Zwischen Genie und Schlamperei

Die Noten für den 1. FC Nürnberg zum Spiel bei der TSG 1899 Hoffenheim.

Das 2:2 in Hoffenheim löste durchaus vielfältige Reaktionen aus. Bei Spielern und Trainern des FCN überwog am Ende die Zufriedenheit über das (kleine) Erfolgserlebnis zum Saisonauftakt, die Fans freuten sich über so viel Offensivfussball (bangten dafür um den Verlust alter Stärken wie Standards und Defensive), während die Medien vor allem das nicht gegebene Volland-Tor beschäftigte und der Torlinien-Technik neuen Vorschub leistete. Der kicker attestierte dem Spiel sogar ein “sehr gut” (kicker: “ein rasantes, spannendes Offensivspektakel mit vielen schön herausgespielten Chancen.”) – wann hat es das zuletzt gegeben?

Wir fragten noch mal bei unserem Interviewpartner der TSG nach, wie er das Spiel sah:

[Clubfans United] Hallo Marco, das 2:2 war sicherlich eines der unterhaltsameren Sorte. Was überwog am Ende? Der Frust nicht gewonnen zu haben? Oder das Durchatmen, dass Drmic nicht auch noch das 2:3 am Ende machte?

[1899.me] “In der letzten Saison hätten wir so ein Spiel sicher noch verloren. in diesem Jahr nehmen wir trotz der zwei verlorenen Punkte viel aus der Partie mit. Nach vorne war das schon hübsch anzuschauen. Hinten müssen wir ein besonnener werden.”

[Clubfans United] Das verweigerte Tor war unstrittig eine krasse Fehlentscheidung. Aber war es wirklich spielentscheidend? Wir meinen: Nach dem 2:0 war das Spiel ja dann wieder „auf Kurs“.

[1899.me] “Ich denke es ist ein Riesenunterschied ob Du mit dem Pausenpfiff das 2:0 bekommst, oder ob man mit dem Wind der Fehlentscheidung in die Kabine geht. Ihr habt in Halbzeit sehr gut gewechselt und wie ich ja bereits sagte, ist euer neuer Mann aus St. Pauli eine Top-Verstärkung. …. und Kyotake eine Augenweide.”

So ein Spiel macht trotz aller Fehler in Rot, Blau und Schwarz Spaß (außer meist den Trainern), denn Fehler sorgen für Emotionen und im Fußball eben oft auch zu Toren (wenn sie nicht gerade aberkannt werden, dann aber eben wieder für Emotionen). Ob der Club mit dieser Marschroute ebenso zielsicher über die Runde kommt, wird sich zeigen. Erfolgreich Offensivfußball zu spielen ist weitaus schwieriger als sich defensiv einzuigeln und auf Fehler der anderen zu hoffen. Oder wie Jürgen Klopp das mal sinngemäß sagte: ‘So tun als würde man kämpfen, das geht einfach, aber so tun als könnte man spielen, das ist schwierig.’ Dass das doch gelingen kann, das liegt am nun vorhandenen Spielermaterial des Club. Mit Ginzcek scheint ein Stürmer mit Torjägerqualität gefunden, der die Einsatzbereitschaft eines Pekhart mit Torgefahr zu verbinden scheint – ohne deswegen Peki gleich abschreiben zu wollen. Kiyotake deutete wie Drmic in einigen Szenen an, dass sie den Unterschied ausmachen könnten in bestimmten Situationen, dass sie dieses Maß an Genialität besitzen, die nötig ist um eine Defensive aus der Offensivaktion heraus zu knacken. Aber auch Gebhart und Mak, wenngleich deren ersten Arbeitstag in der Liga nicht so erfolgreich verlief, bringen Ideen und Offensivpower. Dahinter lauert weiter Esswein auf seine Chance – wobei man auch sagen könnte, dass alle Welt auf Esswein lauert, ob er denn endlich endlich zu dem wird, was seine Talent dem Fußball fast schon zu lange verspricht.

[cuplayer player_post_id=”32880″ float=”right”]Spieler des Spiels: Daniel Ginzcek

Bringt das mit, was ein Stürmer haben muss/soll: Torgefahr, Dynamik, Abschluss – bestätigt seine gute Form der Vorsaison auf St. Pauli und dürfte so schwer von Pekhart wieder zu verdrängen sein. Aber man sollte nun auch keine Wunder erwarten, es wird auch wieder Rückschläge geben. So aber macht der Junge einfach nur Spaß.

Das Spiel: 2,5

Zwischen Genie und Schlamperei. Keine euphorische “1” wie der kicker, aber eine wohlwollende 2,5 als Note. Für ein “sehr gut” täte man dem Fußball, der auch und gerade von Defensivarbeit lebt, keinen Gefallen. Aber als Zuschauer hatte man alles, was ein packender Samstagnachmittag braucht.

Die Trainer: 2

Wiesinger/Reutershahn haben im Grunde die richtigen Schlüsse aus Sandhausen gezogen und Chandler eine Pause verordnet, mit Stark mutig einen jungen Spieler ins Wasser geworfen und eine nach vorne ausgerichtete Marschroute ausgegeben. Dass dies nach wenigen (sehr ansehnlichen) Minuten alles ziemlich nach Desaster aussah, lag wohl auch an starken Hoffenheimern, auch wenn man schon sah, dass da noch viel Arbeit für die Trainer notwendig ist. Zur Pause dann alles richtig gemacht, Frantz sorgte für defensive Stabilität und Drmic für Torgefahr. Prädikat: “gut” gemacht

Schiri Kinhöfer: 3

Der kicker gab Kinhöfer für sein nicht anerkanntes Tor eine 5, auch wenn er in der Begründung sonst lobte. Genau deshalb verdient Kinhöfer aber eigentlich eine bessere Note, denn dementsprechend müsste jeder falsche Elfmeterpfiff und jedes zu unrecht aberkannte Abseitstor auch zwingend zu “5” führen. Es war ein Fehler, das Tor nicht anzuerkennen, aber ob das wirklich “spielentscheidend” war, das wollen wir zumindest bezweifeln. Kinhöfer war aber eben wahrlich nicht der einzige mit Fehlern an dem Tag und trotzdem oder deswegen wurde es ein rassiges Fußball-Spiel.

Die Spieler

Was ist wichtiger? Hinzufallen und wieder aufzustehen – oder sich lieber gleich keine Blöße geben? Dinge zu versuchen und zu scheitern – oder es gar nicht probiert zu haben? Einmal zu brillieren – oder lieber nur Dienst nach Vorschrift? Je nach Gusto hätte man die Leistungen eines Pinola, der oft “fiel”, dann aber am Ende wieder zeigte, was in ihm steckt, eines Feulner, der lange mit seiner Position zu kämpfen hatte, dann aber den Biß hatte etwas zu reis(s)en, oder Kiyotake/Mak/Gebhart/Drmic, die Dinge mit mehr oder minder großem Erfolg probierten, auch anders betrachten können. Leistung soll natürlich objektiv bewertet werden – wir (Stefan & Alexander) erlauben es uns als Clubfans aber im “Zweifel” etwas positiver gestimmt zu sein.

Raphael Schäfer 11 Notenpunkte (2 numerisch: 2)
Bewahrte, vorallem in der ersten Halbzeit, den Club vor einem Debakel. Bei der Ecke nicht souverän, aber das kann man so und so sehen.
Javier Horacio Pinola 5 Notenpunkte (4 numerisch: 4)
Am 0:2 direkt beteiligt. Auch sonst lange unkoordiniert, dann in der Schlussphase aber mit einigen guten Aktionen.
Per Nilsson Per Nilsson 5 Notenpunkte (4 numerisch: 4)
Nicht der beste Tag des Schweden. Hatte mit den schnellen Hoffenheimern große Probleme, wie auch im Spielaufbau.
Emanuel Pogatetz Ohne Bewertung
Solides Debüt von “Pogerl”, auch wenn in Sachen Abstimmung und Spielaufbau noch viel Luft nach oben ist.
Hanno Balitsch 5 Notenpunkte (4 numerisch: 4)
Arg gefordert auf der neuen Position als 6er und nicht immer mit Lösungen. Am Ende hart vor Gelb-Rot ausgewechselt.
Berkay Dabanli 8 Notenpunkte (3 numerisch: 3)
Ersetzte Balitsch und machte hinten mit dicht. Toll mitgelaufen kurz vor Ende, doch dann den falschen Weg gewählt – aber er ist auch kein Stürmer.
Markus Feulner 8 Notenpunkte (3 numerisch: 3)
In der Rückwärtsbewegung mit großen Problemen, wenn es schnell über seine Seite ging, dann aber emotionaler Leader und Vorlagengeber zur Wende.
Niklas Stark Ohne Bewertung
Gute Ansätze, aber man merkte Stark doch die fehlende Erfahrung und sein junges Alter an. Aber dafür dann doch ordentlich.
Hiroshi Kiyotake Ohne Bewertung
Irgendwo zwischen Genie und Schlamper – in der Drucksituation abgetaucht, brillierte dann einige Male, wenn es nach vorne ging. Seine Standards waren mal besser.
Robert Mak Ohne Bewertung
Er kann viel, aber probiert Dinge, die schon in der A-Klasse nicht mehr gehen. Braucht noch das rechte Maß zwischen Selbstbewußtsein und -überschätzung. Früh zur Pause ausgewechselt.
Timo Gebhart 2 Notenpunkte (5 numerisch: 5)
Wirkte in der Vorwärtsbewegung übermotiviert, in der Rückwärtsbewegung nachlässig. Ein Unsicherheitsfaktor, zu Recht zur Pause ausgewechselt.
Mike Frantz Ohne Bewertung
Oft unterschätzt, diesmal im Fokus. Machte das 2:1 mustergültig per Kopf und brachte mit seiner Defensivstärke den Club zurück auf Augenhöhe.
Daniel Ginczek 11 Notenpunkte (2 numerisch: 2)
Wir haben wieder einen Stürmer mit Torjägerqualitäten! Darf aber nicht allein gelassen werden, sonst kommt hängt auch Ginzcek in der Luft.
Josip Drmic Ohne Bewertung
Seine Dynamik machen Lust auf mehr. Traumpass zum 2:2, zu uneigennützig dann kurz vor Schluss.

13 Gedanken zu „Zwischen Genie und Schlamperei

  • Ich bin bei den Noten im Großen und Ganzen bei Euch.
    Was mir aber während des Spiels bei Herrn Kinhöfer nicht gefallen hat, war die unterschiedliche Bewertung der Fouls und die daraus resultierende Verteilung der Karten. Die saßen bei Club-Spielern doch deutlich lockerer als bei den Gastgebern. Und das für gleiche oder zumindest ähnliche “Vergehen”.

    • Eckes22

      Diese Ungleichbehandlung, die mich auch gestört hat, fand aber erst in der 2. HZ statt, nachdem Kinhöfer von seiner Fehlentscheidung wusste. Ich denke, das ist menschlich, dass man dann ein wenig kompensieren möchte.

      • Claus,

        Ok, menschlich ist es und auch ein Stück weit verständlich. Richtig aber nicht! Und so richtig geärgert hat mich das auch nur im Stadion da ich dort noch nicht wusste, dass der Ball kurz vor der Halbzeit drin war. “Gemunkelt” wurde es zwar im Stadion, mit Sicherheit wusste ich das aber erst spät Abends.

        • Eckes22

          Natürlich ist das nicht korrekt, aber wenn man menschliche Reaktionen bei den Umparteiischen ausschalten will, muss man die Spielleitung Computern übertragen.

            • Eckes22

              Keine Sorge, so habe ich Dich auch nicht verstanden. Was wäre denn ein Fußballspiel, bei dem man sich nicht über den Schiri ärgern kann? Es würde doch glatt etwas fehlen. Es darf nur nicht so extrem werden, wie es z.B. bei einem Babak Rafati der Fall war.
              Ärgerlich ist es natürlich extrem, wenn der Club wegen ständiger Fehlentscheidungen absteigt, wie es 2008 der Fall war, aber auch da war o. g. Herr massiv beteiligt.

  • “Dahinter lauert weiter Esswein auf seine Chance – wobei man auch sagen könnte, dass alle Welt auf Esswein lauert, ob er denn endlich endlich zu dem wird, was seine Talent dem Fußball fast schon zu lange verspricht.”

    Herrlich formuliert.

    Grüße
    Sigrid

  • Ein schönes Beispiel zu Statistiken:
    Sieht man sich die Spielerstatistik im ZDF-Text an, sieht es so aus, als ob Pino der Mann des Spieles war. Er hatte die meisten Ballkontakte (73), von seinen 38 Pässen fanden 79% ihr Ziel und die Zweikampfstatistik weist gar 92% gewonnene Zweikämpfe aus. Das ist doch aller Ehren wert. Die Frage, die sich stellt, ist jetzt, ob einen die Stistik täuscht oder die eigene Wahrnehmung.

    • Claus: Ein schönes Beispiel zu Statistiken: Sieht man sich die Spielerstatistik im ZDF-Text an, sieht es so aus, als ob Pino der Mann des Spieles war. Er hatte die meisten Ballkontakte (73), von seinen 38 Pässen fanden 79% ihr Ziel und die Zweikampfstatistik weist gar 92% gewonnene Zweikämpfe aus. Das ist doch aller Ehren wert. Die Frage, die sich stellt, ist jetzt, ob einen die Stistik täuscht oder die eigene Wahrnehmung.

      Das Problem das ich sehe: Wie wertet man es, wenn er überhaupt nicht in den Zweikampf kommt und der Gegner den Ball unbedrängt in die Mitte spielen kann? Ist das dann überhaupt ein verlorener Zweikampf für die Statistik? Pinola hat sich in Hälfte eins ein paar Mal böse überlaufen lassen und hatte da schon Glück, dass nicht mehr passiert ist. Das 2:0 geht rein auf seine Kappe. Da würde ich die Wahrnehmung deutlich über die Statistik stellen, auch wenn die zeigt, dass er in den Zweikämpfen in denen er war sehr griffig war.

      Note 2 für Wiesinger der laut bild.de “sehr zufrieden” mit unserer Partie war, halte ich für deutlich übertrieben, nachdem wir nach 10 ausgeglichenen Minuten wieder eine komplette Halbzeit verschlafen haben. Nutzt Hoffenheim nur die Hälfte aller Chancen, steht es zur Pause 3:0 und die Partie ist gegessen. Dass dem nicht so war und sich die Hoffenheimer in Hälfte zwei die Butter nochmal vom Brot nehmen lassen, ist durch unsere couragierte Leistung zwar nicht gänzlich unverdient aber zumindest doch sehr glücklich. “Sehr zufrieden” kann maximal ein neutraler Zuseher gewesen sein (also der Kerl vom Kicker der dafür eine 1.0 vergibt zumindest) vom Trainer des FCN finde ich diese Aussage eher verstörend. Mehr als Note 3.5 hat sich Wiesinger sicherlich nicht verdient.

      Ich denke, dass sich das Personal bis zum nächsten Spiel nicht großartig ändern dürfte, allerdings wäre ich dafür, dass Balitsch und Feulner die Positionen tauschen. Feulners Stärken liegen im Spielaufbau, Balitsch ist ein braver Zweikämpfer aber als alleiniger 6er überfordert.

      Schäfer – Balitsch, Nilsson, Pogatetz, Pinola – Feulner, Stark – Gebhart/Mak, Kiyotake, Mak/Drmic – Ginczek

      Nach den letzten beiden Aufrtitten von Gebhart gibt es für mich keine Rechtfertigung mehr warum man Kiyotake auf seine Kosten auf Außen verschwenden sollte.

      • xxandl

        Also nach dem letzten Auftritt sehe ich weder Balitsch noch Feulner auf der 6, Feulner aber auf keinen Fall auf RV, da war er schlicht überfordert bzw. auch von Kiyo zu sehr alleine gelassen. Deine Argumentation bzgl. Gebhart/Kiyo kann ich auch nachvollziehen, aber in Deiner Aufstellung hat Feulner wieder das Problem, dass sein Vordermann nicht defensiv hilft. und Stark braucht auf jeden Fall einen defensiv stabilen 6er neben sich. Das Puzzle wird nicht leicht, es sei denn Timmy Simons kommt zurück. 😉
        Ich glaube eher (je nach Trainingseindrücken), dass Chandler auf seine angestammte Position zurückkommt und die Trainer (weil Heimspiel) wieder 4-1-4-1 spielen lassen, dem würde dann erst mal Stark zum Opfer fallen, Balitsch wäre wieder auf der 6 und Feulner hilft aus dem Mittelfeld hinten mit, also mehr so ein 4-1-1-3-1, wobei ich dann eher mal (Denkpause für Gebhart) Mak und Drmic auf den Flügeln sehen möchte. Aber wahrscheinlich kommt es ganz anders.

        • Claus: Aber wahrscheinlich kommt es ganz anders.

          genau, da sind ja auch noch Esswein und Frantz… 😉

          Überhaupt, wäre nicht Frantz auch eine Option als RV?

          • Optimist

            Nach dem letzten Spiel muss man konstatieren: Offensiv viel zu wertvoll, um in die Defensive zu wechseln.
            Aber vielleicht wird ja Frantz unser neuer 6er?
            Ich muss jedenfalls auch Asche auf mein Haupt streuen: Der auch von mir oft kritisierte Mike hat am Samstag wirklich überzeugt.
            Ich denke aber, er wird weiter auf einen Platz in der Startelf warten, dazu ist er als universell einsetzbarer Joker fast schon zu wichtig. Motto: Wenn Dir nichts mehr einfällt, bring Mike Frantz, egal wo. 😉

  • Wenn ein Verteidiger die meisten Ballkontakte hat und noch dazu eine sehr gute Passquote, ist das meist ein Zeichen dafür, dass man Probleme im Spielaufbau hat und sich oft hinten den rumschiebt…

    Das mit den Zweikämpfen war ja bei Maroh auch immer der große Zankapfel… Da war doch auch die ewige Diskussion vom besten Zweikämpfer der Liga, der aber viele Zweikämpfe einfach verpasst hat…

    Überhaupt würde mich aber mal interessieren, wann eine Spielsituation als Zweikampf gewertet wird und wann nicht, und auch, wann ein Zweikampf als gewonnen gilt.
    Auch die Ausgangsituation ist bei einem Zweikampf durchaus mitentscheidend für dessen Ergebnis…

    Von daher sollte man das wie jede Statistik immer mit einem zweifelnden Auge betrachten.

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