Als das Derby noch ein Derby war

“Infolge eines von einem Fürther Spieler erhaltenen Schlages sah sich ein Nürnberger veranlaßt, demselben einige schallende Ohrfeigen zu verabfolgen, die der Fürther Herr in gleicher, vielleicht noch kräftigerer Weise erwiderte.” (Bausenwein, Kaiser, Siegler: 1. FC Nürnberg – Die Legende vom Club. Göttingen 1998. S. 275)

Diese Sätze sind nicht dem Protokoll einer polizeilichen Vernehmung entnommen. Sie stammen aus einem Zeitungsbericht über die “sportliche” Begegnung zwischen der SpVgg Fürth und dem 1. FC Nürnberg, die am 20. November 1910 – also fast auf den Tag genau vor 98 Jahren – in Fürth stattgefunden hat und die den Beweis liefert, dass Fett im Fußball nicht nur ein Schmierstoff ist, mit dem der Gerätewart das runde Leder, um das diese Welt sich dreht, geschmeidig macht, damit es die Fußtritte der Spieler besser verträgt. Na ja, statt macht muss man heute wohl machte sagen, denn infolge des technologischen Fortschritts bestehen Fußbälle ja nicht mehr aus Schweinsleder, sondern aus Polyurethan, und diese High-Tech-Bälle braucht man nicht mehr einzufetten, aufpumpen muss man sie immer noch…, doch ich beginne mich zu verlieren; was ich sagen will, ist ja nur, dass Fett im Fußball auch dazu dienen kann, dem Gesicht des Gegenspielers eine gehörige Portion davon zu verabreichen, und zwar nicht per pedes, sondern manuell.

Natürlich sollten Fußballspieler auf Handgreiflichkeiten von der in dem Zeitungsbericht geschilderten Art verzichten. Allein schon deshalb, weil sonst der Schiedsrichter dafür sorgt, dass die “Körperpflege danach” nicht im trauten Kreis der Mannschaftskameraden stattfindet (was übrigens auch bei den beiden Streithähnen des zitierten Derbys der Fall war). Andererseits kann man solchen der Hektik des Spiels geschuldeten Affekthandlungen, die den Stoff liefern, aus dem die Anekdoten sind, einen gewissen “Charme” nicht absprechen. Und solange es nur innerhalb des mit weißen Linien abgegrenzten Geheges des Spielfelds zwischen unterschiedlich gekleideten Akteuren zu Rangeleien kommt, ist das zwar ein Verstoß gegen die sportliche Fairness, aber bei weitem nicht so schlimm, wie wenn auf Hass gedrillte Horden hirnloser Fußball-“Fans” ein Derby zum Anlass nehmen, um das Kriegsrecht auszurufen. Man kann sich nur wünschen, dass es bei dem am Sonntag anstehenden 252. Derby zwischen dem Club und den Fürthern im Umfeld des Stadions und auf den Rängen nicht zu Ausschreitungen kommt und man hinterher feststellen kann, dass die in bestimmten FCN-Fangruppen ausgegebene Losung “Derby is war” im Ergebnis nicht mehr war als halbstark-verbale Schaumschlägerei (Alexander berichtete).

Dass sich am Sonntag auf dem Spielfeld ähnliche Szenen abspielen wie bei dem Derby vor 98 Jahren, ist nicht mit Sicherheit auszuschließen, aber diese Gefahr ist wohl nicht größer als bei anderen Spielen auch. Die Zeiten, als sich im Derby noch elf waschechte Nürnberger und elf waschechte Fürther gegenüberstanden und beide Parteien nicht nur auf Torejagd gingen, sondern auch lokalpatriotische Animositäten austrugen, sind passé – ein Umstand, der Alfred daran zweifeln lässt, ob man da überhaupt noch von einem “Derby” sprechen kann. “Frieher”, sagte er gestern Abend am Tresen zu mir, “frieher wie bai die Färther da Mai nuch gschbilld hodd und da Erhardt und baim Glubb da Morlogg und da Bergner und wie sa alle ghaasn homm, do woor des nuch a Därby, obber haid schbilld doch kaum noch a Franke baim Glubb und bai di Gleebläddler, haid schbilld doch Muldi-Kuldi geecha Muldi-Kuldi, do konnsd doch von am ächdn Därby goor nimmer reedn.”

Na ja, mit “kaum noch ein Franke” hat er nicht ganz recht, der Alfred; beim Club stehen mit Perchtold und Pagenburg – die beiden sind sogar in Nürnberg geboren – sowie mit Reinhardt und Eigler immerhin vier “echte” Franken im Kader, wobei man zusätzlich noch den zurzeit leider verletzten Andreas Wolf und Juri Judt nennen könnte, die zwar in der ehemaligen Sowjetunion geboren sind, aber seit ihrer Kindheit in Franken leben. Wie es bei den Fürthern aussieht, weiß ich nicht so genau, im Moment fallen mir nur Meichelbeck und Felgenhauer ein. Aber selbst wenn das nicht so wäre, wär’s mir egal, Hauptsache, der Club gewinnt das Spiel, und da spielt es keine Rolle, ob der Ghanaer Boakye, der Argentinier Pinola oder der aus Roth bei Nürnberg stammende Christian Eigler den Siegtreffer erzielt.

Übrigens: Das Waadschn-Derby vom November 1910 hat der Club mit 1:2 verloren. Grund genug also für Boakye, Eigler & Co., Revanche zu nehmen. Per pedes wohlgemerkt, nicht manuell…

Und wenn das gelingt, stört es den Club-Fan wenig, dass das Derby vielleicht kein “waschechtes” Derby war – und der Ball nicht aus Schweinsleder, sondern aus Polyurethan.

4 Gedanken zu „Als das Derby noch ein Derby war

  • 22.11.2008 um 19:33
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    Lieber belschanov, vielleicht habe ich die Passage mit den ” Franken im Kader” missverstanden, aber ich glaube wir können doch schon unseren ” fränkischen Vorzeige”( Leit-) Wolf, trotz seines unausprechlichen Geburtslandes, als “echten” Franken bezeichnen. Dieses Prädikat könnte auch dem ” Feuchter” Perchthold zustehen, für Juri Judt gilt gleiches wie Wolf, aber ich glaube , Judt lebte sogar seit Kindheit an in Nemberch. Und derr Chunnly dürfte auch noch genannt werden..;-)))
    Zu dem Kader der Westvorstädter kann ich natürlich nix sagen ( Haben die überhaupt eine Mannschaft ???)
    In der NN habe ich beim Derby-ABC eine Episode gefunden, die mir Tränen vor Lachen ins Gesicht trieb. Ich möchte sie hier gern erwähnen:

    ” Bumbes, der: hieß eigentlich Hans Schmidt, geboren in Fürth, im Herzen ein Clubberer. Kommentierte das 2:7 seines 1. FCN 1956: «Die Tränen haben mir in den Augen gestanden, wie die gespielt haben. Ausgerechnet die Blödel aus Fürth gewinnen das.« Schmidt war damals Trainer der Spielvereinigung.”

    Bumbes, Du bist mein Held…..;-))))

  • 22.11.2008 um 20:14
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    @KUZ

    Danke für den Hinweis mit Perchtold. Den habe ich glatt vergessen, obwohl ja gerade er genannt werden müsste, weil er sogar in Nürnberg geboren ist. Gleiches gilt für den ebenfalls in Nürnberg geborenen Pagenburg.

    Bei Judt und Wolf habe ich mich nicht getraut, weil die in Kasachstan bzw. Tadschikistan geboren sind.

    Perchthold und Pagenburg werde ich auf alle Fälle noch in den Text einarbeiten.

    Nochmals danke für die Hinweise.

    Bleibt nur zu hoffen, dass sich Oenning morgen in der Pressekonferenz in einer angenehmeren Situation befindet als damals Bumbes Schmidt…

  • 22.11.2008 um 21:11
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    Und ich war schon geneigt zu vermuten, dass Du Ansbach als bayrische Enklave ( politisch gesehen !!) ansiehst..;-))

    Was mir auffällt , um nicht zu sagen missfällt, dass in der Historie des Derbys , mit Ausnahme des allerersten Spiels sowie des Meisterschsftsendspiels nur Niederlagen des Ruhmreichen erwähnt werden ( auch bei Dir!!..;-))

    Gibts denn seit 1920 keine bemerkenswerten Glubbsiege mehr?????????????

  • 23.11.2008 um 10:53
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    @KUZ

    Besser nach dem Derby über einen Sieg sprechen als vorher über vergangene Siege, die heute nichts mehr zählen, außer dass sie Stoff für Anekdoten bieten…

    So sehe ich das.

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