Remember 85

Manchmal, kurz vor dem Einschlafen oder im Schlaf, wenn ich träume, oder während des Aufwachens, oft auch in akut auftretenden Tagträumen (ich bin ein Träumer) ist der Film plötzlich da: Ich sehe, wie Eckstein den Ball in halblinker Position zum Tor am Strafraum annimmt. Von wem das Anspiel kam, weiß ich nicht mehr (ich habe die Spielszene nur ein-, zweimal im Fernsehen gesehen, man sollte sie mal wieder zeigen). Ich weiß nur, dass ich, als ich diese Spielszene im alten Nürnberger Stadion, das damals noch nicht Easy-Credit-Stadion und auch noch nicht Frankenstadion, sondern schlicht Städtisches Stadion hieß, von Block neun aus beobachtete, keine allzu große Hoffnung hatte, als Eckstein mit dem rechten Fuß abzog. Der Ball bleibt an irgendeinem Verteidigerbein hängen, dachte ich, oder er geht daneben oder der Torwart hält. Und dann sehe ich den Ball, in den ich so wenig Hoffnung setzte, zwischen dem rechten Torpfosten und dem ausgestreckten rechten Arm des auf dem Boden liegenden Torwarts flach im Netz einschlagen, ein Stück weit das gespannte Tornetz hinaufklettern und auf den Rasen zurücktropfen.

Oder eine andere Szene aus der 90. Minute des gleichen Spiels: Ein Spieler der gegnerischen Mannschaft läuft unbedrängt auf Haider zu. Wenn der durchgebrochene Angreifer zum 1:1 trifft, ist alles vorbei. Aber er trifft nicht, weil Haider ihm mit einer halsbrecherischen Parade  (der Torwart musste Kopf und Kragen riskieren…) im Strafraum das Leder, das wohl nicht nur ich schon im Netz sah, vom Fuß angelt. Und dann sehe ich, wie „Tom“ Brunner, der noch unbedrängter ist als Sekunden vorher der an Haider gescheiterte Spieler, wie an der Schnur gezogen von der Mittellinie aus dem gegnerischen Tor entgegenstrebt, den Torwart umkurvt und zum 2:0 einschiebt.

Dass diese beiden Tore, die am letzten Spieltag der Saison 1984/85  gegen die als Tabellenführer in die Noris gereiste Mannschaft von Hessen Kassel erzielt wurden, in meinem Gedächtnis eingebrannt sind wie die Zeilen eines auswendig gelernten Gedichts, hat seine Gründe. Sie bescherten dem Club, der ein Jahr vorher sang- und klanglos aus der Bundesliga abgestiegen war, die Zweitligameisterschaft und damit die Rückkehr ins Fußball-Oberhaus – ein Triumph, auf den in dieser Saison lange Zeits nichts, aber auch gar nichts hindeutete. Nach dem dritten Spieltag fand sich der FCN nach einem 0:0 im Heimspiel gegen Hertha BSC und Niederlagen in Hannover und Bürstadt mit 1:5 Punkten auf dem letzten Tabellenplatz wieder. Am 12. Spieltag leistete die Club-Mannschaft beim 1:1 im Heimspiel gegen RW Oberhausen einen fußballerischen Offenbarungseid, den Trainer Heinz Höher mit einem für sechs Uhr früh terminierten Straftraining quittierte, worauf die Mannschaft mit einem Aufstand gegen den Trainer reagierte und das Präsidium schließlich mit dem Rauswurf der Rädelsführer Horsmann, Kargus, Weyerich und Lottermann sowie der Spieler Walz und Krella.  Am Ende der Vorrunde stand der Club, der mit einer „Fohlenmannschaft“ weiterspielte, in der sich Reuter, Dorfner, Eckstein und Grahammer als Leitwölfe herauskristallisierten, mit 21:17 Punkten auf dem achten Tabellenplatz (sechs Punkte Rückstand auf den Tabellenführer Aachen, fünf Punkte Rückstand auf den Zweiten Saarbrücken, vier Punkte Rückstand auf den Dritten Kassel).

Lässt man die Vorrunde der aktuellen Saison Revue passieren, kann man mit nicht allzu viel Phantasie den Eindruck bekommen, als sei das Drehbuch dazu 24 Jahre vorher geschrieben worden. Natürlich hat sich nicht alles exakt gleich ereignet, aber ein gutes Remake zeichnet sich ja dadurch aus, dass es die Vorlage nicht eins zu eins kopiert. Ähnlichkeiten sind auf alle Fälle unverkennbar (und, wenn man das Saisonende betrachtet, auch erwünscht!): Ein gründlich misslungener Saisonstart (nach dem siebten Spieltag rangierte der Club mit gerade mal sechs Punkten auf dem 14. Platz); eine Mini-Revolte gegen von Heesen nach dem zweiten Spieltag, die diesmal nicht mit der Entlassung von Spielern, sondern mit der Trennung vom Trainer endete; ein fußballerischer Offenbarungseid beim 0:0 im Heimspiel gegen den FSV Frankfurt, den Oenning mit einer Runderneuerung der Aufstellung im darauffolgenden Spiel in Ingolstadt quittierte; schließlich ebenfalls ein achter Tabellenplatz nach Abschluss der Vorrunde, der, wenn man die heute geltende Drei-Punkte-Regel in die damalige Zwei-Punkte-Regel umrechnet, sogar eine etwas günstigere Ausgangsposition bedeutet als in der Saison 1984/85 (25 Punkte, sechs Punkte Rückstand auf den Tabellenersten Mainz und den Zweiten Kaiserslautern und fünf Punkte Rückstand auf den Dritten Freiburg).

Wenn die Rückrunde ebenfalls nach Drehbuch verläuft, müsste sich der Club im neuen Jahr Schritt für Schritt nach vorne schleichen und im letzten Saisonspiel gegen 1860 München die Rückkehr in die Bundesliga klarmachen. Gemäß Drehbuch müsste dann ein Stürmer (Boakye? Eigler?) das 1:0 und ein Abwehrspieler (ich würde es Reinhardt, an den ich nach wie vor glaube, gönnen) das 2:0 erzielen…

Tja Freunde, wenn die Rückrunde wirklich so verläuft, wie es das Drehbuch vorsieht, wäre das ein Traum. Aber bekanntlich muss man mit Träumen und Visionen – auch mit Weihnachtsvisionen – vorsichtig umgehen. Ob jemand, der Visionen hat, dem Rat eines ehemaligen Bundeskanzlers, der gestern seinen 90. Geburtstag feiern durfte, folgen und zum Arzt gehen sollte, sei mal dahingestellt. Aber der Jubilar, dem zu Ehren ich mir gestern nicht nur eine Blend 29 angesteckt habe, hat auf alle Fälle Recht, wenn er empfiehlt, sich eher an Augenmaß und praktischer Vernunft als an (ver-)blendenden Visionen zu orientieren.

Eine Haltung, die die Realität im Blick behält, fängt schon damit an, dass man statt wenn die Rückrunde nach Drehbuch verläuft sagt: wenn die Spieler das Drehbuch umsetzen. Auf die Umsetzung kommt es an. Und die dürfte in der Rückrunde, für die das Drehbuch konstante Leistungen auf hohem Niveau vorsieht, schwerer zu bewerkstelligen sein als in der Vorrunde, in der überwiegend mäßiges B-Film-Kino auf dem Spielplan stand.

Aber es war nicht alles schlecht in dieser Vorrunde. Oder sagen wir’s mal so: Bis zum Spiel gegen den FSV Frankfurt war es ziemlich schlecht und dann wurde es besser. Oennings Strategie, in Zukunft verstärkt auf junge Spieler (Maroh, Bieler, Judt, Frantz) zu setzen, hat im letzten Drittel der Vorrunde schon positive Wirkung gezeigt. Die Mannschaft hat sich leistungsmäßig stabilisiert und von den letzten fünf Spielen drei gewonnen und zwei unentschieden gestaltet – eine Bilanz, die sich durchaus sehen lassen kann.

Mit den von Bayer Leverkusen losgeeisten U-19-Europameistern Reinartz und Risse (und auch mit dem Bremer Diekmeier?) stoßen nun noch weitere „junge Wilde“ zum Club. Wenn diese Neuzugänge ähnlich gut einschlagen wie die bereits bewährten Jungspunde Perchthold, Maroh und Frantz, wenn Wolf und Gygax wieder zur Verfügung stehen, wenn Kluge (für mich der Mann der Vorrunde) sich weiterhin so stark präsentiert und wenn Mintal sich noch mehr steigert, als er das im bisherigen Saisonverlauf ohnehin schon getan hat, ist die Hoffnung, dass die bevorstehende Rückrunde ein Remake der Rückrunde der Saison 1984/85 wird, keine blanke Utopie.

Alfred, der mit dem gerade 90 Jahre alt gewordenen Ex-Kanzler den Hang zum Nikotin teilt (anders als dieser zieht er die Glimmstengel allerdings nicht hanseatisch-staatsmännisch aus der in der Westentasche verstauten Zigarettenschachtel), schätzt die Situation so ein: „Fraili konnas nuch baggng da Glubb, senn ja bloß seggs Bungde, die senn schnell aufghoold. Wenna soo waidamachd wie zum End vo da Vorrundn, kenndas baggng, iech waas goor nimmer, wann da Glubb des ledsde Schbill verloorn hodd. Obber gwinna missada scho a weng efder, da Glubb muss lerna, a aansnull zu haldn, wenna lernd, a aansnull zu haldn, konnas baggng. Horch Michael, hosd a Zigareddn fir miech, konnsd ma aane geem. Odder gib ma glai zwaa, wall Waihnochdn is.“

In diesem Sinne wünsche ich Alexander, Stefan, Gretl und all den anderen hier im Blog frohe Weihnachten und ein neues Jahr, das nicht nur in Sachen FCN glücklich verläuft.

Beste Grüße,

Euer belschanov

13 Gedanken zu „Remember 85

  • Schäi gschriem, wäi immer. Su ähnli hobbis fuur a boor Wochn ja scho gsachd: „da Clubb wärd immer zu seim Gligg zwunger“
    Schäine Feierdooch a fier Diech.

    PS.an demm Dooch ’85 geecher Kassl, hodds dou ned middm underm Schbüül wäi bläid zu reenger oogfanger?

    0

    0
  • Schöner Ausflug in die Vergangenheit und eine hoffnungsvolle Parallele dazu. Allein ein philosophischer Einwand vielleicht dazu von mir: In Anspielung an Kleists Marionettentheater ist es schwer, eine natürliche Anmut, eine aus dem Moment heraus geborene Anmut und einer ungeplanten und uninszenierten Grazie, nach dem man diese Schönheit entdeckte, wieder zu reproduzieren. Wer einmal versuchte sein „Star-Lächeln“ auf dem einzigen Photo, das einem von sich selbst gefällt, vor dem Spiegel wieder zu rekonstruieren, weiss, was ich meine.

    Der Club 2008/09 erinnert sich vielleicht schon zu oft an die natürliche Anmut der Mannschaft von damals, die aus dem Moment geboren wurde und in ihrer Zufälligkeit entstand. Doch das Konzept, das damals keines war, soll heute gebastelt werden – ein ungemein schweres Unterfangen, wovor sich aber MO und MaBa offenbar nicht scheuen es anzugehen. Die Leichtigkeit von damals wird es aber nicht mehr geben, Arbeit und Akribie und Übung wird die Leichtigkeit der Unbekümmertheit von damals ersetzen müssen. Kein leichtes Unterfangen, aber kein unmögliches und ehrliche Arbeit und eine gute Strategie wird vom Fan ja auch gern genommen.

    Allen noch einen schönen letzten Feiertag!

    0

    0
  • @Alexander

    Ja, die „aus dem Moment heraus geborene“, „natürliche Anmut“ fehlt dieses Mal. Sollte es tatsächlich zum Remake von 85 kommen, wird es ein Produkt von Arbeit, Schweiß und kalkulierter Strategie sein. Aber wie gesagt: Ein Remake ist nie die absolute Kopie des Originals. Und die Leichtigkeit und Unbekümmertheit, mit der Reuter, Grahammer, Eckstein und Dorfner damals tanzten wie die Puppen des Kleistschen Marionettentheaters, ist auch nicht so einfach zu kopieren…

    @Derbfuss

    Es hat auf alle Fälle während des Spiels geregnet. Ob „wäi bläid“, weiß ich nicht mehr so genau. Ich habe dauerhaften Nieselregen in Erinnerung.

    0

    0
  • @belschanov, es ist doch eine schöne Tradition, an Weihnachten Wünsche zu äußern, von einer erfolgreichen Zukunft zu träumen und zum Jahresende das Jahr ( oder einfach Vergangenes)Revue passieren zu lassen…;-))

    Deine Schilderung des Saisonfinales 84/85 hat mich total begeistert.Und ich gestehe, ich ziehe hin und wieder( natürlich nur in meinem Innersten!) ähnliche Vergleiche ..;-)
    Auch ich war damals im Stadion, weiß aber nicht mehr genau wo ( Tendenz Block 2 oder 3), aber ich konnte mich an Regen ( Nieselregen) nicht mehr erinnern. Wohl an das 1:0 durch „Eckes“. Auch Deine geschilderte Parade wurde mir erst durch Deine Schilderung wieder lebendig…das 2:0 ist natürlich für die Ewigkeit gespeichert…wie der Tommy von der Mittellinie alleine auf das Tor zog….
    Ja, so eine Wiederholung ist erwünscht…;-)

    Dein Wunsch, dass diese Szenen mal wieder gezeigt werden, ist wohl unerfüllbar…schliesslich sind die Fernsehgewaltigen îm Bajuwarischen beheimatet. Die zeigen lieber die 35. Wiederholung von irgendwelchen Lederhosenbeinen…

    Da wir aber Weihnachten haben ( das Fest von auch erfüllbaren Wünschen und Hoffnungen), ist es dennoch möglich, Dir ein erneutes, visuelles Erleben dieses Spieles gegen Kassel zu ermöglichen. Wie es der Zufall will , habe ich meine alte Videocassette dieses Ereignisses gefunden und kann Dir eine knapp 30min. Zusammenfassung von ZDF, ARD und bayern 3 anbieten, die ich mir jetzt auf DVD gezogen habe…;-))

    Wenn Du also überprüfen willst, ob Dich Deine Erinnerungen trogen, melde Dich doch einfach bei mir…;-)..wäre auch ein kleines Dankeschön für eine wirklich tolle Kommunikationsplattform und Job , den Ihr uns über meinen heißgeliebten Glubb bietet…

    In diesem Sinne wünsche ich Dir, Alexander, Gretl und allen anderen Glubbfans ein gesegnetes Weihnachten und stoße natürlich auf eine Wiederholung von “ Remember 85″ an. Und ich weiß heute schon , dass wir uns wieder heftige Diskussionen aus einer das eine oder andere Mal konträren Sichtweise liefern werden … und darauf freue ich mich auch schon!! ;-))

    0

    0
  • ich war damals auf der haupttribüne. danach sehr betrunken irgendwo im biergarten in johannis, blauer hecht hieß die lokalität damals…..- sehr schöner tag, wie auch das auswärtsspiel bei den lilien kurz davor!

    tatsache, die vision könnte wahr werden, mit einer ausnahme: reinhardt kann froh sein, wenn er einen stammplatz bei den amateuren halten kann, ich hab da meine zweifel: in der ersten mannschaft werden wir ihn, falls keine epidemie die halbe mannschafft hinwegrafft, nie mehr sehen. hoffe ich……

    guten rutsch……

    0

    0
  • 84/85 Reloaded!?

    Da macht man nach „anstrengenden“ Weihnachten, viel Essen und auch eine wunderbar durchgemachte Nacht mit feinen Weinen und den lieben Geschwistern, den Blog hier auf und bekommt gleich das nächste schöne Gefühl serviert. Ja wäre hätte dieses Jahr nicht schon mal an die Saison 84/85 gedacht, wär hat nicht schon vergleiche zwischen den damaligen Jungen und den heutigen gezogen. Und auch ich war gegen Kassel damals im Städtischen, was für ein Tag!

    Und heute? Ganz so konsequent wie damals wurde die Neuausrichtung mit den jungen Spielern diesmal nicht gemacht, schon in den letzten Spielen kamen zum Teil wieder die „Alten“ rein. Sicher ein Mintal hat es gut gemacht und seine Tore waren wieder eine Pracht, aber hat er wirklich dem Spiel gut getan?

    Immerhin es kommen weitere Neue, die beiden Leverkusener und ich denke auch Diekmeier aus Bremen wird wohl nach kleinem Scharmüzel kommen. Aber wird MO auf sie bauen, wenn es mal enger wird? Wird man den Jungen die nötige Rückendeckung geben, wenn es mal ein paar Spiele nicht so gut läuft? Ich würde es mir wünschen.

    Es bleibt sicher spannend, ob Perchtold, Maroh und Co in die Fußstapfen von Eckes und Reuter treten können? Die waren/sind schon sehr groß, bei dem einen oder anderen könnte ich es mir schon vorstellen, wenn man ihnen von der sportlichen Leitung die nötige Unterstützung gibt.

    Mir ist auf alle Fälle jetzt schon die Winterpause zu lang ;-), freue mich sehr auf die Rückrunde und hoffe natürlich wie wir alle auf einen positiven Ausgang, Platz 1 oder 2! Bei Platz 3 würde sicher wieder der Klassiker „der Club is a Debb“ als soundsovielste Wiederholung aufgeführt, diese Wiederholung bräuchte ich echt nicht.

    Auch von mir noch einmal die besten Wünsche für diesen Blog und das neue Forum für 2009!

    0

    0

Kommentare sind geschlossen.