Talentschmiede NLZ: Der Schritt zum Profi

Im Exklusivinterview mit Jugendtrainer Ercüment Sahin

Nachwuchsarbeit – das Zauberwort im modernen Fußball-Vokabular. Unerschöpfliches Füllhorn von Talenten aller Art, wenn denn der eigene Verein es nur endlich einmal ‚richtig‘ justiert hat und es fachkompetent betrieben wird. Mit der richtigen Nachwuchsarbeit werden Transfererlöse erzielt, der eigene Kader bestückt und en passant auch noch die eigene Spielphilosophie eingeimpft und einmassiert. Vereine wie Freiburg oder Hoffenheim können es doch auch, von Barcelona braucht man gar nicht erst zu reden. Doch die Realität ist eine andere. Nachwuchsarbeit ist zwar heute eine andere wie vor 20 Jahren – und dennoch kein Selbstläufer mit Zauberformeln.

Nach der Weltmeisterschaft 1990 übernahm Berti Vogts eine Nationalelf, die laut Amtsvorgänger Franz B. auf Jahrzehnte unschlagbar sein sollte. Ein etwas zu optimistischer Ausblick, wie sich herausstellte, wohl auch dem geschuldet, dass man zu viel Hoffnung in die Nachwuchsarbeit der frisch dazugekommenen neuen Bundesländer setzte. Die Talentschmiede des Ostens sollte kompensieren, was in West-Deutschland immer stiefmütterlich behandelt wurde, weil es davon auch so immer genug gab: Qualität (oder das was man im deutschen Fußball darunter eben verstand). Ein EM-Titel 1996 übertünchte dann, was längst immer offensichtlicher wurde, dass es dem deutschen Fußball an Talent fehlt weil Kampf und Einsatz im modernen Fußball nicht mehr reichen. Im Auftrag des DFB verfasst 1997 Dietrich Weise ein Dokument namens »Maßnahmen zur effektiven Talentsichtung und Förderung«. „Darin nennt er zwei Hauptprobleme, die zum Niedergang des guten Fußballs im Lande beigetragen haben: Junge Spieler werden nicht genug in Ballbehandlung geschult. Und viele Talente entgehen dem Fußball, weil nicht nach ihnen gefahndet wird.“ (ZEIT, 2012) 1998 scheidet die Nationalelf nach schwachen Leistungen im Viertelfinale gegen Kroatien aus. Im Kader steht ein 37-jähriger Lothar Matthäus. Vogts holt danach zum Rundumschlag aus, prangert die Nachwuchsarbeit im deutschen Fußball öffentlich an und nimmt die Vereine in die Pflicht. Es kommt zum Eklat. Und vieles in Bewegung.

Was danach passierte, könnte man fast als ‚typisch deutsch‘ bezeichnen. Man hat in der Jugendarbeit keinen Stein auf den anderen gelassen und alles generalstabsmäßig durchgeplant. Und Deutschland ist wieder Weltmeister, diesmal mit frischem modernen Offensivfussball und jungen Talenten gespickt. Und auch dahinter stehen schon die nächsten Top-Talente in der Warteschlange. 20 Jahre nach Weise ist der deutsche Nachwuchsfussball nahe am Zenit angekommen.

Also alles bereitet für die goldene Zukunft? Im Erfolg macht man die größten Fehler, heißt es. Und zumindest ein bisschen was ist auch dran. Im Überschwang der Erfolge im Nachwuchsbereich und im Hype der schier unzähligen neuen Talente macht man sich um den Einzelnen eben weniger Gedanken. Und natürlich griffen auch schnell die marktüblichen Gesetze, und wer das nötige Kleingeld hatte, holt sich jetzt eben die jüngsten und talentiertesten Talente schon im Kindesalter. Das ist nicht immer alles schön und hat auch seine Schattenseiten, trotzdem ist die Situation für Fußball in Deutschland so gut wie selten und birgt auch für Talente wie Vereine enorme Chancen.

Wir sprachen mit einem, der beide Seiten kennt. Als junger Torwart hoch gespielt, als Trainer im Jugendbereich ausgezeichnet und ambitioniert. Über das, was wirklich zählt, über Chancen und Versuchungen, über FC Barcelona und SV Auersmacher.

Interview mit Ercüment Sahin

[Clubfans United] Hallo Ercüment, willkommen bei Clubfans United. Im Rahmen unserer Interview-Reihe stellen wir üblicherweise Fans des nächsten “Gegners” vor, diesmal wollen wir die Winterpause aber nutzen und uns einem anderen Thema zuwenden, der Jugendarbeit, und freuen uns dich als Interviewpartner dafür gewonnen zu haben. Vielleicht stellst du dich unseren Lesern selbst kurz vor: Was verbindet dich im Speziellen mit Jugendarbeit im Fußball und was hat es mit der Soccer Akademie Sahin auf sich?

[Ercüment Sahin] „Vielen Dank für die Einladung, es ist mir eine Ehre. Ich bin 29 Jahre, leite als Berufstrainer eine eigene ‚mobile Fußballschule‘ und trainiere in einer leistungsversierten Jugend-Liga bei einem Ausbildungsverein eine U15 (VfB Unterliederbach). – Meine „Soccer Akademie Sahin“ bietet ausgewählten Spielern eine Trainingsplattform an, um sich weiterzuentwickeln. Ich habe mich dabei auf die technische und koordinative Ausbildung konzentriert. Meine Trainings-Methoden sind von mir persönlich über drei Jahre lang entwickelt und getestet worden. Wichtig ist mir aber auch, die Spieler selbstbewusster am Ball und in ihren Entscheidungen mit dem Ball zu machen. Wie lange ich die Schule allerdings noch betreiben werde, ist mit meiner eigenen Vereinstrainerlaufbahn verbunden. Das Ganze ist einst auch eher aus der Not heraus entstanden.“

[Clubfans United] Du wurdest für deine Arbeit im Jugendbereich schon mehrfach ausgezeichnet, u.a. bei der DFB-Aktion „Fußballhelden – Aktion junges Ehrenamt“, oder wurdest im Rahmen des Programms “Stille Helden, Jugendtrainer des Jahres 2014” auf Bildungsreise nach Barcelona geschickt. Was treibt dich an, dich für die Jugend so zu engagieren? Das ist sicher eine Sisyphos-Arbeit mit vielen Enttäuschungen, begleitet von überzogenen Erwartungen und am Ende kassieren die Lorbeeren, wenn einer es doch geschafft hat, dann andere…

[Ercüment Sahin] „Fußball-Jugendarbeit ist für mich persönlich wichtig, weil ich in meiner eigenen Jugendzeit so viel daraus lernen konnte. Über mich selbst hinaus wachsen, wichtige Charakterzüge wie Ehrgeiz, Selbstvertrauen etc. entwickeln, das hat mich mein ganzes Leben lang begleitet. Ich wuchs in Frankfurt Griesheim auf und Griesheim war damals kein Ort, wo man seine Kinder gerne auf der Straße spielen sah. Meine Mutter war alleinerziehend und Alleinverdienerin und deshalb oft weg und ich allein Zuhause. Ich weiß gar nicht was heute wäre, wenn es für mich damals den Fußball nicht gegeben hätte. Neue Bekanntschaften machen, lernen für’s Leben und die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit. Der Fußball hat damals mein Leben geprägt und deshalb möchte ich dieser Sportart einfach etwas zurück geben. Und was wäre da besser geeignet als der Jugendfußball?

Zum Thema Sisyphos-Arbeit: Enttäuschung ist allgegenwärtig und damit muss man im Leben einfach klar kommen können. Durch Enttäuschung schafft man aber auch Herausforderungen im Leben, daraus schöpfe ich meine Lust weiterzumachen. Und ‚überzogene Erwartungen‘ haben wir doch irgendwo alle. Erwartungen geben einem im Leben auch Ziele, die einen motivieren bestimmte Wege zu gehen, um etwas zu schaffen. Wichtig dabei ist, dass die Persönlichkeit darunter nicht leidet und das Ganze gesund bleibt – bezogen auf Eltern, Kinder und Trainer… In Sachen ‚Lorbeeren ernten‘ will ich nur so viel sagen: Im Endeffekt geht es um die jungen Spieler und deren Ausbildung. Alles andere sollte da zweitrangig sein.“

[Clubfans United] Neben den Leistungszentren und den Trainingsangeboten ambitionierter Vereine schießen diverse, zum Teil halb-private ‚Sondertrainingsangebote‘ wie Pilze aus dem Boden. Worauf sollte man als Nachwuchskicker (bzw. Eltern) achten, wenn man sich für so ein Angebot entscheidet? Für wen reicht das übliche Vereinstraining? Für wen macht so ein Zusatzangebot generell Sinn? Es werden ja sicher nicht alle mal neue Messis oder Neuer?

[Ercüment Sahin] „Ich hatte mich vor der Gründung meiner Akademie ehrlich gesagt nie wirklich mit den Abläufen einer Fußballschule beschäftigt. Ich hab in meiner Freizeit ein Jahr lang kostenlos Fördertraining angeboten, einfach auch um meine eigenen Trainingsmethoden zu verbessern. Aber seitdem mein Konzept zum Teil öffentlich geworden ist, schießen auch in meinem Umfeld ‚Fußballschulen‘ aus allen Ecken… Ich bin aber fest überzeugt, dass dort etwas fehlt, etwas, was mein Konzept ausmacht – aber genau deshalb möchte ich auch gar nicht so viel darüber erzählen.

Was ich den Eltern mitgeben kann? Einfach logisch vorgehen und genau hinschauen, ob diejenigen, die so ein Fördertraining anbieten, nur auf Geld achten oder wirklich wert auf individuelle Ausbildung legen. Und individuelle Ausbildung heißt für mich in dem Zusammenhang eben nicht, in einer ’10er Gruppe‘ 50 Pässe einmal die Woche zu üben. Ausbildung heißt, dass die Trainer die Jungs gerade auch psychisch begleiten und betreuen und zu selbstbewussten Spieler entwickeln. Und das mit Rat und Tat und das kann auch bedeuten Tag und Nacht für die Eltern oder den Spieler da zu sein. – In meinem Konzept achte ich auf ganz praktische Dinge, wie Wiederholungsanzahl von technischen Abläufen, aber eben auch Persönlichkeitsentwicklung und die Förderung der Eigenentscheidung.

Die Frage nach dem Sinn ist immer eine heikle Sache. Aber ich könnte auch fragen: Macht es Sinn Kinder in der Schule zu einer Nachhilfe zu schicken? Na klar! Aber richtig Sinn macht es dann trotzdem erst, wenn der Schüler davon auch etwas mitnimmt, weil er dort konzentriert arbeitet. Und im Fußball ist es genauso. Wenn man zusätzlich trainieren möchte, weil man sich weiterentwickeln will, sollte man die Chance auch wahrnehmen.“

[Clubfans United] Wir blicken als Fußballmagazin natürlich besonders auf die Nachwuchsarbeit der großen Vereine, im Speziellen auf den 1. FC Nürnberg. Und uns treibt dabei die Hoffnung, dass aus dem eigenen Nachwuchs Verstärkung für die Profi-Abteilung nachkommt. Wie darf man sich das vorstellen? Ab wann ist für einen Verein wie FSV Mainz, Eintracht Frankfurt, 1. FC Nürnberg oder Bayern München die Nachwuchsarbeit wirklich relevant? Ist das nicht im Wesentlichen eher Vereins-Marketing und Imagepflege? Ab welchem Alter schauen die Vereine wirklich genau auf die eigene Jugend mit Blick auf den Profi-Kader?

[Ercüment Sahin] „Ich denke, dass das von Verein zu Verein ganz unterschiedlich und auch stark vom Lizenzbereich abhängig ist. Ein FC Barcelona z.B. lässt die jungen Spieler im eigenen Verein schon im U12/13-Bereich, manchmal sogar noch früher, sehr genau beobachten. Die Zusammenarbeit der Scouting-Abteilung und des Lizenzbereiches ist da sehr wichtig. In Frankfurt ist ein Niko Kovac (Trainer Eintracht Frankfurt) oft zu den Jugendtrainingszeiten des NLZs zu sehen. Und das Resultat sind Spieler wie Aymen Barkok, Furkan Zorba u.s.w.“

[Clubfans United] Viele sprechen im Jugendbereich fast ehrfürchtig über FC Barcelona und dessen La Masia. Was macht das besondere dort aus? Und wie wichtig ist diese dort gepredigte “Spielphilosophie” für einen Verein? Lässt sich das nach Deutschland übertragen?

[Ercüment Sahin] „Die La Masia ist einfach etwas ganz besonderes, in meinen Augen sogar das höchste von allem in Sachen Jugendarbeit bei den allgemeinen Trainingsmethoden, Individualtrainingsmethoden, Gruppentrainingsmethoden und auch wie die Spieler persönlich weiterentwickelt werden. Dazu kommt dann noch eine theoretische Ausbildung in den Bereichen Technik und Taktik. Die Kombination von all dem bringt eben Spieler wie Leonel Messi, Xavi, Iniesta und Co. heraus. Da denkt kein Jugendtrainer ‚Ich möchte das und das‘, sondern man setzt einfach diszipliniert um, was vom Verein vorgegeben wurde, und man lässt die Jungs im Spiel ihre eigenen Entscheidungen treffen, die übrigens dann auch mal eine falsche sein DARF. Eltern haben dort auch eine ganz andere Rolle als hier in Deutschland. Eltern bringen Kinder zu La Masia und müssen dann sofort die Anlage verlassen. Die Anwesenheit außenstehender Personen auf der ganzen Anlage ist nicht erlaubt. – Woher ich das weiß? Das ist egal … [lächelnd]“

[Clubfans United] Sportphilosoph H.U. Gumbrecht sagt in der ZEIT vom 8.12., dass ein Problem, warum viele deutsche Top-Spieler dann doch keine Weltklasse werden, das ist, dass sie nur einseitig fußballerisch gebildet werden und nicht auch „klassische“ Bildung erfahren wie eben in La Masia oder bei Ajax. Kannst du das nachvollziehen? Wird in den NLZ genug für die allgemeine und schulische Bildung getan?

[Ercüment Sahin] „Ich habe den Artikel zwar nicht ganz gelesen, möchte aber gern auf den Satz eingehen, einfach weil man das sehr oft hört. Ich verstehe Gumbrechts Aussage nicht wirklich. Schauen wir uns alleine nur mal die Deutsche Nationalmannschaft an: Zwei Drittel davon sind Weltklasse-Spieler und ‚5 Sterne‘-Stars, eben eine Weltmeister-Mannschaft. Und auch die nächste Generation entwickelt sich schon wieder prächtig mit Spielern wie Emre Can, Weigl, Draxler, Jonathan Tah u.s.w. Jeder heutige Weltklassespieler war zu Beginn seiner Karriere erstmal unbekannt und entwickelte sich dann mit der Zeit zu einem großen Namen. Um genau um diese Entwicklung zu fördern wurde ja ein neues Konzept entwickelt, dass den Namen „Unser Weg!“ trägt. Auf einem Trainer-Lehrgang in Barcelona konnte ich einmal von Hansi Flick persönlich erfahren, was es damit genau auf sich hat, und habe davon viel lernen können.

Was die Schulische Bildung angeht: Die Nachwuchsleistungszentren haben Kooperationen mit Schulen und helfen den jungen Spielern heute sehr gezielt, weil man in der Vergangenheit gemerkt hat, wie schnell die Fußball-Karriere vorbei sein kann und dass die jungen Spieler eine Absicherung als Alternative brauchen.“

[Clubfans United] Über RB Leipzig oder TSG Hoffenheim wird kontrovers diskutiert, auch im Jugendbereich wirft man ihnen vor, die besten Talente durch finanzielle Angebote an sich zu ziehen. Wie sieht ein Jugendtrainer das Ganze?

[Ercüment Sahin] „Da hat wohl auch jeder Trainer eine andere Meinung dazu. Ich persönlich finde es nicht verkehrt. Immerhin wird niemand zu einem Wechsel gezwungen – und wenn jemand doch nur wegen Geld wechselt, dann ist das eben charakterlos. Wenn z.B. am eigenen Wohnort gar kein NLZ vorhanden ist, dann ist ein Wechsel generell nicht verkehrt. Und selbst wenn ein NLZ vorhanden ist, dann erkennen die dort auch nicht immer alle Talente, vielleicht haben sie auch eine schlampige Scoutingabteilung oder der Trainer die Stelle nur mit viel Vitamin B bekam und weil er eine Lizenz hat, was schlussendlich eben auch nur ein Stück Papier ist, das nichts über die Qualitäten als Trainer aussagt. Wie man sieht kann man sich darüber streiten. Ich habe da nichts dagegen, wenn der Verein gewechselt wird, wenn es notwendig ist.“

[Clubfans United] In Nürnberg haben Namen wie Rainer Wirsching, Philipp Wollscheid oder ganz aktuell auch Lukas Schleimer gezeigt, dass man auch als Spätentwickler oder ohne NLZ/Internat es noch zum Profi oder zu einem großen Club in die Jugend schaffen kann. Sind das nur die Ausnahmen, die die Regel bestätigen? Wie realistisch ist es heute noch, es ohne gezielte Förderung eines NLZ bis nach ganz oben zu schaffen? Und was genau wird denn da eigentlich “besser” geschult als bei einem klassischen Dorf- oder Vorstadtverein?

[Ercüment Sahin] „Klar ist sowas auch heute noch möglich! Wenn einer sich Ziele setzt und diese dann sehr ehrgeizig verfolgt, kann sein Talent immer aufblitzen und er kann dann bei den großen Vereinen vorspielen.

Bei den großen Vereinen geht es um die eigene Spielphilosophie und die richtige Ausbildung der Spieler. NLZs arbeiten mit Trainingsdatenbanken, die Übungen aufzeichnen, dokumentieren und somit ein Überblick haben was in der Spielerausbildung fehlt. Amateurvereine könnten dies ja auch, möchten es jedoch meist nicht, weil es doch sehr viel Zeit in Anspruch nimmt. Ich habe bei mir z.B. eine Excel-Datei erstellt, die mir eine Belastungsgrenze und die Häufigkeit von Trainingsthemen ausrechnet. Somit kann ich prozentual sehen, was ich wie oft gemacht habe und welche Trainingsbereiche ich noch angehen muss. Ich arbeite damit in meiner Akademie und auch in meinem Vereinstraining. Wenn also eine gute Ausbildung stattfindet, wo auch immer, dann hat man mit dem nötigen Talent die Möglichkeit auch später und ohne NLZ-Ausbildung aufzufallen. Das mir bekannteste Beispiel ist übrigens der Kölner Jonas Hector. Der hat 1998–2010 bei einem unbekannten Verein namens SV Auersmacher Fußball gelernt und sich dann erst durch die Kölner U21 dort für die Profi-Abteilung angeboten. Ich sag immer: Nichts ist unmöglich.“

[Clubfans United] Die Fans setzen generell viel Hoffnung in eigene U-Nationalspieler, den echten Durchbruch schaffen dann aber doch nur wenige. Wie groß ist dann nochmal der Sprung vom Top-Talent zum Profisport?

[Ercüment Sahin] „Dazu kann ich nicht so viel aus eigener Erfahrung sagen, aber habe von Freunden und Betroffenen oft mitbekommen, dass Spieler mit großem Talent ihr Können selbst überschätzen und dabei auch noch eine Arroganz entwickeln. Sie sehen sich schon nach dem ersten Training bei den Profis als neuer Superstar und meinen sie sind nun schon angekommen. Aber wer so denkt, ist nicht nur charakterschwach, solche Spieler schaffen es auch nicht! Talente wie Sinan Kurt, Gianluca Gaudino oder Lucas Scholl fallen einen da ein. Alles Top-Talente, die viel falsch gemacht und ihr Talent überschätzt haben. Manche stürzen sich ins Nachtleben, verlieren das Wesentliche aus den Augen oder nehmen das Training nicht ernst.

Top-Talente haben wir reichlich im Land, Profi wird man aber auch nicht nach einer Saison auf der Bank sitzen. Man muss spielen, dauernd hart trainieren, um immer besser zu werden. Man muss viel ‚Dreck fressen‘ und ein dickes Fell haben.

Talente gibt es wie Sand am Meer, aber der Grund wieso der Sprung zum Profi nicht funktioniert ist manchmal meiner Meinung nach eben auch falsche Ausbildung in der Persönlichkeit der Spieler. Wenn man einem U17 Spieler schon einen 1.500 € Vertrag gibt und ihn bei den Profis trainieren lässt, dann hat man auch als Verein daran seinen Anteil. Die 1.500 € zeigen den Jungen: Es geht nur ums Geld! Und genau das ist falsch. Fußball ist Liebe, Leidenschaft, Wut, Freude, Trauer u.v.m.

Fußball ist unser Leben und das Geld ist zweitrangig. Das sollte man vermitteln!“

[Clubfans United] Die Jungstars werden auch immer jünger. Ist das nur ein Trend oder das Ergebnis einer Entwicklung?“

[Ercüment Sahin] „Das ist das Ergebnis einer Entwicklung. Früher war das Scoutingnetzwerk sehr klein und man hat vieles gar nicht mitbekommen. Man kann es sich so vorstellen wie beim Fischen auf offenem Meer. Wenn man ein Netz nutzt, das große Lücken hat, entwischen einfach viele Fische. Inzwischen ist das Scouting-Netzwerk so eng miteinander vernetzt, dass da kaum ein Talent entwischt.“

[Clubfans United] War es dann nicht einfach nur konsequent von Eintracht Frankfurt die eigene U23 ersatzlos zu streichen? Oder würdest du den Weg, wie des FCN, präferieren, stattdessen über eine U21 die Spieler auf den Erwachsenensport vorzubereiten? Ist der Sprung von der A-Jugend zu groß?

[Ercüment Sahin] „Die Vereine haben das wohl eher aus finanzieller Sicht so gemacht. Und ich glaube, dass man diese Vorgehensweise inzwischen bereut. Man verliert viele Talente dadurch schon sehr früh, weil die Spieler den großen Sprung nicht gleich schaffen und dann lieber wechseln. Und man vergisst gern, dass es auch Spätentwickler gibt, denen so eine U23 sehr gut tun würde. Und auch wenn es nicht klappt, so dankt man den Jugendspielern so für ihre Jahrelange Mühen für den Verein mit einer Werbeplattform, um sich für andere Vereine anzubieten und nicht in den unteren Ligen zu landen.“

[Clubfans United] Gibt es typische Scouting-Fehler im Jugendbereich? Also Spielertypen, die zu gut oder zu schlecht wegkommen. Es gab ja z.B. im Profibereich mal eine Studie, dass überdurchschnittlich viele blonde Spieler oft gescoutet worden sein sollen, weil die eher auffielen. Oder besonders große Spieler bevorzugt wurden. Oder Christoph Biermann hat im Rahmen der Lesung für sein Buch “Die Fußball-Matrix” mal darauf hingewiesen, dass es fast nur U-Nationalspieler gibt, die im ersten Halbjahr des Jahres geboren wurden, einfach weil sie wohl in der Entwicklung den anderen etwas voraus waren.

[Ercüment Sahin] „Sicherlich haben Vereine gewisse Kriterien, aber Jahrgang und Haarfarbe sind da nicht dabei. Dass Trainer und Scouts auch mal nach Sympathie gehen, ist sicher nicht auszuschließen. Und die Körpergröße ist manchmal wichtig, abhängig von der geplanten Position.“

Stay strong, work hard & never give up!

[Clubfans United] Zu guter Letzt: Wenn man bedenkt, dass es allein 55 Leistungszentren gibt, die Jahr für Jahr einen kompletten Kaderjahrgang auf den Markt spülen, liegt es ja auf der Hand, dass nur die wenigstens trotz aller Förderung und allem Talent mit Fußball ihr Geld verdienen werden. Warum lohnt es sich trotzdem, den Traum zu leben? Was würdest du jungen begeisterten Fußballern vor dem Hintergrund mit auf dem Weg geben?

[Ercüment Sahin] „Mein Rat: Greift nicht nach den Sternen, sondern denkt realistisch. Schule ist das allerwichtigste. Man kann auch sein Studium mit Fußball finanzieren. In der Regionalliga und 3. Liga verdient man schon ausreichend Geld, um durch das Studium zu kommen. Und wenn im Schicksalsbuch einer Person die Profilaufbahn geschrieben steht, wird es früher oder später dazukommen. Aber vergisst niemals wo ihr herkommt, denn mit dem Fußball kann es morgen schon Schluss sein und da ist es wichtig Freunde und Bekannte zu haben, die einen wieder auf die Beine helfen. Mein Lebensmotto ist: Stay strong, work hard & never give up!“


Das Interview führte Alexander Endl (Clubfans United) mit Ercüment Sahin zwischen dem 10.1. und 14.01.2017 via E-Mail.

Steckbrief für Gastleser: Clubfans United ist ein Fußballmagazin für Fans des 1. FC Nürnberg. Clubfans United beschäftigt sich allerdings nicht mit der Fanszene im Speziellen (eher im üblichen Rahmen einer Berichterstattung), schreibt auch nicht aus oder über „die Kurve“ oder Erlebnisse rund um den Stadionbesuch, sondern vielmehr über den Sport, den Verein (fokussiert auf den Profi-Fußball) und die mediale Berichterstattung. Wir sind also mehr Sportmagazin als Fanmagazin in dem Sinne, nur eben, dass wir das als Fans betreiben und auch aus dem Blickwinkel schreiben. Alles weitere bei Interesse etwas ausführlicher hier: clubfans-united.de/was-ist-das-hier

6 Gedanken zu „Talentschmiede NLZ: Der Schritt zum Profi

  • Gute Idee, die Winterpausen-Lücke mit diesem Thema zu füllen, dazu ein interessantes Interview, LOB!

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  • Ja, tolles Interview.
    Gerade dem unzähligen Fußballcamp Überangebot stehe ich auch sehr kritisch gegenüber. Diese Durchorganisierten Camps mit Leistungsbewertung ersetzen in den Ferien mittlerweile den ungezwungenen „Straßenfußball“ zu dem sich die Kinder früher getroffen haben und das finde ich sehr schade.

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    • Durchorganisierten Camps mit Leistungsbewertung ersetzen in den Ferien mittlerweile den ungezwungenen „Straßenfußball“ zu dem sich die Kinder früher getroffen haben und das finde ich sehr schade.

      Da gebe ich dir Recht, als Kinder haben wir eine Straße nach der anderen gegeneinander gespielt und das hat richtig Spaß gemacht, dieser Overflow an Leistungscamps mit Diagnose, Analyse und schlag mich tot nimmt dem Fußball gerade bei Kinder ein stückweit Eigenverantwortung und Kreativität. Es ist eben mittlerweile auch ein Geschäft, das sollte man nicht vergessen.
      Laßt Kindern sich doch auch mal selbst entwickeln ohne rein zu dozieren, zumindest bis zu einem gewissen Alter.

      Das Interview finde ich gut das sind mal andere Einblicke und eine vernünftige Einstellung.

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  • Interessantes Thema, gutes Interview, merci, Alexander! Ich meine, Ercüment Sahin hat eine sehr vernünftige und realistische Einstellung, stimme ihm voll zu.

    Zum angesprochenen Thema „Bildung“ fällt mir ein: Der Club hat es immerhin ermöglicht, dass ein hoch talentierter FCN-Spieler namens Gündogan in Nürnberg sein Abitur machen konnte. Das war klug und weitsichtig – ganz anders als Felix Magath, der – ich glaube bei Schalke war’s – einen jungen Spieler zum Verzicht auf den Abschluss seiner Schulausbildung überredet haben soll.

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  • Sehr interessantes Interview.
    Gerade auch was er zu der Selbstüberschätzung mancher Jungprofis sagt, die sich dann ihre Karriere versauen, weil sie das Training nicht mehr wichtig nehmen, konnten wir hier ja auch schon einige Male beobachten.

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