Analyse: Nicht unverdienter Zittersieg

Analyse und Noten des Spiels 1. FC Nürnberg vs. 1. FC Heidenheim, Endstand 3:2 (2:1) Der Club gewinnt sein erstes Heimspiel, muss aber bis in die Schlussphase warten, ehe der Siegtreffer fällt. Clubfans United analysiert das Spiel, lässt den Trainer zu Wort kommen und bewertet die Leistungen der einzelnen Spieler.

Die Analyse:

René Weiler veränderte die Aufstellung gegenüber der Niederlage am Montag personell zweifach. Zum einen rutschte Miso Brecko für Kevin Möhwald ins Team, übernahm nur einen Tag nach seiner Verpflichtung den Job als Rechtsverteidiger. Zum anderen begann Jan Polak für den gesperrten Dave Bulthuis. Allerdings rückte der Tscheche ins zentrale Mittelfeld. Bulthuis‘ Aufgabe als Linksverteidiger übernahm Niklas Stark. René Weiler gab nach dem Spiel zu, dass der Gedanke kein lange gereifter war: „Mit dem Gedanken Niklas Stark auf links hinten spielen zu lassen, habe ich eigentlich vorher noch nie gespielt. Jetzt kam aber Brecko neu dazu. Er ist gelernter Rechtsverteidiger. Wenn ich ihn also nun auf links stelle, dann spielen er und Möhwald auf einer ungewohnten Position. Das wollte ich nicht. Da der Gegner physisch stark ist und viel von den Standards lebt, wollte ich einen zusätzlichen physisch starken Spieler mit Niklas Stark.“ Weilers Plan ging auf, Stark machte seine Sache auf der ungewohnten Position sehr ordentlich.

Auch in der Formation stellte Weiler leicht um. Statt eines 4-1-4-1 setzte er auf ein 4-4-2 mit zwei defensiven Mittelfeldspieler. Alessandro Schöpf rückte deshalb nominell auf die linke Außenbahn, zog aber ebenso ins Zentrum, wie Danny Blum – eigentlich zentraler Angreifer – immer wieder nach Außen driftete um Bälle zu erobern. Neben Blum, allerdings etwas nach hinten versetzt, agierte Guido Burgstaller. Die beiden Spitzen agierten als erste Verteidigungslinie des FCN, attackierten die Heidenheimer früh und versuchten so Druck aufzubauen. Dies gelang meistens sehr gut, nur in der Phase zwischen 2:2 und 3:2 war bei den Stürmern, wie auch bei der ganzen Mannschaft, die Luft raus.

Der FCN begann stark und aggressiv, gewann in der Anfangsviertelstunde 57% seiner Zweikämpfe, kam oft in Strafraumnähe und setzte die Gäste massiv unter Druck. Das 1:0 war eine Folge dieses hohen Drucks. Burgstallers Nachsetzen gegen Feick, der den Ball eigentlich schon erobert hatte, kann als beispielhaft für die Startviertelstunde gelten. Danach jedoch trat der Club den Beweis der Statistik an, dass Mannschaften am anfälligsten für Gegentore sind, wenn sie gerade selbst eins erzielt haben. Mit dem 1:0 kam Heidenheim ins Spiel, hatte drei Großchancen binnen vier Minuten, machte daraus ein Tor. Einmal mehr war die Clubabwehr nach einer Ecke ungeordnet. Die Anfälligkeit bei hohen Bällen, die den FCN schon in der letzten Saison plagte, zeigte sich erneut.

Allerdings schüttelte sich der Club nur kurz, ehe er dann zu Chancen durch Blum, Behrens und Polak kam. Jedoch ging die hohe Dominanz aus der Anfangsviertelstunde dabei verloren. Die Heidenheimer fanden besser in die Zweikämpfe, die Passgenauigkeit des Clubs ging deutlich zurück, das schwungvollen Anspielen des Strafraums ging verloren. Die Gelegenheiten entstanden nun oft durch Standards. So auch das 2:1 – wenn auch aus einer Heidenheimer Ecke. Hier zeigte sich, dass Blums Schnelligkeit eine enorme Waffe ist. Der Stürmer war mit dem Ball schneller als Verteidiger Strauß ohne, ließ sich sogar von dessen Textilbremse nicht stoppen. Es war ein fulminanter Konter, den Blum da ausspielte.

Nach der Pause verlor das Spiel dann auf beiden Seiten an Struktur und verflachte, Heidenheim war nun deutlich präsenter in den Zweikämpfen – in der Anfangsviertelstunde der Zweiten Halbzeit waren es dann die Gäste, die 57% der Zweikämpfe gewannen. Dennoch war das Heidenheimer Tor nicht folgerichtig, sondern völlig überraschend. So überraschend, dass der FCN nun lange brauchte, um sich vom Gegentor zu erholen. In dieser Phase kann man René Weiler möglicherweise vorwerfen, dass er zulange mit einem Wechsel gewartet hatte. Rurik Gislasson war schon lange indisponiert mit wenig Bindung zum Spiel und auch Danny Blum hatte sich völlig verausgabt, wurde im Laufe der Zweiten Halbzeit immer unauffälliger. Trotzdem wartete Weiler bis zur 77. bzw. 82. Minute um die beiden durch Füllkrug bzw. Kutschke zu ersetzen.

Der Wechsel auf Füllkrug war am Ende der entscheidende, war er es doch, der mit einer schönen Einzelaktion Strauß aussteigen ließ und Polak bediente, so dass dieser sein erstes Tor seit seiner Rückkehr nach Nürnberg schießen konnte. Der Sieg war nicht unverdient, der Club schoss öfter aufs Tor, hatte den Ball öfter und auch die größeren Torchancen. Er hätte sich aber wegen der eklatanten Schwächen in der Defensive nicht beschweren können, wenn es statt des Zittersiegs, ein Zitterunentschieden geworden wäre.

Die Zahlen:

NürnbergHeidenheim
3
Tore
2
17
Torschüsse
13
8
Ecken
7
51,57
Ballbesitz (%)
48,43
67,90
Passquote (%)
61,67
48,92
Zweikampfquote (%)
51,08
19
Fouls
20
117.38
Laufdistanz (km)
114,59
1
Abseits
2

Das Trainerstatement:
Es war einiges los diese Woche. Ich konzentriere mich aber allein auf das Sportliche und deshalb bin ich froh, dass wir diese Reaktion zeigen konnten. Nach dem Auftaktspiel und diesem Rummel danach war es wichtig, dass wir diese Reaktion zeigen konnten. Man kann solche Geschichten auch immer falsch interpretieren und dementsprechend bin ich froh, dass wir sportlich – und dafür sind wir alle angestellt – eine Antwort gegeben haben. Selbstverständlich macht mir die Defensive noch Sorgen, das ändert sich nicht mit dem Sieg. Wir haben immer noch defensive Probleme. Einerseits möchte ich die beheben mit dem Linksverteidiger, Sepsi hat jetzt noch einmal zehn Tage Zeit. Es gibt noch viel zu tun, wir haben jetzt acht Gegentore in zwei Spielen gekriegt. Auf der anderen Seite haben wir schon sechs erzielt, das ist dann wieder lobenswert. Ich denke die Arbeit geht nicht aus, das ist aber nichts Neues. (…) Ich messe die offensiven Spieler daran, wieviel Stress sie dem Gegner erzeugen können: Muss man sie foulen, holen sie Eckbälle oder zweite Bälle. Danny Blum hat heute richtig Stress erzeugt, das war heute eine gute bis sehr gute Leistung von ihm. Ich möchte ihn nicht zu sehr loben, aber er hat im ersten Spiel schon einen Assist gehabt, heute hat er wieder zwei Torbeteiligungen gehabt, das ist das, was man sich von einem Stürmer wünscht. (…) Die Heidenheimer haben unglaublich viele Tiefenläufe und Bälle, die sie spielen, erzeugen immer wieder enormen Druck auf das gegnerische Tor. Jeden Ball, den sie mit einem Freistoß in den Sechzehner schlagen können, schlagen sie hinein, dort haben sie eine unglaubliche Präsenz und Lufthoheit. Die sind immer gefährlich, gegen sie zu spielen ist nicht so einfach. Wir haben jetzt das erste Mal gegen die ein Tor erzielt, mussten aber drei Tore erzielen, um zu gewinnen. Polaks Tor war ein tolles Tor und ein Tor nach einer schwierigen Phase. Mit dem 2:2, das aus dem Nichts kam, hatten wir schon einen kleinen Knacks. In den Köpfen und den Beinen hat man das gespürt, dass es schwerer wird. Trotzdem hat die Mannschaft nicht aufgesteckt, hat es versucht, hat aber auch gelitten und am Schluss wurde sie dann belohnt. Der Sieg ist nicht selbstverständlich nach all dem, was diese Woche geschehen ist. Noch dazu war die Zeit zwischen den Spielen knapp und der Gegner unbequem. Ich glaube schon, dass das der Mannschaft sehr gut tut. Da kann man den Jubel nach dem dritten Tor nehmen, da sieht man, dass jeder mitfiebert und dabei ist. Auch diejenigen, die draußen sind, haben das Tor richtig genossen.

Die Spieler im Einzelnen:

Thorsten Kirschbaum 2 Notenpunkte (5 numerisch: 5)
Wackelte vor dem 1:1 dank seiner Raphael-Schäfer-Gedächtnisfaust, patzte beim 2:2, parierte immerhin kurz nach dem 1:0 gegen den freistehenden Leipertz
Even Hovland 2 Notenpunkte (5 numerisch: 5)
Extremer Unsicherheitsfaktor. Schwache und viel zu lässige Abspiele, stand beim 1:1 nicht gut.
Miso Brecko 8 Notenpunkte (3 numerisch: 3)
Machte die Sache sehr ordentlich. Erst recht vor dem Hintergrund, dass er erst einmal mit der Mannschaft trainiert hatte. Sogar mit einigen ordentlich Offensivaktionen, v.a. eine Doppelpassstaffette mit Blum stach heraus.
Kevin Möhwald Ohne Bewertung
Kam zum an der Uhr drehen. Schaffte dies ohne sich \"kindergartenmäßig\" zu verhalten.
Danny Blum 12 Notenpunkte (2+ numerisch: 1.67)
Man of the Match. Erzielte ein Tor, bereitete das Heidenheimer Eigentor vor. War überall auf dem Feld zu finden und das nicht nur, weil er alle Standards traf. Rieb sich mit der hohen Intensität auf und war Mitte der Zweiten Halbzeit dann platt.
Alessandro Schöpf 6 Notenpunkte (4+ numerisch: 3.67)
Wirkte gedanklich einmal mehr langsam und wenig dynamisch. Mit dem Schöpf von vor einem Jahr hat dieser Schöpf wenig zu tun. Allerdings zweimal mit dem, was man Eishockey \"Second Assist\" nenen würde, spielte den Pass auf Blum vor dem 2:1 und auf Füllkrug vor dem 3:2.
Rurik Gislason 3 Notenpunkte (5+ numerisch: 4.67)
Findet sich noch nicht in der Zweiten Liga zurecht, war trotz regen Bemühens nicht ins Offensivspiel eingebunden. Blieb oft an den Abwehrspielern hängen.
Hanno Behrens 7 Notenpunkte (3- numerisch: 3.33)
Noch zum Teil mit Orientierungsproblemen, deutet aber an, dass er durch sein robustes Spiel eine Bereicherung werden kann.
Jan Polak 9 Notenpunkte (3+ numerisch: 2.67)
Tat endlich einmal das, wofür man ihn vor einem Jahr geholt hatte: Anführen. Sein Tor war die Belohnung für großen Kampf.
Ondrej Petrak 4 Notenpunkte (4- numerisch: 4.33)
Ungewohnt zweikampfschwach, insgesamt sehr fahrig und wenig stabil. Vor dem 2:2 nicht energisch genug.
Niklas Stark 8 Notenpunkte (3 numerisch: 3)
Defensiv extrem stabil, machte seine Sache nach hinten gut. Im Spiel nach vorne natürlich nicht das, was man von einem Außenverteidiger erwartet, aber er ist ja eigentlich auch keiner.
Stefan Kutschke Ohne Bewertung
Wurde eingewechselt, danach fiel das Tor. Das hatte aber keinen Kausalzusammenhang.
Niclas Füllkrug Ohne Bewertung
Bereitete den Siegtreffer dank schöner Einzelleistung vor. Dürfte im Pokal ein Option für Gislason sein.
Guido Burgstaller 10 Notenpunkte (2- numerisch: 2.33)
Unermüdlicher Zweikämpfer und Ackergaul. Nicht immer durchschlagend, aber sehr aktiv. Dank seiner Mentalität des Nichtaufgebens entstand das 1:0.

12 Gedanken zu „Analyse: Nicht unverdienter Zittersieg

  • Kirschbaum sehe ich zu schwach benotet, ihn mit Hovland auf eine Stufe zu stellen halte ich für falsch.

    Burgstaller kommt mir etwas zu gut weg, bei ihm sehe ich eine latente Gebhardteritis, das sollte er ablegen, sonst macht ihm Füllkrug auf links den Platz streitig.

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    • Armin Busch,

      Ja, Burgstaller kann den Ball manchmal auch früher spielen bzw. besser halten. Allerdings behauptet er sich zum Teil so in aussichtslosne Situationen und holt Freistöße raus.

      Füllkrug spielt immer noch A-Jugend-Style. Kein Wunder, dass er überall durchgereicht wird. Der wird weder jemals Stammspieler bei uns, noch einem Burgstaller das Wasser reichen.

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  • Bei Kirschbaum und Brecko sehe ich das anders, Statement s. Vorartikel.

    Kirschbaum 7 Punkte.
    Brecko 5 Punkte.

    Aber gut – Du bist der Lehrer. 😉

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  • Wieso ist das 2:2 ein Kirschbaum-Fehler? Der Ball rutscht über den Spann und wird unberechenbar! Den hält vielleicht ein Neuer, weil er riesengross ist, aber niemand anders!
    Sonst passt alles… 🙂

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    • Bomber Manolo:
      Wieso ist das 2:2 ein Kirschbaum-Fehler? Der Ball rutscht über den Spann und wird unberechenbar! Den hält vielleicht ein Neuer, weil er riesengross ist, aber niemand anders!
      Sonst passt alles…

      Sah aus der NK aber richtig doof aus. Im TV gucke ich mir die Zusammenfassung allerdings momentan nicht an, ein Mal reicht 😀

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    • Bomber Manolo:
      Wieso ist das 2:2 ein Kirschbaum-Fehler? Der Ball rutscht über den Spann und wird unberechenbar! Den hält vielleicht ein Neuer, weil er riesengross ist, aber niemand anders!
      Sonst passt alles…

      Kirschbaum (194) ist laut Wikipedia einen Zentimeter größer als Neuer (193). Oder habe ich die Ironie nicht verstanden? Das Tor war einfach unglücklich. Kirschbaum ist da aber nur der letzte in der Reihe. Petrak hätte den Schützen schon vorher einfach stören müssen und nicht nur nebenher laufen.

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      • slothrop677: Kirschbaum (194) ist laut Wikipedia einen Zentimeter größer als Neuer (193). Oder habe ich die Ironie nicht verstanden? Das Tor war einfach unglücklich. Kirschbaum ist da aber nur der letzte in der Reihe. Petrak hätte den Schützen schon vorher einfach stören müssen und nicht nur nebenher laufen.

        Der Hauptfehler liegt bei Danny Blum, der nach dem Eckball der Meinung war, der abgewehrte Ball ginge ins Aus und nur langsam zurücktrabte. Als er bemerkte, dass der Heidenheimer nach dem Ball rannte, sprintete er erst los… da wars zu spät…

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  • Pingback:Gedanken zu einer turbulenten Woche | Clubfans United - 1. FC Nürnberg

  • Die 5 Punkte für Kirschbaum finde ich richtig. Er ist noch nicht der Rückhalt, den wir brauchen.

    Ich finde, dass Petrak nicht mehr als 2 Punkte verdient hat. Gewohnt pflegmatisch, wahnsinnig viele Fehlpässe im Aufbauspiel und meistens zu weit weg vom Gegenspieler. Er war nicht besser als Hovland.

    Auch die 6 Punkte für Schöpf finde ich zu positiv. Ich kann mich an nicht mehr als 2-3 gelungene Aktionen, jedoch an einige Ballverluste, erinnern.

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    • André:
      Auch die 6 Punkte für Schöpf finde ich zu positiv. Ich kann mich an nicht mehr als 2-3 gelungene Aktionen, jedoch an einige Ballverluste, erinnern.

      Schöpf erobert vor dem 2:1 den Ball und passt ihn auf Blum, der das Solo startet, und vorm 3:2 ist er derjenige, der den Abschlag von Kirschbaum verwerten kann und den Ball Füllkrug so zuspielt, dass er mit Tempo weiterlaufen kann. Zwei entscheidende Szenen, das muss mMn in die Bewertung mit einfließen. Insgesamt muss da natürlich mehr kommen.

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