Derby-Time – Schluß mit Wattebausch

Jetzt kommt sie langsam doch: Derby-Stimmung.

Nürnberg gegen die Westvorstadt, die Mutter aller Derbys. Geboren in den frühen Jahren des letzten Jahrhunderts, als die Frankenmetropole noch das Herz des deutschen Fußball stellte, als zwischen dem Club und dem Kleeblatt noch die Meisterschaften ausgemacht wurde und der Club seinen ersten Titel im Endspiel gegen das Kleeblatt holte oder die Nationalelf im wesentlichen aus Blöcken dieser Vereine gestellt wurden. Damals, als man dann die gleiche Anreise hatte und dennoch in anderen Zügen fuhr und ein Wechsel zwischen den Vereinen Hochverrat gleich kam.

Und heute? Der Lack ist bisschen ab. Der Club nach nochmals kurzem Erwachen in den 60ern zur Fahrstuhlmannschaft degradiert und – was mindestens so schlimm ist – längst weit hinter dem ehemaligen Groß-Bauerndorf Minga die zementierte Nummer 2 in Bavaria sein zu sollen.
Und die Westvorstadt? Konnte sie eh nie ganz den Ruhm des Club erreichen, fiel man in die sportliche Bedeutungslosigkeit und musste kurz vor dem Kollaps durch eine Fusion mit einem Dorfverein quasi gerettet werden. Übrigens ein sehr (ehemals) sympathischer Dorfverein namens TSV Vestenbergsgreuth, den ich auf dem Schwalbenberg oft live besuchte, der mit dem Pokalsieg über die Batzis für Furore sorgte (das Spiel wurde übrigens ausgetragen im Frankenstadion) und die mit Harry Koch einen kleinen Star herausbrachte, der immer bisschen aussah wie eine Mischung aus Wolfgang Petry und Loretta (aus dem Leben des Brian) und in seinem Laufstil an den “Traber” (O-Ton meines Vaters) Jürgen Klinsmann erinnerte.

Erst kürzlich hatten wir hier ja eine kleine Diskussion, ob martialische Begriffe wie “Krieg”, “Kampf” oder “Hass” überhaupt was im Fußball verloren haben. Klar ist: Nein zu Gewalt! Und auch Aktionen wie im Playmobil-Stadion vor wenigen Tagen, als offenbar Ultars (Graffiti-Tag: UN) mit Spraydosen “Derby is War” besprühten (AZ) überschreiten meiner Meinung nach schon diese Grenzen, geht es hier klar um strafbare Delikte wie Sachbeschädigung und Hausfriedensbruch.

Also ein Derby ohne Emotionen? Grüne gegen rote Wattebausch-Wurf-Aktionen und werbewirksames Handgeklapper?

Im Gegenteil! Gerade neulich hat mein Nachbar, seines Zeichens Werderaner und Weser-Blogger, mit mir bei einem Bierchen den Verlust von gesunder Rivalität beklagt. Kaum eine spannende Pisackerei mehr in der Bundesliga und 2. Liga. Aus München hört man ständig nur noch was von “Respekt” und “Ohmmm” und das schon so penetriert, dass einem der Respekt die Halsader schwillen lässt (oder die Füße einschlafen) und selbst vom Lautsprecher der Nation, Christoph Daum, kommen Null “Kampf”ansagen gen Uli, der nur noch mit Seitenhieben und Sticheleien auf die eigenen Spieler wie Rensing, Schweini oder Poldi auffällt. Einzig Dortmund und Schalke hält die Spannung aufrecht, vor dem Nord-Derby Bremen gegen Hamburg fehlt nur noch, dass Spieler und Trainer beider Mannschaften gemeinsam zum Essen gehen. Und wenn selbst ein Neururer schon auffällt, wenn er Duisburg zum Herausforderer um den Meistertitel ausruft, sagt das schon alles über die Weichspültendenzen.

Am Rande kleine Bosheiten des Alltags: Der Fürth-Witz

Was sagt ein Nürnberger zu einem vor sich kriechenden Auto mit LAU-Kennzeichen?
Lauter Anfänger Unterwegs
Und mit FÜ?
Fahrer Übt
Und wenn der Schleicher selbst ein N-Kennzeichen hat?
Wer hat denn dem Fürther ein Nürnberger Auto gegeben?

Gesunde Rivalität und bisschen Stänkerei, das gehört einfach dazu zum Fußball, solange es auf verbaler Ebene bleibt und sich in einer Spannung entlädt, die sich am Platz auf die Spieler überträgt und dort in leidenschaftlichen Kampf und Leistung kanalisiert und auf die Tribünen mit enthusiastischer Unterstützung bis zur letzten Minute. Aber auch nicht länger, danach muss auch wieder gut sein.

Fußball ist vor allem ein Männersport, da geht es nun mal verbal oft rauher zu (wobei ich auch Frauen kenne … oh la la). Da sollen Familien gern auch zusehen können, da soll keiner um seine Sicherheit fürchten, aber Pöbeleien finden in Fankreisen eben weiterhin großen Anklang. 😛

Es entstand eine rege Diskussion, letztlich stellte sich heraus, dass das Pöbeln nach wie vor großen Anklang findet.

Aus dem Protokoll Eintracht-Fanvertreterversammlung 2007 (Quelle)

Am Sonntag wird es wieder zum Derby kommen, sicher wieder vor 45.000 Zuschauern, wie 1996/97, damals in der Regionalliga (damals 3. Liga), was der Zuschauerzahl erst eine besondere Bedeutung gibt. Jetzt trifft man sich in Liga 2 wieder und – da machen wir uns nichts vor – die Westvorstädter stehen da, wo wir (mindestens) gern wären: Auf Platz 4 in Schlagdistanz zu den Aufstiegsplätzen. Wir dagegen dümpeln auf Platz 9 rum und versuchen gerade mal in die Spur zu finden. Dazu haben die Kleeblätter das, was wir gern hätten: Einen Stürmer, der für Furore sorgt. Dafür haben wir einen Überläufer bei uns in Reihen, der nach seiner Ausbootung letztes Jahr in der Westvorstadt sicher besonders heiß ist zu zeigen, wie gut er ist: Juri Judt.

Zeit also, das Bild wieder etwas zu korrigieren und Möhlmann, dem Trainer, der “noch kein Derby verloren hat“, seine Serie endlich zu beenden. Damit am Ende die Westvorstädter auch dieses Jahr wieder zusehen, wie andere aufsteigen, und wir uns auf den Weg machen zum Rekordaufsteiger – einem Titel, den uns selbst die In-Arsch-gepuderten-Batzis wohl nicht mehr stehlen können, wenn man es schon schaffte, unsere Meistertitel der Vergangenheit aus der offiziellen Statistik zu streichen.

Also erwarten wir einfach einen schönen Sonntag und dann auch Montag, wenn die Nürnberger sich im Büro auf die Kollegen aus der Westvorstadt freuen dürfen.

Aber vielleicht sollte das einer den Club-Spielern mal nochmal sagen: Wenn ihr nicht aufsteigen solltet, aber in der Saison mit zwei Siegen die Fürther weghaut und die deswegen auch nicht aufsteigen, dann war alles nicht ganz so schlimm.

Wie gesagt: Alles nur nicht zu bierernst nehmen! Aber ein bisschen Würze gehört schon dazu. 😉

(P.S.: Hat jetzt einer Radio Energy heute morgen gehört? Waren wir drin, oder was? Ich glaub, die hatten mich einfach noch nicht in Derby-Stimmung erwischt. *grins)

Bild mit freundlicher Genehmigung fcn.de

10 Gedanken zu „Derby-Time – Schluß mit Wattebausch

  • 21.11.2008 um 16:27
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    Alexander, ist mußte wirklich schmunzeln, als ich las, dass Du scheinbar begeisterter Greuther warst, dennoch auf die ” richtige Seite der Macht” gelangt bist. Respekt..;-))

    Meine ersten Erinnerungen ans Derby gegen die Westvorstädter datieren aus der Zeit, als ich in Fürth ins Gym kam. Mein erster Lateinlehrer ging mit meinem Färdder Kumpel und mir ins Stadion. Als seriöser Pädagoge versuchte er Objektivität zu wahren. Sein süffisantes Schmunzeln über unsere jugendliche Subjektivität während des Spieles bleibt mir ewig ins Gedächtnis gebrannt. Es war nur eine Frage der Zeit, bis das erste Tor fiel…und es fiel…auf der falschen Seite! Da wurde sein Schmunzeln eher geqüält. Und als das Spiel ohne weitere Tore zu Ende war, trabten 2 Frustierte neben einem ” aufmüpfigen ” Westvorstädter. Und die Schmähungen am Montag danach…. Natürlich war war ich auch des öfteren im alten Ronhof, besonders erinnere ich mich an das ” Abbruch-Derby”, bei dem ich selbst heute noch überzeugt bin , dass die Westvorstädter für den Abbruch verantwortlich waren wegen der zu erwartenden Niederlage. Die Westvorstädter hatten in der ersten Hälfte uns mit 4:0 in die Halhzeit geschickt, aber Nüssing & Co kamen mit ungeheuren Elan aus der Kabine und wirbelten sich in einen Spielrausch.Als dann nach ca 60min das 4:2 fiel , pfiff der Schiri gar nicht mehr an. Ich hatte, obwohl an der Mittellinie stehend ,nur wenig bemerkt von irgendwelchen Rauchbomben. Da kamen vereinzelt aus einer ganz anderen Richtung. Damals dürften ca 28 000 Zuschauer da gewesen sein, von denen bestimmt 20 000 aus Nemberch waren. Und wir waren uns alle sicher, dass das Spiel noch gewonnen wird. Und die Färdder, dass sie verlieren würden. Wer hätte da wohl Grund zum Abbruch gehbt??..;-). Auf dem Heimweg habe ich mich , wohl das einzige Mal, als Maulheld betätigt. Auf der einen Strassenseite schimpften die Glubberer, auf der andern die Grünen. Das Spiel wurde später für die Westvorstädter gewertet.
    Heute habe ich meinen ersten Glubbschal in der Arbeit vorgeführt.Ca 10 Jahre alt, nur die Farben weisen auf den Glubb hin: WO IST FÜRTH?? Ein Färdder war nicht sehr begeistert, eine Arbeitskollegin konterte: Was macht ein Färdder, wenn er in der Bundesliga aufgestiegen ist?? Die Playstation aus!!
    Ich freu mich einfach auf Sonntag.Ich habe schon genug Niederlagen gegen die Färdder erleben müssen. Ein Sieg über die Westvorstädter habe ich viel zu lange nicht erlebt… es wird Zeit!!

  • 21.11.2008 um 16:34
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    Zitat KUZ :

    Alexander, ist mußte wirklich schmunzeln, als ich las, dass Du scheinbar begeisterter Greuther warst, dennoch auf die ” richtige Seite der Macht” gelangt bist. Respekt..;-))

    Da war ich glaub ich schon Clubberer und das war mehr so zum Ausgleich am Sonntag Nachmittag mit dem Onkel. Damals war das ja nicht zu ahnen, dass es mal so schlimm kommen würde mit den Greuthern. Aber die Stimmung am 400 Seelen Kaff war grandios, das war noch richtig Fußball. Die hatten so nen ziemlich kräftigen Stürmer damals, glaub der hieß Thomas, und der hatte Oberschenkel so dick wie der ganze Marko Marin, der hatte einen Schuß! Alter Schwede. Das war einfach Fußball mit Fußballern, der eine schnell, der andere langsam, der eine ein harter Hund, der andere ein Schlitzohr – schön war das damals.

    Schöne Geschichte übrigens!

  • 21.11.2008 um 17:05
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    Jaja, jeder hat so seine Erinnerungen an die Derbys…

    Ich kann mich erinnern, dass ich bei besagtem 1:0 in der Regionalliga 1996/97 (ich glaube, Oechler war der Torschütze) feuchte Augen bekommen habe. War eine vergleichbare Situation wie heute: Wir frisch abgestiegen, die anderen wollten es uns zeigen. Naja, und da hat der Oechler damals die Verhältnisse zurecht gerückt und mir ein paar (Freuden-)Tränen beschert.

  • 21.11.2008 um 17:07
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    Danke Alexander, ich war damals auch des öfteren “auf” Langenzenn.Der Aufstieg unseres kleinen Heimatvereins von der ( damaligen) A-Klasse in die Bezitksliga, später sogar in die Landesliga Mitte. Und mit jenem unvergessenen Ebenhöh, dem einzigen Glubbspieler , der in jedem seiner BuLi-Spile für den Glubb ein Tor geschossen hat..;-)), danach aber zu den Westvorstädtern wechselte, bevor er mit einem anderen Knaller namens Kattendick die Landesliga aufmischte. Heute spielt der TSV wieder in der A-Klasse, nach diversen Reformen ist es aber heute die unterste Klasse im Amateur-Bereich.
    Übrigens gabs früher noch eine 3. Tageszeitung in Nürnberg ( irgendwas wie Fränkischer Tadeszeitung). Da gab es nach jedem Glubbspiel eine kleine ” Glubberer ” Karikatur mit einem Nürnberger Trichter , der , entsprechend des Ergebnisses am WE, gezeichnet war. Das wäre doch mal ein Tip für heute… ;-))

  • 21.11.2008 um 17:13
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    P.S zu 4: Der jubelnd hüpfende Glubberer fehlt mir heute ( Karikatur!)..;-))

  • 21.11.2008 um 17:27
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    Meine letzte Live-Derby-Geschichte war ein Vorbereitungsturnier im Ronhof – ziemlich dröge Angelegenheit. Nur hinter dem Hügel (der die eine Kurve bildete) auf der Wiese dahinter kloppten sich die Blöden und daher drehten dort sich die halbe Kurve um und sahen lieber dort zu als dem Gekicke am Rasen. Absurde Sache damals, wenn du auf die Kurve drüben guckst und die drehen sich alle vom Spielfeld weg. Wie es ausging weiß ich nicht mehr, weder hüben wie drüben, war damals auch wurscht irgendwie (also hammer wohl verloren, heißt das wohl…). – Aber großes Derby-Fieber sonst war da nicht. – Lustig war eher ein Jena-Fan (die spielten auch mit im Turnier), der zu Turnierbeginn auf die Steintreppen kam und sich gleich vor uns in seinem Suff schlafen legte. Genau zum Ende des Mini-Turniers wachte er wieder auf und fuhr mit dem Bus wieder heim. 😆

  • 21.11.2008 um 17:38
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    (Hab von 6 bis ca. 8 Uhr gehört. Da war nix bei. Nur ein kleines Interview eines Fürther -Fans. Und ne Tipp-Aktion wie es ausgeht. Da fast nur Fürther angerufen haben, hab ich ausgemacht. Zuviel Fürth am frühen Morgen vertrag ich ned)

  • 21.11.2008 um 18:03
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    (allerdings, Alexander. von dem hätt ich sogar noch was lernen können 😛 )

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