Der Star ist die Mannschaft

Jugend-Leistungs-Förderung im Wandel

Christian Wück, damaliger DFB-Trainer U17- und heute U15-Junioren, verriet im persönlichen Gespräch vor Jahresfrist am Rande einer Veranstaltung der Akademie für Fussballkultur, woran es perspektivisch mangelt in der fast perfekt durchorganisierten deutschen Nachwuchsförderung: Individualität. Zeit nach einem Jahr einmal nachzufragen, worauf es heute ankommt im deutschen Jugendfussball.

Ercument Sahin ist selbst Jugendtrainer bei einem Vorort-Verein im Raum Frankfurt, dem VfB Unterliederbach (siehe auch: Talentschmiede NLZ: Der Schritt zum Profi). Anders als die vielen engagierten Hobby-Trainer betreibt Sahin das aber professionell und sein Weg wird über kurz oder lang, ähnlich wie einst bei FCN-Trainer Michael Köllner, in einem der Leistungszentren in der Jugendarbeit weitergehen – da kann man sich sicher sein. Im Spagat zwischen eigenem Anspruch und Ehrgeiz steht dabei die Leidenschaft für den Fußball und die Verantwortung für den Menschen im Vordergrund, das treibt Trainer wie Sahin und Köllner an. Auch deshalb setzen sie sich mit den Entwicklungen im Sport über den eigenen Tellerrand hinaus auseinander. Es sind solche Trainer wie Köllner oder Streich, die den Wandel vorantreiben, den Christian Wück ansprach, doch am Ziel ist man noch lange nicht – im Gegenteil, gerade nicht an der Basis. Sahin berichtet von seinen Erfahrungen im Rahmen zur Ausbildung zum DFB Elite-Jugend Trainer:

Ich arbeite seit 2006 als Jugendtrainer, habe in der F-Jugend angefangen, ohne einen Jahrgang auszulassen, und mich bis zur C-Jugend hochgearbeitet Dabei brav meine Lizenzen gemacht (und bestanden), bis hoch zur DFB Elite-Lizenz. Dabei musste ich aber auch erfahren, dass Ausbildung im Jugendfußball noch nicht viel mit dem Profi-Fußball zu tun hat. Gerade im Rahmen der Ausbildung zur Elite-Lizenz konnte ich das hautnah erleben, denn mit mir waren Kollegen aus dem Profibereich, Ex-Fußballer und aktive Trainer aus NLZs im Kurs.

Ercument Sahin

Ging es lange in Nachwuchsleistungszentren vor allem nur darum, die individuell talentiertesten Spieler aus der Umgebung zu sich zu ziehen, kippte zwischenzeitlich die Ausbildung fast komplett. Gesucht wurde nun nicht nur das individuelle Talent, das Besondere, sondern vor allem Physis. Ziel war deren Ausbildung zum polyvalenten Spieler, der im Grunde alle Positionen spielen kann und der auf dem Feld in jeder Situation geschult wurde, um die vordefinierten Abläufe abzurufen. Doch diese Form der ‘Gleichmachung’ führte zum von Wück beschriebenen Problem: ‘Im Grunde kann man den Spieler dann beliebig austauschen, es ändert in einer Spielsituation nichts, weil jeder Spieler auf der Position wieder die gleichen Abläufe abrufen wird.’ Oder anders formuliert: Einen so unkonventionellen Spieler wie Edgar Salli muss nicht jeder gut finden, er bringt aber durch seine Spielweise etwas Besonderes ins Spiel, einen Faktor, den der Gegner eben nicht ausrechnen kann. Ob ein Salli aber in einem deutschen NLZ ausgebildet worden wäre?

Das Label “NLZ-Ausbildung” ist heute oft nur der Vorwand Spieler anzulocken, um sie der regionalen Konkurrenz abzuknöpfen und damit selbst stark genug zu sein, um erfolgreich zu sein. Du musst als NLZ dabei nur die Vorgaben des DFB erfüllen, einen Trainer stellen, der zertifizierter Fußball-Lehrer ist, und eine Mannschaft zusammenbringen, die stark genug ist, um Spiele von alleine zu gewinnen – das reicht. Das sind übrigens Aussagen von den Kollegen aus der Lizenz bzw. aus dem Umfeld der NLZs.
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Aber auch die Spieler-Auswahl selbst wird immer kurioser. Groß und stark müssen Sie sein! Aber wo bleibt da die Technik? Wo bleibt die Spielintelligenz, die Deutschland jüngst zum Weltmeister machte? Die Ausbildung in Deutschland ist straff organisiert und durchstrukturiert, aber eben auch geprägt vom Leistungsdruck, bei dem die individuelle ‘Ausbildung’ von Talenten auf der Strecke bleibt – zumindest in den Vereinen.
(…)
Schon zu meiner aktiven Zeit waren die Spieler in den NLZs alle groß, breit und Muskelpakete. Dann kam eine Zeit, als man Spielertypen mit Intelligenz wollte und Spieler mit schnellen Füßen am Ball. Jetzt aber arbeiten wir uns in Sachen Spielerprofil wieder zurück zu “groß und kräftig sollen sie sein” – und wenn sie dann noch passable Passwerte haben, reicht das in der Regel.

Eine Trendwende ist von Nöten, in Verantwortung für den Fußball und für den Sportler. Die Mannschaft als Gefüge verstehen, die Dynamik in der Gruppe wieder in den Mittelpunkt rücken, ausbilden: Die Summe von Einzelfähigkeiten zur Entfaltung bringen, sowohl Individualität wie auch Wir-Gefühl zu entwickeln. Das fällt aber vielen schwer, weil es eben kein messbares Patent- Erfolgskonzept für eine erfolgreiche Saison ist, sondern ein Gesamtkonzept eines Vereins, eines Teams oder eben eines Trainers.

In den Unterhaltungen im Rahmen der Lehrgänge konnte man deutlich heraushören, wie sehr junge Spieler überfordert sind, wenn sie in den Profibereich kommen. Die Trainer dort haben erst Recht keine Zeit für sie mehr, müssen Ergebnisse holen und können somit sich nicht mit jungen Spielern rumschlagen, die an der Hand geführt werden müssen.

Wer Michael Köllner beim Club beobachtet, der sieht, dass er aus diesem Geist der Jugendarbeit heraus agiert und arbeitet, dass er aus der Praxis kommt. Es geht ihm nicht um Gleichmacherei, nicht um Polyvalenz, auch wenn Eduard Löwen der wahrscheinlich vielseitigste Spieler der 2. Liga sein dürfte, es geht um die Mannschaft. Berti Vogts hatte das schon 1996 formuliert, als er beim EM-Sieg den Einzelnen, den Star, nach hinten und das Team, u.a. mit Andreas Köpke, nach vorne stellte: “Der Star ist die Mannschaft.”

Wenn es nur um die Mannschaft geht, macht das dann einen Spieler austauschbar? Nein, im Gegenteil. Wie auch Köllner ist Sahin von der Wichtigkeit jedes Einzelnen überzeugt. Die Vielfalt als Stilmittel und der Trainer als Dirigent. Es war im bisherigen Saisonverlauf des 1. FC Nürnberg genau diese Herangehensweise, die es überhaupt ermöglichte, ohne überlegenen Kader über die bisherige Saison hinweg einer der besten Mannschaften der 2. Liga zu sein. Auch ohne die großen Stars, auch mit langfristigen Verletzungen von Leistungsträgern. Köllner würfelte nicht die Mannschaft und versetzte Spieler beliebig dabei nach Gusto von der Startelf auf die Tribüne, er komponierte für jedes Spiel ein Ensemble, bei dem jeder Spieler das Gefühl hatte, ein wichtiger Teil des Ganzen zu sein.

Ich möchte, dass meine Spieler flach spielen und Situationen selber durch eigene Entscheidung lösen. Als wir bspw. das Thema Torwart-Training während der Lizenz hatten, wurde ich kritisch hinterfragt. Dabei fing es schon damit an, dass keiner so genau wusste, ob er nun Torspieler oder Torwart sagen soll. Ich fordere von meinen Torhütern, dass Sie den Mut haben einen Stürmer auch selber anzulocken, in dem sie 2-3 Schritte anlaufen. Viel zu risikoreich, wurde mir gesagt. Aber ich liebe den flachen Fußball, Dominanz am Ball und Kontrolle über das ganze Spiel. Also wieso nicht den Torwart mit einbeziehen. Wenn er anläuft, öffnen sich Räume und das ist wichtig im Spielaufbau. Aber vielleicht müsste ich dazu eher nach Spanien gehen…

Vielleicht ist es das, was Wück vermisste und woran Sahin arbeitet: Menschen ausbilden, Persönlichkeiten fördern, die ihre individuellen Stärken nicht verlieren, sondern kultivieren und in den Dienst der Gruppe stellen, sie dem Trainer anvertrauen. Spieler, die Verantwortung übernehmen, auf und neben dem Platz. Dazu gehört aber auch, dass die Vereine die Spieler wieder respektvoller und würdevoller als Individuen behandeln.

Ich finde es traurig, dass man Spieler erst zu einem NLZ-Sichtungstraining einlädt, dann nach der ersten Sichtung aber wieder wegschickt und sich nicht mehr meldet. Diese Talente waren für ihre Mannschaften wichtige Spieler, waren durch die Einladung euphorisiert und dieser Umgang macht die Begeisterung für ihren Sport kaputt. Die Gesellschaft ist grausam genug, da sollte der Fußball wenigstens ein Zufluchtsort sein, wo junge Menschen sich austoben können – und wirklich ausgebildet werden als Mensch und Sportler.

Es kommt ein neuer Geist in die Jugendförderung, der auch Potenzial dafür hat, dass die unzähligen Talente, die ihr halbes Jugendleben am Sportplatz mit dem Traum von der großen Karriere verbracht haben, am Ende doch noch etwas für ihr Leben mitnehmen: Gemeinschaftsgefühl, Verantwortung für das eigene Leben und Ehrgeiz. Aber der Weg ist steinig und folgt noch in vielen Punkten alten Pfaden: Erwartungshaltung, Druck und nicht zuletzt persönliche Interessen beeinflussen die Richtung und auch die Wahl der Übungsleiter, sogar im Jugendbereich. In Nürnberg hat Köllner die Chance, seine Ideen umzusetzen und vielleicht schon 2018 mit dem Aufstieg den Beweis anzutreten, dass ein solches ganzheitlich gedachtes Jugendkonzept auch im Profi-Bereich funktionieren kann.


Ergänzende Informationen:

Ein Großteil der Bundesligavereine haben die U23 Mannschaften aufgegeben, wobei die Begründung darin besteht, dass diejenigen, die nach der A-Jugend noch nicht in der Profimannschaft spielen, auch nie den Sprung in die Profimannschaft schaffen werden. Beim 1.FC Nürnberg gibt es eine große Anzahl an Jugend-Mannschaften und man hielt bewusst an einer U21 fest, weil man überzeugt ist, auch nach der A-Jugend noch ausbilden und besser heranführen zu können. Alle diese Mannschaften bestreiten reguläre Liga- sowie Pokalspiele, um sich mit anderen Mannschaften zu messen, ganz wie die Profis. Auf Spiele aus dem Nachwuchsbereich kann sogar schon gewettet werden – weitere Informationen zu den Sportwetten auf Nachwuchsteams sowie zu Bonusprogrammen der Buchmacher gibt es auf der Seite wettbonus.de.

Der Erfolg der Jugendarbeit hängt direkt mit dem Erfolg der Profimannschaft zusammen. Daher ist es auch für den 1.FC Nürnberg eine wichtige Aufgabe, da Nachwuchsarbeit heute die verhältnismäßig günstigste Form der Spielerbeschaffung ist. Es gilt der Grundsatz: Wer langfristig eine gute Nachwuchsarbeit betreibt, wird in der Zukunft auch langfristig Erfolge feiern können. Nürnberg geht hier offensiv voran und investiert besonders viel Zeit in diese Mannschaften und verzahnt Profi- und Jugendbereich fast komplett. Hierbei ist wichtig, dass alle Nachwuchsmannschaften auf hohem Niveau bleiben und mit einer einheitlichen Philosophie spielen. Die Investition lohnt sich, wie man an an der hohen Zahl der jungen Spieler im Kader schon jetzt sieht. Und die Aussichten sind sogar noch besser, wenn man den Weg konsequent weiter geht.

2 Gedanken zu „Der Star ist die Mannschaft

  • Es ist schon extrem traurig was wir in Deutschland mit unseren Kindern machen und da meine ich die talentierten sowie die untalentierten Fußballspieler/innen.
    Früher war dieser Sport mal für alle Kinder gedacht, heute sterben die Vereine und viele Eltern erwarten von ihrem Fußball spielenden Kindern genau so viel Leistung wie in den Schulen. Spaß in der Gemeinschaft ist zweitrangig, in erster Linie zählt heute der Einzelne. Die vielen Ehrenamtlichen Jugendtrainer auf dem Land sind dabei die „ärmsten Schweine“ , bekommen sie doch mittlerweile auch schon die minder talentierten Spieler weg geholt. Jedes Wochenende dann wieder die Mannschaft psychisch aufzubauen , jeden Spieler einzusetzen (auch den kleinen Dicken) und den Ausgang des Spieles vorher schon zu wissen, bringt manchen schon an seine Grenzen.

    Dagegen haben, und das ist nicht böse gemeint , die armen NLZ Trainer ein Luxus Problem. Denn deren Kinder können alle Fußball spielen.

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    • Von „armen NLZ Trainer“ würde ich da nicht sprechen. Ich könnte da durchaus nachlegen aus eigenen Erfahrungen, wie 14jährige erst hochgelobt und dann wieder fallen gelassen werden, ohne dass man den Grund erfährt. Die Kids werden zum Teil sogar unter Druck gesetzt, wobei man tunlichst versucht die Eltern aus der Gleichung zu nehmen – mit dem Argument, man erwarte ja einen mündigen Spieler. Anrufe in der Schule, um kurzfristige Termine zu vereinbaren – mit dem Hinweis, es ginge jetzt ja um die einmalige Chance und sie müssten jetzt entscheiden, ob ihnen das auch was wert ist. Um dann wieder nur vertröstet zu werden oder eben gar keine Info mehr zu bekommen.

      Ich hab Spieler erlebt, die wurden mit 11 oder 12 abgeworben und dann fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel, weil die Mannschaft die Ziele nicht erreichte und man dann mal lieber die Zäsur machte und 2/3 rauswirft, statt zu hinterfragen, ob denn die Trainer es nicht geschafft haben, die Talente zu entwickeln und zu einer Mannschaft zu formen. Rausgeworfen haben manche ad hoc jede Lust auf Fußball verloren.

      Bis zu 5mal Training die Woche wird in der C-Jugend verlangt, mit Anfahrtswegen von bisweilen 1 Stunde, die meistens von den Kids oder Eltern selbst organisiert werden müssen. Spieler, die deswegen in der Schule durchfielen (von wegen: wir achten auch auf die Noten…). Plus Spiele am Wochenende mit teilweise stundenlangen Anfahrten.

      Das sind alles keine Einzelfälle, sondern kriegt man im Grunde ständig zu hören. Angelockt von der lockenden großen Karriere, doch die Erfolgsaussichten, dass es auch nur eines der Kids schafft, sind marginal. Am Rande einer der letzten A-Junioren Bundesliga-Endspiele formulierte es der Moderator sinngemäß so: „Hier sehen sie die beiden besten Teams ihres Jahrgangs (es spielte FCB gegen BVB), doch von diesen Teams werden sie vielleicht nur 4 oder 5 einmal im Profi-Bereich sehen.“
      Auch kein Wunder. Jedes Jahr spült die Nachwuchsförderung allein im NLZ-Bereich hunderte von Talenten aus, Platz in den Kadern der ersten 3 Ligen ist aber nur für eine Handvoll.

      Umso wichtiger der von Sahin aber auch von Köllner immer wieder formulierte Ansatz, die Spieler nicht nur sportlich, sondern auch persönlich zu fördern – immer den Blick auf ihr Leben zu werfen und auch pädagogische Aufgaben zu übernehmen. Das ist kein Gutmenschentum, das ist schlicht die soziale Verantwortung, die man als Verein und Trainer übernimmt.

      Eltern können da durchaus Einfluß nehmen. Indem sie einfach auch mal Nein sagen. Nein zum Umgang mit den Spielern. Wäre da nicht die Angst, die natürlich auch geschürt wird, dem Filius diese eine einzige Riesen-Chance zu verwehren, die dann nie mehr wiederkommt. Doch erstens ist das Quatsch, weil Talente sich immer wieder zeigen werden und dann neue Chancen bekommen, und zweitens ist die „Chance“ am Ende nicht so groß, wie man gern tut, denn die Option Profi ist eben auch im NLZ nur marginal näher. Das einzige was immer gleich bleibt: Der Preis ist hoch. Nicht viel weniger nämlich als die Zeit der eigenen Jugend und manchmal auch die eigene (schulische) Ausbildung.

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