Pflichtlektüre

Fünfzig Jahre Bundesliga, das sind 22 Meistertitel für Bayern München und einer für den 1. FC Nürnberg.

Vielleicht wäre es für den Club ja einer mehr geworden, wenn 1988 nicht zwei hochkarätige Spieler ihren Wohnsitz von der Pegnitz an die Isar verlegt hätten. Meint jedenfalls der Mann, der damals Trainer des 1. FC Nürnberg war und mit Rehagel und Ribbeck eine Wette laufen hatte, wer von ihnen es als erster schafft, eine Bundesligamannschaft zur Meisterschaft zu führen.

Offenbar sah er für sich reelle Chancen, die Wette zu gewinnen. Er hatte den FCN Anfang 1984 in einer sportlichen Lage übernommen, die so prekär war, dass er den Abstieg in die zweite Liga nicht verhindern konnte. Im Jahr darauf führte er den Club zurück in die Bundesliga, obwohl (bzw. weil) seine Mannschaft Mitte der Vorrunde aus wohl nicht ganz unberechtigten Gründen einen Aufstand gegen ihn probte, der nicht mit seiner Entlassung, sondern mit dem Rauswurf der Rädelsführer endete. In den Folgejahren formte er seine Fohlentruppe – nach der Revolte hatte er voll auf den Elan und den Lernwillen der ihm verbliebenen jungen Spieler gesetzt – schrittweise zu einer Mannschaft, die höheren Ansprüchen genügte.

Im Frühjahr 1988 stand die Mannschaft – seine Mannschaft – auf einem Uefa-Cup-Platz. Noch zwei, drei Verstärkungen und sie könnte um die Meisterschaft mitspielen.

So seine Vision.

Die Realität des Frühjahrs 1988 war aber, dass zwei seiner wichtigsten Spieler ihren Wechsel zu Bayern München bekanntgaben.

Vision geplatzt.

Wette verloren.

Er entschloss sich, das Traineramt zum Ende der Saison aufzugeben. Dass er mit seiner Mannschaft noch den Einzug in den Uefa-Cup feiern durfte, war ein Erfolg. Der größte Erfolg des 1. FC Nürnberg seit dem Meistertitel 1968. Für ihn war es eine Etappe auf dem Weg zu einem Ziel, das sich erledigt hatte.

Unvollendete Sinfonie…

Es folgten ein glückloses Intermezzo als Sportdirektor des FCN und Versuche des Comebacks als Trainer einer Profimannschaft. Ohne Erfolg. Mehr als ein Ausbilderposten im Nachwuchsbereich war für ihn nicht mehr drin.

Alkohol. Spielsucht. Lebenskrise.

Als er erfuhr, dass ein namhafter Sportjournalist ein Buch über die Geschichte der Bundesliga plant, rief er ihn an. Schließlich hatte er einiges zu erzählen – von der Anfangszeit der Bundesliga, in der er Spieler beim MSV Duisburg war, von der zunehmenden Kommerzionalisierung des Fußballsports, vom Bestechungsskandal in den frühen Siebzigern und – klar – von Entwicklungen im spieltaktischen Bereich. Daraus entstand ein Buch, das die Geschichte der Bundesliga anders aufarbeitet: nicht auf der Basis von Tabellen und Statistiken, sondern vor dem Hintergrund der Biographie eines Mannes, der diese Zeit als Spieler und Trainer miterlebte und – nicht so entscheidend, wie er es gerne gehabt hätte – mitprägte. Das Ergebnis ist eine berauschende Mischung aus sachlicher Information und spannenden Anekdoten. Letztere handeln von vorsätzlicher Spielfeldvereisung, Schüssen aus einer Pistole (7,65 Millimeter Baretta), Skatsolos im Wert von 7380 DM und einem Spieler, der heute das Trikot von RB Leipzig trägt, obwohl ihm von einem Trainer mit Bundesligalizenz eine Zukunft beim FC Barcelona verheißen worden war.

Ein Buch, das jeder lesen sollte, für den Fußball nicht nur ein Spiel ist, sondern ein Roman des Lebens:

Ronald Reng: Spieltage. Die andere Geschichte der Bundesliga. München: Piper Verlag 2013. 480 Seiten. 19,99 Euro.

3 Gedanken zu „Pflichtlektüre

  • Ich hatte das Buch, unmittelbar nachdem es im Hermann-Kesten-Zeitungscafe vorgestellt worden war, auch gelesen und finde Deine Zusammenfassung überaus prägnant. Um nicht zu sagen: „Besser kann man es kaum machen“.

    Fehlt nur noch der Hinweis: Empfohlen zur Lektüre während der Rückreise im Regionalexpress aus Nürnberg, insbesondere nach nicht gewonnenen Heimspielen! (Mit Ausrufezeichen!)

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  • Ich war ja seinerzeit auch der Meinung, dass die 85er Truppe früher oder später um die Meisterschaft mitspielen würde, insofern kann ich die Wette von Heinz Höher (von der ich bis dato noch nichts wusste) verstehen. Leider hatten die Bauern etwas dagegen, für die galt damals wie heute das Highlander-Prinzip (siehe U.H.:“Wir wollen keine spanischen Verhältnisse in der Bundesliga.“).

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