tore schießen ließ, wie sie sie brauchten, und Baumann es nicht fertigbrachte, den Ball aus vier Metern Entfernung über den am Boden liegenden Keeper ins Tor zu bugsieren. Jetzt also ein Spielabbruch im Heimspiel gegen Wolfsburg bei 1:0-Führung, der als erster Abbruch wegen Regens in die Bundesliga-Annalen eingehen wird und gerade deshalb so kurios ist, weil schon die vorhergehende Auswärtspartie – wenn auch nicht unwetterbedingt – am Rande einer vorzeitigen Beendigung stand. Hoffen wir, dass der FCN nicht anstrebt, diese Mini-Serie auszubauen (aller guten Dinge sind drei…) und im Berichtsbogen des anstehenden Spiels in Stuttgart die Spalte „Besondere Vorkommnisse“ leer bleibt.

Kapriolenerprobt wie er ist, wird der Club-Fan die Annullierung des Spiels, in dem drei überlebenswichtige Punkte zum Greifen nahe waren, leicht resigniert, aber letztlich routiniert abhaken (eben wieder ein paar Seiten mehr im prall gefüllten Ordner mit der Aufschrift „Ganz normaler Club-Wahnsinn“…). Es lohnt sich aber, noch etwas über das, was da geschehen ist, nachzudenken. Gibt man der Phantasie Spielraum, gewinnen die Ereignisse rund um den Spielabbruch eine zweite, geradezu gleichnishafte Bedeutung.

Da ist zunächst die merkwürdige Tatsache, dass exakt mit dem Anpfiff sintflutartige Regenschauer auf das Spielfeld niedergingen. Ganz so, als hätte der Schiedsrichter dem Wettergott das vereinbarte Signal gegeben, sämtliche Schläuche der himmlischen Sprinkleranlage auf das Frankenstadion zu richten und die Pumpen auf höchsten Touren arbeiten zu lassen. Eine prophylaktische (Lösch-)Maßnahme, um zu verhindern, dass Leuchtraketen einen Brand verursachen? (Die Szene, wie Blazek vergeblich versucht, einen Brandsatz mit den Füßen auszutreten, werde ich so schnell nicht vergessen.)

Dann die Bilder, die man als Premiere-Zuschauer in der Zeit des Wartens auf die Entscheidung des Schiedsrichters zu sehen bekam. Galasek & Co. vertreiben sich die Zeit in den Katakomben, einige Spieler geben Interviews, einige stehen vor Bildschirmen herum. Draußen im Regen stehen die Fans und warten auf die Mannschaft. Ein Szenario, das mehr sagt als tausend Worte…

Schließlich das Interview, das der Premiere-Moderator mit Michael A. Roth führen wollte, um die Zeit zu überbrücken. Es blieb beim Interview-Versuch, weil der sichtlich mitgenommene FCN-Präsident einen verbalen Blackout hatte und außerstande war, einen zusammenhängenden Satz über die Lippen zu bringen. Das mitzuerleben war fast schon ergreifend. Weil deutlich wurde, wie sehr Roth an diesem Verein hängt. Und wie sehr er darunter litt, ohnmächtig mit ansehen zu müssen, wie die reelle Aussicht auf einen Sieg, durch den seine Mannschaft zumindest kurzfristig die Konkurrenten im Abstiegskampf überflügelt hätte, den Bach runterging. Der Zuschauer konnte förmlich hören, wie es in dem kleinen Mann mit dem weißen Bart brodelte, weil er nicht über die Macht verfügte, den Wettergott dazu zu bringen, endlich den Wasserhahn abzudrehen. Und es schien, als spiegele sich in Roths Ohnmacht gegenüber den Tücken des Wetters die ganze Machtlosigkeit gegenüber den Kapriolen seines Teams, das Gefahr läuft, sich nun auch als amtierender Pokalsieger aus der Bundesliga zu verabschieden.

Dabei hatte Roth am Samstag zuvor noch eine Demonstration seiner Macht geliefert, als er durch couragiertes Auftreten einen Haufen durchgeknallter Club-Fans im Zaum hielt und dadurch einen Spielabbruch verhinderte. „Lassen Sie das! Es ist ein unmöglicher Unsinn, was Sie da machen! Sie schaden damit nur unserem Verein!“, rief er in die Fankurve. Die Fans gehorchten. Der Wettergott nicht.

Auch die Konkurrenten gehorchten nicht. Die haben forsch gepunktet und den FCN, der witterungsbedingt keine Zähler einfahren konnte, in die Position des Nachzüglers katapultiert. Nach den Spielergebnissen des Wochenendes ist klar: Unsere Mannschaft braucht noch vier, möglicherweise sogar fünf Siege. Bedenkt man, dass sie in den bisher absolvierten 27 Saisonspielen nur fünfmal gewonnen hat, erscheint diese Rechnung utopisch. Martin Bader sieht das offenbar ähnlich. Im kicker sagte er: „Wenn wir diese Saison überstehen, ohne abzusteigen, werden wir noch unseren Urenkeln davon erzählen.“ Hört sich fast so an, als hätte sich der Sportdirektor bereits damit abgefunden, dass es am Ende dieser Saison einmal mehr heißt: Willkommen im Kuriositätenkabinett 1. FC Nürnberg! (Traurig für uns, zum Lachen für den Rest der Fußballwelt…)

Tja Freunde, der Club ist eben unberechenbar. Wie das Wetter…

17 Gedanken zu „Vom Wetter und anderen Kapriolen

  • Eine ausgezeichnete Analyse der Situation, frei von jeder Wut oder Enttäuschung…

    Danke für diesen Beitrag!

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  • Danke für das Lob!

    Und noch eine kleine Anmerkung zu Töffis Kommentar: Enttäuscht bin ich schon…

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  • Der Club hat dieses Jahr aber auch Pech. Keine Frage, in der Mannschaft steckt unheimliches Potential, das sie derzeit aber nicht auf dem Platz umsetzen können. Nürnberg hält trotzdem die Klasse!

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  • Letztes mal „fiel das Spiel ins Wasser“,jetzt dürfen wir das gegen den VfB blos nicht in den Sand setzen…

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  • Jetzt zählen nur noch 3 punkte.Um unten herauszukommen.Und das glück brauchts auch noch,das die anderen nicht gewinnen.

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  • Heut ham ja die anderen mal wieder für uns gespielt!!
    Cottbus 0:5
    Rostock 1:2
    Geile Sache jetzt müss mer nachlegen!4Punkte aus den 2 Spielen und wir sind wieder voll dabei!!!Der EEEFFF CCEEE EEEN wird niemals untergehn!!!

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  • @belschanov: geiler kommentar!

    und nur so, weil es mir gerade einfällt: hatten wir da nicht auch noch sportgeräte für den schiedsrichter und nen spieler extra für die eigentore?!

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  • @schönwetter-fan: Nett, dass Du mich an die Eigentor-Affäre um Vlado Kasalo erinnerst, der eigentlich kein schlechter Abwehrspieler war (erinnert vom Haarwuchs und der Rustikalität her etwas an Abardonado).

    Die Liste der Kuriositäten hat wohl ein open end. Da war auch mal was mit Quarzsand auf dem Rasen und einem Schatzmeister mit zwei Doktortiteln, der dann im Knast die Bibliothek verwaltete. Vielleicht sollte man mal eine Chronik der FCN-Absurditäten schreiben…

    Würde allerdings vorschlagen, dass wir die düstere Prognose am Schluss meines Artikels vorerst noch ausblenden. Vielleicht geht ja heute was in Stuttgart…

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  • in stuttgart geht genau gar nichts wenn ich das richtig verfolge. mit so abwehrfehlern kann man in der bundesliga keine punkte holen.

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  • und kießling vergibt in der 88. die chance für bayer..

    frank baumann mit umgekehrten vorzeichen.

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