Zwei Wodka und ein Cappuccino

Ich setzte mich auf den Barhocker neben Hannes und bestellte beim Wirt ein Pils und hörte, wie Alfred sagte: „Naa, den kenni nedd, iech hobb ka Indanedd, iech hobb ja nedd amoll an Kombjuuda, mid soo am Zaich fangi auf maine oldn Dooch nimma oo.“

Hannes drehte sich mir zu: „Na, was sagste nun? Bin gespannt, was du heute wieder auszusetzen hast.“

„Was soll ich heute auszusetzen haben, heute hab‘ ich gar nix auszusetzen, aber am Montag, da hatte ich was auszusetzen. Ich frag‘ mich nur, wie man sich so knalldeppenhaft anstellen kann. Aber ich hab’s kommen sehen. Wie Mintal diesen blöden Ball in die Mitte spielte, habe ich’s kommen sehen. Das war ein Tor mit Ansage.“

„Typisch Club halt“, sagte der Wirt, „so was passiert nur dem Club. Als es den Freistoß gab, hab‘ ich’s auch geahnt. Die fangen noch eins, habe ich gesagt, passt auf, habe ich gesagt, die fangen noch eins, und dann war der Ball auch schon drin. Unfassbar so was. Sekunden vor dem Schlusspfiff. Nachdem man in der 89. Minute zwei eins in Führung gegangen ist. So was passiert wirklich nur dem Club!“

„Das Ding ist noch nicht gelaufen“, sagte Hannes, „nach dem Spiel heute glaube ich wieder an die Mannschaft, da geht noch was, sind ja noch zehn Spiele, die Fürther und die Mainzer, die werden auch noch Punkte liegen lassen und wenn der Club jetzt eine Serie hinlegt, dann kann’s noch klappen. Ich sag’s euch, da geht noch was.“

„Serie“, sagte ich, „ich kann das Wort Serie nicht mehr hören, dieses Wort gehört sich verboten, wenn ich Bundeskanzler wäre, würde ich dieses Wort verbieten lassen, das sollte im Bundestag beschlossen werden, aber so uneinig, wie sich die Koalition zu Zeit ist, würde das wahrscheinlich sowieso nicht durchgehen.“

„Des liechd om Wohlkampf“, sagte Alfred und sah zu mir herüber, wobei er den Zeige- und Mittelfinger seiner rechten Hand, die zu einem V abgespreizt waren, an seinen Mund führte, und ich fischte die Blend 29-Schachtel aus der Innentasche meines Jacketts, zog eine Zigarette heraus und reichte sie ihm rüber. „Om Wohlkampf liechd des, vor da Wohl sennsa sich imma unainich, doo braugsd nedd glaam, doss die sich ainichng kenna.“

Alfred steckte sich die Zigarette hinters Ohr und Hannes sagte: „Sag‘ mal, Michael, kennst du den? Da gibt’s im Internet so eine Clubfan-Seite, ist eine gute Seite, da schau‘ ich auf der Arbeit in der Mittagspause jeden Tag rein, da wird man über alles, was beim Club läuft, optimal informiert und da schreibt hin und wieder einer, das ist ein absoluter Schwarzseher, das ist genau so einer wie du…“

Ich kratzte mich am Kopf.

„… der sieht immer schwarz, nach dem Spiel in Duisburg hat der einen Artikel geschrieben, so ganz in dem Tenor, alles gelaufen für den Club, aber nicht nur in dieser Saison, sondern auch…“

Im Hintergrund waren die Rolling Stones zu hören:

… here it comes

Ich dachte an den Freistoß im Duisburg-Spiel und daran, wie ich mich zur Wand umdrehte, weil ich nicht hinsehen konnte.

„…sondern auch für die Zukunft überhaupt…“

h e r e  i t  c o m e s …

Ich dachte daran, wie der DSF-Kommentator „Gibt es doch noch eine Gelegenheit für den MSV Duisburg?“ sagte.

„…der hat geschrieben, mit dem Aufstieg würde es womöglich so lange dauern, wie nach dem Abstieg des Clubs 1969…“

h  e  r  e    i  t    c  o  m  e  s

Ich dachte daran, wie der DSF-Kommentator „Nein, das wird nichts“ sagte.

„…neun Jahre würde das dauern. Kennst du den? Das ist vielleicht ein Schwarzseher, einen russischen klingenden Namen hat der…“

h   e   r   e      i   t      c   o   m   e   s

Ich dachte daran, wie ich mich mit einem Gefühl der Erleichterung umdrehte und der DSF-Kommentator „Doch!“ rief.

„…Belanovski oder Belschanski oder so ähnlich…“

H E R E   C O M E S   Y O U R   1 9 T H   N E R V O U S   B R E A K D O W N

Ich sah den Ball an Schäfer vorbei über die Linie trudeln und hörte, wie der DSF-Kommentator „Das gibt es nicht!“ schrie.

„… Kennst du den? Kennst Du diese Seite?“

In meinem Magen machte sich ein flaues Gefühl breit und ich sagte: „Viel äh vielleicht. Kann äh schon sein, dass ich von dem äh schon mal was gelesen habe.“

„Den musst du unbedingt mal lesen“, sagte Hannes, „das ist ein Schwarzseher so wie du, das könnte dein Bruder sein.“

„Ich glaub‘, ich trink‘ heute mal ’nen Schnaps“, sagte ich, „trinkt ihr einen mit, ich geb‘ eine Runde aus?“

„Iech drink doch kann Schnabs“, sagte Alfred, „iech drink doch nedd amoll a Bier, iech verdrooch doch kann Algohool, obba wennsd maran Kabbudschieno ausgeem kenndsd.“

„Zwei Wodka und einen Cappuccino!“, rief ich dem Wirt zu.

„Diese Seite musst du dir mal anschauen, ist gut aufgemacht, ‚clubfans-united‘ heißt die. Und schau‘ dir mal die Artikel von diesem Schwarzseher, diesem Belschanski an. Bin gespannt, was der nach diesem souveränen 4:0 wieder rumzunörgeln hat.“

Der Wirt stellte die Getränke auf den Tresen und sagte: „Gibt’s was zu feiern?“

„Nee äh, nee“, sagte ich, „einfach äh so halt.“

„Klar gibt’s was zu feiern“, sagte Hannes, „drei Tore von Marek Mintal.“

Hannes hob das Wodkaglas und prostete mir zu.

„belschanov heißt der“, rief der Wirt über den Tresen, „belschanov, mit kleinem b schreibt er sich. Ich kenne die Seite, hab‘ hin und wieder mal was von diesem belschanov gelesen. Ist schon richtig, Hannes, ein Optimist scheint der wirklich nicht zu sein.“

Ich griff nach dem Schnapsglas, prostete kurz zurück und kippte den Wodka, so schnell es ging, in mich hinein und Alfred rührte in seinem Cappuccino.

11 Gedanken zu „Zwei Wodka und ein Cappuccino

  • Ja, es gibt so Phasen, da kann einen der Club ganz schön depremieren, man sollte sich mal überlegen eine Selbsthilfegruppe für frustrierte Clubfans zu gründen.

    Aber, wer weiß, vielleicht hat Hannes ja doch recht…..

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  • Ja, der Belanovski oder Belschanski (klingt fast wie ein neuer Club-Spieler aus Mazedonien) ist schon eine Stimmungsbremse – nix mit „himmelhochjauchzend-zutodebetrübt“. Der mit seinem Realismus raubt jedem, der gern in die Vollen geht, den richtigen Auf- und Abschwung der Gefühle. Andererseits trinkt er keinen Kappudschieno wie der Alfred…

    @belschanov: Danke für Deine Features, macht Spaß sie zu lesen!

    PS. Wikipedia über Features:
    Das Feature (englisch feature = Merkmal, Charakteristik) ist eine journalistische Textgattung. Features zeichnen sich durch dramaturgische Gestaltung , technische Kunstfertigkeit und eine große Vielfalt sprachlichen Ausdrucks aus. Sie enthalten sowohl Merkmale einer Reportage als auch einer Dokumentation.

    Das Feature ist ein journalistischer Text, der anhand konkreter Beispiele ein Thema illustriert, ohne den strengen Regeln des Nachrichtenschreibens zu folgen. Abstrakte Sachverhalte werden durch kleine Storys, Szenen und Zitate in Bilder übersetzt, die dem Alltagswissen des Rezipienten entsprechen. Das Globale wird mit Hilfe des Details erklärt – und umgekehrt. Der Featureautor analysiert und interpretiert, ohne zu kommentieren. Er benutzt eine anschauliche Sprache, die dem Stil „weicher“ Nachrichten folgt, ohne „flapsig“ zu sein.

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  • michel: Ja, es gibt so Phasen, da kann einen der Club ganz schön depremieren, man sollte sich mal überlegen eine Selbsthilfegruppe für frustrierte Clubfans zu gründen.

    Nein, wenn Du dich deprimieren lässt, dann bist du wohl falsch hier. Der Club ist genau die Droge für alle Franken, die süchtig sind nach Verzweiflung, Erniedrigung, Schwermut und Enttäuschung. Für all diese werden hier alle Wünsche und geheimen Sehnsüchte wahr. Langfristiger Erfolg wäre praktisch Entzug.

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  • @Wolferl:

    Verzweiflung und Enttäuschung als Erfüllung der geheimen Sehnsüchte? Bist Du Masochist?

    @clubfanseit1965:

    Danke für deine Worte.

    @michel:

    Dieser Blog hier ist meine Selbsthilfegruppe. Ich schreibe mir hier meinen Frust von der Seele.

    Die Frage ist, ob ich überhaupt schreibfähig wäre, wenn der Club dauerhaft erfolgreich wäre. Es wäre auf alle Fälle einen Versuch wert, würde ich sagen. Hoffentlich bekomme ich irgendwann noch die Gelegenheit, die Probe aufs Exempel machen zu dürfen. Und wenn ich dann nichts mehr zu sagen hätte, wäre es auch egal. Besser, der Club wird deutscher Meister und belschanov schweigt, als dass der Club in Liga 2 rumkrebst und belschanov rummosert…

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  • Unglaublich! Ich putze mir gerade die Lachtränen aus den Augen! Lauter typische Franken hier. Ich sag nur: „Bassd scho! Die Lieblingsantwort des Franken als solchen“ -> siehe Glosse von Ulrich Rach (NN, Google hilft) Bin leider auch waschechter Nämbercher und muss deshalb übereinstimmen, dass ein dauernd siegreicher Glubb nicht zu uns passen würde! 30 Minuten Freudentränen in Berlin und Volos müssen halt wieder für die nächste Generation langen. Das ist so, war auch früher schon so und ist einfach „dübbüsch“. :o)

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  • Es wäre aber schade, wenn wir nichts mehr von Alfred und Hannes hören würden.

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  • Wunderbar, belschanov! Und keine Angst, den dauerhaft siegreichen Club wird es nicht geben, das wäre ein systemischer Fehler, der das ganze Frankenland kollabieren lassen würde. Ergo ausgeschlossen!

    Und noch ein kleines Anhängsel:
    Merci nach Osnabrück! Unverhofft kommt oft…

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  • Wunderbar geschrieben, belschanov, gefällt mir ausgesprochen gut, obwohl – oder weil? – ich meist das genaue Gegenteil von dir zu sein scheine – ein unverbesserlicher Optimist. Was meinst du: Liegt es an den unterschiedlichen Vereinen, denen unser Herz gehört? 😉

    Gruß aus der Klappergass´
    Kid

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