Die 17 Anderen – Folge 5: SV Darmstadt 98

Im Zuge der Saisonvorbereitung der Konkurrenz blicken wir in loser Folge darauf, wie sich der Kader bei den Gegnern strukturiert und was letzte Saison auffällig war. Im fünften Teil geht es um den Verein, bei dem Trainer wie Ex-Trainer zu einem Zeitpunkt als Favorit auf den Trainerposten beim FCN galten.

1. Steckbrief

TrainerMarkus Anfang (seit 01.07.2020)
AbgängeYannick Stark (Dynamo Dresden), Carl Leonhard (1. FC Kaiserslautern II), Dario Dumic (FC Utrecht, Leihende), Niklas Müller (Rot-Weiß Koblenz, Leihe), Sebastian Hertner (VfB Lübeck), Ognjen Ozegovic (Adanaspor), Igor Berezovskyi, Marcel Heller (beide Vertragsende)
ZugängeLars Lukas Mai (FC Bayern München, Leihe), Alexander Vogler, Henry Crosthwaite (eigene U19), Aaron Seydel (FSV Mainz 05), Adrian Stanilewicz (Bayer Leverkusen), Silas Zehnder (Viktoria Aschaffenburg, Leihende)
Platzierung 2019/20Zweite Bundesliga, Platz 5 (52 Punkte, 48:43 Tore)
Bilanz gegen FCN seit 196310-10-13; 59:53 Tore
Ex-Cluberer?Tobias Kempe (2016/17)
Ex-Lilien?Christian Mathenia (2014-16), Törles Knöll (Jugend, 2006-2010), Hanno Behrens (2012-2015) waren alle Spieler in Darmstadt, Kaderplaner Florian Meier war Chefscout bei den Lilien (2016-2019), Co-Trainer Frank Steinmetz von 2012 bis 2016 Fitnesstrainer am Böllenfalltor und von Dezember 2017 bis Februar 2019 Co-Trainer.

2. Datenlage 2019/20

Der Auftrag von Dimitrios Grammozis, der die letzten eineinhalb Jahre Cheftrainer bei den Lilien war und sie zum Saisonende verließ, bestand darin, der Mannschaft den als eindimensional verschrienen „Schuster-Ball“ seines Vorgängers auszutreiben. Der hatte vor allem aus langen Bällen und viel Laufarbeit bestanden. Das gelang insofern, da die Mannschaft in der vergangenen Spielzeit deutlich seltener den langen Pass als Stilmittel wählte und insgesamt seltener den Weg steil in die Tiefe suchte. Der Erfolg der Lilien 2019/20 erklärte sich aber aus der konzentrierten Abwehrarbeit. Nur Heidenheim, Stuttgart und Bielefeld kassierten weniger Tore als Darmstadt. Das lag vor allem daran, dass keine Mannschaft den Gegner durch konzentriertes Schieben und Verteidigen so weit vom Tor weghielt. 19,34 Meter war die durchschnittliche Entfernung eines Abschlusses gegen Darmstadt, Bestwert der Liga.

Hätten die Darmstädter nicht eine eklatante Schwäche bei gegnerischen Standards vorzuweisen gehabt – niemand sonst kassierte mehr als ein Viertel seiner Gegentore aus Ecken, Freistößen oder Einwürfen – womöglich wäre am Ende sogar der Relegationsrang möglich gewesen. Alternativ hätte man am Böllenfalltor auch offensiv noch weiter zulegen können. Denn so gut Darmstadt auch verteidigte, in der Offensive gab es Verbesserungsbedarf. So waren in Sachen Qualität der eigenen Chancen nur Nürnberg, Fürth und Dresden schlechter. Auch bei angekommenen Pässen in Tornähe (Platz 17), Ballberührungen im gegnerischen Strafraum, Pässe für Raumgewinn und Steckpässe (jeweils Platz 12) schnitt Darmstadt deutlich schlechter ab als es die Platzierungen hätten vermuten lassen können. Gleiches gilt auch für die durchschnittliche Ballbesitzzeit (13 Sekunden), die fast ein Drittel geringer war als bei den statistischen Spitzenteams aus Stuttgart, Hamburg und Bielefeld, die alle auch deutlich mehr auf Ballbesitzfußball setzten.

 Darmstadt 2019/20
Tore/expected Goals48/46,6
Gegentore/expected Goals against43/49,5
Schüsse pro 90/xG pro Schuss12,22/0,106
geg. Schüsse pro 90/xG pro geg. Schuss12,66/0,109
Ballbesitz/Dauer durchschn. Ballbesitzphase46,9%/13,0 s
PPDA/Chal. Intensity12,89/5,3
Zweikampfquoten Off./Def./Luft/fr. Ball40%/59%/51%/44%

3. Kader 2020/21

Darmstadt ist in einer komfortablen Ausgangssituation was die Abgänge angeht. Mit Innenverteidiger Dario Dumic, der nach seiner Leihe zum FC Utrecht zurückkehrt, hat nur ein die gesamten 34 Spieltage lang unumstrittener Stammspieler (3331 Einsatzminuten) den Verein verlassen. Hinzu kommen mit den Abgängen von defensivem Mittelfeldspieler Yannick Stark (Dresden) und Außenstürmer Marcel Heller, lediglich zwei weitere Spieler mit höheren Einsatzzeiten 2019/20, welche die Hessen verlassen. Im Abwehrzentrum hat man mit der Verlängerung der Leihe Nicolai Rapp von Union Berlin und der neuen Leihe von Lars Lukas Mai von Drittligameister Bayern München II auf den Abgang von Dumic reagiert. Im defensiven Mittelfeld kommt mit Adrian Stanilewicz von Bayer Leverkusen ein talentierter junger Spieler. Beim Blick auf die Altersstruktur des Kaders sticht ins Auge, dass zum einen die Zahl derer, die mindestens 1000 Einsatzminuten in der letzten Saison hatten, relativ hoch und darunter jeweils sechs „junge“ Spieler (24 oder jünger) und sechs Spieler „im besten Alter“ (25 bis 29). Dabei kommen die Spieler im „Peak Age“ auf mehr Minuten im Schnitt. In Gänze sieht man einen in der Altersstruktur relativ ausgeglichenen Kader, bei dem die Verantwortlichen allerdings angesichts dessen, dass derzeit bei elf festen Verträgen das Vertragsende auf 2021 terminiert ist, auch unter gewissem Zugzwang stehen.

Trainer Markus Anfang ist bis jetzt der bedeutendste Neuzugang für die Lilien. Wie sein Vorgänger Grammozis nun im Sommer, war er im vergangenen Herbst in Nürnberg Kandidat auf den Trainerposten, beide wurden es nicht. Anfang scheint beim Blick auf die Art von Fußball, die er bislang spielen hat lassen, eine konsequente Wahl für eine Mannschaft die defensiv gut, aber offensiv ausbaufähig aufgestellt ist: Blickt man nämlich auf Anfangs Zweitligakarriere so steht zwar eine Siegquote von fast 50% – 32 Siege in 65 Spielen – zu Buche, aber auch ein Gegentorschnitt von 1,3 bei einem Schnitt von fast 2,3 eigenen Toren pro Spiel. Anfang steht also vor allem für Spektakel, gerade wenn er mit einer funktionierenden Defensive arbeiten kann, könnte es wirklich funktionieren. Er lässt zwar explosiven schnellen Tempofußball spielen, vergisst aber darüber nicht den Ballbesitz. So hatte Kiel den vierthöchsten und Köln den zweithöchsten Ballbesitz der Zweiten Liga. Gleichzeitig hatte Kiel 2017/18 die meisten „deep completions“, also Zuspiele, die innerhalb eines Radius von 20 Metern um das Tor ankommen und Köln die drittmeisten. In Kiel und zu Beginn in Köln setzte Anfang in Sachen Formation auf ein 4-1-4-1. Als Anfang in Köln merkte, dass ihm die Spieler gerade im Sechserraum für ein 4-1-4-1 fehlten, etwas das derzeit auch für Darmstadt noch gilt, reagierte er mit einer Umstellung auf 3-5-2, die zunächst auch fruchtete, gegen Ende der Hinrunde aber schon wieder Probleme mit sich brachte.

Hinweis: Die Grafiken werden über den Sommer bei personellen Veränderungen aktualisiert. Der Artikel erst mit Saisonstart

Ein Gedanke zu „Die 17 Anderen – Folge 5: SV Darmstadt 98

  • Der Kader ist weitgehend eingespielt, Anfang dürfte auf Grammozis System aufbauen und der kopfballstarke Mai die Defensiv-Schwäche bei Standards verringern. Klingt nach einem heissen Anwärter auf Platz 3, mindestens.

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