Die Verdammten der Pinsel

Napoleon wurde nach der Niederlage seiner Armee bei Waterloo nach St. Helena verbannt und verbrachte dort die letzten Jahre seines Lebens (klick). Er war ein “Verdammter der Insel” (klick).

Eine Verbannung wünscht sich nicht selten auch so mancher Fußball-“Experte”. Nicht für sich selbst, versteht sich, sondern für Spieler, die irgendwann einmal einen spielentscheidenden Fehler begangen haben oder aus irgendeinem anderen Grund ein Dorn in seinem ex- bzw. kekspertenhaften Auge sind. Statt von “Insel” ist in einem solchen Fall allerdings meist von “Tribüne” die Rede.

Wenn ich von kekspertenhaften Äußerungen in Sachen Fußball spreche, muss ich an einen ehemaligen Tresenkameraden denken, den ich seit Jahren nicht mehr gesehen habe. Der Mann war in meinem Alter, arbeitete in einem akademischen Beruf und war – jedenfalls behauptete er das von sich – Clubfan. Ich kann sagen, dass ich mich sehr gut mit ihm verstanden habe – bis zu jenem Tresenabend, an dem er den Beweis lieferte, dass ein mit einem Doktortitel abgeschlossenes Hochschulstudium nicht davor schützt, dummes Zeug zu schwätzen.

Was war geschehen?

An jenem Abend sprachen wir über den Club und ich sagte, dass der FCN 1994 nicht abgestiegen wäre, wenn man nicht idiotischerweise den Spieler x in der Vorrunde dieser Saison verkauft hätte. Daraufhin sagte mein Freund: “Der Spieler x war eine Flasche. Was der an Torchancen versiebt hat! Der war nur schnell, hatte aber sonst nichts drauf. Den hätte man viel früher verkaufen müssen. Wenn ich Trainer wäre, würde ich so einen Mann nie aufstellen.” (Ich spreche hier abstrakt von “Spieler x”, weil ich mich weigere, den Namen dieses Spielers in einem Satz zu nennen, in dem das Wort “Flasche” vorkommt.)

Wie das Gespräch weiterverlief, weiß ich nicht mehr. Ich werde wohl irgendwas in der Art von “Du bist wohl nicht ganz dicht” oder “Ich bin ja an sich ein Gegner von Gewalt, aber…”  gesagt haben. Jedenfalls habe ich ihn nicht gefragt, wie er zu dieser abstrusen Meinung gekommen ist. Das wäre erstens zu viel der Ehre gewesen und zweitens kann man sich ausmalen, wie der Prozess der Meinungsbildung bei diesem Einfaltspinsel vonstatten ging. Er wird irgendwann einmal ein Spiel des Clubs gesehen haben, in dem, was ab und an mal vorkam, der Spieler x eine gute Torchance vergab. Das Bild dieser vergebenen Torchance fräste sich so tief in sein Akademikerhirn, dass er jede gelungene Aktion des Spielers x übersah, weil er nur auf misslungene Aktionen dieses Spielers geierte, um sie als Beweis für dessen Unfähigkeit zu feiern. Auf diese Weise bekam er nicht mit, dass der Spieler x in den Zeiten, in denen er für den 1. FC Nürnberg spielte, weitaus mehr gelungene als misslungene Aktionen zeigte, ja dass dieser Spieler als einer der verdientesten Spielerpersönlichkeiten gelten kann, die der 1. FC Nürnberg in den letzten vierzig Jahren in seinen Reihen hatte. Keines der 66 Bundesligatore, die der Spieler x für den Club erzielte, vermochte den Keksperten von seinem ein für alle Male gefassten Urteil abzubringen. Der Spieler x blieb ein Verdammter des Pinsels.

In der Rangliste der Spieler, die sich mancher Club-Keksperte momentan schnurstracks auf die Tribüne, wenn nicht gar auf die Insel wünscht, steht Juri Judt ganz oben. Nun ist einzugestehen, dass Juri Judt in den fast zwei Jahren, in denen er beim Club unter Vertrag steht, in einigen Spielen eine unglückliche Figur machte und insgesamt die in ihn gesetzten Erwartungen nicht so recht erfüllen konnte. Auch ich habe mich des Öfteren über Fehlleistungen dieses Spielers geärgert, am heftigsten über seinen Last-Minute-Querschläger im Heimspiel gegen Bremen, der dem Club im Kampf um den Klassenerhalt zwei wertvolle Punkte kostete.

Es hat durchaus seine Gründe, dass Juri Judt in dieser Saison zumeist auf der Ersatzbank oder in höheren Gefilden der Arena Platz nehmen musste. Und es hatte seine Gründe, dass ich ziemlich skeptisch war, als ich letzten Samstag kurz vor dem Anpfiff der Partie in Bremen bei der Einblendung der Mannschaftsaufstellung sah, dass Judt als rechter Verteidiger aufgeboten ist. Diese Skepsis wich positivem Erstaunen, je länger das Spiel lief. Judt überzeugte in der Defensive. Er ließ den wendigen Marin kaum zur Entfaltung kommen. Und in der Offensive hatte er bessere Szenen als Dennis Diekmeier, der in diesem Spiel auf der rechten Seite eine Station weiter vorne agierte.

Nicht erstaunt hat mich, dass Judts ansprechende Vorstellung dem einen oder anderen selbsternannten Fachmann entgangen ist, ja von einigen sogar heftige Kritik an seiner Leistung geübt wurde. Wie gesagt: Es gibt Menschen, die aufgrund einer selbstauferlegten Einengung ihres Sichtfelds zu einer vernünftigen Wahrnehmung der Wirklichkeit nicht fähig sind…

Erstaunlich ist allerdings, dass keiner dieser Keksperten Kritik an der Leistung Diekmeiers übte. Ich habe mich in letzter Zeit einige Male mächtig über Diekmeier geärgert. Kurz vor dem Ende des Hoffenheim-Heimspiels spielte er ohne Not einen Querpass direkt in die Beine des Gegners und man kann nur von Glück reden, dass dieser haarsträubende Fehler nicht mit dem späten 0:1 bestraft wurde. Als er in der ersten Halbzeit des Bremen-Spiels nur noch Wiese vor sich hatte, hätte er abgeklärter abschließen müssen. Und als er in der Nachspielzeit dieses Spiels die letzte Chance auf eine Chance auf den Ausgleich versimpelte, indem er völlig unbedrängt eine Flanke hinters Tor gurkte, war nicht nur ich auf 180. “Iech wär am libbsdn in Fernseher nai und häddna a Kobbm geem”, schimpfte Alfred (klick) am Abend in der Kneipe.

Wohlgemerkt: Es geht mir nicht um eine Verunglimpfung Diekmeiers. Ich hoffe, dass mir dieser Spieler in den kommenden Partien noch viele Gründe liefert, ihn zu loben. Es geht mir nur darum, klarzustellen, dass jemand, der sich  kritisch über die Leistung der Clubmannschaft im Bremen-Spiel äußert, nicht bei Judt anfangen sollte, wenn er ernst genommen werden will.

In dieser Woche wurde bekannt, dass der 1. FC Nürnberg den Vertrag mit Juri Judt bis zum Ende der Saison 2011/12 verlängert hat (klick). Ich wünsche Juri Judt, dass er uns Clubfans künftig noch oft mit ähnlich beherzten Auftritten erfreut wie in Bremen und dass seine Rückkehr in den Stammspielerkreis von längerer Dauer ist als das Comeback des kleinen Generals nach seiner Verbannung nach Elba. Wir werden Juri Judt noch brauchen. Besonders dann, wenn Diekmeier, an dem einige Bundesligisten interessiert sind, den Verein verlassen sollte.

14 Gedanken zu „Die Verdammten der Pinsel

  • Sehr schöner Artikel belschanov. Ich bin auch ein kleines bisschen stolz, dass ich auf Anhieb wusste, wer Spieler x war. Den als Flasche zu bezeichnen sollte wirklich strafbar sein!

  • Spielger X war Alain Sutter….oder?

    Diekmeiers vertrag läuft bis 30.6.2012 und damit nicht am Saisonende aus…

    Und mit Judt: Da es jetzt geschehen ist, kann man nur hoffen, dass er die nächsten zwei Jahre Leistung bringt…

    Bin mal gespannt ob der Club auch noch
    Eigler und Charisteas länger bindet….denn die sind Judts Kategorie…

  • @Steuergott

    Danke für den Hinweis mit Diekmeier. Habe den Fehler korrigiert.

    Alain Sutter hat 66 Tore für den FCN geschossen?

  • @belschanov

    hast Recht, es war der “Held von Rom” (neben Souleyman Sane…). Vor dem Eckes zieh auch ich meinen Hut, der war in jeder Beziehung bodenständig!

  • morgen a dreier und
    ich glaube alles wird gut
    a cluberer
    auf gehts cluuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuub

  • Steuergott< Und mit Judt: Da es jetzt geschehen ist, kann man nur hoffen, dass er die nächsten zwei Jahre Leistung bringt…Bin mal gespannt ob der Club auch nochEigler und Charisteas länger bindet….denn die sind Judts Kategorie…

    bringst du denn auch Leistung Steuergott? oder warum glaubst du wohl, warum Judts Vertrag verlängert worden ist?

  • Ich denke einfach,dass Juri Judt ein extremst wichtiger Spieler werden kann,wenn wir absteigen!
    Da die meisten Spieler nicht zu halten sind,im Falle des Abstiegs,wird er wohl eine wichtige Rolle im Team übernehmen.

  • Deshalb war es meiner Meinung nach schon richtig mit ihm zu verlängern

  • wunderbarer artikel.

    @ steuer
    bei harry und eigler gibt es ebenso noch keine notwendigkeit der längeren bindung.

    harry hat noch vertrag bis juni 2011
    eigler sogar bis 2012

    du musst dir also keine sorgen machen…

  • apropos (k)experten:

    wäre hecking “gezwungen” die kickernotenbesten spieler aufzustellen (mindestens 7 einsätze; spieler, die auch spielen können – z.b. breno scheidet aus), dann würde morgen die aufstellung so aussehen:

    1. schäfer 2,83
    2. risse 3,60
    3. ottl 3,64
    4. bunjaku 3,68
    5. maroh 3,69
    6. frantz 3,76
    7. harry 3,78
    8. pinola 3,85
    gündogan 3,85
    10.diekmeier 3,90
    11.gygax 4,00

    das sähe dann so aus:

    schäfer – pinola, maroh, diekmeier – ottl – frantz, gündogan, gygax, risse – bunjaku, harry

    es wäre doch mal einen versuch wert, oder?

    wer dieser spieler ist aber nächste saison noch sicher an bord – unabhängig von liga eins oder zwei?

    begehrlichkeiten anderer vereine wecken:
    pino, diekmeier, bunjaku

    keine steine in den weg legen würde man:
    gygax, harry

    zurück, weil geliehen:
    ottl, risse

    der sichere rest:
    schäfer, maroh, frantz, gündogan

    fast beängstigend…

  • @ juwe

    natürlich bring ich Leistung als “Steuergott”….Warum glaubst du wohl, dass die Politik mit den Steuereinnahmen nicht klarkommt…ganz einfach…zu gute Steuerberatung….

    zu Judt

    ich glaube nicht, dass Judt´s bisherige Leistung den Ausschlag gegeben hat…aber wie Einige schon schreiben…man wollte für die zweite Liga vorbauen…..und bei Judt ist die Gefahr gering, dass er von Real Madrid verpflichtet wird…

  • belschanov, manchmal passiert das ja auch im realen Leben, man lernt jemand kennen und dieser ist einem schnell unsympathisch, man kann es gar nicht genau erklären, aber es fallen einem immer die negativen Dinge auf, positive nimmt man fast nicht wahr.

    Beim Fußball ist es ähnlich, manche Spieler sind einem sympathisch, manche weniger und dass der Mensch zu selektiver Wahrnehmung neigt ist ja nun auch keine Neuigkeit. Hat man mal einen Spieler gefunden der einen zur Weißglut treibt, dann wird man immer wieder Gründe finden, die die eigene Meinung bestätigen. Wobei Dein Bekannter schon besonders selektiv genannt werden muss, wenn er Eckes auf dem Kiecker hatte. Wobei auch ich sagen muss, dass mir Eckes manchmal die Zornesröte ins Gesicht getrieben hat, wenn er eine gute Chance vergeigt hat, er war ja nicht der klassische Knipser, eher der Kämpfer, der sich immer wieder Chancen auch selbst erarbeitet hat. Ganz sicher war er aber einer der besten Clubberer der letzten 40 Jahre, da unterschreibe ich Deine Aussage sofort.

    @mok
    Wir steigen ncht ab und brauchen Juri durchaus auch in Liga 1!

    Bei Risse haben wir doch eine Kaufoption, oder?

  • Ich hatte ja auch nie behauptet,dass wir sicher absteigen!
    Aber möglich ist es ja trotzdem noch und sollte dies eintreten,würde Juri eben sicher eine sehr wichtige Rolle einnehmen!
    Das wir ihn auch in Liga 1 benötigen ist mir völlig klar und wohl auch unumstritten!

    Zu Risse:

    Die Ausleihe endet diesen Sommer, bei Bayer besitzt er einen Anschlussvertrag bis 2013. “Ich würde gerne bleiben und fühle mich hier sehr wohl”, sagt Risse. Doch so einfach ist es nicht, denn Risse will spielen, mehr als zuletzt. (…) Der FCN will Risse fest binden und besitzt ein Erstkaufsrecht für etwa 400 000 Euro, die er ziehen wird, sollte der Spieler bleiben wollen.

    Sieht wohl ganz nach einer Kaufoption aus 🙂

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