Restrisiko

Da liegt es also vor mir und kündet vom baldigen Beginn des nächsten Spieljahres, das neue Kicker-Sonderheft. Beim Betreten des Zeitungsladens am Freitagmorgen leuchteten mir die gelben Lettern auf dem roten Einband schon von der Auslage her entgegen und als ich dann mit dem Heft in der Hand an der Kasse stand, konnte ich es einen Augenblick lang spüren, dieses die Kehle abschnürende Gefühl der Beklemmung, das in mir aufsteigt, wenn es in der 93. Minute 2:1 für den Club steht und ein Spieler des Gegners Anlauf nimmt, um eine Ecke zu treten, und natürlich auch das triumphale Gefühl der Erlösung, wenn Mintal oder wer auch immer den Club in der 87. Minute mit 3:1 in Führung schießt. Und ich verließ den Laden mit dem zwischen Vorfreude und banger Ungewissheit pendelnden Gefühl der Spannung, das zunehmen wird, je näher der Anpfiff zur neuen Saison rückt. Man weiß ja nie, was die nächste Saison bringt. Dieser Satz ist so platt wie wahr. Wovon man gerade als Club-Fan ein Lied davon zu singen weiß…

Tja Freunde, im Sonderheft des letzten Jahres fand man das Mannschaftsfoto des FCN noch auf Seite 86 im Kreis erlesener Teams – hinter Bayer Leverkusen und vor dem HSV. Heuer muss man an Bochum, Cottbus, Bielefeld und Hoffenheim vorbei bis zu Seite 157 blättern, um auf den Club zu treffen, der die Riege der Zweitligisten vor Hansa Rostock anführt. Unsere Jungs posieren da im neu designten weißen Ersatztrikot. Warum eigentlich nicht in Rot und Schwarz? Na ja, vielleicht war ja das traditionelle Trikot beim Fototermin noch nicht mit dem Logo des neuen Sponsors beflockt. Von nun an (verun)ziert ja der Name eines (Kern-)Energiekonzerns die Brust der Club-Spieler, womit mancher Fan so seine Probleme hat. Auch ich bin über diese Entscheidung der Vereinsführung keineswegs glücklich, hoffe aber umso mehr, dass unsere Mannschaft nach dem Super-Gau der letzten Saison zu einem auf höchster Energiestufe arbeitenden Kraftwerk mutiert, das Punkte produziert wie am Fließband. Genau das ja ist notwendig, wenn der sofortige Wiederaufstieg gelingen soll. Und eines ist klar: Unsere Mannschaft muss aufsteigen, sie ist dazu „verurteilt“. Bei einem weiteren Jahr in der 2. Liga würde der Kader, der sich gemessen an seinem Marktwert auf mittlerem Bundesliganiveau bewegt, auseinander brechen. Es müsste dann ein radikaler Neuaufbau erfolgen und damit wäre wohl eine längere Verweildauer im Fußball-Unterhaus vorprogrammiert.

Dass die Rückkehr in die Bundesliga kein Selbstläufer wird, sollte jedem klar sein. Mannschaften wie Hansa Rostock, MSV Duisburg, Mainz 05, SC Freiburg, SpVgg Greuther Fürth, Alemannia Aachen, FC St. Pauli, 1860 München, 1. FC Kaiserslautern bilden nicht nur vom Namen her eine starke Konkurrenz. Nicht umsonst spricht Hansa-Trainer Frank Pagelsdorf von der „stärksten 2. Liga der Welt“ (Kicker-Sonderheft, S. 148). Zudem wird der Aufstieg ab der nächsten Saison dadurch erschwert, dass sich der Tabellendritte nicht mehr automatisch für die Bundesliga qualifiziert, sondern in zwei Relegationsspielen den Drittletzten aus dem Oberhaus ausschalten muss.

Klar ist aber auch, dass der Kader des FCN für Zweitligaverhältnisse topbesetzt ist. Die erste Garnitur könnte, wenn man vom 4-2-3-1-System ausgeht, so aussehen: SchäferReinhardt, Wolf, Goncalves, PinolaKluge, EngelhardtVittek, Mintal, MasmanidisCharisteas. Und auch der zweite Anzug genügt durchaus gehobenen Zweitligaansprüchen, zumal Klewer, Abardonado, Judt, Mnari, Breska, Gygax, Eigler und vielleicht Perchthold im Prinzip mehr als zweite Wahl sind: KlewerKammermeyer, Spiranovic, Abardonado, BielerJudt, Mnari (Perchthold) – Breska, Gygax, Pagenburg (Frantz ist leider verletzt) – Eigler.

Diesem Kader, in dem für jede Position zwei (wenn nicht drei) zum großen Teil gleichwertige Spieler zur Verfügung stehen, ist es durchaus zuzutrauen, dass er den Aufstieg, der aus wirtschaftlichen Gründen Pflicht ist, auf sportlicher Ebene realisiert. Voraussetzung ist natürlich, dass jeder Spieler sein Potenzial voll ausschöpft und von der ersten bis zur letzten Saisonminute mit vollem Engagement bei der Sache ist. Besonders Letzteres sollte im Profifußball eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. Dass dies aber nicht unbedingt so ist, beweist das indiskutable Abschneiden unserer keineswegs als Abstiegskandidat eingeschätzten Mannschaft in der letzten Saison.

Jedoch steht und fällt diese für meine Verhältnisse recht günstige Beurteilung der Ausgangslage – bekanntlich gehöre ich ja nicht zu den Optimisten unter der Sonne – mit der Klärung zweier gegenwärtig noch offener Personalien. Nicht ausgeschlossen, dass Vittek und Charisteas, der laut AZ vom Samstag mit Stoke City in Verbindung gebracht wird, den Verein vor dem Ende der Transferperiode am 31. August doch noch verlassen. In diesem Fall müssten sich Bader und von Heesen umgehend auf Spielersuche begeben, weil man dann abgesehen von Christian Eigler keinen Spieler für die Position des zentralen Stürmers im Kader hätte. Fraglich allerdings, ob in der dann gebotenen Eile noch geeigneter Ersatz zu finden ist.

Es besteht also, wie Sportdirektor Martin Bader einräumt, ein „Restrisiko“, was die Besetzung der Angriffsformation betrifft. Alles andere als ideal für den Trainer, der drei Wochen vor Saisonbeginn sicher gerne wüsste, mit welchen Stürmern er planen kann. Gerade im Angriff, in dem in den Testspielen Vittek noch am treffsichersten war, läuft ja vieles noch nicht rund und da wäre es schon wünschenswert, dass die Spielzüge mit Akteuren einstudiert werden, die, wenn es dann um Punkte geht, auch zur Verfügung stehen. Bleibt nur zu hoffen, dass dieses personelle „Restrisiko“ nicht in einem „Störfall“ größeren Ausmaßes endet. Nicht auszudenken, wenn der Club kurz vor bzw. am Anfang der Saison mit lediglich einem etatmäßigen Mittelstürmer dastehen würde. Dann würde unsere Hoffnung, dass das Mannschaftsfoto des FCN im nächsten Kicker-Sonderheft wieder da zu finden ist, wo es hingehört, nämlich im Kreis der ersten 18, einen erheblichen Dämpfer bekommen.

7 Gedanken zu „Restrisiko

  • Wieder einmal ein literarisches Schmankerl über unsern Glubb… Gut geschrieben! Danke belschanov! 🙂

  • Ja, sehr schöner Artikel!

    Wieso spricht eigentlich keiner mehr über Abardonado? Der war doch sogar in Liga1 sehr gut zu gebrauchen, ein guter Kämpfer dessen Stärken doch eigentlich in Liga2 noch mehr gefragt sind.

    (P.S.: …falls ich da was nicht bekommen habe, sorry…)

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