Die Tragik der Zweckfreiheit

„Lösen Sie sich vom Zwang des Gewinnenmüssens“, sagte die Stimme, „machen Sie sich frei vom Diktat des Erfolgs. Konzentrieren Sie sich auf Augenblicke. Auf die Momente, in denen das Wesen des Spiels in Erscheinung tritt. Das Spiel an sich. Losgelöst vom Korsett von Zielsetzungen. Suchen Sie im Spiel Momente der zweckfreien Erbauung.“

„Zweckfreie Erbauung?“, sagte ich mit geschlossenen Augen auf einer Couch liegend. „Fußball ist per se nicht zweckfrei. Es geht im Fußball um Sieg oder Niederlage. Um Punkte, Klassenerhalt, Aufstieg, Meisterschaft. Das ist das Wesen dieses Spiels.“

„Wenn Sie das so sehen wollen und diese Sichtweise nicht ablegen können, sollten Sie sich von diesem Spiel lösen. Haben Sie keine anderen Hobbies?“

„Nicht, wenn der Club spielt.“

„Sie sind kein leichter Fall.“

Ich öffnete die Augen.

„Ja bitte, stehen Sie auf!“

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Einen Moment zweckfreier Erbauung lieferte das Zweitligaspiel zwischen dem 1. FC Nürnberg und Union Berlin, als sich Union-Stürmer Sebastian Polter nach etwas mehr als fünfzig Spielminuten vor den Augen der Sky-Zuschauer in den Schritt griff. Ein Bild, das mir flashbackartig ein Erlebnis aus meiner B-Jugend-Vergangenheit ins Bewusstsein treten ließ:

Eckball. Ich flanke das Leder hoch Richtung Elfmeterpunkt. Das Spielgerät wird aus dem Strafraum geköpft. Beim Zurücklaufen sehe ich, wie der Spielführer meiner Mannschaft einem Spieler des Gegners vollspann ins Gesäß tritt. Bei der Ausführung dieser Tätlichkeit faucht er – ich distanziere mich ausdrücklich von der Wortwahl der zitierten Äußerung: „Wohl schwul, was!“

Nach dem Spiel, dessen Ergebnis ich nicht mehr weiß (ich weiß auch nicht mehr, welche Mannschaft der Gegner war) fragte ich meinen Kapitän und Mittelfeldkollegen beim Duschen nach den Hintergründen des glücklicherweise vom Schiedsrichter übersehenen und überhörten Vorfalls.

„Der hat mir in die Eier gelangt und dafür hab‘ ich ihm einen Arschtritt verpasst.“

Erklärte er und seifte sich die von dem Übergriff betroffenen Regionen mehr trotzig als liebevoll ein.

So wird mir denn die Zweitligapartie zwischen dem Club und Union Berlin für immer in zweckfreier Erinnerung bleiben. Und zwar unabhängig davon, ob Polters Behauptung, von einem Club-Spieler (un?)sanft in den Weichteilen berührt worden zu sein (klick), harten Fakten standhält oder nicht.

Übrigens: Sollte der Beschuldigte, der pikanterweise selbstdiagnostisch bekennt:

„Auf dem Platz kommt bei mir die Drecksau raus“ (klick),

tatsächlich handgreiflich geworden sein, hätte diese Maßnahme ihren Zweck durchaus nicht verfehlt. So kann man es zumindest im Nachhinein sehen. Polters Handspiel unmittelbar nach der von ihm beklagten Sittenwidrigkeit war vielleicht gar nicht so unmotiviert, wie es schien, sondern eine provokationsbedingte Black-out-Reaktion. Noch dazu eine mit spielverlaufslenkender Auswirkung, denn sie brachte dem FCN einen Strafstoß ein, durch den er in einer bis dato ausgeglichenen Partie auf die Siegerstraße und am Ende zu drei Punkten kam. Geradezu tragikomisch, dass der – angeblich? – im Intimbereich Belästigte sich nach dem Schlusspfiff zu seiner Torwarteinlage so äußerte:

„Ich könnte mir selbst dafür in den Arsch beißen“ (klick).

Abseits des eine Anekdote aus meiner übersichtlichen Karriere im Vereinsfußball evozierenden und in ein mit einem Elfmeter geahndeten Handspiel mündenden mutmaßlichen Fingerspiels hielt sich der Erbauungsfaktor der Partie in überschaubaren Grenzen. Zu nennen sind die drei Tore, die der Club erzielte. Zu nennen ist das Gefühl des Siegs nach dem Schlusspfiff, doch war es überlagert vom bitter-tragischen Gefühl der Zweckfreiheit. Was nützt ein Sieg, wenn der Weg zur Pforte des Aufstiegs zu weit ist? Wenn ich auf die Tabelle schaue und mir vor Augen halte, was wäre, wenn der Club in Frankfurt (klick) nicht verloren, sondern gewonnen hätte (klick), bekomme ich Lust auf die von Polter nach dem Spiel ins Spiel gebrachte gymnastische Selbstverrenkung mit oraler Beteiligung. Herumdümpeln im Niemandsland der zweiten Liga finde ich wenig erbaulich.

Bleibt festzuhalten, dass ich mich schon wieder auf therapeutisch verbotenen Abwegen befinde. Ich bin ein schwieriger Fall. Wahrscheinlich sogar ein hoffnungsloser.

[Zum Spiel: klickklickklickklick.]

4 Gedanken zu „Die Tragik der Zweckfreiheit

  • Herumdümpeln im Niemandsland ist wenig erbaulich, Dein Text aber sehr! Böse Erinnerungen an B-Jugend-Winter-Trainings in Schulsport-Hallen kamen hoch: Bauernsöhne (verlässliche Vorstopper), die – juchhee – Bälle planlos durch die Gegend bolzten. derweil ich mich in hinterste Winkel verzogen hab aus schierer Angst, dass irgendein Querschläger… Hoffentlich träum ich da heut Nacht nicht von…

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  • Der Club-Fan, das unverstandene Wesen, oder wäre das unverständliche treffender?

    Grüßen die rot-schwarzen Farben aus dem Tabellenkeller, wird sein Leben von Schlafstörungen und Panikattacken zersetzt. Verbreitet ihr Platz an der Sonne optimistische Aufstiegshoffnungen, wird damit die Saat für eine bald folgende Depression ob der Last des unbedingten Gewinnen-Müssens gepflanzt.

    Wie positiv doch das unbetrübte Flanieren zwischen den Demarkationslinien sein könnte. Wäre da nicht die absolute Verpflichtung, vor dem Vorstadt-Teeladen zu stehen, die Ehre Frankens in Bayern zu verteidigen und die Erwartung, in Bälde die 10. Meisterschaft zu holen. Und ginge es nicht um unseren Club, den einzigartigen FCN!

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