586 Tage Weiler – Was bleibt?

Auch wenn es schon seit Wochenmitte klar war, erst seit heute besteht Einigung zwischen den Vereinen. René Weiler ist nicht mehr Trainer des 1. FC Nürnberg, wechselt für circa 800.000€ nach Anderlecht. Knapp 19 Monate trainierte der Schweizer den Club. Was bleibt von diesen 19 Monaten? Bleibt der Eindruck der fast unglaublichen Serie von 18 Spielen ohne Niederlage zwischen Oktober und April seiner zweiten Spielzeit? Oder das dann doch ernüchternde Scheitern in der Relegation gegen Eintracht Frankfurt? Bleibt die viel gelobte Philippika gegen Teile der Medien nach dem Hinspiel gegen Frankfurt im Gedächtnis? Oder doch eher die Aussagen nach Misserfolgen, die man bisweilen doch eher als Angriff auf die Qualität der Spieler auslegen konnte? Bleibt der letztlich gewonnene Machtkampf gegen Martin Bader als Erbe Weilers? Oder die Tatsache, dass er die Baustelle mitten im Umbau verlässt? Bleibt der beste Punkteschnitt eines FCN-Trainers im 21. Jahrhundert haften? Oder der doch oft pragmatische, wenig erbauliche Spielstil?

Wie so oft wird es keine klare Interpretationslinie geben. Weilers Zeit in Nürnberg gibt allen Seiten genug Futter, um die eigene Ansicht zu untermauern. Da wird es jene geben, die ganz pragmatisch auf die Resultate sehen und sagen: Beste Zweitligasaison der Vereinsgeschichte, bester Punkteschnitt seit Felix Magath, das war ein guter Trainer. Gegen die späteren Aufsteiger hatte Weiler zu Hause eine fast makellose Bilanz (3 Siege, 1 Remis), gerade gegen spielerisch stärke Zweitligisten fand sein Team im Frankenstadion fast immer ein Mittel zu gewinnen. Die Unterstützer können darauf verweisen, dass Weiler es geschafft hat, genau die Spieler auszusuchen, die er für den größtmöglichen Erfolg braucht und dass jene Kerngruppe an Spielern ein Zusammenhalt auszeichnete, der im Profifußball nicht alltäglich ist. Um dies zu erreichen bedarf es, so kann man argumentieren, herausragender Führungsqualitäten durch den Trainer. Sie können auf mutige Personalentscheidungen verweisen, wenn es um das Etablieren von Patrick Erras als Stammspieler geht oder das Vertrauen auf den bereits als gescheitert bezeichneten Dave Bulthuis.

Andererseits kann man auch andere Spieler heranziehen und die Qualitäten Weilers in Frage stellen. Er schaffte es in mehr als einem Jahr nicht einen Zweitligatorschützenkönig ins System zu integrieren, rasierte unsanft einige Spieler und schenkte ihnen keine Beachtung mehr. So spielte Robert Koch (trotz üppigen Salärs) in der abgelaufenen Saison gar keine Rolle, musste zur U21 und wehrte sich gegen diese Versetzung juristisch; eine Situation, die Andreas Bornemann noch an seinem ersten Arbeitstag entschärfen musste. Doch auch dass Zoltan Stieber in der Relegation nicht im Kader stand, kann unter die zweifelhaften Personalentscheidungen fallen. Jene Relegation zeigte auch die taktische Limitiertheit Weilers auf. Er gab eine reaktive Marschroute aus, akzeptierte die klare individuelle Unterlegenheit und versuchte diese durch Kompaktheit zu kompensieren. Dies scheiterte kläglich. Auch weil dem Kern der Spieler die Kraft fehlte, offensive Nadelstiche zu setzen, was wiederum durchaus damit begründet werden kann, dass Weiler nur auf eine kleine Gruppe an Spielern setzte, so dass insgesamt wenig Regeneration durch Rotation erreicht werden konnte.

Weiler selbst wird beide Seiten akzeptieren, auch weil er Nürnberg nie als Endpunkt seiner Entwicklung als Trainer gesehen hat. Er hatte stets auf Liebesbekundungen und überbordende Emotionalität verzichtet, stets vermieden Dinge zu versprechen, die im Fußball sowieso nicht gehalten werden. In der Betrachtung von Weilers Vita wird der FCN daher wahrscheinlich als das gesehen werden, als das er von ihm stets angedacht war. Ein Ort der Weiterentwicklung als Trainer und ein Sprungbrett zu höheren Aufgaben. Höhere Aufgaben wie beim belgischen Rekordmeister. Aufgaben mit einem gewissen Risiko, denn die Akzeptanz von Weiler in Anderlecht dürfte zunächst einmal nicht allzu hoch sein. Sein kein Name passt nicht zum Selbstverständnis des Vereins. Erst recht wenn den Fans in den Medien zuvor Namen wie Roberto Martinez, Paul Le Guen, Claude Puel, Remi Garde, Ole Gunnar Solskjaer und Enzo Scifo präsentiert wurden. Weiler hat sich in Nürnberg schwer getan, schnell eine Mannschaft zu finden, die passt. Die Starts in die Runden waren oft eher holprig. In Nürnberg hatte er Zeit. Diese Zeit wird man ihm in Anderlecht nicht geben. Dort steht bereits in fünf Wochen die Qualifikation für die Champions League an, potentielle Gegner sind dort in der ersten von zwei Runden bis zur Gruppenphase PAOK, der AS Monaco, Steaua Bukarest, Young Boys Bern und der FK Rostov. Scheitert Weiler dort, ist er angezählt. Geht dann noch der Saisonstart in die Hose, wie 2015/16 in Nürnberg, hat das Sprungbrett nur einen Bauchplatscher ausgelöst.

Eine Bauchlandung kann der Abgang von Weiler auch für den Club werden. Er verlässt den Verein in einer Phase des Umbruchs innerhalb des Vereins, was die Situation für die Beteiligten nicht einfacher macht, da nun ein zusätzlicher Umbruch nötig ist. Ob er nun geht, weil er ob der finanziellen Lage keine positive Entwicklung des FCN als möglich erachtet – so wie es medial in BILD und NN dargestellt wird – wird wahrscheinlich nicht endgültig zu klären sein. Doch allein die Kommentierung in diese Richtung zeigt, wie problematisch die Lage des Clubs in diesen Tagen wahrgenommen wird. Vieles erinnert an den letzten freiwilligen Abgang eines Clubtrainers Weihnachten 2012. Da ging auch ein punktemäßig erfolgreicher Trainer, dessen Spielstil unter den meisten Fans nicht wirklich positiv gesehen wurde. Es war eine Chance zur Weiterentwicklung, die verpasst wurde. Es folgten viele Fehlentscheidungen, die letztlich den FCN dahin führten, wo er heute ist. Eine Wiederholung einer solchen Serie würde der Verein wahrscheinlich nicht überleben.

An English-language version of the article for our Belgian friends looking for some information on their new coach can be found here: https://www.clubfans-united.de/2016/06/19/586-days-of-weiler-whats-his-legacy-fcn-rsca/

22 Gedanken zu „586 Tage Weiler – Was bleibt?

  • 19.06.2016 um 21:18
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    Christiano Ronaldo?

  • 19.06.2016 um 21:20
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    Nein, Andi Herzog meint er… 😉

    Ob ich den Abgang gut finde oder nicht, sage ich euch, wenn ich den Nachfolger kenne. Aber der Markt würde einiges hergeben, daher bin ich optimistisch. Und 700.000 Euro, die in keiner Bilanz standen, zu haben, ist in unserer Situation ein durchaus nettes Zuckerl.

    • 19.06.2016 um 22:39
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      Der Einzige, der mir gefällt und bewiesen hat mit einer eher durchschnittlichen Mannschaft 2 mal aufzusteigen, ist Andre Breitenreiter. Alle anderen genannten, wären für mich, noch nicht mal 2te Wahl.

  • 19.06.2016 um 22:50
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    Ich sehe in dem Abgang Weilers durchaus mindestens ebenso viele Gründe die für eine positive Ausgangssituation sprechen, wie für eine absolute Seuchensaison. Man denke nur an den Zustand des Vereins, als Weiler Trainer wurde und das ganze Führungschaos noch bevorstand. Ich denke, es hängt ganz stark davon ab, wer der neue starke Mann an der Seitenlinie wird und vor allem, wann er kommt. Es kann auch genau der richtige Impuls nach dem verpassten Aufstieg sein. Wer weiß!?

  • 20.06.2016 um 00:13
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    Ich denke gerade viel positiver als beim Hecking Abgang. Auch der Hecking-Abgang wäre verkraftbar gewesen, wenn sich Bader damals nicht völlig grundlos über Nacht auf Wiesinger, für den das m.E. 2 Ligen zu hoch war, festgelegt hätte.

    Nachdem Weiler zwar sicher einen guten Job gemacht hat, aber auch nicht mehr, spart man sich mit seinem Abgagng zumindest die obligatorische Entlassung/Abfindung und nimmt die €800k mit. Ich glaube zwar nicht, dass wir eine Top-Lösung à la Gisdol bekommen, vertraue jedoch in Bormanns Geschick

    • 20.06.2016 um 06:28
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      André: Nachdem Weiler zwar sicher einen guten Job gemacht hat, aber auch nicht mehr, spart man sich mit seinem Abgagng zumindest die obligatorische Entlassung/Abfindung und nimmt die €800k mit

      Trotzdem waren beide die erfolgreichsten, die wir die letzten Jahre hatten. Die 800 Tsd versickern bei den Verbindlichkeiten genauso unbemerkt, wie die Stark und Schöpf Millionen als würde man einen Becher Wasser in ein leeres Faß kippen.

      Irgendwie wirkt mir bei der Clubführung alles zu ruhig. Die Einigung Weilers erfährt man nur von anderer Seite..

      .. meine Bewerbung als Spielertrainer wurde ebenso kommentarlos abgelehnt 😮

      • 20.06.2016 um 07:44
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        Juwe: Trotzdem waren beide die erfolgreichsten, die wir die letzten Jahre hatten. Die 800 Tsd versickern bei den Verbindlichkeiten genauso unbemerkt, wie die Stark und Schöpf Millionen als würde man einen Becher Wasser in ein leeres Faß kippen.

        Irgendwie wirkt mir bei der Clubführung alles zu ruhig. Die Einigung Weilers erfährt man nur von anderer Seite..

        .. meine Bewerbung als Spielertrainer wurde ebenso kommentarlos abgelehnt

        “Ein Loch ist im Eimer, …”
        Vermutlich der Grund, weshalb die gut bestellten Felder Woys vertrocknet sind.

        Im übrigen bist du schon etwas ungeduldig. 🙂 Wann hast du deine Bewerbung nochmal abgegeben? Gestern?

  • 20.06.2016 um 00:26
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    André,
    Sehe ich ganz ähnlich. Die 800k plus neuer Trainer sind viel wertvoller als Weiler.

  • 20.06.2016 um 06:35
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    Lothar M. aus H.! Wenn er ins Gehaltskonzept passt und vielleicht sogar mit einem für ihn ungünstigen Vertrag zufrieden wäre (Trennung bei Erfolglosigkeit) um endlich mal in D eine Chance zu bekommen.
    Warum nicht einmal anhören, welches Konzept er für den Club hätte. Kennt er den Spielermarkt ausreichend, vielleicht sogar außerhalb Deutschlands, kennt er den Kader des Clubs, würde er uns vielleicht sogar Sponsoren ziehen, die wir sonst nicht bekämen….

    Auf jeden Fall wäre der Club wieder wahrnehmbarer.
    Ich gehöre nicht zu der Fraktion, die LM von vornherein ablehnen.
    Größe zeigen, statt ewiger Nachkarterei!

  • 20.06.2016 um 06:35
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    Damit nicht alles so negativ rüberkommt etwa positives wir haben bislang mehr EM Torschützen als der FC Bayern!

  • 20.06.2016 um 07:07
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    Top-Kommentar, Alexander!

    Habe bei Weiler durchaus nicht alles positiv wahrgenommen. Bei Sylvestr nehme ich ihn aber in Schutz. Ins eher offensiv orientierte Spielsystem schien er nie zu passen, wirkte oft lustlos/phlegmatisch. Und schaffte es, selbst aussichtsreichste Chancen zu vergeben.

    Wie schwer wiegt die Weiler-Flucht nun? Wiederholt sich das Hecking-Wiesinger-Fiasko? Zur Erinnerung: Solange Wiesinger die Heckingsche Defensivguerilla spielen ließ, lief es ausgesprochen gut, mit einer herausragenden Rückrunde (ähnlich wie zuletzt).
    Etwas boshaft betrachtet scheiterte Wiesinger damals, weil er (mit voller Rückendeckung des Sportvorstandes) der Mannschaft eine offensivere Gangart verordnete. Für dieses neue Spielsystem hatte er entweder nicht die geeigneten Spieler zur Verfügung oder es dauerte zu lange, der Mannschaft das alte System auszutreiben. Diese Gefahr besteht durchaus wieder.

  • 20.06.2016 um 07:22
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    block4, solltest Du den Artikel meinen, der ist von mir. Alexander hat auch einen (wirklich herausragenden) Kommentar geschrieben: https://www.clubfans-united.de/2016/06/20/der-koenigsmoerder-geht-ein-kommentar/ 😉

    Ich denke Sylvestr kann man eben geteilt sehen. Ich neige schon auch zu Deiner Interpretation, aber das völlige Aussortieren, in die U21 zwangsversetzen, das war schon ne sehr harte Umgehensweise, die ihn sichtlich demotiviert hat.

  • 20.06.2016 um 12:38
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    Herr Matthäus, bitte übernehmen Sie! LM hätte eine Chance verdient und würde als gebürtiger Franke auch trotz Bayern-Vergangenheit sehr gut zum Club passen.

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