Mitmischen

Es war am Samstag nicht das erste Mal, dass der 1. FC Nürnberg zum Auftakt einer Bundesligasaison bei Hertha BSC antreten musste. Am 24. August 1963 – dem ersten Spieltag der neu gegründeten Fußball-Bundesliga – stand für den Club ebenfalls eine Reise zur alten Dame an der Spree auf dem Programm. Zu dieser Partie, die 1:1 endete, schrieb der Kicker (Nr. 34/1963, Seite 16):

Das 1:1 widerspricht den Torchancen: Viermal krachten Schüsse der Nürnberger [von Albrecht, Müller und Flachenecker] gegen Herthas Torgebälk, Tillich hätte kaum einen Finger mehr rühren können. Die flinken, listigen Nürnberger schossen besser, wuchtiger, genauer als die Hertha! […] Nur ein Elfmeter-Tor bewahrte Hertha vor der Niederlage. Die Situation um diesen Strafstoß aber offenbarte die Nervosität der Herthaner: Rehagel […] Eder und Schlessinger wandten sich von der Szene ab, als sich Schimmöller zur Elfmeterexekution bereit machte. Sie steckten wortgetreu die Köpfe in den Sand (Rasen).

Das Tor des „Club“ traf Hertha […] wie eine kalte Dusche. Ein typisches Morlock-Tor, aus zunächst harmlos erscheinender Situation. Mit weltmeisterlicher Kaltblütigkeit spitzelte Max den Ball ins Netz. Pech für ihn, daß ausgerechnet ihm jener Ball an die Hand sprang, der zum Elfmeter und zum […] Hertha-Ausgleich führte.

Das Sportmagazin (Nr. 34/1963, Seite 26) zog angesichts der überzeugenden Vorstellung des 1. FC Nürnberg…

WABRA

DERBFUSS               WENAUER               FERSCHL

GETTINGER               REISCH

MORLOCK               MÜLLER

FLACHENECKER               STREHL               ALBRECHT

…folgendes Fazit:

[M]an hatte Nürnberg vorher nur einen bescheidenen Mittelplatz in der Bundesliga zugetraut. In dieser Form kann die Mannschaft aber mitmischen. Sie wies keine Schwächen auf, aber um so mehr starke Punkte. Sie zog ein sehr geschicktes Flügelspiel auf. Bei etwas mehr Glück hätte sie beim Wechsel einen entscheidenden Vorsprung aufweisen können.

Das mit dem Mitmischen sollte sich rasch als eine zu kühne Prognose entpuppen. Nach einer am neunten Spieltag erlittenen 0:5-Heimmniederlage gegen den 1. FC Kaiserslautern – es war die vierte Niederlage in Folge – wurde Trainer Widmayer entlassen. Am Saisonende stand der Club dann ganz bescheiden auf dem neunten Platz.

Ein neunter Platz am Ende der gerade eröffneten Saison wäre wohl weit mehr, als das, was man von unserer Mannschaft erwarten darf, und wenn Trainer Köllner ganz unbescheiden davon spricht, dass

wir eine Riesensaison spielen werden,

was sich so anhört, als könne der Club im oberen Tabellendrittel mitmischen, kratzt sich der zu realistischer Betrachtung der Dinge fähige Fan verwundert am Kopf. Allerdings wird ihm schnell klar, dass in der Semantik des Sprachkünstlers Köllner das Wort Riesensaison ja gar nicht Riesensaison bedeutet, sondern eher sportlicher Überlebenskampf. Denn der wortgewandte Trainer koppelt die Erfüllung der mit dieser vollmundigen Vokabel ausgedrückten Verheißung wortwendig an die dann doch etwas kleinlaut klingende Bedingung, dass

wir die Dinge im Rahmen unserer Möglichkeiten hundertprozentig erfüllen werden (klick).

Ob Köllner die von seiner Mannschaft…

BREDLOW (TW)

BAUER         MARGREITTER         MÜHL         LEIBOLD

PETRAK

SALLI         BEHRENS         FUCHS         KUBO

ISHAK

…bei der 0:1-Auftaktniederlage in Berlin erbrachte Leistung mit der Zensur riesensaisonwürdig bewertet, er ihr also attestiert, dass sie die Dinge im Rahmen ihrer Möglichkeiten hundertprozentig erfüllt hat, wissen wir nicht. Objektiv festzuhalten ist jedenfalls, dass sich die Defensive – abgesehen von Leibolds großzügigem Zweikampfverhalten und der anschließenden Unsortiertheit in der Innenverteidigung vor dem 0:1 – als wettbewerbsfähig erwies. Ob dies eigener Stärke oder dem nicht allzu variablen Angriffspiel des Gegners zuschreiben war, werden die nächsten Spiele zeigen. Torwart Bredlow wußte auf der Linie zu überzeugen, sollte aber Schwächen in der Strafraumbeherrschung abstellen.

Objektiv festzuhalten ist aber auch, dass der Offensive allenfalls die Beurteilung im Rahmen ihrer Möglichkeiten bemüht ausgestellt werden kann. Der Versuch, sich mit kontrolliertem Passspiel ballbesitzfußballmäßig durch die Reihen des Gegners zu kombinieren, gelang nur bis zur Mitte der gegnerischen Spielfeldhälfte. Man kam nicht hinter die letzte Abwehrlinie der Herthaner (dem Angriffsspiel fehlte die Tiefe…). Es blieb bei Abtastversuchen. Und wenn es Petrak oder einer der Innenverteidiger mit Chip-Bällen ins letze Drittel versuchten, gelangen sie meistens zu lang oder sie wurden von den Hertha-Verteidigern herausgeköpft, ohne dass die Club-Spieler mit Wucht in die zweiten Bälle gingen.

Von geschicktem Flügelspiel war wenig zu sehen. Einmal – es war gut eine Stunde gespielt – setzte sich Neuzugang Kubo, der ein ordentliches Debüt gab, über den linken Flügel leichtfüßig-elegant durch, scheiterte aber aus spitzem Winkel am Torwart der Gastgeber (ein Rückpass zu Ishak wäre vielleicht die bessere Option gewesen).

Über die rechte Seite ging nach vorne gar nichts. Die rechte Seite fand offensiv nicht statt.

Mittelstürmer Ishak rackerte wie gewohnt, jedoch fehlte ihm beim Strafstoß, der unserer Mannschaft kurz vor Spielende beschert wurde – einem Berliner war der Ball im Strafraum von Ishak an die Hand geköpft worden –,  im Gegensatz zum Herthaner Schimmöller, der seinerzeit trotz offensichtlichen Fracksausens seiner Mannschaftskameraden den Handelfmeter versenkte, die Kaltschnäuzigkeit. Das ist nicht nur schade, das ist fatal. Eine Mannschaft, die sich in 90+x Spielminuten kaum eine brauchbare Torchance erarbeitet, sollte ein solches unverhofftes Geschenk nutzen. Ansonsten kann sie im Abstiegskampf vielleicht mitmischen, bestehen wird sie ihn nicht.

Für das Heimspiel gegen Mainz 05 sind Änderungen in der Startformation angezeigt:

BREDLOW (TW)

BAUER         MARGREITTER         MÜHL         LEIBOLD

PETRAK

FLACHENECKER         BEHRENS         LÖWEN         KUBO

ISHAK

[Zum Spiel: klick, klick, klick, klick.]

19 Gedanken zu „Mitmischen

  • Kein Einwand . Den Gustl könnten wir statt Salli an der Stelle gut gebrauchen. Frage: stand diese Reihenfolge damals wirklich so (3-2-2-3) im Kicker? Ich habs völlig anders im Kopf, muss allerdings zugeben,damals nie Kicker, sondern nur Sportmagazin gelesen zu haben.
    Allerdings verbieten sich sowieso alle Vergleiche mit dem damaligen Auftaktspiel und der Gegenwart. Damals standen nicht weniger als sieben Spieler der 1961er Meistermannschaft beim FCN im Kader

    4

    0
    • @Debfuss:

      Im Kicker wurden die Aufstellungen aller 16 Mannschaften stereotyp im 2-3-5 angeführt, also noch nicht einmal im WM-System wie in meiner Formation. Wenauer steht im Kicker nicht – wie es wohl faktisch der Fall war – als „Stopper“ zwischen den beiden Außenverteidigern, sondern als „Mittelläufer“ zwischen Gettinger und Reisch. Das Sportmagazin gibt die Aufstellungen im 2-3-2-3 an. Auch hier steht Wenauer in der Läuferrreihe, allerdings sind die „Halbstürmer“ Morlock und Müller faktisch richtig zurückgezogen. Ich bin mir aber alles andere als sicher, dass sämtliche Mannschaften damals wirklich noch im WM-System agierten, wie es der Kicker und das Sportmagazin suggerieren (ohne dass sie dieses System richtig abbilden). Es wurde damals wahrscheinlich auch schon 4-2-4 oder 4-4-3 gespielt.

      0

      0
      • Dieses stereotype (wie Du es nennst) 2-3-5 war m.E. damals aber gang und gäbe. Und wer Ende der Fünfziger bis rein in die Sechziger zu einem Fussballspiel ging, hat sich auch keinerlei Gedanken über die Formation gemacht. Da waren einfach die 2 Verteidiger, die 3 Läufer und die 5 Stürmer. Auch am schwarzen Brett bei uns im Verein (damals in der Jugend) stand die Aufstellung im 2-3-5.
        Aber ich glaube, wir waren uns da schon mal vor ein paar Jahren nicht so ganz einig 😉 Ich bring das aber auch nicht aus meinem Kopf raus, weil ich meine 61er Helden einfach seit damals so im Kopf hab:
        Wabra –
        Derbfuss Hilpert –
        Zenger Wenauer Reisch –
        Flachenecker Morlock Strehl Müller Haseneder

        0

        0
  • Jarstein hat diese einfallslosen Chip Bälle in den 16er gepflückt wie reife Birnen und hätte dabei im Handy noch eine Whatsapp Nachricht schreiben können.
    Sehe es wie Florian, Kubo mit seiner Wendigkeit wäre auf Außen verschenkt, zieht man ihn in die Mitte haben wir eigentlich gar keinen Außenstürmer mehr auf 1. Liga Niveau.

    Ich bin auf die riesen Saison, die seine Mannschaft spielen wird (Köllner) gespannt, ehrlich…:-)

    7

    2
    • Man könnte mit einem derart sarkastischen Urteil auch noch bis Freitag Abend warten. Das wäre angebracht.

      6

      5
      • Welches sarkastisches Urteil?? Ich habe Köllner zitiert, darf ja noch erlaubt sein 🙂 und ich bin ganz ehrlich super gespannt wie diese Mission impossible weiter geht. So ein bisschen erinnert es sogar an dieses kleine gallische Dorf. Nur wir haben keinen Zaubertrank und wie humorlos die Bundesligarealität leider ist hahen wir am Samstag auch gesehen.

        5

        2
        • Ich lass mich auch einfach mal überraschen. Irgendeine Art Überraschung wird es in jedem Fall geben, denke ich. 🙂 [oder halt 🙁 ]

          2

          0
          • Ändert nichts daran daß ich total Bock auf die Saison habe..geht mir auch so

            1

            1
  • Nachdem ich jetzt vier Jahre lang kein Bundesligaspiel in voller Länge mehr gesehen habe, bin ich mir unsicher, ob der Hertha-Motor jetzt nur am Beginn der Saison gestottert hat oder, wir es mit dem tatsächlichen
    Leistungsniveau eines etablierten Bundesligisten zwischen Rang 15 und 9 zu tun haben.

    Ich befürchte, wir werden nicht mehr oft in einem Auswärtsspiel auf einen Gegner treffen, bei welchem das „Punkte holen“ so leicht gewesen wäre.
    Soll aber nicht als Vorwurf an unsere Mannschaft gelten, denn bis auf wenige Ausnahmen, betraten alle
    Spieler absolutes Neuland (= 1. Liga).
    Die Aussage von Köllner, dass die Partie gezeigt hat, dass der Club in der Bundesliga mithalten kann, halte ich ein bisschen für verfrüht, zu sehr wiegen unsere Offensivschwächen.
    Hoffen wir, dass wir gegen Mainz, Werder, Hannover und Düsseldorf (BvB klammere ich mal aus) ein paar Pünktchen ergattern.

    5

    0
    • Die Bundesliga ist wirklich so schlecht, deswegen werden wir auch nicht absteigen.
      Nicht weil wir so gut sind, den meisten (negativen) Kommentaren hier zum Kader stimme ich voll zu, sondern weil das Niveau ziemlich bald hinter den Bayern unglaublich abfällt.

      1

      4
    • Ein Bekannter aus Berlin, der absoluter Hertha Fan (Mitglied Fanclub und bei fast jedem Spiel dabei)ist, war natürlich auch im Stadion und schickte mir ein kurzes Statement, das meiner Meinung nach, alles über das Spiel aussagt:
      Spiel war Durchschnitt. Aber Nürnberg muss noch irgendwas machen wenn sie nicht gleich wieder absteigen wollen. Absolut keine Torgefahr und hintenrum stets bemüht, aber ob das für 34 Spiele reicht?
      Dem ist nichts hinzuzufügen, oder?

      1

      1
  • @Belschanov,

    ich drucke das mal aus und gebe es beim Gustl ab, sein Zeitschriftenladen ist ein Haus weiter.
    Ich glaube jetzt zwar nicht, dass er das umsetzen wird, aber freuen wird es ihn mit Sicherheit!

    4

    0
  • Schöner Kommentar, nette Verquickung von Vergangenheit und Gegenwart. Ich hatte ja ob der Niederlage und deinem ersten „Schnauze voll“ Kommentar mit einer Bären Geschichte oder einer recht „brutalen“ Abrechnung gerechnet. Schön, dass es anders gekommen ist.
    Schmunzeln muss ich über die Wortwahl des historischen Kickers. Bei der Elfmeterexekution (!) durch Ishak wandte sich mein Vater auch ab.
    Ich bin zuversichtlich, dass Belschanov eine Riesensaison im Kommentarbereich spielen wird. Der erste Spieltag macht im Vergleich zu Zenger und Endl Hoffnung. Während diese defensiv/statistisch solide stehen, zeigt Belschanov auf der offensiven Außenbahn (bzgl. Kritik der Trainerrhetorik) gute Ansätze. Eine fundierte Einschätzung wird natürlich erst nach 10 Spieltagen möglich sein, aber wenn er auch in den nächsten Spieltagen seine Dinge hundertprozentig erledigt wird er auf CU gut mitmischen. Ich wünsche mir noch Verstärkungen im kafkaesken Artikelbereich (Vor der Kommission!), aber ansonsten sehe ich CU gut aufgestellt!

    4

    2
    • Vor allem vorgetragen in einer aggressiven Knurrigkeit à la Basler und Effenberg, gemischt mit den Quengelkommentaren von Alfred und das alles in ergebnisbedingten Stimmungsschwankungen aus dem Bayreuther Hause Wahnfried.

      3

      2
    • @Holzmichel:

      Herzlichen Dank für die netten Worte, die mir ein Ansporn sind, weiterhin „im Rahmen meiner Möglichkeiten“ meine Arbeit zu tun. Ob ich diesen Rahmen Spieltag für Spieltag „zu hundert Prozent“ ausfüllen kann, wird man sehen. Ich schreibe hier jetzt ja schon seit etwas mehr als zehn Jahren (Kinder, wie die Zeit vergeht…) mit dem Bestreben, die Dinge des FCN mit einer Mischung aus Sachverstand und Kreativität (beides im Rahmen meiner Möglichkeiten) zu beleuchten, und ich kann nicht garantieren, dass mir nicht irgendwann einmal die Ideen ausgehen. Zumal: „In schöner Regelmäßigkeit ist Fußball doch immer das Gleiche“ (Hans Meyer).

      Natürlich wird meine Motivation auch stark davon abhängen, wie sich unsere Mannschaft sportlich schlägt…

      9

      6
  • Doch noch ein Last Minute Transfer Carsten Schüpmann vom FC Twente kommt zum FCN !

    Position: Scout

    Zum Ende des Transferfenster das waren bestimmt lange zähe Verhandlungen. 🙂

    2

    3
  • Von diesen 11 Profis zum Nulltarif würde ich sofort Alex Meier ausleihen,als Backup für unseren Sturm…….
    Sind ja auch einige Ex Cluberer dabei…

    0

    0
  • Blöd nur das Behrens und Löwen derzeit noch als äußerst fraglich gelten für das Spiel gegen Mainz.

    0

    0

Kommentare sind geschlossen.