Das Glück oder das Geschick oder die Götter

Nach dem Relegationshinspiel schrieb Hans Hans Böller in den Nürnberger Nachrichten (klick):

Die Ahnung, dass es nicht mehr zum Aushalten sein würde, hatten unerwartet viele, und so blieben viele Plätze leer im Frankenstadion. Wer jetzt noch zum Fußball geht, tut das nicht zum Vergnügen.

Tja Freunde, oft ist es alles andere als ein Vergnügen, Anhänger des 1. FC Nürnberg zu sein. Und manchmal ist es gar nicht mehr zum Aushalten. Jeder, der sich mit diesem Verein eingelassen hat, erfährt das immer wieder mit allen Fasern seines Körpers und manch einer sucht auf der Tour der (blut)rot-(pech)schwarzen Leiden nach Linderung, indem er sich einredet:

So ist das halt, wenn man Club-Fan ist. Wer Club-Fan ist, muss leiden. Deswegen bin ich Club-Fan.

Das ist ein alter Trick: Wenn es das Glück oder – wie immer das heißt – das Geschick oder die Götter nicht gut mit dir meinen, lebt es sich leichter, wenn du die Einzigartigkeit deines Lebens, deine Besonderheit und Würde darin siehst, dass es das Glück oder das Geschick oder die Götter nicht gut mit dir meinen: Ich leide, also bin ich.

Meine Art ist das nicht. Ich suche nicht nach Trost für meine rot-schwarzen Leiden. So leicht mache ich’s mir nicht. Auch wenn das zur Folge hat, dass mir keine Antwort einfällt, wenn mich jemand fragt, warum ich überhaupt Club-Fan bin, wenn mir dieser Verein so viele Leiden bereitet.

Nein, Selbsttröstung ist nicht meine Art. Da drohe ich lieber mit dem Ausstieg für den Fall, dass ich nicht wenigstens meinen Mindestlohn kriege (klick). Wobei mir gerade einfällt, dass Alfred (klick) gestern bei einer Zigarette vor der Kneipe zu mir sagte: „Des is mai ledsde Zigareddn, Michael, mai ledsde ist des. Ich heer auf mim Raang, midda Minuddn heeri auf. Des machdmi grong des Raang, in mir drinna schbieris, des machdmi grongg“, und zehn Minuten später am Tresen aufkreuzte und mich um eine Zigarette bat und, als ich ihm eine Blend 29 gab, sagte: „Odder gibma glai zwaa, aane fier jeds und aane fier nocherd.“

Dieses Mal ist es ja gerade nochmal gut gegangen. Am Ende hat’s doch noch für den Mindestlohn gereicht. Anders als vor zwei Jahren oder in der Saison 1983/84, als der 1. FC Nürnberg mit mickrigen 14 Punkten in die 2. Liga ging (klick). Damals stand der Club nach der Vorrunde ähnlich schlecht da wie zum Jahreswechsel 2009/2010. Aber anders als in der gerade abgelaufenen Saison, in der unsere Mannschaft das Wunder (klick) vollbrachte, bereits nach dem 29. Spieltag so solide dazustehen (klick), dass es fast schon ein Wunder war, dass sie diese solide Position durch vier Niederlagen in Serie wieder verspielte, setzte sich in der Rückrunde der Saison 1983/84 die Talfahrt ungebremst fort.

Dabei hatte es damals zunächst gar nicht so schlimm ausgesehen. Die Saison begann zwar mit einer Heimniederlage gegen den Aufsteiger Bayer Uerdingen (klick), doch nach dem zehnten Spieltag stand der Club nach Heimspielerfolgen gegen Bielefeld, Offenbach, Braunschweig und Bochum (klick) mit acht zu zwölf Punkten auf dem dreizehnten Tabellenplatz (klick).

Der freie Fall begann mit einer 1:3-Heimniederlage gegen den 1. FC Köln am elften Spieltag (klick). Danach reiste der Club mit neuem Trainer – Udo Klug war nach dem Köln-Spiel entlassen und durch Rudi Kröner ersetzt worden – zu den Bayern und verlor dort in einer hart umkämpften Partie mit 2:4 (klick). Am darauf folgenden dreizehnten Spieltag zog unsere Mannschaft im Auswärtsspiel gegen den VfB Stuttgart mit 0:7 den Kürzeren (klick) und die Apokalypse nahm ihren Lauf: In den ausstehenden 21 Saisonspielen holte der Club nicht mehr als sechs Punkte.

Ich weiß noch, dass ich am Vormittag jenes Samstags im November des Jahres 1983, an dem der 1. FC Nürnberg in der Besetzung:

Die Aufstellung des 1. FC Nürnberg

vom 5. 11. 1983

KARGUS

TH. BRUNNER      WEYERICH     HABIGER

J. TÄUBER        LOTTERMANN      HINTERMAIER         H. HEIDENREICH

BURGSMÜLLER

HECK                TRUNK

Spielbeginn:

15 Uhr 30

die höchste Niederlage seiner Bundesligageschichte kassierte, in der Turnhalle meiner ehemaligen Schule mit Freunden gekickt habe und mit einem von ihnen ausmachte, am Nachmittag ein Bayernligaheimspiel der SpVgg Bayreuth zu besuchen.

Als wir nach diesem Bayernligaspiel, an das ich keine weitere Erinnerung mehr habe, das Stadion verließen, wurden die Halbzeitstände der Bundesliga-Partien durchgesagt. Ich weiß noch, dass ich zu meinem Freund sagte: „Ich will es nicht wissen, ich warte ab bis zur Sportschau“, und mir die Ohren zuhielt, um nichts zu hören, und mein Freund, als wir uns am Parkplatz verabschiedeten, sagte: „Willst du nicht doch den Spielstand wissen?“, und ich: „Nein, ich warte bis zur Sportschau“, und er: „Auch nicht, wenn er gut ist?“, und ich: „Na gut, meinetwegen“, und er: „Null zu null“.

Ich weiß auch noch, dass ich im Auto das Radio einschaltete und dann im Zwei-Minuten-Takt Tormeldungen über mich ergehen lassen musste, die nicht zum Aushalten waren. Was ich damals nicht wusste und erst seit einer Fernsehdokumentation, die ich vor ein paar Wochen gesehen habe, weiß, ist, dass sich in jenen Tagen, als der Club im Neckarstadion unterging, etwas Unheilvolles zusammenbraute. Viel hätte nicht gefehlt und der Fußballbetrieb wäre auf unabsehbare Zeit eingestellt worden. Viel hätte nicht gefehlt und es hätte kein „Remember 85“ (klick), keinen Einzug in den Uefa-Cup im Jahr 1988 und keinen Pokalsieg im Jahr 2007 gegeben. Es hätte überhaupt nicht mehr viel gegeben und mich wahrscheinlich auch nicht mehr.

Es ist nicht so weit gekommen. „Remember 85“,  Einzug in den Uefa-Cup, Pokalsieg, das alles und noch viel mehr, es konnte stattfinden. Das Glück oder das Geschick oder die Götter, sie meinten es gut mit mir in jenen Tagen im November des Jahres 1983, als der 1. FC Nürnberg in Stuttgart unterging.

KLICK und KLICK

15 Gedanken zu „Das Glück oder das Geschick oder die Götter

  • Fazit: lieber den Untergang mit dem Club als den Untergang der Welt.

  • Ich weiß a net, warum ich Club-Fan bin. Wahrscheinlich weil ich da geboren bin und dort das erste Mal ein Bundesliga Spiel „live“ gesehen habe. Und ich krieg`s auch nicht mehr los. Und … es ist nie langweilig beim Club.

  • Frei nach Theo Zwanziger: „Der Club ist nicht alles“.

    Aber bis zum jüngsten Tage werde ich ihn genießen, mit allen Höhen und Tiefen.

    Ich bleibe dabei, als Fan ist mein Verein schon etwas anderes als der Arbeitgeber für den Arbeitnehmer, insofern hinkt auch der Vergleich mit dem Mindestlohn etwas – oder eben nicht. Wenn die Währung (positive) Emotion ist, so ist der Klassenerhalt doch wie Weihnachtsgeld – nur dass dies in diesem Fall den Abstiegskampf voraussetzt, wenn dieser nämlich schon à la Frankfurt ohne Ambitionen nach oben stets gesichert wäre, fühlte er sich eher an wie die Tatsache dass ich mir in der Kaffeeküche umsonst Kaffee nehmen darf.

    Eigentlich haben wir’s doch so schön wie jeder Fan des erfolgreichsten deutschen Clubs, den Bayern:

    Pino ist unser Ribery
    Mintal (als Spieler, nicht als Ikone) auf der Bank wie Klose & Gomez
    Der Klassenerhalt ist unsere deutsche Meisterschaft
    der Pokal ist der Pokal ist der Pokal
    und wenn wir mal im UEFA-Cup spielen, ist das wie der Finalsieg in der Champions League – klappt halt nur alle 10 Jahre mal.

    Schee ist’s.

    • Stephan:
      und wenn wir mal im UEFA-Cup spielen, ist das wie der Finalsieg in der Champions League – klappt halt nur alle 10 Jahre mal.Schee ist’s.

      Ich hätte nichts dagegen, wenn der Club sich dermaßen steigern würde. In den letzten Jahrzehnten war etwa alle 20 Jahre ein internationaler Wettbewerb angesagt (68/69, 88/89, 07/08, aber man beachte die deutliche Verkürzung der letzten „Dürreperiode“).
      Aber schee ist’s trotzdem.

  • Der Club ist unser Verein und unsere Herzensangelegenheit. Als Club-Fan mußt du leiden und kannst dich aber auch unbändig freuen.
    Ich bin stolz seit 50 Jahren ein Fan des „WUNDERBAREN FCN“ zu sein.
    Ich danke meinem Vater, der mich im Alter von 6 Jahren zum
    Ersten Mal mit zum FCN nahm. Seit dem hat mich der Virus Club gepackt.
    Auch wenn andere Vereine(Bayern usw.) erfolgreicher sind.
    Club ist Club!!

  • Unsere „Gladiolen“ sind Aufstieg und Klassenerhalt. Wenn mal mehr rausspringt ist’s ein buntes Tulpenfeld, dessen weit entferntes Ende sich mit dem Himmel zu einem rot-schwarzen Leuchten vermählt 😉

  • Unser Club ist zu 100% Tradition
    Unser Club ist zu 100% DFB Pokalsieger
    Unser Club ist zu 100% Leiden
    Unser Club ist zu 100% das Gegenteil von den Bauern!!!!
    Unser Club ist zu 100% Rekordabsteiger
    Unser Club ist zu 100% Rekordaufsteiger
    Unser Club ist zu 100% Relegationsmeister
    Unser Club ist zu 100% 1. und 2. Bundesliga(wer darf schon so oft gegen so viele unterschiedliche Mannschaften spielen als der Club????)

    und bis ins Unendliche weiter…..
    Die Frage beantwortet sich doch von Selbst,warum man Clubfan ist!!! 😀

  • Armin Veh ist neuer Chef Coach vom HSV.
    Laut Bild soll Oenning sein Assi werden(und wenn es die Bild berichtet,wird es wohl auch so sein)….
    Sollte es so kommen,würde mich das sehr für Herrn Oenning freuen!!!
    Er hat einen neuen Job in der Buli verdient,unser Aufstigestrainer!

  • Cool zwei absolute Motivationskünstler beim HSV, dann müßten wir uns da schon mal nicht so große Sorgen machen! 🙂

  • „Was ich damals nicht wusste und erst seit einer Fernsehdokumentation, die ich vor ein paar Wochen gesehen habe, weiß…“
    Was war denn da? Standen wir kurz vor dem Lizenzentzug oder meinst Du Tschernobyl oder schrammten wir knapp am 3. Weltkrieg vorbei? Tschuldigung, aber ich stehe gerade auf dem Schlauch.

  • Oh, jetzt habe ich den Klick gemacht. Able Archer 83 – das kannte ich allerdings auch noch nicht.

  • Ja, war eine herbe Zeit damals, nicht nur wegen des Clubs. Sucht doch mal nach „Stanislav Petrow“. Wenn man damals gewusst hätte, was hinter den Kulissen so gelaufen ist, hätte man sein Leben vermutlich radikal anders orientiert. Gut, dass das alles erst hinterher herauskam. Ich glaube, ich suche mal wieder „Red Skies over Paradise“ von Fisher Z heraus.

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