Hannes ist irritiert

„Gegen Braunschweig kann man verlieren“, sagte Hannes (klick) am sonntagabendlichen Tresen, „aber…“

„Gegen Braunschweig kann man verlieren, aber!“, äffte ich Hannes nach. „Windelweiches Gequatsche! Das ist das Letzte, was ich brauchen kann. Klar kann man gegen Braunschweig verlieren. Sie HABEN ja VERLOREN! WIR HABEN JA GESEHEN, DASS SIE VERLOREN HABEN! Man kann auch gegen Würzburg verlieren. Und gegen Sandhausen. War doch klar, dass die in Braunschweig verlieren. Ist doch keine Überraschung, wenn die in Braunschweig verlieren. Schau dir doch die Truppe an!“

„Woor wärgli ka Iebaraschung“, pflichtete Alfred (klick) mir bei. „Wemma gsääng hodd, woss da Glubb in di ärschdn zwaa Bungdschbiele und im Bogool gezaichd hodd, woors ka Iebaraschung, dassa in Braunschweich valierd. Obba glai aans zu seggs. Leggsdmamm Oorsch, iss dess a Kobbm! Aans zu seggs häddi nedd gedochd.“

„Einstellung des Rekords“, sagte ich und nahm einen Schluck aus dem Pilsglas.

„Woss firra Rekord?“

„Einstellung des Rekords. So hoch hat der Club in der zweiten Bundesliga erst einmal verloren. Am…“

Ich zog einen Zettel aus meiner Gesäßtasche.

„…elften Spieltag der Saison 1999/2000 hat er beim 1. FC Köln auch eins zu sechs verloren (klick). Höher hat der Club in der zweiten Bundesliga noch nie verloren. Am 17. Spieltag der Saison 94/95 gab’s eine 0:5-Klatsche in Rostock (klick). War heute das dritte Mal in der Zweitligageschichte des 1. FC Nürnberg, dass er mit fünf Toren Unterschied verloren hat.“

„Sauber recherchiert“, sagte der Wirt über den Tresen.

„Ein Ergebnis für die Nachwelt“, stellte ich fest. „Davon könnt ihr noch euren Enkeln erzählen.“

„Wenn dess a Rekord iss, kennasd aichndlich woss ausgeem. Konnsdma woss ausgeem? Gibbsdma a Koola aus?“

„Man muss dem neuen Trainer Zeit geben, das richtige Konzept zu finden“, beschwichtigte Hannes. „Wobei ich ihm raten würde, einfach am 4-4-2 der letzten Saison festzuhalten. Warum ist er heute wieder vom 4-4-2 abgewichen? Wenn die Mannschaft ein System gewohnt ist…“

„Die ersten drei Gegentore fielen nach Standardsituationen!“, fuhr ich dazwischen, „das ist keine Systemfrage, das ist Fehlverhalten der Spieler! Was kann der Trainer dafür, wenn sich die Spieler blöd anstellen? Da kann doch der Trainer nichts dafür! Die Mannschaft ist einfach zu schwach! Ist ja kein Wunder, wenn man Füllkrug, Blum und Kerk abgibt – abgeben MUSS – und Neuzugänge nur zum Nulltarif holt – holen KANN…“

„Wall da Varain omm Oorsch iss. Walla finnonzjell omm Oorsch iss.“

„Eins versteh‘ ich nicht“, wollte Hannes von mir wissen, „du traust der Mannschaft nichts zu, regst dich aber auf, wenn ich sage, dass man in Braunschweig verlieren kann. Das ist doch nicht logisch.“

„Logisch? Was heißt hier logisch? Scheiße ist das! SCHEISSE ISSES!“

Hannes schaute mich irritiert an.

„Gegen Braunschweig kann man verlieren!“, höhnte ich. „Das hab‘ ich gefressen, wenn jemand so windelweich daherlabert. Das sind die, die auch gern sagen: ‚Man muss mit Demut an die Sache rangehen.‘ DEMUT! IN DER ZWEITEN LIGA!“

Hannes kratzte sich am Nacken.

„Verstehste nicht, was?“, raunzte ich. „Geht nicht in deinen Kopf. Kann ich mir vorstellen, dass das nicht in deinen Kopf geht! Man muss ja Verständnis haben! Für alles. Wir haben Verständnis für…“

„Hast ja Recht“, sagte der Wirt, „Scheiße isses. Einfach nur Scheiße. Aber kein Grund, sich hier so aufzuführen. Schalt‘ runter, sonst muss ich dich bitten, das Lokal zu verlassen. Die Gäste schauen schon. Ich würde sagen, du gibst Alfred eine Zigarette und ihr geht eine rauchen.“

„Geecha ween hoddn da Glubb dess nägsde Schbill?“

„1860 München“, antwortete Hannes. „Heimspiel.“

„Gegen Sechzig kann man verlieren“, sagte ich und gab Alfred eine Blend 29.

[Zum Spiel: klick, klick, klick, klick.]

6 Gedanken zu „Hannes ist irritiert

  • Belschanov, du sprichst mir mal wieder aus der Seele…

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  • Tolle Beschreibung der momentanen Seelenlage.
    Ich versuch mich damit zu beruhigen, dass ich nicht weiß, was auf Beraterebene und bei den Spielern in den letzen Tagen so abgelaufen ist.
    Vielleicht kommt ein Burgstaller, Leipold und manch ungenannter in unserem Kader nach Schluss der Transferzeit wieder zur Besinnung, dass man mit der nötigen Einstellung und Konzentration in die Spiele gehen muss.
    Wenn das nicht der Hintergrund für die momentane Verfassung ist, wirds in den nächsten Wochen spannend.

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  • „Das hab‘ ich gefressen, wenn jemand so windelweich daherlabert…“ – Großartig!

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  • Die Gemütslage trifft es. Irgendwo zwischen „Ja, ich hab es ja kapiert“ und „das macht es aber auch nicht besser!“. Was nutzen mir gute Erklärungen für unbefriedigende Ergebnisse. Wenn dir der Handwerker genau erklären kann, warum dein Haus windschief ist und der Keller feucht, dir plausibel macht, dass das Material eben auch mal schlecht ausfallen kann, der Handwerker vorher schon rummurkste und er quasi noch halbwegs gerettet hat, was zu retten war, er aber auch nicht zaubern könne und auch mal Fehler machen darf. Am Ende sind die Erklärungen müßig, dir stinkt es, dass du in dem Schuppen erstmal leben musst und Aussicht auf Besserung nicht besteht, weil du dich auf Jahre für das Ding hier verschuldet hast.

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  • Alexander Endl – Clubfans United,
    Wenn man bei dem Hausvergleich bleibt dann muss man leider sagen das da schon die dritte Generation Handwerker daran herum geschraubt hat.Die dann auch nicht zaubern konnte und auch mal Fehler gemacht hat.
    Nur um rational zu bleiben,leider muss man dasanscheinend jeder Generation Handwerker zugestehen-auch wenn es das Wohngefühl nicht verbessert und die Schulden höchstens kleiner werden.

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