Gündogan und der Stolz des Ruhmreichen

Man kann es zwischen den Zeilen und bisweilen sogar ganz unverhohlen lesen, der Stolz, der mitschwingt, wenn man über das Nein des FCN – in persona Martin Bader – zum Millionenangebot für Gündogan liest. Endlich, so meint man zu spüren, haben wir wieder was, was andere auch haben wollen und eben nicht kriegen, es sei denn, es wird zumindest ein bisschen weh tun, über Grenzen gehen, die man nicht überschreiten wollte.

Tradition sei unser Faustpfand, so vernimmt man, auf die Tradition kann man verweisen, Tradition des Ruhmreichen, auf den man stolz sein kann. Und dieser Stolz wurde durch das Etikett Fahrstuhlmannschaft, Rekordabsteiger und natürlich auch „Depp“ mit Füßen getreten. Zu leicht wurde es in der jüngeren Geschichte viel zu oft der Konkurrenz gemacht, als man wieder mal klamm bei Kasse war und seine Sternchen für Appel und Ei feil bieten, die Ecksteins und Wiesingers, oder bei Abstieg ziehen lassen musste, die Misimovics und Vitteks, die Baumanns und Cacaus.

Selbst sich immer als Bittsteller für eine Leihgabe zu fühlen, die dann, wenn man das Pflänzchen hegte und pflegte, auch mal vorzeitig abberufen wurde, oder man sogar beim Co-Trainer trotz Vertrag nachgab – ja was will man ja machen. Es ist nicht die Tatsache, die Sinnhaftigkeit, die Umstände, es ist das Gefühl wieder einmal „verloren“ zu haben, wieder einmal in der Win-Win-Situation nur das „-“ zwischen den beiden Gewinnern gewesen zu sein, das Minus verblieb, die Winner zogen woanders hin.

Man muss dieses Gefühl verstehen, um den Frust über den Diekmeier-Wechsel zu verstehen, als man sicherlich wirtschaftlich sinnvoll und sogar sportlich nachvollziehbar einem Wechsel zum HSV nicht im Wege stand, aber dann doch aus den Träumen gerissen wurde – den Traum wieder mal ein Juwel entdeckt und vertraglich sein „eigen“ nennen zu können. Und dann geht der so oft als „größtes deutsches Talent“ bezeichnete Spieler sang- und klanglos und so ganz ohne Stolz und Widerstand für eine überschaubare Summe weg, während der HSV andere Spieler für das doppelte und dreifache kauft und verkauft. Viel Geld für den Club, der für eine ähnliche Summe den Griechen gekauft hatte, den größten Kauf aller Zeiten, der noch heute so viel Kummer macht und dem Ruhmreichen nicht zum Ruhm gereicht. Einmal Großes angefasst und dann das …

Pinola gab uns Stolz zurück, als er Nein sagte zur wohl höher dotierten Offerte aus Schalke, Und Mintal tat dies, als man aufgrund seiner vielen Tore hinter ihm her war, er aber bleiben wollte. Wolf tat es, als er den Abstieg mitmachte, auch wenn er da vielleicht seine Zukunft als Nationalspieler verspielte. Schäfer tat es, als er in Stuttgart unterging und dann zurückkehrte, seinen Fehler eingestand und ewige Treue gelobte. Das alles muss man verstehen, wenn man sich fragt, warum diese Spieler so ein Standing im Verein haben, warum sie von den Fans geliebt werden, man ihnen (fast) alles verzeiht.

Nun ist da ein junges Bürschchen namens Gündogan, den man durchaus mal gern spielen sieht, der schon paar richtig gute Sachen gemacht hat. Aber hätte man einen Clubberer ernsthaft nach seinem Marktwert gefragt, die Summen, die heute durch die Gazetten jagen, wären nur bei kühnsten Phantasten gefallen. 5 Mio., 7 Mio., 10 Mio. – und das von Mannschaften, die bekannt sind, sich die besten der Jungen fischen zu wollen. Bekannt für gutes Scouting und wirtschaftlich potent dazu. Und Bader und Hecking sagen „Nein“.

Man muss dies alles sehen um zu verstehen, dass dieses „Nein“ nicht nur eine diebische Freude in Richtung Hoffenheim und Leverkusen auslöst, es ist ein Nein für die Ehre und den Stolz. Das liest man, wenn man die Kommentare durchliest, wenn Clubfans sich mit Hoffenheimer zanken und der Clubfan einfach sagt: „Und ihr könnt euch auf den Kopf stellen, dieses mal sagen wir, was der Junge wert ist“. Aber genau da liegt auch das Problem.

Es ist so verständlich, dass es dem Clubberer gut tut, einmal „Nein“ zu sagen, einmal einfach sich zurückzulehnen und sich nur vorzustellen, wie die andere Seite wütend auf den Boden stampft und sich sagt: „Die müssen doch! Die brauchen doch Geld!“ und man einfach als Antwort liest: „Nein, vielleicht nächstes Jahr, ruf halt später wieder an“. Doch man muss warnen, warnen vor zu viel Hochgefühl. Man darf den Moment genießen, aber sollte sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. „Hochmut kommt vor dem Fall“, sagt der Volksmund, und „Dummheit und Stolz, wachsen auf einem Holz“ eine alte Redensart.

Unsere kleine Umfrage hier bei Clubfans United zeigte ein durchmischtes Stimmungsbild. Zwischen „Mindestens 10 Mio.“ und „7 Mio.“ sammlte die meisten Stimmen (60%), der Rest verteilte sich u.a. auf den Wunsch mit Ilkay noch lange zu arbeiten.

Denn welche Zahlen bisher wirklich nicht nur in den Medien, sondern auf Papier verbindlich geschrieben wurden, weiß keiner so genau. Die kolportierten 7 Mio. sind (soweit bekannt) nie als offizielles Angebot bestätigt worden, es hieß nur, dass das vorliegende Angebot nicht annähernd akzeptabel war und man nun so in die Saison gehen wolle, ausgenommen Phantasiesummen wie es 10 Mio. wären, würden da was dran ändern. Wer weiß, ob nicht bisher eine Summe in Höhe von Diekmeier vorlag? Wer weiß, ob Bader nicht bei einer Summe von 5, 6 oder tatsächlich 7 Mio. schwach werden würde – vielleicht müsste?

Rangnick zieht weiter sein Netz um den Mittelfeldspieler: „Wir haben einen eigenen Wert für den Jungen berechnet. Die Wechselfrist läuft ja noch ein paar Tage. Mal sehen, ob noch was passiert…“
http://bit.ly/dn5Jr1

Es ist sicher einmal eine angenehme Situation – eine, die man sich lange mal wieder wünschte. Begehrte Spieler zu haben, mal einen „Treffer“ gelandet zu haben, ein Juwel gefunden. Aber man sollte sich mit zu viel Gerede nicht selbst in die Bredouille bringen, gerade wenn es um Zahlen geht. Mit 7 Mio. kann der Club eine ganze Menge anfangen, sollte so ein Angebot tatsächlich einmal in der Höhe am Tisch liegen. Sich dafür zu entscheiden und damit neue Talente zu holen, Schulden zu beseitigen und vielleicht sogar noch einen gestandenen Spieler zu verpflichten, wäre keine schlechte Wahl. Das Risiko, dass Gündogans Wert nach dieser Saison niedriger ist, ist genauso groß, wie die Hoffnung einer weiteren Steigerung. Und Risiken sollte man mit Kalkül bewerten, da ist Stolz der falsche Ratgeber.

Bild Gündogan: Diese Datei wurde von Jarlhelm unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation veröffentlicht. / Montage und Hintergrund © Endl 2010

19 Gedanken zu „Gündogan und der Stolz des Ruhmreichen

  • Dieses „Nein“ ist in meinen Augen eine „Win-Win“ Situation, die einzige logische Konsequenz versehen mit einem kleinen begrenzten Risiko. Zum einen gehört Gündogan zum Tafelsilber und wir benötigen die Qualität auf dem Rasen, um ihn später evtl. dann zu einem noch höheren Preis verkaufen zu können. Dann hat er uns weiter geholfen und bringt noch mehr Geld ein als bislang schon ausgerufen wurde, vielleicht über der 10 Mio Marke?? … und würde zum teuersten Clubverkauf aller Zeiten 🙂

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  • Ehrlich gesagt verschlägt es mir fast die Sprache, weil mir der Ilkay eigentlich die ganze vergangene Saison nie so richtig ins Auge stach, außer vielleicht bei seinem Tor in Augsburg.
    Habe ich da irgendwas verschlafen, was ihn nun auf einmal so wertvoll macht? Waren Gündogans Leistungen eigentlich irgendwann in der letzten Saison in den Clubfans-United-Artikeln ein Thema?
    Das Juwel, das aus dem Nichts – respektive Sommerloch – kam! Ich hab irgendwann massiv was verpennt!

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  • In diesem Alter war Özil noch bei Schalke und auch nur Teilzeitprofi. Wir dürfen also auf den nächsten Entwicklungsschritt von „Gündo“ gespannt sein, ob sich dabei eine ähnliche Qualität entfaltet. Dieses Nein und die hohe Schmerzgrenze deuten darauf hin, dass DH und MB ihm diesen Schritt in der aktuellen Saison durchaus zutrauen bzw. ihn erwarten. Daher ist es nur richtig, ihn nicht unter Wert abzugeben bzw. auf eine weitere Entwicklung zu spekulieren.

    Ebenso richtig erscheint mir die Entscheidung, DD abzugeben. Offensichtlich hat man erkannt, dass sein Entwicklungspotential weitgehend ausgeschöpft ist und eine weitere Saison dies offenbaren könnte und den Wert weiter senken. Nach den zuletzt guten Leistungen von Juri Judt könnte ich mir durchaus vorstellen, dass DD aus der Stammformation gerutscht wäre. Dann bekommt man keine Million mehr und hat womöglich einen Spieler der Kategorie Bieler (nichts gegen Bieler, aber als Backup hat man halt einfach keine Million mehr als „Marktwert“).

    Diese individuelle Betrachtungsweise der Begehrlichkeiten anderer Clubs sagt mir, dass hier mit wohlüberlegtem Risiko entschieden und der sportliche Erfolg nicht leichtfertig den schwachen Finanzen geopfert wird. Ich finde das sehr vernünftig und lässt mich hoffen, dass die sportliche Kompetenz in der höchsten Führungsebene doch nicht so schlecht ist, wie manche vermuten 😉

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    • Optimist: P>Diese individuelle Betrachtungsweise der Begehrlichkeiten anderer Clubs sagt mir, dass hier mit wohlüberlegtem Risiko entschieden und der sportliche Erfolg nicht leichtfertig den schwachen Finanzen geopfert wird. Ich finde das sehr vernünftig und lässt mich hoffen, dass die sportliche Kompetenz in der höchsten Führungsebene doch nicht so schlecht ist, wie manche vermuten

      Wo kann ich unterschreiben?

      Ich bin auf die Bilanzzahlen gespannt. Alle redeten letztes Jahr vom Fehlbtrag (5,8 Mio), kaum einer hatte einen Plan wegen der tatsächlichen Schulden. Dazu kommen im laufenden Jahr noch die sechs Mios von der Anleihe. Schätze mal, es wird in jedem Fall Schulden auszuweisen geben, umso beachtlicher, dass nicht bei jeder sich bietenden Gelegenheit der schnelle Euro eingesackt wird.

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    • Optimist: Offensichtlich hat man erkannt, dass sein Entwicklungspotential weitgehend ausgeschöpft ist und eine weitere Saison dies offenbaren könnte und den Wert weiter senken.

      Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, daß ein Kerl in diesem Alter schon sein Entwicklungspotential ausgeschöpft haben soll und glaube auch nicht, daß Bader und Hecking auf diese Idee verfallen sind.
      Eher kann ich mir das Ganze in etwas so vorstellen:
      Martin: „Du, Dieter, wir brauchen dringend noch Kohle. Hamburg würde 2,5 Mille für Dennis zahlen. Und in einem Jahr geht er dann wahrscheinlich sowieso.“ – Dieter: „Ja, mach mal. Der Juri hat sich ganz gut entwickelt und kann ihn gut ersetzen. Ich glaub zwar, daß der Dennis noch ein richtig Guter und womöglich Nationalspieler wird, denke aber nicht, daß er das bei uns hinkriegt, und auch nicht schon im nächsten Jahr.“

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  • So ist es – die sieben Millionen sind kolportiert, mehr nicht. Deshalb ist es auch nur spekulativ, wenn man sich den Kopf darüber zerbircht, ob der Wert von Gündogan in einem Jahr darüber oder darunter liegt – die Frage ist: WORÜBER oder WORUNTER!?! Kein konkreter Wert – kein konkretes RISIKO 😉

    Gündogan hat noch zwei Jahre Vertrag. Ich lehne mich soweit aus dem Fenster zu behaupten, dass er zur Zeit überhaupt nicht wechseln will. Warum auch? Er konzentriert sich auf seine sportliche Entwicklung, bastelt sein Abitur fertig und sucht sich als vielleicht frisch gebackener Nationalspieler (auch diese Chance besteht) einen Verein seiner Wahl aus. Ich tippe auf Bremen…Aber das sind alles Zukunftsszenarien.

    Es gäbe nur einen nachvollziebaren Grund, ihn jetzt zu verkaufen: Eine desaströse, die Lizenz gefährdende finanzielle Schieflage. Und SO schief ist sie dann doch nicht.

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  • Schöner Artikel. Fand Gündogan letzte Saison gut. Er konnte viele Situationen spielerisch lösen und war einer der wenigen die in der Offensive eine überraschende Situation kreieren konnte. Würde Ihn gerne weiter beim Club sehen.

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  • Diekmeier hat sich verletzt. Das sollte man nie vergessen wenn man darüber redet ob man Gündogan verkaufen sollte oder nicht. Gerade bei so jungen Spielern sind die Preise im Prinzip willkürlich und stark schwankend.

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  • …der tickercountdown läuft…
    vielleicht wird dann aus harry aaahhhriii.

    tick, tack,…

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  • Der Juri ist schon ein echt nickliger unangenehmer Verteidiger, der seinen Hauptberuf eben hinten in der Defensive sieht. Ich kann mich noch gut an ein Testspiel gegen Weiden erinnern, als ich direkt an der Seitenlinie unter den Zuschauern stand. Der Juri hat einen Stil der von außen harmlos aussieht, aber man hört jedesmal wenn er in den Mann geht so komische knackende, klopfende Geräusche da ist immer ein merkwürdiger Sound dabei wenn er Gegner bearbeitet und sogar in dem harmlosen Testspiel sind einige Spieler wegen ihm ausgerastet.
    Er ist irgendwie so ein Treter mit dem Engelsgesicht und hat es perfektioniert immer als der Unschuldige dazustehen, wenn die Gegner anfangen zu flippen…siehe Taore/Augsburg. Ich glaube der Taore hat in seiner Karriere auch noch nicht viele Gegenspieler gewürgt wie den Juri Judt. Juri kriegt sie alle weich 🙂

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  • Wie ich in den NN lese, hat sich Hegeler beim Treppensteigen verletzt.

    Tja, hätte er mal lieber den Lift genommen. Aber dann hätte er Schwierigkeiten mit Bader bekommen…

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    • da hilft dann nur noch der treppenlift.

      belschanov: Wie ich in den NN lese, hat sich Hegeler beim Treppensteigen verletzt.Tja, hätte er mal lieber den Lift genommen. Aber dann hätte er Schwierigkeiten mit Bader bekommen…

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  • Für mich der Hauptgrund wieso Diekmeier bei uns letztes Jahr nicht so auffällig war, ist einfach die Spielweise. Diekmeier ist ein extrem offensiver Außenverteidiger. Der Club steht (in der Tabelle) hinten drin, deswegen ist die Spielweise defensiver. Bzw. das Risiko das Diekmeier geht oft zu groß, er musste sich vorne zügeln und seine größte Stärke zurückhalten. Ich denke dass er bei einer offensiveren, stärken Mannschaft wieder mehr glänzen kann. Siehe auch Rückrunde zweite Liga, da konnte der Club sich seine offensiven Vorstöße erlauben, weil der Gegner oft nicht viel nach vorne gemacht hat…

    Tja leider ist er jetzt verletzt, ich hätte ja gerne gesehn ob er sich auf Anhieb durchsetzen kann.

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  • Bevor der Tag sich neigt und der Geburtstag vorüber ist:

    Sehr geehrter Herr Roth,

    von Herzen ALLES GUTE zum 75.Geburtstag!

    Jetzt könnte ich Jubellieder ob Ihrer wiederholten lebensrettenden Maßnahmen bzgl. FCN anstimmen, auch wäre eine dezente Erwähnung Ihrer diversen Entgleisungen und Entscheidungen möglich. Das wissen aber mindestens genauso viele Menschen wie Sie Sakkos in Ihren Kleiderschränken haben und hatten. Also belasse ich es beim Konjunktiv.

    Heute zolle ich Ihnen schlicht den gebührenden Respekt und sage Danke. Viel mehr Herzblut, Leidenschaft und Emotionen als Sie über Ihre Zeit beim Club investiert und gelebt haben geht eigentlich gar nicht. Ich erinnere mich an die tränenreiche Preesekonferenz bei der Verabschiedung von Willi Reimann, Ihre emotionale Anspannung bei der Regenschlacht und Ihrem persönlichen Höhepunkt, dem DFB-Pokalsieg 2007.

    Herr Roth, ich wünsche Ihnen, dass der Club zu Ihren Lebzeiten die erste Liga nicht mehr verlassen muss. Das haben Sie sich mehr als verdient.
    Herzlichen Glückwunsch nach Rückersdorf ins Schloss.

    M.W.

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  • @Teo, danke für Deinen Text, eine ebenso distanzierte wie gerechte und faire Würdigung von Ex-Präsident Roth. Man muss kein Fan von ihm sein, um sein Engagement für unseren Club mit kritischem Respekt anzuerkennen.

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    • belschanov: Ich schließe mich dem, was Teo und clubfanseit1965 gesagt haben, aus vollem Club-Herzen an.

      Ich auch.

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