The Day After

„Der erzählt uns doch Märchen“, sagte Hannes über den samstagabendlichen Tresen und der Wirt erwiderte: „Nee, nee, ein reines Märchen ist das nicht. Hat auch ein paar Dokus darüber im Fernsehen gegeben. Aber vielleicht war die Situation in Wirklichkeit nicht ganz so dramatisch, wahrscheinlich vermischen sich da, wie’s halt so ist, Wahrheit und Legende.“

„Ich habe ja nicht behauptet, dass das wirklich so war“, stellte ich klar. „Ich habe nur wiedergegeben, was ich in einem Buch gelesen habe (klick). Und die Fernsehdokus hab‘ ich natürlich auch gesehen (klick).“

„Woss firra Buuch? Woss fir Dsaich imm Fernsääng?“, tauchte Alfred am Tresen auf.

„Ist doch alles nur ein Märchen“, winkte Hannes ab.

„Woss iss a Määrla?“

„Das mit Able Archer (klick) und dem Atomkrieg“, antwortete Hannes. „Beziehungsweise mit dem fast ausgelösten Atomkrieg.“

„Äibl Aadscha? Woss issn dess haid widda firra Gwaaf? Woss solln dess saa?“

„Ein Nato-Manöver im November 1983“, erläuterte der Wirt. „Die Sowjets sollen angeblich geglaubt haben, dass der Westen einen Krieg beginnen will, und die Ostblock-Truppen in höchste Alarmbereitschaft versetzt haben.“

„Dess hobbi no nedd gwussd.“

„Egal, ob die Welt damals am Rand eines Atomkriegs stand oder nicht“, bemerkte der Wirt, „ein pikantes Ding ist es natürlich schon, dass der Club just in den Tagen eines sich anbahnenden – oder angeblich sich anbahnenden – Weltuntergangs mit einem 0:7 beim VfB Stuttgart (klick) seine bis dato höchste Bundesliganiederlage hinnehmen musste. Das hat was. Der Club erleidet einen Super-GAU und danach die ganze Welt.“

„Genauso isses“, sagte ich. „Wäre eigentlich ein prima Stoff für einen Katastrophenfilm…“

Hannes winkte ab.

„…Wobei die nukleare Katastrophe ja zum Glück gerade noch so abgewendet wurde. Aber für den Club war das 0:7 von Stuttgart der Auftakt zu einem sportlichen Desaster. Er holte danach nur sechs Punkte – zwei Siege, zwei Unentschieden – und stieg am Ende des Spieljahrs mit 14 Punkten ab (klick). Eine schlechtere Saisonbilanz hatte in der Bundesliga wahrscheinlich nur Tasmania Berlin (klick).“

„Da können wir ja nur hoffen“, spottete Hannes, „dass die 0:7-Schlappe in Dortmund nicht der Vorbote eines Weltkriegs ist.“

„Bai denna Bleedl, woo inn Ameeriga und inn Russland dess Soong hamm – bai demm Drammb und demm Buudien – mussd middm Schlimmsdn rechna.“

Ich nahm einen Schluck aus dem Pilsglas und sagte: „Immerhin hat sich der Club nach dem 0:7 diesmal besser rehabilitiert als 1983. Damals spielte er am Spieltag danach daheim nur 0:0 gegen Eintracht Frankfurt (klick).“

„Häddi nedd gedochd, dass da Glubb geecha Dissldorf so suvarään gwinnd, wall – wenndsd soo a Kobbm grichd hossd, mussd di scho ärschd amoll widda sordiern. Dess mussd scho ärschd amoll vadaua…“

„Mit dem 3:0-Heimsieg hat unsere Mannschaft ja dann schon mal frühzeitig drei der acht Punkte, die in dieser Saison noch zu erwarten sind, eingefahren“, bemerkte Hannes spitz.

„…Woor scho schdorg, wie deer aa doo, deer Middlschdirma, deer midm Boord und di däddowierdn Orm…

„Ishak“, sagte der Wirt.

„…dess Zwaa-null gmachd hodd, doo hodda kuul obbgschlossn, hodd nedd di Nervm valoorn, wall – wenn da Weech zumm Door soo lang iss, kenna da di Fieß scho zu dsiddan oofanga, und dess Drai-null woor a scheene Kombinadsjoon…“

„Ja, war wichtig heute“, sagte ich, „war ganz wichtig, dass die Mannschaft sich gleich wieder ein Erfolgserlebnis verschafft hat. Darauf sollten wir eigentlich einen Schnaps trinken. Ich geb‘ ’ne Runde aus.“

„Was darf ich den Herren servieren?“, fragte der Wirt.

„Fir miech kann Schnabbs. Iech vadrooch doch kann Algohool. Gibbma a Koola. Obwohl – ann Schbruuds Konnjagg odda Wissgie kossd ma scho naidoo, zur Faia des Doochs, obba nuur ann glann Schbruuds, ann gands glann.“

„Und ihr“, schaute der Wirt zuerst mich und dann Hannes an.

„Ist ein Wodka genehm?“, fragte ich Hannes, der nichts einzuwenden hatte.

„Du immer mit deinem Wodka“, entgegnete der Wirt. „Ich mach‘ euch mal was Anderes. Passend zum Thema des Abends mach‘ ich euch was Anderes:

KLICK.

[Zum Spiel: klick, klick, klick, klick.]

5 Gedanken zu „The Day After

  • Das Trident Juncture 2018 beginnt erst Ende Oktober, da war der Club diesmal etwas voreilig mit seinem 0:7.
    Hoffen wir mal das der Club das nicht wiederholt und auch die Situation von 1983 in allen Belangen keine Wiederholung erfährt.

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  • Die Geschichten mit dem Alfred könnte ich stundenlang lesen.
    Einfach herrlich, dieser fränkische Dialekt.
    Mit diesem Dialekt bin ich aufgewachsen.
    Bis zur 2. Klasse wusste ich gar nicht, dass es noch eine andere Sprache gab. Denn meine Eltern, Freunde und Mitschüler redeten alle so.
    Und Fersehen gab es auch noch nicht in dem Dorf.

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  • Vom großen weltpolitische Bogen 1983 zum Club … ganz großes Hallentennis! Und Alfred haut auch wieder paar raus: „Äibl Aadscha?“ „ann Schbruuds Konnjagg odda Wissgie“ … köstlich! 🙂

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