Drei Kognak Marke „Napoleon“

„Pinola hat endlich mal wieder gut gespielt“, sagte Hannes (klick) am samstagabendlichen Tresen, „starker Auftritt, fast wie in seinen besten Zeiten.“

„Vor ollm nooch vorna woora schdorg“, sagte Alfred (klick), „woorn a boor guu…“

Alfred stockte und bekam einen Hustenanfall und ich wendete mich ab, um der Streuung zu entgehen.

„…woorn a boor guude Flanggnlaif iewa lings vom Binoola.“

„Vor allem die Aktion vor dem 1:0 war stark“, sagte ich, „den Ball links am Gegenspieler vorbei…“

„Vor welchem 1:0?“ sagte Hannes.

„Ach so. Ja. Klar. Ich meine die Szene, in der Frantz das 1:0 hätte machen müssen. Das war glänzend von Pinola (klick) vorbereitet. Den Ball links am Gegenspieler vorbeigelegt und rechts vorbeigelaufen und dann ein exakter Pass nach innen zu Frantz. Eigentlich hätte da das 1:0 fallen müssen.“

„Der Club hat den Sieg verschenkt“, sagte der Wirt über den Tresen, „geht auf keine Kuhhaut, was da alles versiebt wurde. Pekhart und Polter hatten auch Riesenchancen.“

„In der Szene vor dem Hand-Elfmeter hatte Pekhart Pech“, sagte ich, „dumme Sache, dass der Frankfurter Abwehrspieler seine Hand genau da hatte, wo Pekhart hinschoss.“

„Was für ein Hand-Elfmeter?“, sagte Hannes.

„Ja, ja. Klar. Hat ja gar keinen Elfmeter gegeben. Hätte aber einen geben können.“

„Sag mal, stimmt heute was nicht mit dir?“, sagte Hannes.

„Habe Kopfschmerzen. Ganz komische Kopfschmerzen. Weiß auch nicht, warum. Nackenverspannung vielleicht. Oder ich krieg‘ eine Grippe.“

„Tippe eher auf psychisch“, sagte der Wirt. „Wahrscheinlich eine Reaktion auf die mangelnde Chancenauswertung des Clubs. Ist ja auch ärgerlich sowas.“

Alfred bekam einen Hustenanfall, der sich anhörte, als würden vier Blechradkappen nacheinander auf dem Asphalt aufprallen, und Hannes sagte: „Heimsieg gegen Gladbach, dann auswärts beim Tabellenvierten unentschieden. Das lässt sich doch gar nicht schlecht an. Wenn Augsburg morgen gegen Mainz nicht gewinnt (Anmerkung der Redaktion: Das Spiel endete 1:1), liegt der Club neun Punkte vor dem Relegationsplatz und mindestens zehn Punkte vor den Direktabstiegsrängen. Solides Polster.“

„Scheint mit Wiesinger doch besser zu laufen, als viele gedacht haben“, sagte der Wirt, „aber eins verstehe ich nicht.“

„Was verstehtst du nicht?“, sagte ich.

„Warum Kiyotake außen spielt und nicht zentral. Der Spielmacher gehört doch in die Mitte. Da kann er seine Wirkungskraft voll entfalten und davon profitiert die ganze Mannschaft. Auf außen ist seine Wirkungskraft halbiert. Es fällt doch auf, dass Kio seine besten Szenen hat, wenn er mal durch die Mitte kommt. Zum Beispiel vor dem 1:0 gegen Gladbach. Tolle Übersicht, toller Pass auf Pekhart und dann Tor. Und auch heute vor Pekharts 2:0 gegen Frankfurt…“

„Was für ein 2:0?“, sagte ich und bog den Kopf zur Seite, um den fliegenden Radkappen auszuweichen.

„…Äh. Ja. Richtig. Deine Kopfschmerzen scheinen ansteckend zu sein. Ich meine den tödlichen Pass, den er aus zentraler Position auf Pekhart spielte. War dann leider kein Tor, weil Pekhart den Ball nicht am Torwart vorbeibekam. Kio ist ein Zehner…“

„Obba aufm Riggn hodda die draizehn.“

„…und ein Zehner gehört ins Zentrum. An dieser Stelle verstehe ich den Trainer nicht.“

„Taktisch bedingt“, sagte ich. „Aus taktischen Zwängen resultierende Maßnahme.“

„Was taktisch?“, sagte der Wirt.

„Die Taktik besteht darin, bei Ballbesitz des Gegners die Mitte schon im Mittelfeld zuzumachen. Der defensive Mittelspieler, also der Sechser, also Simons…“

„Der hodd doch die Zwaa aufm Riggn“, röchelte Alfred.

„…und die beiden inneren offensiven Mittelfeldspieler, also Feulner und Balitsch, wobei Balitsch etwas zurückgezogener spielt als Feulner – wohlgemerkt: ich gebe hier nur meine Beobachtungen wieder, meine laienhaften Beobachtungen, ich habe ja keine Trainerlizenz…“

„Haid find a widda amoll goor ka End, da Herr Brofessor“, ließ Alfred verlauten.

„Spotte nicht, Alfred“, sagte Hannes, „der Mann hat immerhin einen Doktortitel.“

„…also Simons, Feulner und Balitsch bilden bei eigenem Ballbesitz ein Dreieck, und wenn der Gegner den Ball hat, ziehen sich Balitsch und Feulner zurück und riegeln zusammen mit Simons die Mitte ab, d.h. das Dreieck verschiebt sich zu einer horizontalen Geraden, zu einer Sperrlinie gewissermaßen. Für diese Taktik…“

„Schood, dassma ka Doofl doo hamm, dann kennda uns di Daggdigg aufmooln.“

„…braucht man im Zentrum der vorderen Viererreihe des 4-1-4-1 zwei Spieler, die auch über Sechserqualitäten verfügen. Das trifft auf Balitsch zu und auch auf Feulner, wobei die Aufgabenverteilung zwischen den beiden so aussieht, dass Balitsch gewissermaßen als offensiv mitspielender Sechser agiert und Feulner als defensiv mitspielender Zehner.“

„Verstehe“, sagte der Wirt. „Für Kio ist kein Platz in der Mitte, weil er nicht die Robustheit im Zweikampf mitbringt, die bei dieser Taktik im zentralen Mittelfeld gefragt ist…“

„So sehe ich das“, sagte ich und mein Blick fiel auf eine Kognakflasche mit der Aufschrift „Napoleon“, die auf dem Bord an der Wand hinter dem Tresen stand.

„…Aber so ein richtiger Außen ist Kio eigentlich nicht. Ich meine so ein klassischer Außenstürmer, der in rasantem Tempo mit dem Ball am Fuß bis zur Grundlinie durchflitzt und dann nach innen flankt. Diesen Spieltyp verkörpern eher Frantz…“

„Wenn er’s doch mal zeigen würde“, sagte ich.

„…und Mak und Esswein.“

„Vergiss Esswein (klick)“, sagte ich, „gib mir lieber einen Kognak.“

„Einen Kognak? Das ist ja das Allerneuste.“

„Ja, einen Kognak. Oder gleich drei. Einen für Hannes, einen für Alfred und einen für mich.“

„Iech dringg doch kann Algohool und ann Schnabbs scho glai goor nedd“, kräckzte Alfred. „Gibbma lieba a Zigareddn.“

„Heute wird nicht geraucht. Ich habe Kopfweh und du hast Husten.“

„Welche Marke?“, fragte der Wirt.

„Napoljóo“, sagte ich.

„Warum ausgerechnet den?“, sagte der Wirt, „da gibt’s bedeutend bessere. Ich empfehle…“

„Napoljóo“, sagte ich. „Wegen Kio.“

„Warum wegen Kio?“

„Weil Napoleon verbannt wurde (klick). Genauso wie Kio. Kio ist ein auf die Außenbahn verbannter Spielmacher. Ein Zehner im Exil gewissermaßen.“

„Interessant, wie es in deinem Kopf zugeht“, sagte Hannes. „Besonders, wenn du Kopfschmerzen hast.“

„Dann wollen wir mal hoffen, dass der Club am nächsten Sonntag gegen Hannover kein Waterloo erlebt“, sagte der Wirt und stellte zwei Gläser mit Kognak auf den Tresen und Alfred sagte: „Wenni scho ka Kibbm griech, nimmi aa ann“, und der Wirt stellte Alfred einen Kognak hin und sagte: „Am besten gurgeln, das desinfiziert“, und Alfred ließ ein schepperndes Bronchialkonzert erklingen.

[Zu den Spielen: FCN – Mönchengladbach: klick, klick, klick, klick. – Eintracht Frankfurt – FCN: klick, klick, klick.]

14 Gedanken zu „Drei Kognak Marke „Napoleon“

  • Bin zwar nicht Christian, aber ich bin mehr als zufrieden, Du solltest immer mit Kopfschmerzen schreiben … 🙂

    Zumindest auch mit Kopfschmerzen.

  • Das ist jetzt aber eine negative Perspektive: Kyio in der Verbannung kann nichts bewirken und wenn er zurückkommt erleben wir ein Waterloo. Hoffen wir mal, daß Geschichte sich diesmla nicht wiederholt. 😀

  • Verbannung weiß ich nicht. Kiyo spielte auch in Japan außen. Ich glaube, das nimmt ihm Druck und er fühlt sich wohler damit. Wenn er dann nach innen zieht, kommen die Spielmacherqualitäten auch zum tragen, aber er muss nicht ständig das Spiel machen.

    Bei uns war er im Zentrum auch nicht besser als außen, finde ich, da wirkte er manchmal überfordert, weil er zu viel wollte….

  • vielen dank!ja zufrieden!
    Neben vielen anderen dingen bei Clubfans United,die toll sind,finde ich diese Perspektive,die durch diese art der geschichten rein kommt ein Alleinstellungsmerkmal-dankeschön

  • Eine der wunderbaren Tresengeschichten, bei der man sich sofort heimisch fühlt.
    Ein Leben ohne diese Stories ist möglich, aber nicht sinnvoll.
    Das könnte ein Herr von Bülow glatt gesagt haben.

  • …drotzdem schood, dassma ka Doofl doo hamm…chrrchrr…huhuhu…

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