„Wir sehen uns wieder in Liga 1“

Vor dem Spiel des 1. FC Nürnberg bei FC St. Pauli mit Sportjournalistin Ayla Mayer im Interview

Flugverbot? Zugegeben, das Schlagwort mit dem Spiel in Hamburg zu verbinden, dazu braucht es einen Moment. Dabei war das Thema Busfahren statt Fliegen vor dem letzten Spiel des Club auf FC St. Pauli das einzige, was einem damals aufregte. Der Club dümpelte am 29. Spieltag im Mittelfeld der Liga und hatte davor charmant in sechs Spielen nur zwei Remis geholt. Kein Komfort, ohne Leistung, hieß es da ungewohnt markig aus der damals noch Baderschen Führungsetage. Die Spiele flogen dann auf eigene Kosten, ein weiteres Kuriosium in der langen Geschichte des ruhmreichen FCN. Verloren hat man trotzdem mit 1:0 durch ein Tor von Sobiech in der Nachspielzeit und leistete so auch seinen Beitrag zum dortigen Klassenerhalt.

Heute ist alles anders – auf St. Pauli. Dort hat man sich unter Trainer Ewald Lienen nicht nur gerettet, man steht jetzt sogar auf Platz 3 und meldet Ambitionen auf den Aufstieg an. Der Club ist dagegen wo er war, irgendwo im Mittelfeld der 2. Liga. Damit das auch beim Club anders werden soll, hat man von eben jenem St. Pauli den Finanz-Chef Meeske geholt. Der konstatiert prompt: Auf St. Pauli ist zur Zeit irgendwie alles besser, das Sportliche wie auch das Wirtschaftliche. Immerhin: Die Perspektive sei beim Club besser. Womit sich das begründet, bleibt Meeske als Erklärung schuldig, immerhin hat man in Hamburg einen Stadionumbau schon gestemmt und sich auch in der Vermarktung längst emanzipiert. Aber in Nürnberg ist man traditionell mit einem hohen Anspruch ausgestattet, weil man ja mal der Ruhmreiche war, und für den Franken nix dagegen spricht, warum das nicht wieder so sein könnte. Meeske ist also schon fast akklimatisiert im neuen Umfeld.

Interview

Rein sportlich geht es für St. Pauli nach einer Auswärtspleite bei TSV 1860 München darum, wieder in die Erfolgsspur zu kommen. Der Club kommt da im Grunde genau richtig, trifft das zweitbeste Heimteam auf die viertschlechteste Auswärtsmannschaft, bei der auch noch Burgstaller, der Lichtblick vom Dienst, sogar wenn er schlecht spielt, mit Gelbsperre passen muss. Da der Club aber, auch wenn man das warum nicht genau erklären kann, eben traditionell Aufstiegsambitionen hegt, muss man seinerseits trotzdem gewinnen, denn St. Pauli steht eben genau da, wo man (auch wenn es nicht so formuliert wird) am Ende irgendwie hin will. Clubfans United sprach mit Ayla Mayer, ihres Zeichens ambitionierte Twitterati und nebenbei Sportjournalistin, über das Phänomen St. Pauli, über Fanmedien, Heldenverehrung, verzichtbare Montagsspiele und ein nicht wirklich sportlich faires Format namens Relegation.

[Clubfans United] Hallo Ayla! Schön dich noch erwischt zu haben, so kurz vor dem Spiel. Willst du dich kurz vorstellen, wer du bist, wo du schreibst und was dich mit dem FC St. Pauli verbindet?

[Ayla] „Moin Alex, moin Clubfans, danke für die Einladung. Ich bin Ayla und bei twitter als @santapauli1980 unterwegs. Mein Output beschränkt sich also aktuell auf 140 Zeichen pro Auslassung. Ich bin eigentlich gelernte Sportredakteurin, in der Position war aber so gut wie unmöglich, subjektiv über den eigenen Verein zu bloggen. Als Freie Journalistin hatte ich mich dann auch eher darauf konzentriert, Geld damit zu verdienen, den HSV zu dissen. St.Pauli-Fan bin ich seit Kindesbeinen, das verdank ich meiner Mutter. Dieses Jahr war meine fünfzehnte Dauerkartensaison in der Nordkurve.“

[Clubfans United] Rund um St. Pauli gibt es überdurchschnittlich viele Fanmedien im Internet, woher kommt das wohl und was sind deine Favoriten?

[Ayla] „Ich kenne nur den Übersteiger„, um es mal mit den Worten eines Ex-Präsidenten auf den Punkt zu bringen: Am ÜS kommt niemand vorbei, aber das will vielleicht auch keiner. Die neuste Ausgabe hat der Postbote gerade gebracht, die hat Telefonbuchformat. Falls Ihr Sonntag in Hamburg seid, kauft eine Ausgabe vorm Stadion. Ebenso Lesepflicht gilt aber für magischerfcblog, Lichterkarussell und Kleinertodblog. Warum wir so viel gutes, lesbares Zeug haben? Ich denke, dass St. Pauli eine lange Fanzine-Tradition hat, dass hier eine kritische Eigensicht nicht als Netzbeschmutzung aufgefasst wird, ist ein Grund. Unsere Fans sind in vielerlei Hinsicht gesellschaftspolitisch aktiv, es gibt also viel zu erzählen. Der Verein hat ja in den letzten 15 Jahren auch genug Material gegeben.“

[Clubfans United] Dein Verein war vor einem Jahr im Winter quasi „tot“, dann kam die Wiederauferstehung, Klassenerhalt und steht jetzt auf Platz 3. Wie kam es zu dem Wunder von Hamburg?

[Ayla] „Auch wenn wir es mit Heldenverehrung hier so nicht haben, aber einen großen Anteil verdanken wir Ewald Lienen. Die Mannschaft ist taktisch unglaublich flexibel und steht vor allem hinten sicher. Dass in der Mannschaft unglaubliches Potenzial steckt, hat sich ja schon vergangene Saison in der Rückrunde angedeutet. Da hatten wir einen Ritt hingelegt, der war eigentlich nicht machbar. Ich glaub, wir waren in der Hinrundentabelle auf Platz 18 und in der Rückrundentabelle am Ende auf 6. Und jetzt gewinnen wir auch mal Spiele, für die früher immer die Geduld Konzentration fehlte. Das 1:0 in der Nachspielzeit gegen Freiburg ist so ein Beispiel.“

[Clubfans United] Wer soll am Ende der Saison rauf, wer runter?

[Ayla] „Unseren aktuellen Platz drei sehe ich problematisch, wir sind zu früh zu gut. Ich werde auch lieber Vierter statt Dritter, Relegation hat sich in den vergangenen Jahren nicht wirklich als sportlich faires Format etablieren können. Denke, dass Freiburg für den Aufstieg gesetzt ist, danach ist es ein offenes Rennen. Ob RBL den Aufstieg schafft, ist mir herzlich egal, genau wie der Rest der Bundesliga. Die Hälfte der Ansetzungen liest sich wie verzichtbares Montagsspiel. Und unten… Duisburg ist weg, Fortuna drücke ich die Daumen. Aber einen der Traditionsklubs erwischt es noch.“

[Clubfans United] Hamburg ist eine große Stadt und sollte im Prinzip viel Potenzial bieten für einen (zwei) Verein(e). Warum sagt Meeske dann, dass Nürnberg zwar aktuell schlechter (auch wirtschaftlich) dastünde, aber mehr Potenzial habe? Ich muss ehrlich sagen, ich weiß nicht genau, was er damit meint.

[Ayla] „Ich auch nicht. Klingt nach mehr Macht.“

[Clubfans United] Apropos Meeske, unseren St. Pauli Import. Wie hast du ihn in Erinnerung und was dachtest du bei seinem Abgang? Kann er dem Club helfen?

[Ayla] „Meeske für mich immer der klassische norddeutsche Geschäftsmann, ruhig, seriös, irgendwas mit Zahlen. Ich war skeptisch, als er ging, wurde aber mit der Bekanntgabe der Rettig-Verpflichtung sofort beruhigt. Ich bin mit Euren Strukturen nicht so vertraut, als dass ich beurteilen könnte, ob er Euch hilft und ob er reinpasst. Aber jemanden zu haben, der lange einen relativ komplizierten Verein geführt hat und die zweite Liga gut kennt, kann nicht das schlechteste sein.“

[Clubfans United] Was ist das derzeit heißeste Thema rund um St. Pauli?

[Ayla] „Sicher das neue Selbstverständnis, mit dem unser Klub gerade sehr schlau Duftmarken setzt. Letzte Woche wurde bekannt gegeben, dass St Pauli den Vermarkter Upsolut und dessen 80 Mitarbeiter übernimmt. An Upsolut hatte man 2004 (?) die Marketingrechte auf 30 Jahre für nen Appel und ein Ei verscheuert. Die haben wir jetzt zurück. Dann die Forderung vom Verein, die Werksklubs aus der TV-Vermarktung zu nehmen. Ob das klappt, ist eine Frage, aber die Diskussion anzustoßen, ist richtig.“

[Clubfans United] Was verbindet dich mit dem „Club“ aus Nürnberg? Oder: Wie empfindet man den FCN so aus der Ferne?

[Ayla] „Den gemeinsamen Aufstieg 2001, immer. Da war ich zwar leider nicht im Stadion, aber auf dem Heiligengeistfeld in Hamburg. Gegen 23 Uhr kam endlich die Mannschaft, die war natürlich lattenstramm. Beeindruckend. Am letzten Spieltag der Bundesligasaison haben wir ebenfalls gegeneinander gespielt, Ihr wart schon gerettet, wir bereits abgestiegen, und Eure Mannschaft trug einen Banner ins Stadion, auf dem stand „Wir sehen uns wieder in Liga 1″ oder ähnlich.
Das Bundesligajahr war eine Scheißsaison, auf die eine weitere Scheißsaison folgte, aber die Szene hab ich nie vergessen. Damals lief auch noch nicht jedes Team mit von Sponsor organisiertem Banner übers Feld, um danach ein klickträchtiges Foto für Facebook zu haben. Das war einfach nur eine nette Geste.“

[Clubfans United] Wo wirst du das Spiel verfolgen? (Wenn im Stadion: Mit welchen Gefühlen, auch nach Paris) Wie ist dein Tipp?

[Ayla] „Ich denke, das wird ein ungefährdetes 2:0, die Pleite in München kam zum richtigen Zeitpunkt. Ich bin wie immer mit meinen Freunden in der Nordkurve, wir sind eine Stunde vor Anpfiff da, sichern unseren Wellenbrecher und lungern in der Sonne. Es wird mein erster Stadiongang nach den Anschlägen von Paris, gemischte Gefühle habe ich keine. Mir machen vor allem die Leute Angst, die jetzt behaupten, wir müssten jetzt alle Angst haben.“

[Clubfans United] Wir danken für das Interview. Zu guter Letzt dein Schlusswort: Ein Grußwort? Eine Botschaft?

[Ayla] „Gern. Meine Botschaft: Mit dem Santa Pauli-Weihnachtsmarkt auf dem Spielbudenplatz haben weder der Verein noch ich was am Hut. Ansonsten wünsch ich allen Club-Fans eine gute Anreise, ein schönes Wochenende in Hamburg und ein gutes Spiel.“

Das Interview führte Alexander Endl [Clubfans United] mit Ayla Mayer am 28.11.2015 via E-Mail.

Wer von Fanstimmen noch nicht genug hat: Auch Clubfans United durfte sich beim Millernton zum Spiel befragen lassen.

Am Sonntag spielen wir gegen den 1. FC Nürnberg am Millerntor. Gestern habe ich mit Stefan von Clubfans United gesprochen. Die erste Anlaufstelle, wenn man Fan des Clubs ist. Wir sprachen über Michael Meeske, Torwartfehler und ich gab eine kleine Einschätzung zum Status Quo beim FC St. Pauli.

Vor dem Spiel – 1. FC Nürnberg – Spieltag 16 – Saison 2015/16

Steckbrief für Gastleser: Clubfans United ist ein Online-Fanmagazin von Fans für Fans des 1. FC Nürnberg. Clubfans United beschäftigt sich allerdings nicht mit der Fanszene im Speziellen (eher im üblichen Rahmen einer Berichterstattung), schreibt auch nicht aus oder über „die Kurve“ oder Erlebnisse rund um den Stadionbesuch, sondern vielmehr über den Sport, den Verein (fokussiert auf den Profi-Fußball) und die mediale Berichterstattung. Wir sind also mehr Sportmagazin als Fanmagazin in dem Sinne, nur eben, dass wir das als Fans betreiben und auch aus dem Blickwinkel schreiben. Alles weitere bei Interesse etwas ausführlicher hier: clubfans-united.de/was-ist-das-hier

9 Gedanken zu „„Wir sehen uns wieder in Liga 1“

  • Schiri ist der 27jährige Nachwuchsmann Sören Storks aus dem deutsch-holländischen Grenzgebiet in NRW. Er hat bisher nur 4 Spiele in der 2. BuLi gepfiffen und davor viele in verschiedenen Regionalligen und der 3. Liga.
    Hoffentlich lässt er sich nicht von der Kulisse am Millerntor einschüchtern…

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  • Wer nach dem Spiel Lust hat – wir sind im Millers, 3 Schluck vom Stadion weg in der Detlev-Bremer-Straße, Ecke Clemens-Schultz-Str.
    Paulis und Clubberer und alles andere.

    SChönes Spiel

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  • Komischer Spieltag. So eine Adventsbesinnlichkeit. Kaum Kommentare. Alle schon voller Glühweinseligkeit?

    Ewald Lienen:

    „Unser Gegner ist eine gestandene Mannschaft, die in jeder Phase in der Lage ist, eine überragende Leistung zu zeigen. Hätten sie zwei Siege mehr, würden sie zur Spitzenklasse der Liga zählen. Sie kommen mit wenigen Kontakten nach vorne und können innerhalb kürzester Zeit zwei oder drei Tore schießen.“

    Was er nicht erwähnte, aber sicher seiner Mannschaft sagte:

    „Unser Gegner ist eine Mannschaft im Findungsprozess, die in jeder Phase in der Lage ist, eine Grotten-Leistung zu zeigen. Hätten sie zwei Siege weniger, würden sie Abstiegskampf der Liga stecken. Sie kommen mit wenigen Fehlern aus dem Konzept und können innerhalb kürzester Zeit zwei oder drei Tore kassieren.“

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  • Alexander Endl – Clubfans United,
    tja das alte Jing und Jang im Clubfan-Dasein…
    Ich hoffe mal das Sie den Anschluss nach Oben heute realisieren können.Dieses ständige, da ist eine Chance aus dem mittelfeld herraus zu kommen, und dann wird die nicht genutzt nervt.Und irgendwann kommt die Chance auch nicht mehr.
    Advent Advent, ein …Punkt ist zu wenig

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    • Christian-berlin: Advent Advent, ein …Punkt ist zu wenig

      Genau so sieht es aus!
      Viel Spaß in Hamburg und eine schöne Adventszeit allen CUlern!

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  • Erstaunlicherweise glänzt heute unser Club mit einer guten defensiven Leistung und zwei gelungenen Kontern die zu einem 0:2 Halbzeitstand für unseren Club führten.

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