Das Werder Bremen der 2. Liga

10 Spieltage sollst du ruhen, dann sollst du eine Analyse tun!
Oder so ähnlich.

Jedenfalls hatte einst Hans Meyer als DSF-Experte immer betont: Wartet mal die ersten 10 Spieltage ab, dann bewertet eine Mannschaft. Tun wir! Vor allem wenn wir auch noch in den Kommentaren von unseren Lesern dazu aufgefordert werden. belschanov, unser Co-Autor, hat vorgelegt und ich lege nach, beides bitten wir im Kontext zu lesen: Denn andere Sichtweisen kann man gar nicht genug bekommen, um sich ein eigenes Bild machen zu können.

Hier nun meine eigene, ganz persönliche Saison (bisher):

Als Fußball-Fan lief es wahrich nicht rund diese Saison, und da bin ich noch nicht mal beim Sportlichen angekommen. Es hätte alles so “schön” sein können. Wenn schon abgestiegen, dann doch eine schöne saubere Aufstiegssaison. Mit Weser-Freund und Nachbar war Premiere geplant, durch die unterschiedlichen Ligen wären wir uns nicht mal in die Quere gekommen. Premiere haben wir bis heute nicht, dafür Inkasso am Hals, doch das ist eine andere Geschichte
Bliebe ja noch DSF, immerhin waren als designiertes Spitzenteam die Montage ja fast schon abonniert. Doch Pustekuchen, die Planungen des selbsternannten “Sport”senders sehen andere Partien in der Regel vor, die Leistungen des Clubs zu Saisonbeginn machten es den Programmmachern aber auch leicht, auf den Club zu verzichten.
Blieben ja noch Live-Spiele in meinem hessischen Exil. Immerhin waren vier erreichbare Auswärtsspiele ja fast vor meiner Nase: Wiesbaden, Mainz und Koblenz, dazu noch Frankfurt (FSV). Letzteres gilt es erst noch zu verpassen, die ersten beiden war ich familiär bedingt in Franken (ausgerechnet in der Woche dann die beiden Spiele) und Koblenz fand ich keinen Mitstreiter mehr, zu unattraktiv dann doch die bisher gezeigten Leistungen für mein privates Umfeld.
Wenigstens gibt es ja jetzt ClubTV, könnte man ja sagen, der neue Service von Sportfive mit Spielen in voller Länge per Stream. Zwar nicht live, aber immerhin. Doch meine Anfrage auf einen – aus meiner Sicht berechtigten – Pressezugang erhörte man nicht, und meine Anmeldung scheiterte bisher daran, dass ich kein Abo buche, bei dem der Systemtest kein positives Ergebnis bringt. Andere berichteten ja von ziemlichen Datenpannen zur Einführung mit (aus meiner Sicht) mindestens bedenklichen Ausmaßen. Ich jedenfalls wäre sehr skeptisch, wenn meine Daten “vertauscht” oder wie auch immer “überschrieben” werden – “Anthony” (aka Stefan) könnte hier mehr berichten …
Und da die Zusammenfassungen der Zweitligaspiele auch noch im DSF kommen, das aber nicht in Hessen im DVB-T-eingespeist ist (am PC, der TV ist da im weiblichen Machtbereich zu den Zeiten), war es das dann auch mit bewegten Bildern …

Naja, bis auf das eine DSF-Spiel und der DFB-Pokal … aber lassen wir das besser.

Dies vorweg zu meiner Gemütslage und meinem Fundus an visuellen Eindrücken dessen “was vorgehen am Platz”. Was ich mitbekam waren schriftliche Berichte, vereinzelte Zusammenfassungen im TV, Stimmen und Meinungen, statistische Daten und so oft es ging Internet-Radio. Vor dem Hintergrund bitte ich auch um Nachsicht, wenn so manche “Interpretation” des Gelesenen und Recherchierten nicht zu den persönlichen Eindrücken passen mag – wobei man sich auf selbige auch oft nicht verlassen kann, aber das ist nun ein ganz anderes Thema.

Wer sind wir?

Jedenfalls sind wir keine Spitzenmannschaft, das hatten wir ja auch schon diskutiert und da ändert auch ein gewürgtes 2:1 gegen Oberhausen nichts daran. Zu viele Punkte wurden liegen gelassen, zu schlecht ist die Torausbeute, zu sehr spiegelt sich vorgenanntes in der Tabelle nieder. 13 Punkte aus 10 Spielen, wie belschanov ja bereits deutlich machte, sind zwar kein aussichtloses Unterfangen, aber im negativen Sinne ein Pfund, das es zu stemmen gilt. Mehr aber noch bewegt die Gemüter die Chancenausbeute vorne, die Ratlosigkeit in der Mitte und die Unsicherheit hinten. Lediglich Raphael Schäfer scheint von seinem Trip ins Ländle derart “kuriert” zu sein, dass ihm alles Recht ist um Leistung zu bringen, Hauptsache er kann wieder “zu Hause” zwischen den Pfosten stehen.

Warum Werder Bremen?

Vor der Saison galten wir als die “Batzis von Liga 2”, doch tatsächlich dürfen wir uns mit einem anderen Spitzenverein der Bundesliga heute vergleichen: SV Werder Bremen. Mag Zufall sein, dass Werder der Verein meines Leidensgenossen (siehe oben) und Nachbarn ist, dass Werder just ebenso 13 Punkte verbucht und man ein nahezu identisches Torverhältnis (wir: 0, SVW:1) aufweisst, aber es gibt noch mehr Parallelen. Beide gestartet mit dem Anspruch ganz vorne mitzumischen und beide gescheitert mit vor allem einen Problem: Hinten, die Abwehr. Natürlich hinken solche Vergleiche ab einem bestimmten Punkt gewaltig und man ist nicht nur in der Liga in einer “anderen Liga”, doch kann man daraus bisschen was ziehen.

Die Gründe sind im Detail unterschiedlich, das Resultat aber das Gleiche. Wenn eine Mannschaft sich erst finden muss und vorne zwar trifft, aber nicht so oft wie man vielleicht könnte oder sollte, sind Fehler hinten doppelt bitter. Gelingt mal vorne einer, macht der Bock hinten die ganzen Bemühungen wieder zunichte und gerade aufkommendes Selbstbewußtsein ist gleich wieder für die Tonne. Versucht man es mal geordnet, haut dir der Klopper nach 5 Minuten das ganze Konzept gleich wieder weg. Spielt man mutiger nach vorne, stehen die eh schon verunsicherten Defensivkräfte erst Recht bei jedem schnell gespielten Gegenzug in 1:1-Situationen vor Alles-oder-Nichts. Wäre Schäfer nicht so gut drauf, es sähe wohl wahrlich noch schlechter aus.

Beim Club sind die Ursachen für die Probleme aber – nach meiner Einschätzung – gar nicht so mysthisch in einer Art “Deppen-Fluch” zu suchen, sondern ganz analytisch herzuleiten. Der Abstieg brachte natürlich erstmal viel Unruhe, dazu kam eine fast gigantisch zu beschreibende Umwälzaktion im Kader, sowohl personell wie auch strukturell. Dazu kam, dass mit TvH ein Trainer am Ruder war, der bei den Fans keinen Kredit hatte (auch das hatten wir schon ausformuliert) und man nie den Eindruck hatte, mit dem werden wir a) warm und b) alt. Eine Mannschaftsfindung war so vom ersten Tag an ein Problem. Dann kam die Verletzung Wolfs und – auch wenn man das nicht als Ausrede anführen darf – war das ein ganz schwerer Schlag. Gerade Wolf, an dem sich die Abwehr und damit die ganze Defensive ob seiner Leistung und auch seiner neuen Rolle als Kapitän orientieren sollte, fällt die komplette Vorrunde aus. Damit stand plötzlich – da auch Pancho ging – mitten im Neuaufbau die beiden als Stammkräfte im Blickpunkt, die doch eigentlich sich an Wolfs Seite entwickeln sollten. Der schnell nachgekaufte Mitreski sollte ein Stück der Erfahrung zurückbringen – und verletzte sich prombt selbst. Diese Instabilität der Defensive brachten der Mannschaft enorme Probleme. Doch es kam noch dicker.

Nach einer mehr als bescheidenen Vorbereitung, die aber bei jedem anderen Trainer wohl als typisches Umbruch-Problem entschuldigt worden wäre, führte der durchwachsene Start mit einem glücklichen Sieg gegen Augsburg und einer dafür katastrophalen Niederlage in Kaiserslautern (wobei man heute sehen muss, dass die Lauterer ja durchaus ne bessere Truppe haben, als man das damals dachte – Tabellenführer mit 22 Punkten) zur – wie es Vereinsverantwortliche nannten – “Eskalation”. Fragten wir uns damals schon, was genau eigentlich wann und wie eskalierte, führte es zu einem sicher nicht unbedingt (beiderseits) tränenreichen Abschied von TvH, einem Trainer, dem viele nachsagten, er sei in Franken nie angekommen – im doppeldeutigen Sinne. Die Geschichte ist bekannt: Oenning, später zusammen mit Peter Hermann, übernahm erst kommisarisch, dann fest das Kommando.

Für die Truppe bedeutete das im Grunde nach: Zurück auf Null.

Was im Abstiegskampf durchaus ein willkommener Effekt ist, dass mit einem Trainerwechsel alle Strukturen und Hierarchien neu in Frage gestellt werden, ist im Aufbau einer Mannschaft ein Rückschritt. Erst die vielen Zu- und Abgänge, dann der verletzungsbedingten großen Probleme in der Abwehr, dann der neue Trainer – es gibt wirklich viele Gründe, warum eine homogene Mannschaft partout nicht wachsen wollte. Doch es ging ja noch weiter. Schon in Ahlen mühte man sich mehr als man dachte und bekam dafür herben Gegenwind in Form von Kritik, auch der Pflichtsieg gegen Augsburg brachte mehr Unruhe denn Sicherheit, dabei spielte die große Erwartungshaltung, die man ja auch selbst setzte, ebenso eine Rolle wie das Standing des Trainers im Umfeld – es kam ja auch nichts rüber, was als ein “auf die Fans zukommen” hätte registrieren können. Dann das Spiel in Kaiserslautern, die man – ganz offenbar fälschlicherweise – vollkommen unterschätzt hatte (nicht nur seitens des Club). Welch Wunder, spielte die Truppe im Jahr davor gegen den Abstieg bis zum letzten Spieltag.

Wie man sich eben täuschen kann…

Natürlich hätte man es sich dennoch anders vorgestellt, hatte man gedacht, dass die individuelle Klasse einzelner ausreichen würde, um die erwarteten Probleme des Umbruchs zu meistern. Mal ein Geniestreich vorne, mal ne Glanzparade hinten – sollte doch reichen gegen Gegner wie Ahlen, Wehen-Wiesbaden oder Koblen. Doch das Gegenteil passierte. Spieler wie Mintal, Pinola oder Engelhardt wurden von den Problemen mit nach unten gezogen, statt sie zu kompensieren – ja sogar noch verstärkt im Angesicht der Erwartungen (auch und gerade der eigenen).

Der Weg ist richtig

Oenning und sein Team gehen jetzt den richtigen Weg, auch wenn er steinig ist, es gibt auch keinen anderen derzeit zur Auswahl. Man hat einen fast runderneuerten Kader und den dritten Trainer innerhalb eines Jahres. Diese Mannschaft muss sich jetzt finden und dazu braucht sie Zeit und Kontinuität. Es macht keinen Sinn mit Blick auf das Mannschaftsgefüge penetrant nach Tagesform durchzuprobieren. Das frustriert erst Recht die Arrivierten und macht den Anderen Hoffnungen und zugleich überzogenen Druck, da sie in Normalform doch wieder nur Ersatz wären. Man muss sich jetzt eben durchbeisen und sammeln: Punkte und Erfahrungen. Es muss die Hoffnung sein, dass mit zunehmender Zeit sich das Gefüge bildet. Mit Rückkehr der erfahrenen Innenverteidiger sollte auch mehr Ruhe von hinten kommen, ich bin überzeugt, dass man dann auch Spiro und Goncalves anders spielen sehen wird.

Am Ende zählt dann doch die Qualität – gemessen an der Liga – und das wird sich in Bremen ebenso zeigen, da bin ich mir sicher, wie in Nürnberg. Auch gegen Oberhausen sah man schon, dass es am Ende doch nicht für jeden Gegner reicht 3-4 Chancen zu haben, denn nicht immer gehen die eben rein – selbst wenn der Club der Gegner ist. Und wenn Spieler wie Mintal und Eigler mit jedem Schuß ins Tor wieder die Zuversicht kriegen, dass es auch klappt, wenn sie abziehen, dann sieht man eben, dass die Bälle dann auch reingehen – eben weil sie es “können”, weil sie die Schußtechnik haben. Wir sind in Nürnberg nach wie vor in der Situation, dass wir die Qualität für den Aufstieg in den Reihen haben, man muss es einfach zusammenbringen.

Wie lange Oenning und sein Trainerstab dafür brauchen, wird man sehen müssen. Und ob es dann am Ende noch reicht für das Saisonziel, auch.

Bild mit freundlicher Genehmigung fcn.de


Lies auch die andere Sichtweise von belschanov:
Zehn Spiele – dreizehn Punkte

20 Gedanken zu „Das Werder Bremen der 2. Liga

  • Ich freu mich ja schon, dass wir diesmal nicht Frankfurt sondern Bremen sind :mrgreen:
    Ansonsten sehe es genauso wie du. Wir brauchen Ruhe. Aber wir Franken sind nun mal alte Meckerer. (Das mit Club-tv kann ich bestätigen; Auch ich hieß dort Anthony und kam irgendwo von den Seychellen)

  • Ich hab mir die Kritik natürlich zu Herzen genommen, Gretl, und vergleich uns jetzt nacheinander mit der ganzen Liga, danach Serie B in Italien und perspektivisch versuch ich es mit dem asiatischen Raum …

  • Wenn der Vergleich zu Werder Bremen nicht zu vermessen war, dann müsste der Club morgen “Haushoch” gewinnen.

  • naja, der “Vergleich” beschränkte sich eher auf gewisse “Parallelen” und Momentaufnahmen – aber mal ein Auswärtssieg sollte auch dem Club mal gelingen dürfen, gerne auch mal mit mehr als einem Tor Unterschied

    Der Vergleich zu Werder war auch nicht “vermessen”, er war erstens ne Anspielung auf den vor der Saison herumgehenden Vergleich “FC Bayern von Liga 2” und in Bezug auf Werder das auseinanderklaffen von Anspruch und Punktausbeute. Aber ich denke schon, dass ich das so auch formuliert hab.

  • Ja klar, aber ich provoziere schon mal gerne. Der Beitrag war natürlich korrekt formuliert und auf sehr zutreffend. Allerdings müssen wir uns wohl in Geduld üben. Und wie das Gretl richtig festgestellt hat, fällt uns Franken dies offensichtlich schwer. Aber ich finde, dass bei aller Kritik über den bisher enttäuschenden Club, etwas “Situationskomik” nicht fehl am Platze ist. Es sind noch 24 Spieltage vor uns. (Hinweis für alle Statistiker)

  • Wollte noch formulieren: …und auf einem sehr hohen Niveau.

  • Was Du schreibst, Alexander, trifft absolut zu. Ich habe da eigentlich gar keine andere Sichtweise. Ich zögere nur, glauben zu wollen, dass die bisher unbefriedigenden Leistungen der Mannschaft allein mit den von Dir treffend beschriebenen “äußeren Umständen” zu erklären sind. Dieses Zögern hat auch damit zu tun, dass ich mir die Illusion bewahren will, dass die Spieler “besser können”. Meiner Meinung nach sollten Mintal, Pinola, Kluge, Mnari, Reinhardt, Eigler, Charisteas, die ja alle “gestandene” Profis sind (bzw. sein sollten), auch unter diesen nicht-idealen Rahmenbedingungen mehr zeigen.

    Ich hatte eigentlich gehofft, dass die mangelhaften Leistungen (oder die mangelnde Leistungsbereitschaft?) der von mir genannten Spieler unter von Heesen damit zu tun hatten, dass sie mit diesem Trainer “nicht konnten”, und dass diese Spieler dann ihrem Wunschtrainer Oenning helfen. Es sieht aber doch so aus, dass der Trainer den Spielern helfen muss (ist ja im Prinzip auch seine Aufgabe). Wollen wir hoffen, dass Oenning ihnen helfen kann, wieder in die Spur zu kommen…

    Bei mir stehen weiterhin in erster Linie die Spieler in der Kritik – auch unter den schwierigen “äußeren Umständen”. Die Spieler haben’s verbockt, jetzt müssen sie es wieder richten…

  • auch ohne Ironie: Ganz Deine Meinung belschanov. Morgen sind wir entweder bestätigt oder …(“frustriert”)

  • Eben! Entweder gewinnen hier heute oder halt dann das nächste Mal.
    Um es in der Sprache der Sendung mit der Maus zu sagen : Das war sarkastisch!

    Was sollen wir denn auch schon anderes tun? Wir stehen eh ned aufm Platz. Also Daumen drücken und mitfreuen/mitleiden.

  • lol, belschanov!!
    EENE MEENE MECK UND DU BIST WEG!!
    (Das natürlich an St. Pauli gerichtet!!)

  • Solange es nicht wieder wie bei Paulchen Panther abläuft und unsere Spieler sich mal wieder sagen, nachdem sie 85 Minuten abwartend und kontrolliert dem Gegner zusahen:

    Wer hat an der Uhr gedreht?
    Ist es wirklich schon so spät?
    Soll das heißen, ja ihr Leut
    Mit dem Spiel ist Schluss für heut!

    Heute ist nicht alle Tage,
    Mir kumma wieder, keine Frage!

  • lol! Aber eins irritiert mich: kontrolliert? Oder meinst du kontrolliert abwartend, oder etwa abwartend kontrolliert? Sie können kontrollieren?

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