Kreuzverhör

Prüfer 1: Herr Doktor Schnabel, wir haben Sie einbestellt, um Ihre Haltung zu…

Ich habe nichts zu sagen, ich will mich hier nicht…

Prüfer 2: Will mich hier nicht. Hihihi!

Prüfer 1: …um Ihre Haltung zur Ablösung Köllners durch Schommers auf der Trainerposition des 1. FC Nürnberg zu überprüfen.

Ich habe dazu nichts zu sagen. Bitte lassen Sie mich…

Prüfer 2: Bitte lassen Sie mich. Hihihi!

Ich wüsste nicht, inwieweit ich…

Prüfer 2 rutscht unruhig auf dem Stuhl hin und her.

Prüfer 1: War der Trainerwechsel richtig?

Ich sage Ihnen jetzt zum vierten Mal, dass ich dazu nichts zu…

Prüfer 1: Ich darf Sie darauf hinweisen, dass Sie verpflichtet sind, die Fragen der Kommission ohne Umstände zu beantworten.

Prüferin: Was haben Sie empfunden, als Sie die Nachricht von der Ablösung Köllners empfingen? Wie war Ihre emotionale Reaktion?

Meine emotionale Reaktion?

Prüfer 2: Ja Ihre emotionale Reaktion! Hören Sie schlecht? Haben Sie Tomaten auf den Ohren? Herzliche Grüße übrigens vom ehemaligen Prüfer 3 (klick). Er lässt Ihnen mitteilen, dass es ihm gut geht – den Umständen entsprechend gut geht. Hihihi!

Prüferin: Was hat der Trainerwechsel mit Ihnen gemacht? Sprechen Sie ganz offen, frei von der Leber…

Die Tür öffnet sich. Eine mit einem grünen, etwas zu großen Trainingsanzug bekleidete hagere Gestalt humpelt ein Bein nachziehend durch den Raum, wobei sie mit einer Hand die etwas zu große Pickelhaube festhält, die ihr auf die Nase zu rutschen droht. Sie platziert drei Schildchen auf dem Tisch, an dem die Kommissionsmitglieder sitzen, und entfernt sich. Auf den Schildchen ist zu lesen: PrüferIn 1, PrüferIn 2, Prüferin 3.

Prüferin 3: Was haben Sie gefühlt?

Nun, gnädige Frau, was soll ich…

Prüferin 3: Herr Doktor Schnabel, ich darf Sie bitten, anachronistisch-patriarchalische Höflichkeitsformeln zu unterlassen. Ich bin nicht eine gnädige Frau, ich bin Frau Schröter, Kirsten Schröter.

PrüferIn 1: Frau Kollegin, es entspricht nicht unseren Gepflogenheiten, dass sich Kommissionsmitglieder, Verzeihung MitgliederInnen, gegenüber unseren – äh wie äh soll ich sagen – gegenüber unseren Gästen…

PrüferIn 2: Gästen. Hihihi!

PrüferIn 1: …mit ihrem Namen vorstellen. Aber da Sie noch nicht lange im Amt…

Prüferin 3: Herr Vorsitzender, ich verfüge über reichlich Erfahrung in der Kunst der Inquisi-, äh Befragung und weiß, welche Strategien…

PrüferIn 1: Doch jetzt endlich zur Sache! Herr Doktor Schnabel beantworten Sie die Ihnen gestellte Frage!

Nun, ich war, um offen zu sprechen, war ich…

PrüferIn 2: Um offen zu sprechen. Hihihi!

Prüferin 3: Was waren Sie?

Überrascht. Ich war überrascht.

PrüferIn 2, etwas notierend: Soso, überrascht.

Prüferin 3: Warum waren Sie überrascht?

Ich war überrascht, dass die Vereinsführung offenbar doch ernsthaft das Ziel verfolgt, die Klasse zu halten. Dass der Klassenerhalt wirklich das Saisonziel ist, war mir vorher nicht klar.

PrüferIn 2: Konkreter bitte! Was wollen Sie uns konkret sagen?

Prüferin 3: Nun, Herr Kollege, es dürfte klar sein, was uns Herr Doktor Schnabel sagen will…

belschanov, nennen Sie mich belschanov!

PrüferIn 1: Herr Doktor Schnabel, lassen Sie dieses Spielchen! Wir haben ein für allemal geklärt…

PrüferIn 2: belschanov. Hihihi!

PrüferIn 1: …dass Sie hier mit Ihrem bürgerlichen Namen…

PrüferIn 2: Schnabel. Doktor Schnabel. Hihihi!

PrüferIn 1: …angesprochen werden (klick).

Prüferin 3: Doktor Schnabel will uns sagen, dass er dachte, die Vereinsführung zieht die Saison mit Köllner als Trainer durch, egal wie schlecht sie auch verläuft. Der Trainerwechsel war für ihn eine Überraschung, weil er zeigte, dass – gegen seinen bisherigen Eindruck – der Klassenerhalt offenbar doch das Ziel war. Wenn man die Klasse nicht unbedingt halten will, braucht man nicht den Trainer zu wechseln.

Genauso isses! Hätte man…

PrüferIn 1: Herr Doktor Schnabel, ich darf Sie bitten, das Wort erst dann zu ergreifen, wenn man es Ihnen erteilt hat. Hätte man was?

Stille im Raum. Schweigen.

PrüferIn 1: Herr Doktor Schnabel, ich habe Ihnen soeben das Wort erteilt.

Wie war Ihre Frage?

PrüferIn 1: Sie haben einen Satz mit Hätte man… begonnen. Ich bitte Sie, diesen Satz fortzuführen.

Ach so. Ja. Nun, der richtige Zeitpunkt für einen Trainerwechsel wäre in der Winterpause vor dem Trainingslager gewesen. Oder vielleicht sogar noch früher, etwa nach der Heimniederlage gegen den VfB Stuttgart. Da zu diesen Zeitpunkten keine Trainerentlassung erfolgte, wuchs in mir die Überzeugung, dass die Vereinsführung den Abstieg in Kauf nimmt, weil sie ihn mit dieser Mannschaft sowieso für nicht abwendbar hält, und dann über diese Saison hinaus auf eine langfristige, kontinuierliche Zusammenarbeit mit Köllner setzt. Insofern war es für mich eine Überraschung, dass man Köllner dann in der Rückrunde doch noch entlassen hat.

Prüferin 3: Wie haben Sie die Chancen auf den Klassenerhalt vor der Saison eingeschätzt?

Schlecht. Es war klar, dass es ohne wesentliche Verstärkungen, die aufgrund der finanziellen Lage nicht möglich waren, sehr schwer sein wird, die Klasse zu halten. Vor allem in der Offensive war man zu schwach aufgestellt, um in der Bundesliga die Tore und damit die Punkte zu erzielen, die für den Klassenerhalt notwendig sind. Das habe ich schon vor der Saison gegenüber…

PrüferIn 1: Genug! Schluss! Stopp! Keine langen Suaden! Unsere Zeit ist begrenzt!

PrüferIn 2, auf seine Uhr schauend: Schon vor der Saison. Hihihi!

Prüferin 3: Hat sich im Laufe der Saison etwas an Ihrer ursprünglichen Einschätzung geändert?

Gewiss. Ja.

PrüferIn 1: Inwieweit? Reden Sie! Lassen Sie sich doch nicht jedes Wort einzeln aus der Nase ziehen!

Nun, so wie sich im Lauf der Saison die Situation am Tabellenende entwickelte, wäre aufgrund der Schwäche der Konkurrenz, besonders von Hannover 96 und des VfB Stuttgart, der Klassenerhalt durchaus möglich gewesen. Zumindest der Relegationsplatz hätte erreicht werden können, wenn nicht sogar müssen. Allerdings hätte die Spielweise pragmatischer…

PrüferIn 2: Die Spielweise! Das ist doch eine völlig veraltete Ausdrucksweise!

…sein müssen.

Prüferin 3: Inwieweit pragmatischer?

Die taktische Anlage war…

PrüferIn 2, abwinkend: Taktische Anlage! Mein lieber Freund!

…zu offensiv. Es fehlte die Stabilität in der Abwehr. Man hätte mit diesem nach Bundesligamaßstäben doch arg limitierten Kader nicht versuchen sollen, selbst das Spiel über Ballbesitz zu kontrollieren, sondern das Augenmerk darauf legen müssen, den personell meist besser besetzten Gegner am Fußballspielen zu hindern, ihn nicht zur Entfaltung kommen zu lassen, die Räume so dicht zu machen, dass er im Laufe des Spiels mürbe wird, sich im Abnutzungskampf aufreibt und schließlich die Geduld und die taktische Disziplin verliert, so dass er Räume anbietet, in die man dann hineinstoßen kann. Statt Ballbesitzfußball hätte in der Saisonvorbereitung „Guerillataktik“ einstudiert werden müssen. Wie aus dem Mannschaftskreis durchsickerte, sollen sich auch einige Spieler vehement für eine defensivere Taktik ausgesprochen…

PrüferIn 2, vehement abwinkend: Die Meinung der Spieler steht hier nicht zur Debatte! So weit kommt es noch, dass die Spieler dem Trainer sagen, welche Taktik praktiziert werden soll. Das ist ja unerhört. Unerhört ist das!

PrüferIn 1: Herr Doktor Schnabel, es geht hier nicht darum, versteckte oder unverhohlene Aufrufe zur Meuterei zu rekapitulieren, sondern um nüchterne Analyse. Fahren Sie fort!

Die ganze spielkonzeptionelle Herangehensweise an diese Saison war verfehlt. Sie basierte auf einer Illusion. Auf einer fatalen Illusion! Als personell untererlegener Underdog versuche ich doch nicht, selbst das Spiel zu machen. Das überlasse ich dem Gegner – und dem mache ich es kaputt! Fortuna Düsseldorf hat es vorgemacht, wie man als Underdog in der Bundesliga Erfolg haben kann. Dass der Mitaufsteiger Düsseldorf mit 25 Punkten mehr aus dieser Saison herausgeht als der 1. FC Nürnberg – ich wiederhole: MIT 25 PUNKTEN MEHR – IST EIN SKANDAL! EIN SKANDAL IST DAS!

PrüferIn 1: MÄSSIGEN SIE SICH!

PrüferIn 2, eifrig notierend: Guerillataktik. Skandal. Hihihi!

PrüferIn 1: WAS ERLAUBEN SIE SICH! WAS BILDEN SIE SICH ÜBERHAUPT EIN!

Schweigen. Stille im Raum.

PrüferIn 2: Herr Vorsitzender, erlauben Sie mir Herrn Doktor Belscha-, äh Doktor Schnabels – hihihi! – absurdes Plädoyer für eine defensivere taktische Ausrichtung anhand einiger Zahlen unwiderruflich zu widerlegen.

PrüferIn 1: Gerne.

PrüferIn 2: In den 21 Spielen unter Köllner erzielte der 1. FC Nürnberg 17 Tore, was einer Quote von 0,81 Toren pro Spiel entspricht. In den 13 Spielen unter Schommers, der die Mannschaft wesentlich defensiver spielen ließ, gelangen nur mickrige 9 Tore. Das entspricht 0,69 Toren pro Spiel. Damit ist der untrügliche Beweis geführt, dass die von Schommers verordnete Abkehr vom Ballbesitzfußball keinerlei positive Wirkung zeigte, ja sogar kontraproduktiv war, weil sie das Offensivspiel in unverantwortlicher Weise lähmte. Bei 0,69 Toren pro Spiel kann man wirklich nur noch sagen: Hihihi! WAS SAGEN SIE DAZU, HERR DOKTOR SCHNABEL?

Was kann Schommers dafür, dass Behrens zwei und Leibold einen Elfmeter verschossen hat?

PrüferIn 2: Wie bitte?

PrüferIn 1: Was wollen Sie damit sagen?

Ich will damit sagen, dass die Torquote unter Schommers über der Torquote unter Köllner läge, wenn die drei Elfmeter verwandelt worden wären. 12 geteilt durch 13 ergibt einen höheren Wert als 18 geteilt durch 21.

PrüferIn 1, einen Taschenrechner zur Hand nehmend: 18? Warum 18?

Weil der von Ishak verschossene Elfmeter im Auftaktspiel bei Hertha BSC einzubeziehen ist. 

PrüferIn 1: Ach so. Aha.

PrüferIn 2, mit beiden Händen den Sitz des Krawattenknotens prüfend: Das ist ein Ablenkungsmanöver! Ein billiges Ablenkungsmanöver!

Es ist übrigens ein Missverständnis…

PrüferIn 1, Zahlen eintippend: Sie reden nur, wenn Ihnen das Wort erteilt worden ist!

PrüferIn 2: Ein Ablenkungsmanöver ist das!

PrüferIn 1, den Taschenrechner auf den Tisch legend: Tja.

Prüferin 3: Herr Doktor Schnabel, worin liegt Ihrer Meinung nach…

PrüferIn 1: Einen Moment noch! Was ist ein Missverständnis?

Es ist ein Missverständnis, davon auszugehen, dass man mit Ballbesitzfußball automatisch mehr Torchancen erzielt als mit einer Taktik, die stärker auf Umkehrspiel setzt. Was nützt eine hohe Ballbesitzquote, wenn man im letzten Drittel – da, wo die Tore geschossen werden – nicht die spielerische Variabilität, nicht die Durchschlagskraft aufweist, um eine eng formierte Abwehr auszuhebeln. Gestatten Sie mir den Bogen zur deutschen Nationalmannschaft zu spannen…

PrüferIn 2, sich mit dem Taschentuch Schweißperlen von der Stirn tupfend: Herr Vorsitzender, ich weise darauf hin, dass wir bereits zwei Minuten über der Zeit sind.

PrüferIn 1: Herr Doktor Schnabel, fassen Sie sich kurz!

Wohin hohe Ballbesitzanteile führen können, wenn vor dem Tor des Gegners die Inspiration fehlt, hat das klägliche Scheitern der Nationalmannschaft bei der WM in Rußland gezeigt. Diese Spielweise war übrigens auch alles andere als attraktiv. Da war das blitzschnelle Umkehrspiel, das die deutsche Elf bei der Südafrika-WM gezeigt hat, wesentlich effektiver und auch attraktiver. Hätte Kroos im Halbfinale gegen Spanien nach großartigem Anspiel von Podolski frei vor dem spanischen Torwart konzentrierter abgeschlossen…

PrüferIn 1, etwas in sein Notizbuch schreibend: Schluss! Wir sind hier nicht im Geschichtsunterricht! Frau Kollegin, haben Sie noch eine Frage?

Prüferin 3: Herr Doktor Schnabel, was ist im Fußball wichtiger: das Ergebnis des Spiels oder die Freude am Spiel?

Das Ergebnis. Was im Fußball zählt, ist das Resultat. Ziel des Spiels ist es…

Prüferin 3: Ja, ja, das wissen wir. Aber ist Ihre Sichtweise, die den Fußball auf den Aspekt des Agonalen reduziert, nicht bestürzend eindimensional? Ist nicht die Freude am Spiel um des Spiels willen und – nicht zu vergessen – das Gemeinschaftserlebnis zwischen Mannschaft und Anhängerschaft und innerhalb der Anhängerschaft der größere Sinn spendende Wert?

Verzeihung, ich verstehe Ihre Frage nicht.

Prüferin 3: Ach so, ja, vielleicht habe ich mich ein bisschen zu akademisch ausgedrückt. Das Fremdwort agonal heißt soviel wie…

Nein, nein, ich weiß, was agonal bedeutet. Ich verstehe den Sinn Ihrer Frage nicht.

Prüferin 3: Das ist doch nicht schwer zu verstehen. Wenn ich mich mit Jutta, Gisela und Heidi zum Mikado oder Rommé treffe, geht es mir nicht ums Gewinnen, viel wichtiger ist mir das Miteinander, das beglückende Erlebnis von Gemeinschaft.

Fußball ist kein Kaffeeklatsch.

PrüferIn 2: Das ist ja unerhört! Nachgerade unverschämt ist das!

PrüferIn 1: Noch eine Frage, Frau Kollegin?

Prüferin 3: Keine weitere Frage. Der Fall scheint mir klar zu sein.

PrüferIn 1: Die Sitzung ist beendet.

11 Gedanken zu „Kreuzverhör

  • Wunderbar! Endlich mal wieder. Hihihihi 🙂

    Der Trainer, der mit dem FCN letztmalig in der Bundesliga pragmatisch-erfolgreichen Fussball praktizierte, hat nun beim hanseatischen Konkurrenten angeheuert. Na das wird eine Saisong!

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  • Stimme dem pragmatischen Ansatz ausdrücklich aus. Gab ja offenbar auch einige Stimmen aus der Mannschaft, die sich damit wohler gefühlt haben.
    Was ich nicht verstehe, ist die hier im Blog öfters mal zu lesende Aussage, dass man mit dem defensiven Ansatz unter Schommers keine Chancen herausgespielt hat. Es waren vielleicht nicht unbedingt viele, was ich aber eher an der Qualität der Mannschaft festmachen würde. Aber es waren auf gar keinen Fall weniger als in den letzten 10 Spielen unter Köllner als wir nie mehr als 1 oder 2 Chancen erspielt haben und da denke ich insbesondere auch an die Spiele gegen Freiburg und Hamburg. Unter Schommers sind wir zumindest öfters mal in Führung gegangen, was uns unter Köllner seit dem Frankfurt-Spiel Ende Oktober gar nicht mehr geglückt ist und ja irgendwie doch eine zwingende Voraussetzung für einen Sieg ist. Somit sehe ich die Auffassung des Prüflings durch die Praxis schon bestätigt.

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  • Man hat verstanden! Die Damen spielen Mikado oder Rommé, um sich miteinander zu ergötzen. Die Herren aber, die Herren spielen Taschenbillard, wo sie sich, natürlicher Ordnung wegen, die Fähigkeit, überlegener Beurteilungsfähigkeit gern selbst zubilligen.

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    • Hoffentlich wird daraus die neue Fernsehgeld-Verteilung generiert. Ich glaube, wir bekämen dann mehr als aktuell… 😉

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      • Ja also aus der Bundesliga der nächsten Saison wären bei mir da nur so die Hälfte dabei…

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