Statistische Gründe für die Krise – Eine Annäherung

Kann man mit statistischen Methoden – jenseits von Toren und Punkten – messen, warum der FCN so schlecht dasteht? – Wir versuchen es mit Notizen aus den Daten festzustellen

1. Defensivzweikämpfe

Das Problem ist nicht die reine Zweikampfquote im Duell um den Ball. Die Clubverteidiger gewinnen 61,7% der Duelle, wenn sie einem Angreifer den Ball abnehmen wollen. Das ist die drittbeste Quote der Liga. Das Klischee vom „den Kampf nicht annehmen“ lässt sich also statistisch nicht belegen, selbst wenn es immer wieder bemüht wird. Ein Problem lässt sich bei den Defensivduellen dennoch feststellen. Es ist die schiere Zahl der Defensivzweikämpfe. Nur Regensburg führt in der zweiten Liga noch mehr Duelle pro 90 Minuten (69,4) zur Rückeroberung des Balles als der FCN (66,5).

Wenn man so oft in ein Defensivduell muss, hilft die drittbeste Quote nichts, weil man nicht jedes Duell gewinnen kann, schließlich ist Fußball ein Sport der absoluten Zahlen. Übertrieben gesagt: Auch 90% gewonnene Zweikämpfe helfen nichts, wenn die anderen 10% zu großen Chancen und Gegentoren führen. Für den FCN heißt das: Nur Regensburg (953), Wehen (816) und Fürth (804) haben in absoluten Zahlen öfter ein Duell gegen einen ballführenden Spieler verloren als der Club (787).

2. Chancenqualität der Gegner

Wer nicht aufs Tor schießt, der kann keine Tore schießen. Klingt nach Binsenweisheit, zeigt sich auch in den statistischen Erhebungen. Unter den vier Mannschaften, welche die wenigsten Schüsse zulassen, sind Arminia Bielefeld (9,7 Schüsse/90 Minuten), der HSV (10,17) und der VfB Stuttgart (10,29), also die ersten drei der Tabelle. Mitten in diese Reihe platzt aber der FCN (9,81). Das klingt eigentlich gut. Wie kann es also sein, dass der Club, obwohl er die zweitwenigsten Schüsse in der Liga zulässt, die meisten Gegentore kassiert?

Ein Blick auf die expected Goals kann helfen, denn obwohl der FCN wenig Schüsse zulässt, hat ein durchschnittlicher Schuss aufs Tor des FCN einen expected Goals Wert von 0,127. Das ist der höchste Wert in der gesamten zweiten Liga. Letztlich ist das nur eine statistische Aufarbeitung dessen, was den FCN seit der Coronapause auch sichtbar plagt: Er lässt nicht viele Chancen zu, aber die Chancen die er zulässt, sind gute bis sehr gute Chancen. So hatte man bei St. Pauli die Doppelchance durch Sobota und Benatelli, sowie das Tor Gyökeres zu verzeichnen; gegen Aue neben dem Tor noch die Chance von Krüger und in Regensburg v.a. die Tore von Albers und Stolze. Einzig gegen Bochum kam der Gegner nicht zu höchstkarätigen Chancen.

3. Steckpässe

Der Club versucht nach dem VfB Stuttgart die meisten „Steckpässe“, also Pässe, die auf die Schnittstelle der Abwehr gehen. Etwas mehr als achtmal pro Spiel spielen die Spieler des FCN im Schnitt solche Bälle. Das Problem: Kein Team hat eine schlechtere Genauigkeit in diesen Pässen. Die 28,6 Prozent Passgenauigkeit sind deutlich der schlechteste Wert und ganz weit weg von den 39,7 Prozent, die der HSV erzielt, oder den 37,4 Prozent von Arminia Bielefeld.

Das Problem an den missglückten Steckpässen ist nicht nur, dass der Club bei jedem dieser Fehlpässe den Ball verliert. Er verliert ihn damit auch fast immer in aussichtsreichen Positionen und in Angriffsphasen, also dann, wenn man Druck auf den Gegner aufbauen könnte.

4. Fernschüsse

Fernschüsse sind spektakulär. Fernschusstore sieht jeder gern. Fernschüsse sind aber weitgehend nutzlos. Wenn sie nicht ins Tor gehen, sind Fernschüsse nämlich oft Ballverluste in Zonen des Spielfelds, in denen man Gefahr in Richtung Tor bringt.

Statt den Ball näher ans Tor zu bringen und so zu einem gefährlichen Abschluss zu bringen, wird draufgedroschen. Natürlich ist nicht jeder Fernschuss ein Ballverlust, einige Versuche resultieren in Ecken oder landen nach einem Block der Verteidigung wieder beim eigenen Mann. Dennoch sind Fernschüsse selten ein probates Mittel.

Langfristige statistische Erhebungen sprechen von ungefähr vier Prozent der Fernschüsse, die ihren Weg ins Tor finden. Der FCN steht in dieser Saison bei 3,9 Prozent. Also anders gesagt: In 96 von 100 Fällen geht der Fernschuss beim FCN nicht ins Tor. Der Ligaschnitt liegt sogar noch einen Prozentpunkt höher bei 97 Prozent.

Das Problem für den 1. FC Nürnberg: Nur Erzgebirge Aue (49,2 Prozent) schießt anteilig noch häufiger als der FCN (48,3 Prozent) aus der Ferne aufs Tor. Fast jeder zweite Schuss des Clubs aufs Tor ist ein Schuss von außerhalb des Strafraums. Besonders hervor tut sich dabei übrigens Johannes Geis. Der hat in der gesamten Saison nur zweimal von innerhalb des Strafraums aufs Tor geschossen: Bei seinen beiden Elfmetertoren. Der Mittelwert der Liga in Sachen Fernschüssen liegt bei 41,8 Prozent, von den drei Spitzenteams kommt sogar keines über 40 Prozent.

So erklärt sich dann auch, dass der FCN den mit Abstand schlechtesten Wert in der Kategorie expected Goals pro Schuss hat. Jeder eigene Abschluss hat im Mittelwert einen expected Goals Wert von 0,09. In dieser Kategorie liegen einmal mehr die drei Spitzenteams unter den ersten fünf und alle liegen über 0,12. Das heißt, dass ein Schuss von Bielefeld, Hamburg oder Stuttgart ins Tor geht, ist allein von der Chancenqualität her um ein Drittel wahrscheinlich als beim FCN. Auch ein Grund, warum nur Sandhausen und Dresden häufiger aufs Tor schießen bis ein Tor fällt und warum nur vier Mannschaften weniger Tore erzielt haben als der FCN.

Fazit

Insgesamt liegt das Problem – trotz der vielen Gegentore – vor allem in der Offensive: Denn nicht nur die Pässe in Tornähe sind ungenau, man schließt auch den Angriff zu oft ungenau ab, indem man einfach mal aufs Tor schießt. Beides spricht nicht zuletzt für fehlende Geduld.

Selbstverständlich sind die Faktoren für den Misserfolg vielschichtiger als die reinen Zahlen. Personalauswahl, Psychologie und Spieldynamiken spielen ebenso eine Rolle wie zahlreiche andere Faktoren. Dennoch lässt sich anhand der Zahlen relativ gut ablesen, wo einige der problematischen Faktoren liegen.

*Die Daten bilden die Basis eines Artikels, den der Autor zusammen mit Fadi Keblawi für die Nürnberger Nachrichten geschrieben hat und der heute auf Seite 21 des Blatts unter dem Titel „Nur Geduld?“ erschienen ist. Online ist der Artikel hier zu finden. Alle Daten stammen von Wyscout. Benutzung der Daten von Wyscout unter der Journalistenlizenz des Anbieters. Bei den Zweikampfquoten von Wyscout ergibt sich nicht zwangsläufig 100%, da der Anbieter manche Duelle als „unentschieden“ wertet, bspw. wenn ein Duell gewonnen wird, der Ball aber im Zuge des gewonnenen Duells ins Aus oder zurück zum Gegner geht. Unter „expected goals“ sind die Tore, die statistisch auf Grund der abgegebenen Schüsse zu erwarten gewesen wären, zu verstehen. Die Grafiken sind selbst erstellt auf Basis jener Daten.

12 Gedanken zu „Statistische Gründe für die Krise – Eine Annäherung

  • Die mit Abstand verheerendste aller Statistiken dieser Saison ist die Anzahl der Stürmertore. Frey (4), Zrelak (0) und Ishak (1) kommen zusammen (!) auf gerade einmal 5 mickrige Tore, ein absolut unterirdischer Wert. Allein Sörensen hat mit 4 Treffern fast genauso viele Tore erzielt. Dass zuletzt ein Ishak, trotz fehlender Spielpraxis und feststehendem Abgang, nach einem einzigen Tor (!) zum Hoffnungsträger hochsteriliert wurde, verdeutlicht nochmal eindrucksvoll, welch ein riesiges Problem im Angriff besteht. Und wenn kein Wunder geschieht könnte uns genau das am Ende auch das Genick brechen, denn Wehen Wiesbaden hat diese Problematik dank Schäffler (18 Tore) genauso wenig wie der KSC mit Hofmann (13 Tore).

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    • Ergänzung:
      Der Kommentar war vielleicht etwas zu salty geschrieben, aber mich würde mal deine Meinung @Florian Zenger dazu interessieren. Liegt es an den fehlenden Zuspielen? Muss man die Flügel mehr in die Kritik miteinbeziehen? Oder sind es wirklich die fehlenden Torjägerqualitäten?

      Viele Grüße, Freddy

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      • Ich glaub, dass man den Stürmern gar nicht so viel Vorwürfe machen kann, jenseits dessen, dass sie nicht in gute Abschlusssituationen kommen und zu wenig Schüsse aufs Tor bringen (siehe mein Kommentar unterm Schleimer-Artikel). Ich hab mal versucht das zu visualisieren. Die x-Achse zeigt „Key Passes“, also Pässe, die zu Abschlüssen führen und die y-Achse „Deep Completions“, also Pässe oder Flanken, die innerhalb eines Radius von 20 Meter zum Tor ankommen. Beides ist auf pro 90 Minuten umgerechnet und alle Spieler in der Grafik haben mindestens 1000 Minuten zweite Liga gespielt. Da sieht man dann, dass fast alle Teams zumindest einen oder zwei Spieler haben, die in der einen oder anderen Kategorie herausragen, während beim Club in Sachen Key Passes Tim Handwerker mit 0,53/90 (also letztlich einem Pass zum Abschluss in jedem zweiten Spiel) und in Sachen Deep Completions Enrico Valentini mit 2,14/90 schon am besten da steht. Es kommen einfach zu wenige Pässe in Gefahrenzonen an, was dann auch dazu führt, dass man eben bei den expected Goals pro Schuss (siehe Artikel) so schlecht abschneidet.

        Grafik zu Key Passes und Deep Completions

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    • Naja, das ist vielleicht doch zu einfach. Wir haben gerade mal ein einziges Törchen weniger erzielt als Heidenheim, dafür aber satte 20 Gegentore mehr hinnehmen müssen!

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      • Auch Heidenheim hat mit Kleindienst einen Stürmer, der schon zweistellig getroffen hat.

        Klar erklärt die Sturmflaute nicht alles und es stehen auch noch andere Spieler auf dem Platz die (zum Glück) Tore schießen können. Trotzdem würde uns etwas mehr Torgefahr im Sturm sicherlich gut tun.

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  • Ach darum kommt mir das bekannt vor: Du hast die Statistik vorher schon an die NN verkauft 😉

    Ich hatte gar nicht gesehen, dass Du dort sogar als Co-Autor gelistet warst 😀

    Klingt alles plausibel. Ich habe mich schon immer gewundert, warum ausgerechnet bei uns fast jeder Gegenangriff ein potentielles oder tatsächliches Tor ist, wir selbst aber kaum Gefahr erzeugen.

    Das ist ja eigentlich auch das, was ich selbst empfinde: wir haben keinen, der Offensivaktionen inszenieren kann. Keinen 10er und auch keinen kreativen 8er. Deshalb haben wir tatsächlich ein Behrens-Problem.

    Gewundert hat mich allerdings, wie wenig erfolgversprechend Fernschüsse sind. Man ist versucht, bei jeder halbwegs aussichtsreichen Schussposition zu brüllen „Schieß doch endlich!“ Dagegen spricht, wieviele Sonntagsschüsse bei uns schon eingeschlagen haben. Liegt (lag) das vielleicht an der mangelnden Präsenz auf der 6?

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    • Im Print war’s ersichtlicher, online verschwindet das irgendwo unten zwischen Werbung und Kommentaren, wer der Autor ist, erst recht, wenn man kein Autorenfoto hat. 😀

      Das mit den Fernschussgegentoren ist ganz interessant, ich hab jetzt mal schnell die Berichte ausgewertet (die Datenbank bei Wyscout hat leider nur bei eigenen Schüssen die Funktion, dass man sehen kann, von wo die waren).

      Mehr als die Hälfte der Weitschussgegentore waren gleich zu Beginn der Saison: Drei gegen den HSV, je eines gegen Sandhausen und Heidenheim. Seitdem ist eigentlich nur ein klassisches Weitschusstor (Darmstadt) dazu gekommen. Das 2:0 von Wehen war ein Lupfer aus 30 Metern. (Bielefelds 4:1 von Klos in Nürnberg ist auf der Kante zum Strafraum, aber der schließt halt auch nur einfach früh das Eins-gegen-Eins mit Willert ab.) Schüsse von außerhalb des Sechzehners waren es 122 gegen den FCN, nimmt man jetzt mal die 7 Gegentore als Marke, dann kommt man auf 5,7% der Fernschüsse, die reingehen. Das ist immer noch mehr als normal, aber gar nicht so verheerend.

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      • Ja, das stimmt, jetzt ist es in dieser Hinsicht besser geworden. Das Unterstreicht aber auch meine Wahrnehmung, denn zu Anfang der Saison hatten wir v.a. auf der 6 Probleme, bevor der agile Nürnberger hier für mehr Präsenz sorgte. Die meisten Weitschusstore entstanden, weil wir vor dem Strafraum zu viel Platz angeboten hatten.

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  • Das Geis Fernschüsse produziert ist jetzt erstmal nicht so überraschend-wurde er nicht dafür geholt?
    Der Club probt den Steckpassß-war das nicht mal das Ziel nach Canadi-vertikales Spiel in die Spitze(Mitte).
    Wenn das statistisch so auffällig ist, was hat sich durch die Trainerwechsel in der Spielanlage geändert?Die Spielanlage hat ja bereits zu Beginn der Saison nicht funktioniert.
    Eigentlich müsste Frey so etwas spielen wie Anderson bei Union-langer Ball,gewinnen des Kopfballspiels, Ablage auf nachrückenden Mitspieler, Ball geht nach außen, Anderson ist bereits wieder anspielbar in der Mitte.Binded damit zwei Gegenspieler, macht Platz für Schüsse ab Strafraumkante.
    Ist aber wahrscheinlich zu einfach als System für den Club-man hätte allerdings mal Verwendung für die ganzen Außen.

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  • Das passt hervorragend zu meiner Wahrnehmung der letzten Spiele (zumindest die, die ich gesehen habe). Und doch ist es ja eine Fortführung einer Problematik, die sich gefühlt ja schon seit Jahren immer weiter fortsetzt. Ich jedenfalls kann mich schon seit „Zwetschge“ Misimovic an keinen wirklichen Kreativspieler mehr erinnern. Unser „Pfund“ waren immer Standards (diese verpuffen mit zunehmender Saisondauer auch immer mehr) oder die Wucht in den Angriffen, gerade zu Zeiten eines Rene Weiler…

    Die Frage ist ja aber doch, haben wir denn in unserem Kader, ob bei den Profis oder bei der U21, überhaupt einen solchen Spielertypus, der in der Offensive kreativ werden kann? In Ansätzen habe ich das in der Saisonvorbereitung in Bayreuth von Simon Rhein gesehen, der in der ersten Halbzeit eine Art 10er gespielt hat. Aber sonst fehlt mir ein wenig die Idee, wer diese Position ausfüllen könnte…

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  • Meiner Meinung nach belegt die Statistik, was man ohnehin Spiel für Spiel sehen kann. Wir müssen zu viele Defensiv-Zweikämpfe führen, weil das Mittelfeld nicht ausreichend nach hinten arbeitet. Die Stürmer bekommen kaum brauchbare Zuspiele, Laufwege stimmen nicht, alles ballt sich im Zentrum usw., usw. Die „Mannschaft“ besteht also im Grunde aus einzelnen Mannschaftsteilen die für sich und vor sich hin wurschteln, teilweise sogar aus Einzelspielern die nicht mal in ihrem Mannschaftsteil eingebunden sind. Dazu dann noch fehlende Motivation, schlimme individuelle Fehler, zwei Trainer die keinerlei Ideen und Lösungsansätze haben/hatten (es auch nicht mal versuchen und einfach laufen lassen), kein Feuer entfachen konnten/können. So wird man eben zum Abstiegskandidat in Liga zwei. Wir brauchen extrem viel Glück um in der Liga zu bleiben.

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  • Kleine Info:
    Im Gegensatz zu früher hat in der Relegation jetzt auch der 16. der 2. Liga
    im Hinspiel der Relegation gegen den dritten der 3. Liga im Hinspiel Heimrecht.

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