Uhrenvergleich

„Die schdaing obb“, sagte Alfred (klick), „doo braungma goor nimma drieba reedn…“

„Es sind noch fünfzehn Spiele“, entgegnete Hannes (klick), „viel zu früh, um die Totenglocken zu läuten…“

„Doo braungma goor nimma drieba…“

„…viel zu früh.“

„…reedn. Geecha Schduddgadd dahaam valoorn und aa geecha Wolfsburch und kords voor Waihnochdn nuch geecha Fraiburch. Und dann gengasa ins Drääningsloocha und donooch valiernsa waida. Dess woor ja haid in Mainds aa nix Gschaids…“

„Wir müssen unsere Punkte eben woanders holen“, sagte der Wirt über den Tresen.

„…Doo kummd nix mehr vomm Glubb in deera Sässong, doo kummd nix mehr.“

„Freilich war das nichts Gescheites“, schaltete ich mich ein, „aber immerhin gab es heute zwei Szenen, in denen die Mannschaft – und das hat man lange nicht mehr gesehen – richtige Torchancen herausgespielt hat. Die Aktion von Pereira vor der Ecke zum 1:1 – wann hat ein Clubspieler das letzte Mal den gegnerischen Torwart zu einer Glanzparade gezwungen? Und dann das 2:1 – Leibolds Flanke fand tatsächlich den Mitspieler, der dann auch gut abgeschlossen hat. Da wurde wenigstens mal wieder richtig Fußball gespielt. Aber das waren die einzigen zwingenden Szenen in der Offensive, natürlich zu wenig, um in der Bundesliga zu bestehen.“

„Wenn die Schlaumeier im Kölner Keller das Tor nicht aberkennen, gewinnen wir das Spiel“, lamentierte Hannes. „Die haben doch nicht alle Tassen im Schrank, das war, Fußspitze hin, Fußspitze her, ein Fall von gleicher Höhe – und außerdem gilt ‚im Zweifel für den Angreifer‘, das lässt sich doch auch im Videobeweis nicht zweifelsfrei…“

„Dass wir das Spiel dann gewonnen hätten, da bin ich mir nicht sicher“, versetzte ich, „so groß ist mein Vertrauen in unsere Abwehr dann auch nicht…“

„Wie die sich baim Dswaa-Aans fir Mainds heerschbilln hamm lossn! Die senn doch scho geecha Herdda ausgekonndad worn wie di Bleedn, und haid widda genau dess Glaiche. Die lerna doch nix! Doo braungma goor nimma drieba reedn.“

„…aber dass die in Köln nicht alle Tassen im Schrank haben, da geb‘ ich dir Recht. Und natürlich auch der Schiedsrichter, der anhand dieser fadenscheinigen Linienziehung die Entscheidung getroffen hat.“

„Na ja, fadenscheinig war das nicht, das Standbild hat klar gezeigt, dass Zrelak mit einem halben Fuß vor dem Gegenspieler war“, wandte der Wirt ein und stellte ein frisches Pils vor mich auf den Tresen. „Abseits ist Abseits, auch wenn es sich nur um ein paar Zentimeter handelt.“

Ich hob das Glas vor meine Augen, prüfte und sagte: „Dieses Bier nehme ich nicht an.“

„Wie bitte?“, fragte der Wirt.

„Ich nehme dieses Bier nicht an.“

„Warum? Stimmt was nicht?“

„Da ist zu wenig drin. Die Schaumkrone beginnt klar unter dem Eichstrich.“

Der Wirt nahm das Glas und hob es vor seine Augen: „Spinnst du jetzt?“

„Die Schaumkrone beginnt unter dem Eichstrich.“

„Vielleicht einen halben Millimeter. Das ist doch idiotisch, das zu reklamieren.“

„Mag schon sein.“

Da muss man ja mit der Lupe hinschauen, um das zu sehen.“

„Genauso isses.“

„Das ist doch pedantisch. Überpedantisch.“

„Wenn das Abseits war, dann ist dieses Glas nicht korrekt eingeschenkt. Dafür zahl‘ ich nicht den vollen Preis.“

„Du bist doch krank“, erwiderte der Wirt und stellte das Glas unter den Zapfhahn.

„Das Standbild beweist gar nichts“, führte ich aus, „denn es zeigt nur Zrelak und den Gegenspieler. Es zeigt aber nicht den Passgeber. Es liefert nicht den Beweis, dass Zrelaks Fußspitze im Augenblick der Ballabgabe – im exakten Augenblick der Ballabgabe – vor der Fußspitze des Mainzers war. Dass hier absolute Gleichzeitigkeit bestand, hat man mir nicht bewiesen. Es kann hier nur lauten: Im Zweifel für den Angreifer. Obwohl: Was heißt hier eigentlich Zweifel? Spontan hatte niemand einen Zweifel. Weder der Schiedsrichter, noch der Linienrichter, noch die Mainzer, von denen keinerlei Reklamation kam.“

„Genauso isses“, sagte Hannes. „Wobei zusätzlich zu bedenken ist, dass es im Universum Gleichzeitigkeit ja gar nicht gibt (klick).“

Der Wirt stellte mir das Glas wieder hin: „Ich hoffe, der Herr ist jetzt zufrieden.“

Ich nahm einen Schluck und Alfred sagte: „Kumm, Michael, mier genga aane raang! Hossd aane fir miech?“

„Jetzt noch nicht, Alfred. Ich rauche erst zur vollen Stunde wieder eine. Erst um…“

Ich schaute auf meine Uhr.

„…elf Uhr. Nach meiner Zeit. Lass uns mal einen Uhrenvergleich machen. Vielleicht müssen wir unsere Uhren synchronisieren.“

„Iech hobb doch ka Uhr. Wie lang issn nuch bis elfa?“

„Nach meiner Uhr 33 Minuten.“

„Iech schau amoll kords a Egg waida. Vielleichd dreffi na Luddwich. Umm elfa binni widda doo“, sagte Alfred und trottete davon.

„Ich dachte, du hast keine Uhr!“, rief ich ihm hinterher.

[Spielbericht: klick, klick, klick, klick, klick.]

11 Gedanken zu „Uhrenvergleich

  • Statt in einem trüben Keller in Köln sollte der VAR in der Kneipe bei Hannes und Alfred tagen! Vielleicht würde dann endlich einmal im Zweifel für den Club entschieden!

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  • Hannes hassd doch dahaam kanner! A Saubreis mou des sei!
    An Gerch, Gerald, Gerhard, Manni, Koarl, Herbert, Glaus, Dohmas und in Baahraid nuh an Ridschie gibts, aber doch kann Hannes! Des koh iich ned glaam.

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    • Da wird mein Kumpel Hannes aus Wachenroth, frankonian born, aber heftig brodesdieren. Wenn der in der Wirtschaft ein Spezi bestellt, kriegt er automatisch eine Halbe Bamberger Spezial!

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      • An fränggischn Hannes kenni scho aa. Bedenklich wären allenfalls Namen wie Henrik, Frederik, Knut, Thorben..

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        • Bei dem Namen denk‘ ich ja immer zuerst an Hannes Trinkl, den Schifoara aosn Nachboarland…
          Hendrigg, Freddrigg (Fregger), Gnuud, Dorbm – geht doch! Die könner dann mit der Badrischa, Damara oder Dschagglien zamm sei. Da brauchds ka Stefanie oder Claudia, Doris oder Margit mehr!

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        • Der Wirt vom Pappenheimer heißt Henrik, Dude.

          Achne Hendrik, mit D wie Doldi.

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    • @Herbertgerbert:

      Seit nunmehr fast elf Jahren (Kinder, wie die Zeit vergeht!) schreibe ich hier Tresengeschichten und erst jetzt wird moniert, dass der Name eines der vier Protagonisten falsch gewählt ist…

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  • Was ist der Unterschied zwischen einem Eichstrich und der kalibrierten Linie?Nur bei einer der beiden Linien wird reklamiert , wenn es drüber ist

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  • Zrelak war eine Fußspitze eher vor dem Mainzer Stopper am Ball. Zum vermeintlichen 2:1 für den Club. Ein kurzer Moment wäre also doch entscheidend gewesen. Insofern stimmt das Argument, dass Winzigkeiten niemals den Unterschied machen, nicht kritisch sind, nicht so ganz. Moment. Moment. War ja Konjunktiv. Eine Winzigkeit hat also entschieden, dass eine winzige Kleinigkeit nicht entscheidend war. Nur, weil die erste Winzigkeit (Abseits) vor der anderer, der kurzen Kleinigkeit (vermeintlicher Torerfolg) war, war die erstere nicht relevant, aber die letztere schon…oder so ähnlich…glaube ich…äh…Hiiiilfe!

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  • Das ist aber ein sehr wohlwollender Wirt… Zu meinen Kellnerszeiten hätten wir den guten Belschanov ein paar Minuten zusehen lassen, wie sich die Schaumkrone langsam zerlegt und der Füllstand über den Eichstrich kriecht. Und ab dann nur noch Schnitt im Steinkrug 🙂

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