Blutgrätsche gegen Sportblogger

Aus gegebenen Anlass ein Doppelposting aus meinem Hausblog, da Stefan und ich die Sache für so wichtig halten, auch hier drüber zu berichten.

Dass Schreiben im Internet und Bloggen im Besonderen nicht bedeutet, man kann jede Art von Kritik veröffentlichen, dabei beleidigen und verleumden, ist wenigstens den meisten bekannt, wo allerdings die Grenzen sind, ist nicht klar definiert und so lauern überall Fallstricke, die ziemlich teuer werden können, und über einen dieser Fallstricke ist unser geschätzter Blogger-Kollege Trainer Baade gestolpert. Eine Zusammenfassung des Geschehens ist am Besten bei allesaussersport nachzulesen. Die besondere Brisanz der Angelegenheit ist vielleicht, dass es hier nicht nur um die abgemahnte Kritik allein geht, sondern um das was danach passierte und worauf man als Blogger in der Regel kaum Einfluß hat.

Hier nun ein persönlicher Kommentar in der Angelegenheit:

Es ist (leider) nur ein weiterer Baustein des Hauses, das die Politik mit ihrer unterwürfigen Haltung gegen die Wirtschaft selbst mit baut: Zensur, die aus der Abmahnung kommt.

Durch die nahezu groteske wirtschaftliche Überlegenheit wird nahezu jede Art von Kritik oder vertretener Meinung zum Vabanque-Spiel – und auf diese Furcht setzt wohl so mancher aus Wirtschaft und Industrie. Doppelt schlimm dabei, dass die „Vorbilder“ solcher Vorgehensweisen nicht mal nur aus der Wirtschaft direkt kommen, man vergegenwärtige sich nur die Sache Weinreich vs. DFB.

Dieses Mal hat es Trainer Baade erwischt – wer es morgen sein wird, wenn er ein Produkt schlicht doof findet, eine Marke nicht so wahrnehmen will, wie sie sich selbst mit viel Geld bilden sollte, oder man einfach das Logo scheiße findet – ist offen und vielleicht auch beliebig. Und das – wie heute nun klar wurde – ist ein Problem, dass auch uns im Bereich Sport-Blog direkt betrifft.

Kritik unerwünscht. So ist wohl das Internet 2009, endlich entdeckt von der Wirtschaft und ihren Anwälten. Die Botschaft ist einfach und klar: Besser immer schön die Klappe halten, sonst gibt’s Saures. Und die Politik schweigt und dreht sich ab. Das erfüllt einen mit Traurigkeit und Wut.

Heute morgen kam der Mail-Hinweis eines Eintracht Frankfurt-Fans, der sich im gleichen Atemzug quasi für sein Trikot entschuldigte:

Die Art und Weise wie der Sportartikelhersteller JAKO AG und die Rechtsanwaltskanzlei Horn & Kollegen derzeit gegen den Fußballblogger Trainer Baade vorgehen, stellt für mich einer der Tiefpunkte dar, die ich in meinen 8-9 Jahren Bloggerei und Schreiberei über Blogs erlebt habe. Es ist einer der Momente wo man ein Gefühl der Ohnmacht bekommt. Wo man sich fragt, ob es überhaupt Sinn macht sich auf dem Verhandlungswege um irgendwelche Kompromisse zu bemühen und eigentlich nur noch rhetorisches Flak-Feuer der Gewichtsklasse Don Alphonso die richtige Antwort auf die Eskalation der Auseinandersetzung mit JAKO und der Anwaltskanzlei Horn & Kollegen ist.

via Wie JAKO anderen Leuten das letzte Trikot auszieht | allesaussersport.

Es ist vielleicht nur meine bescheidene persönliche Meinung: Aber für mich sind Firmen/Marken, die aggressiv gegen Kritik (egal ob nun berechtigt oder nicht!) vorgehen, unten durch. Und wenn sich dies auch seitens der Vereine breit machen sollte, wird so mancher Fan schneller als man denkt den Rücken abwenden.

Wer dann den „Schaden“ ersetzt, wenn durch die „Verteidigung“ mehr kaputt gemacht wird, als durch den Angriff selbst? Das interessiert offenbar wenig. – Ich versuch es mal bildlich: Wenn ein einzelner Mann mit einem Pfeil und Bogen mit Schmährufen auf eine Ritterburg zuläuft und dann mit einem Katapult weggefegt wird, dessen Geschoß einen gigantischen Krater verursacht, sollte man sich in der Burg anschließend nicht beschweren, warum da ein Loch ist und warum keiner einen mehr mag oder offen die Meinung sagen möchte (Stichwort: Verbraucherfeedback).

Furcht mag ein Schutz sein, in der Welt des Marketings aber vielleicht ein suboptimales Image… Aber bis das durchsickert, werden noch viele Katapulte abgeschossen werden – die Katapult-Lobby will ja auch leben.

Ein kleiner Blick auf die Auswirkungen:

Auch Blog-G (Fan-Blog Eintracht Frankfurt) hat sich mit dem Thema konsequenterweise (da mindestens indirekt betroffen) beschäftigt und schließt den lesenswerten Beitrag mit den Worten »“20 Jahre Sportsgeist”. Vielleicht denkt der Kunde daran, wenn er beim nächsten Mal im Shop vor der Entscheidung steht, 70 Euro für ein Trikot der Eintracht mit dem Logo der Firma Jako auszugeben.«

Auch im Forum von Eintracht Frankfurt wird das Thema zwischenzeitlich diskutiert (Danke für den Hinweis, @Bigbamboo)
Einige Fanmeinungen: „Hätte ich Entscheidungsbefugnis in unserem Verein, wäre mit Vertragsablauf ein neuer Ausrüster fällig“, „Da hat sich eine große Firma eine Menge „Sympathisanten“ gekauft.“, „Eigentlich wollte ich mir noch das neue Trikot kaufen. Aber so fällt es mir nicht schwer, dies im Moment nicht zu tun.“ oder „Meine Reaktion ist, wie immer bei solchen Geschichten, ich kaufe von solchen Firmen nichts mehr. Das ist die einzige Möglichkeit die ich habe, um auf so ein Fehlverhalten zu reagieren. „

Oder um es mit dem Frittenmeister auszudrücken:


Das Resultat der ganzen Geschichte, die ihr am besten bei Allesaussersport nachlest, ist:

  • ein Blogger, der mit den Nerven vollkommen am Ende ist
  • ein Sportartikelhersteller, der jetzt negativ in den Schlagzeilen bei seiner Zielgruppe ist (Imageschaden)
  • ein Frittenmeister, der jetzt komplett von Adidas, Nike und Puma überzeugt ist
  • eine Rechtsanwaltskanzlei, die etwas Beschäftigung hat
  • eine Bloggergemeinschaft, die extrem angepisst ist

Aus einem offenen Brief des Eintracht Frankfurt Blog JAKO, was ist nur los mit Dir?

Liebe JAKOraner,

was ist in Euch gefahren, dass Ihr es riskiert, so eine Geschichte Eurer Markenimage beschädigen zu lassen. Wie kann man diesen Fall an eine, offenbar nicht mit den Folgen rechnende und daher in dieser Situation aus meiner Sicht überforderte Anwältin übergeben. Die Folgen könnten Eure Imagekampagnen und das darin geflossene Geld unter Umständen nicht aufwiegen.

Redet doch mit den Leuten, anstatt sie abzumahnen. Mit den Mitteln des modernen (duften) Internet ist es möglich, Leuten, wie dem Trainer Baade, mittels einer E-Mail oder auch in einem Kommentar zum Blogbeitrag Eure Meinung kundzutun, anstatt diese über eine fleißige Anwältiin überbringen zu lassen.

Das Ihr mit Eurem dollen Logo jetzt unter „JAKO“ in Google auf Platz 4 schon etwas zu diesem „Incident“ erscheint, dürfte Eure Marketing-Abteilung sicherlich mehr als freuen: „Juhu, endlich mal ordentliche SEO“.

Was mich allerdings vor allem ärgert, ist, dass Ihr als Sponsor der Eintracht dadurch auch dem Verein schadet. Übernächsten Samstag, wenn es gegen Freiburg geht, krieg ich Plack, wenn ich Eurer Trikot anziehen soll.

Und auch ein Blick auf Twittertrend mag verdeutlichen, wie schnell man „ins Gespräch“ kommen kann. Ob der alte Werber-Spruch da gilt: „Jede Aufmerksamkeit ist gute Aufmerksamkeit“?

Vielleicht dachte man aber auch: Ach, die Sportblogger, das sind doch nur ein paar versprengte Einzelkämpfer, hatten wir ja auch schon aus berufenerem Munde hören müssen.

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In Anbetracht der Brisanz des Themas müssen wir um besondere Bedachtsamkeit der Worte in den Kommentare bitten – nicht erst seit Weinreich wissen wir, dass auch Kommentare schon Stein des Anstoßes wurden…

14 Gedanken zu „Blutgrätsche gegen Sportblogger

  • …unglaublicher Vorgang!

    Eigentlich müsste der Gesetzgeber die Meinungsfreiheit (die hier massiv angegriffen wird) schützen und solche Abmahnabzocker (ein Anwalt verdient da ja jedesmal gut mit, er vertritt da womöglich eher seine eigenen Interessen, als die der Mandantschaft, die sich bei so etwas sauber manipulieren lassen könnte) in die Schranken weisen. Eigentlich ein Unding, dass man ein Gerichtsverfahren wegen mangelnder wirtschaftlicher Mittel dann nicht führen kann und geduldet wird, dass so etwas von den mächtigen konzernen ausgenutzt werden kann.

    Hoffentlich habt ihr eine gute rechtsschutzversicherung 🙁

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  • Pingback:Zweiflügler und Rüsseltiere in Hollenbach « Stadioncheck.de

  • Wäre ich nicht im konservativen Oberbayern, würde ich eine Augenklappe aufsetzen und rufen: „Alles klar zum Ändern!“ (Ähnlichkeiten mit bestehenden politischen Kleinparteien rein zufällig)

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  • Schlimme Sache! Die Gerichte machen sich zum Komplizen von Konzernen, die einen Feldzug gegen die freie Meinungsäußerung führen und nichts dabei finden, einen „kleinen“ Internet-Autor finanziell zu vernichten.

    Ich frage mich: Was sind das für Leute bei Jako? Und was ist das für eine Anwältin? Was sind das für Gerichte?

    Ich frage mich auch, wie ich Trainer Baade helfen könnte. Ich fürchte, ich kann es nicht, denn dazu fehlen mir die finanziellen Mittel. Ich kann mich nur mit ihm solidarisch erklären. Das tue ich hiermit.

    Und dennoch sollte man noch etwas mehr tun. Aber was?

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  • belschanov | Clubfans United: Und dennoch sollte man noch etwas mehr tun. Aber was?

    Wenn ich Stefan bei Blog-G richtig interpretiere wäre man dort bereit und in der Lage bei Bedarf mindestens zu organisieren und koordinieren, denke daher, da kann man erstmal abwarten.
    Was man tun kann? Das was wir hier gerade auch machen: Wir schaffen Öffentlichkeit.

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  • ich sehe vor meinem geistigen auge ein MEGA-spruchband in frankfurter stadion. dabei könnte es sich um eine „ich bin spartacus“-aktion handeln…

    und wenn das nicht fruchtet, müssten alle blogger spenden. jeder blogger in deutschland einen euro, da kommt ein bisschen was zusammen. man müsste die geschichte nur ausreichend publik machen. allein schafft es keiner trainer zu unterstützen. aber solidarität kann auch klein und in der summe anfangen. soll trainer mal ein spendenkonto „a.l.d.i.“ einrichten.(a.l.d.i. steht natürlich für „allen leuten danke ich“)

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  • bisher hätte ich nicht auf Anhieb gewußt wer oder was JAKO ist. Jetzt schon.
    @Teo: deinen Vorschlag mit dem a.l.d.i. Konto finde ich gut.

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  • Mir sieht das ja nach ganz übel vergaloppierter Rechtsanwältin aus; wie ich den Trackback lese hat JAKO vor gar nicht so langer Zeit (20 Jährchen) angefangen. Manche vergessen ihre Wurzeln möglichst schnell, andere schleppen sie ein Leben lang mit sich rum. Aber mehr oder minder schlaue Sprüche helfen Frank Baade kein bisschen.

    Mir kam die Idee, dass jeder Blogger ein Bittschreiben an JAKO richten könnte, die Klage/Forderung fallen zu lassen. So leid mir die Leute in deren Poststelle heute schon tun würden: Finden sich erst einmal zehnmal mehr Bittbriefe in der Ablage als JAKOs Anwältin (zur Zeit) Euros haben will – könnte ich mir vorstellen – könnte Bewegung in die Sache kommen.

    Und Sportvereine können auch helfen: Alles einzeln bestellen. Jeder Handelsbrief (z.B. Bestellung) muss aufgehoben werden! Und JAKOs Marketing hätte auch was davon: „Die Aufträge haben sich innerhalb der letzten Perioden veruzehnfacht“ oder so ähnlich (und das mitten in der Krise!).

    a.l.d.i.-Konto find ich jedenfalls von der Idee her gut. Mir geht’s jedenfalls wie Woschdsubbn: Wie verträgt sich das alles mit Art. 5 GG?!?

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  • …der Witz dabei ist, dass die Firma mit ihrer Unterlassungsklage genau das Gegenteil erreicht hat, denn jetzt kennt die breitere Öffentlichkeit ja auch den Streitgegenstand. Klassisches Eigentor!

    Wenn man bedenkt, dass bei geschätzt 400 Lesern des beklagten Ursprungsbeitrages wohl kaum jemand sich eingehender mit den Formulierungen beschäftigt hätte, als schmunzelnd darüber hinweg zu lesen, sind die Folgen jetzt ja schon mehr beachtet, als eine firmeneigene Plakataktion….

    Schön, dass Solidarität Wirkung zeigt!

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  • Laut Handelsblatt hat Jako wohl dank Twitter und den anderen Sportbloggern eingelenkt:

    Aus einem Image wird ein Umsatzproblem. Vor allem über Twitter finden fragt mancher offen, ob ein Kaufboykott den vermeintlichen Bösen in die Knie zwingen kann, desgleichen meckern viele in Fußball-Fanforen über die Qualität der Produkte.

    Und Jako? Schweigt. Man befinde sich in Verhandlungen mit Baade, richtet die zuständige Marketing-Frau aus – eine Presseabteilung existiert nicht: „Wir geben derzeit keine weiteren Informationen heraus.“ Und: „Vielen Dank für ihr Interesse.“

    Frank Baade dagegen verrät: Die zweite Forderung über 5 100 Euro hat Jako schon fallen lassen. Auch die erste könne man vergessen, wenn Baade einen Blog-Artikel veröffentliche, in dem er dem Unternehmen ein freundliches Verhalten bescheinige. „Aber das stimmt einfach nicht“, sagt Baade: „Die sind nur eingeknickt, weil es eine Öffentlichkeit gibt.“ Nun wartet er ab.

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  • Der Fall Jako ist übrigens inzwischen abschließend geregelt:

    www.blog-g.de/die-w…ent-216980

    Auch Ihr habt dazu beigetragen, dass der Übergriff eines Wirtschaftsunternehmens auf die Meinungsfreiheit im Internet gestoppt und dadurch ein klein wenig Geschichte geschrieben wurde. Cheers!

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