Blöd verloren, weil selber blöd

So blöd habe ich selten ein Spiel verloren.

Sagte FCN-Mannschaftskapitän Hanno Behrens nach der 0:1-Heimniederlage gegen den stark ersatzgeschwächten FC St. Pauli (klick).

Unklar bleibt bei dieser Aussage, ob Behrens mit blöd unglückliche Imponderabilien des Spielverlaufs – die gibt es ja – meint oder eigene Blödheit (wobei mit eigene nicht nur Behrens, sondern die Mannschaft gemeint ist).

Klar ist es unglücklich, wenn Margreitter und Werner binnen drei Sekunden mit strammen Schüssen Aluminium und nicht ins Tor treffen. Und es ist schon irgendwie dumm gelaufen, wenn der Gegner kurz danach unverhofft, weil bislang unter Druck stehend (in der Defensive gebunden…), zum einzigen Tor des Spiels kommt, weil sich Margreitter dumm anstellt.

Doch bleiben wir bei blöd: Valentini muss (!) nach Sallis glänzendem Anspiel unsere Mannschaft in der ersten Halbzeit in Führung bringen! Oder greifen wir eine Szene aus der zweiten Halbzeit – es stand noch 0:0 – heraus: Leibold rast in einer guten Kontersituation wie von der Tarantel gestochen die linke Außenbahn entlang und blindlings in einen Pulk von Gegenspielern hinein, statt den Kopf hochzunehmen und einen mitgelaufenen Mannschaftskameraden anzuspielen. Ist nicht persönlich gemeint, aber ich muss es fragen:

Geht’s noch hirnloser?

Im Vorfeld dieses Heimspiels, das dazu gedacht war, sich im oberen Tabellendrittel festzusetzen (klick), äußerte sich der Trainer der in der Partie unterlegenen Mannschaft euphorisch über die Trainingsleistungen seiner Spieler (Kicker-Sportmagazin, Nr. 74/2017, S. 79):

Die zwei Trainingswochen … verliefen … mehr als nur nach dem Geschmack des 47-Jährigen. Er geriet regelrecht ins Schwärmen, wenn er zum Beispiel an den vergangenen Mittwoch denkt. Da stand ein Fünf-gegen-Fünf mit drei Neutralen an – eine Übungsform, in der es … um Raumgewinn und schnelles Umschalten geht. Und die ging seinen Schützlingen so gut von den Füßen, dass dies Köllner sprachlos machte.

Lassen wir die doch etwas überraschende Information, dass es Momente gibt, in denen Köllner nicht spricht, mal so stehen und wenden wir uns dem Von-den-Füßen-Gehen zu. Zu weit von den Füßen…

…sprang den Club-Spielern nicht selten das Spielgerät bei der Ballannahme und im Kombinationsspiel. Dieses Missgeschick unterlief nach gut 15 Minuten Möhwald, der dadurch in aussichtsreicher vom Tor des Gegners abdriftete und nur noch eine nicht ganz präzise Flanke zustande brachte. Und kurz vor Schluss verpasste der für den verletzten Möhwald eingewechselte Hufnagel eine Großchance, weil er sich den Ball zu weit vorlegte. Neben Valentinis zu ungenauem Abschluss und Margreitters Kopfball-Assist zum 0:1 waren die gerade angesprochenen Stockfehler mitentscheidend für die Niederlage. Oft konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die von Köllner verordnete schnelle Ballzirkulation sich nicht so ganz mit den balltechnischen Fähigkeiten der Spieler des neunmaligen deutschen Meisters und vierfachen Pokalsiegers verträgt. Wenn Bälle in Strafraumnähe verstolpert werden, wenn der letzte Pass zu kurz oder zu lang ist, wenn, statt auch mal aus zwanzig Metern draufzuhalten, so lange rumgetändelt wird, bis der Gegner dazwischenfuhrwerkt, und wenn der Ball nicht im Tor landet, wenn sich doch einmal eine Chance ergibt, versandet…

…die auf spielerische Lösungen angelegte Spielanlage…

…in verbeekscher Ineffizienz. Und zwar unabhängig davon, ob man im 4-1-4-1, im 3-4-3 oder im WM-System agiert (was ich deshalb betone, weil es spleeniger Zeitgeist ist, dass selbsternannte Experten nach Niederlagen des von ihnen favorisierten Teams in einer Art Spontanreflex den Richterspruch „Vercoacht!“ über den Trainer ergehen lassen…).

Wir sind sehr vielen Ballverlusten hinterhergelaufen und haben den Gegner immer wieder aufgebaut. Wenn uns aber das Spiel die Möglichkeit lässt, es zu gewinnen, dann müssen wir das eiskalt ausnutzen.

So St. Pauli-Coach Olaf Jansen nach dem Auswärtssieg seiner Mannschaft (klick). Statt

wenn uns aber das Spiel die Möglichkeit lässt

hätte er auch

wenn sich der Gegner so blöd anstellt

sagen können.

Doch sollten wir uns durch den Ärger über ein verlorenes Heimspiel nicht die Freude des Trainers über die tollen Leistungen seiner Spieler in den Trainingseinheiten vor dem verlorenen Heimspiel vermiesen lassen:

Ich mache diese Spielform schon seit vielen Jahren. So gut habe ich das noch nie von einer Mannschaft von mir umgesetzt gesehen,

wird Köllner im Kicker-Sportmagazin (siehe oben) zitiert. Hoffen wir, dass Köllner beim Auswärtsspiel in Duisburg angesichts der Leistung seiner Mannschaft ähnlich ins Schwärmen gerät wie bei den Trainings-Spielformen vor der Heimniederlage gegen St. Pauli.

[Zum Spiel: klick, klick, klick, klick.]

7 Gedanken zu „Blöd verloren, weil selber blöd

  • Blöd verloren, weil selber blöd oder kurz gesagt: Der Club is a Depp. Das Spiel ist vorbei, man kann nur aus den Fehlern lernen. Die Unfähigkeit ein Tor zu schießen, ist das nun ein Fehler oder Unvermögen, weil halt der Sturm keine 2.Liga-stärke hat? Bis jetzt ist noch nichts verloren. Die Mannschaft steht genau in der Mitte der Tabelle: 2 gewonnen – 2 verloren – 1 Unentschieden. Das nächste Spiel ist wieder einmal ein Wegweiser. Bei einem Sieg kann weiter gehofft werden. Bei einer Niederlage ist die K…e wieder gewaltig am dampfen und die unteren Tabellenregionen wieder vom Club besetzt.

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    • (Wo ist nur die Zitierfunktion hin?)
      „Das nächste Spiel ist wieder einmal ein Wegweiser“…

      Die gesamt Saison ist wegweisend! Weg weisend vom Aufstieg, was in der engen zweiten Liga gleichbedeutend mit Abstiegskampf und dem Weggang der besten Spieler sein dürfte. Oder Weg ebnend in Richtung Aufstieg in den nächsten 1-2 Jahren. Der Weg ist das Ziel.

      Was ich mit dem pseudophilosophischen Geschrubbel meine ist, dass das einzelne Spiel, die einzelne Trainerentscheidung hinsichtlich Taktik, Aufstellung oder Einwechslung nicht überbewertet werden sollte. Besser wäre einen gewissen Zeitabschnitt zu betrachten, z.b. 1/3 der Saison, ob eine positive Entwicklung der Mannschaft erkennbar ist. Dann kann man ein vorläufiges Fazit ziehen, dass möglicherweise auch kritisch ausfallen kann. Bis dahin werbe ich für Gelassenheit. Auch wenn es zugegebenermaßen sehr schwer fällt. Eventuell hilft ein klassisches Feierabendbier (0,5 Liter!)?

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  • Warum schreibst du „blöd“ wenn du unfähig oder technisch unzureichend meinst?
    Die Erwartungshaltung an einen ZweitLigakader sollte nicht der an einem Kader der Championsleague gleichen.Und auch dort führt nicht jeder Angriff zu einem Tor. Und ganz nebenbei, auch im modernen Fußballball fallen die meisten Tore durch Fehler der Gegnermannschaft.Wenn ein aufopfernd kämpfender Gegner immer noch ein Bein dazwischen bekommt und von einem Fehler profitiert, dann verliert man 0:1. Es muss deshalb nicht an der Taktik liegen und auch nicht an der Blödheit

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    • Zitat Christian-Berlin:

      „Die Erwartungshaltung an einen Zweitligakader sollte nicht der an einem Kader der Championsleague gleichen.“

      Okay. Aber vielleicht sollte dann die Spielanlage technisch anspruchsloser sein. „Aufopfernd kämpfender Gegner“ war übrigens auch schon beim Aue-Spiel das Stichwort…

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      • Ich würde eine erkennbare Spielanlage und dem Versuch es spielerisch zu lösen , immer einem kick and rush vorziehen.Lang und weit-noch dazu ohne entsprechende Abnehmer dafür zu haben-ist irgendwie so Achziger bzw. wären die Ergebnisse dieser Spielweise erfolgreicher gewesen hätten wir den Alois noch.

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  • Schön das ich mit meiner Meinung nicht ganz allein dastehe, wenn auch manchmal anders formuliert.

    Als ich das erste mal vom 3-4-3 hörte dachte ich zuerst man macht es ähnlich wie Aue, dazu fehlt uns aber wohl die Geschwindigkeit auf den Aussenbahnen. Stattdessen versucht man es der Nationalmannschaft gleich zu tun und möchte den Ball ins Tor beten, obwohl wir zig Spieler haben die auch aus 2.er oder 3.er Reihe locker mal abziehen könnten um so Fehler zu provozieren. Versteh nicht warum das nicht zumindest mal versucht wurde bis auf den Verzweiflungsschuss Petrak’s. Es muss doch nicht alles immer einstudiert sein, dafür sind es schließlich Profis um auch mal spontane Ideen intuitiv umzusetzen.

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  • Sehr guter und absolut richtiger Artikel.
    Sollte man zweimal lesen.
    Dann findet man noch mehr Richtiges.

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