Totalüberwachung

„Früher wär‘ sowas nicht gepfiffen worden“, sagte ich, „das war klar angeschossen.“

„Na ja“, erwiderte der Wirt über den Tresen, „Erras hatte den Ellbogen…“

Ich nahm einen Schluck aus dem Pilsglas.

„…abgespreizt und wird am abgespreizten Ellbogen getroffen.“

„Soll er sich die Arme hinter den Rücken binden?“, fragte Hannes (klick).

„Ein abgespreizter Ellbogen ist eine unnatürliche Armstellung, mit der die Körperfläche vergrößert wird“, entgegnete der Wirt. „Nach den aktuell geltenden Regeln ist das nicht statthaft.“

Unnatürliche Armstellung!“, versetzte ich, „Vergrößerung der Körperfläche! Ich habe den Eindrück, dass nach heutiger Regelauslegung der gesamte Komplex der oberen Extremitäten unnatürliche, per se strafbare Körperauswüchse sind…“

„Woss firra See?“, wunderte sich Alfred (klick).

„…Wenn sich ein Feldspieler im eigenen Strafraum aufbaut wie ein Handballtorwart und dann am Arm getroffen wird, dann ist das eine absichtliche Vergrößerung der Körperfläche zur Verhinderung einer Torchance. Dann hat es Elfmeter zu geben. Aber ein in der Bewegung abgespreitzer Ellbogen – das ist einfach nur angeschossen. Angeschossen! So habe ich das gelernt. Und zu dieser Regelauslegung muss man wieder zurückkehren. Was kann ein Spieler dafür, wenn er an den oberen Extremitäten, die zum Körper gehören – natürlich zum Körper gehören! – angeschossen wird…“

„Und dann griechda aa nuch a gellbe Kaddn dofier. Soo gehds dsuu auf da Welld. Soo bleed gehds dsuu.“

„Völlig richtig“, sagte Hannes, „man muss zur alten Regelauslegung zurückkehren: Ein strafbares Handspiel liegt dann vor, wenn ein Spieler absichtlich mit der Hand oder dem Arm zum Ball geht…“

„Genauso isses“, bekräftigte ich.

„Doo bliggd doch haiddsadooch kaana mehr durch midd denna Reechln. Und aa dess gandse Dsaich midd demm Wiedejoobewais. Frieha hossd amm hindamm Riggng vomm Schieri aa amoll aane miedgeem kenna, wannas gebrauchd hodd. Dess kossda haiddsadooch nimma erlaum. Wall doo hoggngsa in Kölln innam Kella unnd waddn blooß drauf, dassa dich iebafiehrn kenna. Dess iss doch Dodool-Iebawachung. Dodool-Iebawachnug iss dess.“

„Stimmt“, sagte ich und dachte an Perreiras Vergeltungsaktion wegen eines Ellbogenchecks (klick) und an eine Szene aus meiner aktiven Vereinskarriere.

„Na ja“, entgegnete der Wirt, „der angeblich von Ewerton verursachte Elfmeter wurde durch Videobeweis revidiert. Hier hat der Videobeweis für sportliche Gerechtigkeit gesorgt.“

„Iss doch eh Worschd, da Glubb iss haaia eh nimma dsu reddn. Doo braungma goor nimma drieba dsu reedn. Horch, Michael kennasdma midd a boor Euro aushellfm. Hossd fimf Euro fir miech?“

„Du hast doch erst vorhin vom Ludwig fünf Euro abgeschnorrt“, sagte der Wirt. „Man sollte mal kontrollieren, was du mit dem ganzen Geld anstellst…“

„Totalüberwachung“, warf Hannes ein.

„…wenn ich jeden Tag so viel Geld zusammenschnorren würde wie du, bräuchte ich keine Zigaretten zu schnorren.“

„Iech hobb halld baim Oddsedd goor ka Gligg mehr. Und baim Schoofkubf hobbi haid aa kaane gschaidn Kaddn dawischd. Kumm, Michael, mier genga aane raang.“

„Meinetwegen“, sagte ich und nahm einen Schluck aus dem Pilsglas.

„Griechi dann aa di fimf Euro?“

„Schaumer mal“, antwortete ich und gab Alfred eine Blend 29, „erst werde ich dir eine Geschichte erzählen.“

K L I C K.

[Zum Spiel: klick, klick, klick, klick.]

8 Gedanken zu „Totalüberwachung

  • Sehr schön!
    Allerdings würde ich behaupten dass sich 95% aller Menschen reflexartig so wegdrehen würden und sich schützen, wie das Erras gemacht hat, wenn ein Bundesligaprofi aus vier Metern auf sie bolzt.Deshalb plädiere ich für natürliche Bewegung und Handstellung.Ich bin aber auch kein beinharter DFB-Regelhüter

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  • Wenn der Club mal öfter auf das gegnerische Tor schießen würde wäre hier und da auch mal eine Hand dabei, bei der Intensität mit der Hoffenheim spielt, passiert sowas eben dann auch.

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    • Das haben sie ja mal versucht-und dabei Stark getroffen, damals war es allerdings angeblich nicht strafbar…das war allerdings bevor die Intensität hauptsächlich in die defensiv arbeit gelegt wurde,seitdem bräuchte man fast schon eine 100% Trefferquote.
      Ich kann jetzt das Zitat gerade nicht mit einer Quelle belegen, aber einer der Bundesligatrainer sagte vor ein paar wochen sinngemäß:dann trainiere ich meine Profis darauf, beim Gegner die Hand aus drei Metern zu treffen, wenn es jetzt schon dafür Elfmeter gibt.

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      • Schon vor dem Trainer-Wechsel, also vor der Intensivierung der Defensive, hatte der Club laut Kicker die wenigsten Torchancen! Optisch mag unser Spiel offensiver gewirkt haben, es war jedoch de facto völlig ungefährlich. Bei gleichzeitig erkennbar weniger Stabilität in der Defensive.

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      • Die Handelfmeter-Regel war früher mal klar verständlich und einwandfrei. Weshalb auch immer daran herumgedoktort wurde, die wurde gewaltig verschlimmbessert!
        Genau, das folgt daraus: Es wird absichtlich dem Gegenspieler aus einem Meter Entfernung an die Hand geschossen und dann gibt es Elfmeter!? Das kanns doch nicht sein. Das ist wie bei Feldhockey mit dem Schienbein und der kurzen Ecke, da wird das auch absichtlich gemacht.

        Wenn der Krampf so weiter geht, dann schafft sich der Fußball selber ab. Das Spannungsfeld reicht von Mafia, Kapital, Korruption bis hin zu maximal stadionzuschauerunfreundlichem VAR und schwachsinnigen Regeln. Wenn die schöne, freundschaftliche Komponente nicht wäre, dann hätte ich vor dem „modernen Fußball“ vielleicht schon das Weite gesucht.

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  • Ich wünsche unserem nächsten Gegner heute ein spannendes, aufreibendes, kräftezehrendes, psychisch und physisch alles abverlangendes und am Ende im Elfmeterschießen glückliches Spiel.

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  • Die simpelste Handregel wäre womöglich: „Nur zu ahnden, wenn der Ballkontakt für den Getroffenen leicht zu vermeiden gewesen wäre“. Also neben jeder erkennbaren Absicht (aktiv oder passiv) auch jede offenkundige „grobe Fahrlässigkeit“ (Rumspringen wie ein Hampelmann, Arme in der Mauer wegstrecken,..). Die Schiris werden um ihre eigene Einschätzung eh nicht herum kommen, dann sollen sie bitte auch jedes Mal direkt für alle nachvollziehbar benennen können, was der Spieler denn Zumutbares tun oder lassen hätten sollen, um den Kontakt zu vermeiden. Sie könnten sich nicht mehr hinter krude formulierten Spezial- und Zusatzregeln verstecken, absichtliches Anschießen würde nicht provoziert und vielleicht würden die Spieler sogar zu etwas mehr Vorsicht erzogen, weil es natürlich immer Schiris geben wird, für die manch fußballtypische Bewegung/Haltung „unnatürlich“ ist..

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  • Man sollte vielleicht noch irgendwie um den Fall ergänzen, dass es Elfmeter gibt, wenn der Ball ohne die Berührung mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ins Tor gegangen wäre.
    Beispiel: Der auf Verteidiger ist der letzte Spieler vor der Torlinie…..

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