Hanno Behrens und das Rätsel der divergierenden Zweikampfquote

11 Prozent oder 50 Prozent? Im Nachgang zum Spiel in Sandhausen gingen bei Hanno Behrens unterschiedliche Zweikampfquoten durch die Welt. Wir versuchen zu erklären, warum dies der Fall ist.

In der Nachberichterstattung zur Niederlage in Sandhausen erklärten Martin Funk und Marco Werzinger von BILD Nürnberg (klick) Hanno Behrens zu einem der „Angezählten“. Nachvollziehbar ob der Auswechslung zur Halbzeit am Freitag und auch ob der Leistung. Diese unterstrichen die Autoren mit einer Zahl: 11 Prozent gewonnene Zweikämpfe. Wolfgang Laaß von den Nürnberger Nachrichten (Print, 19.8., S. 21) attestiert Behrens „eine durchaus respektable Zweikampfquote von 50 Prozent“ – schiebt aber nach, „dass er praktische keine Zweikämpfe geführt hat“.

Wie kann es sein, dass sich die Zahlen hier so unterscheiden? Ausgedacht haben sich nämlich weder BILD noch NN diese Zahlen: Die 11 Prozent (einer von neun in absoluten Zahlen) stammen von Sportec Solutions, dem offiziellen Datenanbieter der DFL. Aufgeteilt sind die Daten hier in eines von drei Luftduellen und keiner von fünf Bodenzweikämpfen – plus ein begangenes Foul. Die 50 Prozent stammen von Opta Sports, dem weltweit größten Datenanbieter in Sachen Fußballstatistiken. Hier wurden drei von vier Luftzweikämpfen gewonnen und keines der zwei Bodenduelle. Um das Potpourri der Zahlen noch zu erweitern, liefert der von uns gewählte Datenanbieter Wyscout für Hanno Behrens weitere Werte: 40 Prozent (2 von 5) defensive Duelle, 66 Prozent (2 von 3) Kopfballduelle, 0 Prozent (0 von 1) Duelle um den freien Ball, kein Offensivzweikampf, insgesamt also 44 Prozent (4 von 9).

Warum sind die Werte so unterschiedlich?

Wie kann es also sein, dass für einen Spieler derart unterschiedliche Werte ermittelt werden? Stefan Placht, Editor bei Opta erklärt: Es „können sich aus unterschiedlichen Definitionen unterschiedliche Zahlen ergeben. Meistens sind die Unterschiede in den Prozentzahlen allerdings nicht so hoch wie in diesem Fall.“ Aber wie definieren die Anbieter einen Zweikampf?

Auf Anfrage erklärt Christina Porcellit von Sportec, einer Tochterfirma der DFL, dass bei ihnen ein Zweikampf folgendermaßen definiert ist: „Eine Spieleraktion, in der zwei Spieler verschiedener Mannschaften die physische Möglichkeit besitzen, Ballkontrolle entweder zu erlangen oder zu erhalten und dieses auch versuchen. Ein Zweikampf setzt eine Ballberührung durch einen der beteiligten Spieler oder ein Foul am Gegner voraus. Bei jedem Zweikampf gibt es einen Verlierer und einen Gewinner. Der Gewinner ist derjenige Spieler, der am Ende des Zweikampfes die Richtung des Balles bestimmt.“

Bei Opta hingegen gibt es keine semantische Definition des Zweikampfs, sondern eine Reihe von Aktionen, die als gewonnener Zweikampf zählen: Spieler erreicht Ball im Kopfballduell, Spieler umspielt den Gegner mit Ball am Fuß, Verteidiger nimmt dem Angreifer den Ball vom Fuß – egal, ob das Team des Verteidigers in Ballbesitz kommt oder nicht und Ballabnahme mit den Händen durch den Torwart. All die Ereignisse werden einzeln kodiert und sind auch einzeln abrufbar. Um die Zweikampfquote bei Opta zu ermitteln werden all diese Einzelkategorien addiert und um die begangenen und erlittenen Fouls ergänzt. Auch bei Opta gibt es im Zweikampf nur Sieger und Verlierer.

Ein Zweikampf ohne Sieger?

Wyscout geht hier einen anderen Weg, ergänzt die Duelle um die Kategorie „neutral“, um Situationen zu erfassen, die zwar einen erfolgreichen Zweikampf beinhalten, aber keinen Ballbesitzwechsel. Gleichzeitig teilt Wyscout von sich aus in Offensivzweikampf (Spieler hat den Ball und versucht den Verteidiger zu umspielen), Defensivzweikampf (Spieler hat den Ball nicht und versucht ihn zu erlangen), Luftzweikampf (zwei Spieler gehen zum in der Luft gespielten Ball) und Bodenzweikampf um den freien Ball (zwei Spieler gehen auf einen frei gewordenen Ball am Boden). Giulia Menini von Wyscout erläutert, dass dies geschieht, „um unseren Kunden eine möglichst klare Idee davon zu geben, wie die Zweikämpfe aussehen. Wir geben aber auch die Gesamtquote an.“ Da in dieser Gesamtquote nur wirklich gewonnene Duelle, nicht aber neutral gewertete Zweikämpfe, auf der Positivseite gewertet werden, sind in der Regel die Zweikampfquoten bei Wyscout etwas schlechter als bei den anderen Anbietern.

Der große Unterschied in den Definitionen liegt also vor allem in der Bewertung von Duellen um den Ball, die keinen klaren Sieger haben. Während Wyscout hier mit „neutral“ arbeitet, entscheidet sich Opta dafür jede Ballabnahme, selbst wenn der Ballbesitz nicht wechselt als gewonnenen Zweikampf. Sportec hingegen sieht den als Sieger, „der am Ende des Zweikampfes die Richtung des Balles bestimmt.“ Insgesamt hat Opta eine etwas enger gefasste, weil mit klaren Ereignissen umrissene Definition von Zweikampf als Sportec und Wyscout. Hinzu kommt, dass bei jedem Anbieter die Codierung der Ereignisse von Menschen vorgenommen wird und diese – allen klaren Definitionen zum Trotz – auch in der Bewertung zu unterschiedlichen Einschätzungen kommen können.

Wie aussagekräftig ist die Quote?

Die unterschiedlichen Definitionen und Zahlen weisen aber auch auf ein anderes Problem hin: Was kann man aus dem relativen Wert der Zweikampfquote eigentlich ablesen? Ein Stürmer, der im Dribbling achtmal am letzten Verteidiger hängen bleibt, ihn aber zweimal umspielt und im Anschluss das Tor trifft, hat eine Zweikampfquote von 20%. Dennoch würde man ihm wahrscheinlich ein erfolgreiches Spiel attestieren. Der Verteidiger im – zugegebenermaßen sehr theoretischen – Beispiel hat eine Zweikampfquote von 80% und wird dennoch in der Bewertung deutlich schwächer abschneiden.

In diesem Fall würde auch die Differenzierung zwischen Offensiv- und Defensivzweikampf nicht helfen. In der Praxis aber hilft diese durchaus, da z.B. ein Innenverteidiger, der bei eigenen Ecken im Strafraum Kopfballduelle verliert, auf dem Boden vor dem eigenen Strafraum aber alles gewinnt, dann deutlich besser abschneidet als bei der simplen Aggregation aller Zweikämpfe. Die Möglichkeit dieser Differenzierung bietet tatsächlich nicht nur Wyscout, sondern ist auch bei den anderen Anbietern möglich: Sportec kodiert, wer zu Beginn des Zweikampfs den Ball hatte, bei Opta ist es angesichts der Unterkategorien ebenfalls möglich zu differenzieren. Allerdings nehmen die Datenabnehmer in den Medienhäusern die Möglichkeit der Unterscheidung in der Regel nicht wahr, sondern veröffentlichen einfach die blanke Quote und verwehren so dem Leser die Möglichkeit, sich ein differenziertes Bild zu machen.

Es gilt also bei der Zweikampfquote, die Tobias Escher einst mit einer Wurst verglich („Man will gar nicht wissen, was alles reinkommt.“), das, was für alle Statistiken gilt: Selbst überprüfen, selbst hinterfragen und nicht pauschal übernehmen. Für den vergangenen Freitag gilt dann allerdings immer noch: Das Zweikampfverhalten war ungenügend, nicht nur von Hanno Behrens. Dabei ist dann auch nebensächlich, ob dieser drei von sechs oder einen von neun Zweikämpfen gewann.

17 Gedanken zu „Hanno Behrens und das Rätsel der divergierenden Zweikampfquote

  • Dankeschön. Ich erinnere mich in der letzten Saison mal einen Kommentar angefangen zu haben, der genau das erfragen sollte – der war dann aber (glaube ich) so konfus, dass ich ihn gar nicht abgeschickt habe. Die Auflösung bestätigt mich darin 😉

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    • Aber wie bei der Wurst, auch hier gilt-zum Glück- immer mehr Leute wollen wissen was rein kommt

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  • Kloppo hat es gegenüber einem Journalisten in der PK mal auf den Punkt gebracht als er noch in Dortmund war, der Klassiker.

    „Du bist wirklich der Meister der unsinnigen Statistiken, du hast herausgefunden, daß wir in den letzten 5 Jahren im DFB Pokal zweimal gegen Mannschaften mit „o“ verloren haben.“

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  • Nicht unterschätzt werden sollte die Fraktion derjenigen denen völlig Wurst ist, was in die Wurst kommt. Solange am Ende, wenn man sie aufschneidet, was vernünftiges rauskommt, nämlich Punkte.

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  • fehlt noch worschdsubbn mit einem Kommentar zur vergleichenden Qualitätsanalyse von worschd und Zweikampf

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  • Behrens ist nicht in guter Verfassung und gehört im moment nicht zu den Spielern die Nürnberger weiterbringen,es fehlt der Biss und als Kapitän bis du mehr den je gefragt,grad beim Club . Oder es kommt bald die dritte Liga,da ist nürnberg gut aufgehoben
    Sorry Behrens🙋‍♂️👎👎👎

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  • Vertraue keiner Statistik die du nicht selbst gefälscht hast.
    Manchmal ist es einfach besser sich das Spiel anzusehen und sich selbst ein Bild der Mannschaftsstärke zu machen.
    Ich kann mich noch an ein Spiel der Spanier damals erinnern, die einen sehr hohen Ballbesitzwert hatten und trotzdem kein Tor geschossen hatten. Das ist auch der Grund warum Wettanbieter manchmal eben doch eine Wette verlieren, weil auch die schönsten Statistiken nichts genutzt haben.

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