Seitenwechsel

Bild-Reporter Daniell Westgate wird Pressesprecher beim FCN. Ein Kommentar von Alexander Endl.

Der FCN macht publik, was längst die Spatzen von den Dächern pfiffen: Daniell Westgate wechselt vom Journalismus in die Unternehmenskommunikation des 1. FC Nürnberg. Ein nicht unumstrittener Seitenwechsel. Ob der Zeitpunkt der Verkündigung des erst ab 1.11. datierten Beschäftigungsverhältnisses strategisch günstig gewählt ist, so kurz vor der Mitgliederversammlung 2017 am 8.10., wird sich zeigen müssen. Zumindest die Plattform für etwaige Reaktionen ist damit in jedem Fall geschaffen.

Aus dem Journalismus in die Politik, aus der Politik in die Wirtschaft und alles vice versa und quer Beet. Seitenwechsel sind salonfähig geworden, behalten aber ihre gesellschaftlichen Vorbehalte – und das mit gutem Recht. Prominente Beispiele gibt es viele, wie Steffen Seibert, ehemaliger Journalist und seit dem 11. August 2010 Regierungssprecher unter Merkel, Gerhard Schröder, ehemaliger Bundeskanzler und später honoriges Aufsichtsratsmitglied in einem russischen Energiekonzern, oder Matthias Wissmann, seit 2007 Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA) und ehemaliger Bundesminister für Verkehr.

Was den Seitenwechseln inne wohnt ist ein stets latenter Verdacht des Lobbyismus. Der Wechselnde nimmt sein internes Wissen und seine Beziehungen mit und ist vielleicht auch gerade deswegen von einem Wechsel überzeugt worden, eben weil man sich vom Branchenverständnis und Know how Vorteile verspricht. Die möglichen Wechselwirkungen können allerdings zu Komplikationen führen. Denn die Beziehungen reißen nicht ab – und wenn sie zu Abhängigkeiten werden oder auf Gegenseitigkeiten beruhen, spricht man schnell von Seilschaften.

Zudem sträubt sich eine gewisse Standes-Ethik. Auch wenn in Zeiten des Online-Journalismus sicher nicht mehr so hoch aufgehängt wie noch im alten Jahrtausend, so gehören Journalisten, wie auch Mediziner oder Juristen, doch zu einer Berufsgruppe mit ausgeprägten und stets sehr hoch gehaltenen Idealen. Die Presse rühmt sich nicht nur einer grundgesetzlich verankerten Aufgabe, sie fordert dies auch aktiv in der täglichen Arbeit ein. Daraus resultieren Rechte und Pflichten. Kann sich also ein Journalist per Federstrich dessen entledigen und nun quasi auf der Gegenseite wirken? Rein rechtlich kann er, natürlich. Auch ist Unternehmenskommunikation eine ehrbare Sache. Und doch bleibt ein fader Beigeschmack, denn wer sich der Aufgabe verschrieben hat, mit allem journalistisch handwerklichen Wissen und Können Unternehmen auf den Zahn zu fühlen, und nun genau dieses Wissen und Können, die Kontakte und Informationen aus Hintergrundgesprächen, die er als Journalist erlangt hat, quasi der Gegenseite zur Verfügung stellt und vielleicht sogar dafür einsetzt, es der Presse zukünftig noch schwerer zu machen ihre eigentliche Aufgabe zu erfüllen, ist dies mindestens bedenklich.

Dass sich Daniell Westgate bei den Boulevard-Medien verdingte, macht die Konstellation sicher nicht besser. Boulevard-Medien genießen keinen besonders guten Ruf in Sachen Journalismus und Presse-Codex und auch Daniell Westgate hat sich durch die Art der Berichterstattung in Nürnberg nicht nur Freunde gemacht, wie ein etwas verklausuliert formulierter, aber doch eindeutig zuordenbarer „YaBasta-Artikel(Anm. der Red.: den wir uns inhaltlich mit Nachdruck nicht zu eigen machen) dies schon vor Wochen zum Ausdruck brachte.

Sportberichterstattung im Fußball ist vor allem in den lokalen Medien eine besondere Gemengelage. Aufgrund der untrennbaren standortbedingten Verbindung von Medien und Verein ergibt sich eine besondere Beziehung, die einmal treffend als ständige Gratwanderung zwischen „Hofberichterstattern und Nestbeschmutzern“ bezeichnet wurde. Dass dann aufgrund der jahrelangen Zusammenarbeit sich Synergien ergeben, die in eine Zusammenarbeit auf „der gleichen Seite“ fruchtbar sein können, ist unbenommen. Entsprechend kann man dem Verein und seinem neuen Pressesprecher nur eine gute und erfolgreiche Zusammenarbeit wünschen. Gemischte Gefühle und eine gewisse Skepsis begleiten allerdings den Start, gerade auch ob der bekannten Spannungen zu gewissen Fangruppierungen, aber auch ob der sicher nicht einfachen zukünftigen Zusammenarbeit mit den – nun ehemaligen – Kollegen der Presse.

31 Gedanken zu „Seitenwechsel

  • Ein Journalist als Pressesprecher hat einen grundsätzlichen Vorteil gegenüber einem PR-Mann oder Seiteneinsteigern: Er weiß, wie Journalisten arbeiten, und kann sie entsprechend bedienen, ohne für PR-Leute typisches durchsichtiges Wortgeklingel. Die Folge ist idealerweise eine professionellere Pressearbeit.

    16

    2
    Antwort
      • Wobei das Selbstbild der Journalisten in den meisten Fällen von der Lebensrealität schon überholt wurde, viel Edles hat der Beruf nicht mehr zu bieten.

        Zumal bei denen, die ein „Problem“ haben, oftmals die dabei sind, die selbst sofort zusagen würden, wenn ihnen eine PR-Stelle in Aussicht gestellt würde, bei der sie für weniger (bzw. geregeltere) Arbeit mehr Geld verdienen und eine wesentlich sicherere Stelle haben würden…

        5

        0
        Antwort
  • Sehe ich unproblematisch. Ein Pressesprecher sollte im Thema drinnen sein, gut mit Leuten können, schon das richtige Netzwerk haben und auch die Arbeitsweise der „Gegenseite“ einschätzen können. Da liegt es natürlich nahe, Journalisten zu Pressesprechern zu machen – eine Praxis, die zumindest in Österreich Gang und Gäbe ist.

    Meeske wird sich bei der Bestellung schon etwas gedacht haben und ihm schon mitgeteilt haben, wie er seine Rolle auszulegen hat.

    15

    1
    Antwort
  • Eine kleine Korrektur: der Neue heißt Daniell (!) nicht Daniel.

    Dass ihn seine berufliche Vita zu einem Boulevard-Blatt geführt hat (und er sich dann den Regeln dieser Sparte des Journalismus unterwerfen musste), war auch nicht zwangsläufig vorgegeben. Er hat ja seine Ausbildung zum Journalisten hier in Würzburg bei der Tageszeitung „Main-Post“ gemacht und sich in dieser Zeit bei den Vereinen, die er als Reporter betreut hat, großen Respekt erarbeitet. Und soweit ich das mitbekommen habe, gab es nie an seinen „handwerklichen Fähigkeiten“ als Journalist.
    Ob ein solcher Seitenwechsel das Ideale ist, ist in meinen Augen wohl eher eine ethisch-moralische Frage. Aus Sicht des Vereins gäbe es sicher schlechtere Lösungen, aber andererseits ist so ein Pressesprecher ja auch keine Stellung auf Lebenszeit, so dass man auch reagieren kann und wird, wenn es nicht passen sollte.
    Warum es dann die Frau Prockl nicht geworden ist, das wundert mich allerdings schon ein bisschen.

    2

    0
    Antwort
  • Käme DW von Spiegel, FAZ (oder 11Freunde😉), wären die Vorbehalte sicher geringer. Doch trotz seiner Herkunft vom Pauken-und-Trompeten-Blatt hat DW die Chance verdient zu zeigen, dass er es besser, ernsthafter und seriöser kann als dort. Den Charmevergleich gegen seine Vorgängerin kann er natürlich nur verlieren, auch wenn er das rollende R geübt haben sollte. Mal sehen, wie er bei uns Fans ankommt. Grundsätzlich aber, Willkommen beim Club, Daniel Westgate!

    8

    2
    Antwort
    • Das hat sicher (bei mir im Besonderen) einen Faktor. Ich habe ein traditionell ambivalentes Verhältnis zum Boulevard, sehe die Methoden dort nicht als „sie wollen ja nur spielen, so ist das halt“ sondern als methodische Mischung aus Hetze und Manipulation. Ich kann als Grüner nicht bei der Kernkraft arbeiten ohne meine Ideale zu verraten und ich könnte nicht beim Boulevard arbeiten ohne vorher mein Herz, mein Hirn oder mein Gewissen zu amputieren. Und daher fehlt mir auch das Verständnis für das Wirken dort und umso mehr das Verständnis, wie man jemand von dort in eine strategisch wichtige Position der Unternehmenskommunikation (= das Bild nach außen!) bringt. Der Pragmatismus, den man sicher haben kann, fehlt mir da leider.

      16

      1
      Antwort
  • Unternehmen stellt Fachmann ein. Ich kann darin im Grundsatz nichts Fragwürdiges erkennen.

    10

    0
    Antwort
  • Da es sich um den Turbokapitalismus Profifußball handelt, muß man so ehrlich sein, daß journalistische Ideale sowie auch Seitenwechsel von Spielern und andere Ideale im finanziellen Bereich sowieso keine besondere Bedeutung haben. Warum sollte das im Medienbereich dann anders sein. Man verspricht sich durch den Seitenwechsel sicherlich einige Vorteile dann soll es so sein. Ausgerechnet Westgate der sich nicht nur bei den Ultras unbeliebt machte. Aber seis drum…er ist ja jetzt auf der guten Seite 🙂

    5

    1
    Antwort
  • Ein bisschen komisch mutet mich eure Einstellung zu Westgate schon an, nachdem anscheinend gestern ein Beitrag von mir gelöscht wurde, weil ich da, um mich gegen den Vorwürfen der Obrigkeitshörigkeit zu verteidigen auf die aktuelle Haltung mancher zur jüngsten Geschichte und den aktuellen Verantwortlichen unseres Vereins verwies.

    3

    0
    Antwort
    • Sicher, dass Du den abgeschickt hast? Bei uns liegt weder im Papierkorb (da landen alle gelöschten Kommentare, egal ob von uns oder vom User selber), noch im Spam, noch in den noch freizuschaltenden Kommentaren was von Dir.

      0

      0
      Antwort
  • Ja sicher Ich wollte nochmal korrigieren als er schon drin war und bekam als Antwort,ich hätte keine Zugriffsberechtigung und dann war er beim nächsten Versuch ganz weg.
    Aber ich bin froh, wenn ihr ihn nicht kassiert habt. Ist dann halt Pech.
    Und so find ich Alexanders Kommentar auch gut. :mrgreen:

    1

    0
    Antwort
  • Was für ein Abstieg. Statt Knüller wie heute auf BILD online („Porno-Szenen zur besten Sendezeit“) schreibt er zukünftig „Günther erklärt im Schlafanzug auf dem Parkplatz den Club 2030“

    2

    1
    Antwort
    • Auch beim Club gibt’s Knüller! „ALEX‘ BEICHTE: was auf dem Sofa wirklich geschah (neue Serie, der Maddin-Report)“!

      2

      0
      Antwort
        • Technisch zum Glück nicht möglich: linke Hand Foto, rechte Hand Pinsel, da fehlt mir schlicht ne Hand zur Selbstverstümmelung. Uff. Aber die Träume in der Nacht, auweh😳

          2

          0
          Antwort
  • Bezahlt eigentlich die größte deutsche Boulevardzeitung so schlecht, daß man bei einem klammen Zweitligisten anheuern muß?

    1

    0
    Antwort
      • Warum dann nicht lieber den zumindest für mich symphatischeren Martin Funk 🙂 wenn das Regionalbüro beginnt zu wackeln, warum ausgerechnet den …jetzt hätte ich“ fast“ geschrieben Kotzbrocken .. von diesen beiden? Ich kann mich nur erinneren, immer wenn es irgendwie mal begann ruhiger zu werden beim Club hat Westgate irgendwas gefunden, um wieder mit seinen Bild Artikeln für Unruhe zu sorgen auch wenns alte Schinken waren oder förmlich aus den Fingern gesogen.

        1

        1
        Antwort
  • Ganz ehrlich: Mir ist das erstmal recht wurscht. Immerhin hab ICH mit ihm ja gar nix zu tun, etwaige charakterliche Schwächen interessieren mich da nicht so sehr. Ansonsten wird da wird ein professionelles Spielchen gespielt, dessen Regeln längst von allen Seiten engeübt ist. Und grade weil er sich ob der Konstellation da vermutlich eher zurückhalten wird und Fettnäpfchen kennt, erwarte ich da jetzt erstmal keine Vorkommnisse, die dem FCN als Ganzes schaden.

    Gedanken mach ich mir eigentlich vor allem wegen Meeske – unser geschätzter Fachmann hat für mich immer noch nicht das Bild des kühl agierenden Technokraten abgelegt. Und die Einstellung eines expliziten (!) Feinds der Ultras ist sicher alles andere als Zufall. Und auf dieser Ebene sehe ich sehr wohl Risiken für den Gesamtverein (ohne mich jetzt auf die Seiten der Ultras schlagen zu wollen).

    4

    7
    Antwort
  • Danke fuer den Kommentar, ich fuerchte so ein Vorgehen ist in der Industrie relativ normal und in der Regel profitieren beide Seiten, wenn ein Insider am Werk ist, der sich im Geschaeft auskennt. Was ich allerdings viel auffaelliger und wichtiger finde ist, dass der Neue seit 2001 (!) also seit 16 Jahren bei nur einer „Zeitung“ angestellt war. Das scheint mir doch eine recht einseitige Erfahrung zu sein und wirkt in der heute immer komplexeren Medienwelt etwas beschraenkt und wenig flexibel. Dass der Schreiberling ausserdem Teile der Fankultur nicht unbedingt positiv bewertet, halte ich fuer bedenklich. Als Pressesprecher MUSS er fuer den Gesamtverein stehen und da gehoeren einfach alle dazu.

    0

    0
    Antwort

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.