Die 17 Anderen – Folge 16: Würzburger Kickers

Im Zuge der Saisonvorbereitung der Konkurrenz blicken wir in loser Folge darauf, wie sich der Kader bei den Gegnern strukturiert und was letzte Saison auffällig war. Im vorletzten Teil geht es um den Aufsteiger aus Würzburg.

1. Steckbrief

TrainerMichael Schiele (seit 03.10.2017)
AbgängeVincent Müller (PSV Eindhoven), Maximilian Breunig (Admira Wacker, Leihe), Leon Bätge (VSG Altglienicke), Johannes Kraus (FC Homburg), Dominik Widemann (SG Sonnenhof Großaspach), Niklas Zulciak (FC Concordia Buckow/Waldsieversdorf), Nico Stephan (1.FC Geesdorf), Yassin Ibrahim (SV Rödinghausen), Fabio Kaufmann (Eintracht Braunschweig), Kevin Frisorger (FK Pirmasens), Dave Gnaase (KFC Uerdingen), Sebastian Schuppan (Karriereende), Albion Vrenezi (Jahn Regensburg, Leihende), Simon Rhein (1.FC Nürnberg, Leihende), Jonas David (Hamburger SV, Leihende)
ZugängeNzuzi Toko (IFK Göteborg), Fabian Giefer (FC Augsburg), Tobias Kraulich (1.FC Nürnberg II), Arne Feick (1.FC Heidenheim), Robert Herrmann (Erzgebirge Aue, war bereits ausgelihen), Keanu Staude (Arminia Bielefeld), Florian Flecker (Union Berlin), Patrick Sontheimer (SpVgg Greuther Fürth, war bereits ausgeliehen), David Kopacz (VfB Stuttgart), Umut Ünlü (eigene U19), Douglas (vereinslos), Nico Purtscher (TSV Aubstadt, Leihende), Lion Schweers (SV Elversberg, Leihende)
Platzierung 2019/20Dritte Liga, Platz 2 (64Punkte, 71:60Tore)
Bilanz gegen FCN seit 19631-2-1; 7:7 Tore
Ex-Cluberer?Tobias Kraulich (FCN II, 2018-2020), Dominic Baumann (2015-2017), Dominik Meisel (2014-2016, NLZ), Felix Magath, Global Sports Director von Flyeralarm Global Soccer, der Gruppe, der Würzburg angehört, war 1997/98 Trainer des FCN
Ex-Kickers?Simon Rhein war 2019/20 an die Kickers ausgeliehen

2. Datenlage 2019/20

Tore verhindern stand nicht ganz oben auf der Prioritätenliste der Würzburger Kickers im Aufstiegsjahr. Nur sechs Teams, darunter die Absteiger aus Großaspach, Jena und Münster, kassierten mehr Treffer als die Unterfranken. 23 der Gegentore fielen dabei sogar in der Schlussviertelstunde, nur Jena (25) fing sich noch mehr Gegentore in der Schlussphase. Ein Problem war dabei, dass die Chancenqualität der Abschlüsse der Gegner mit 0,128 xG die zweithöchste der Liga war. Ebenfalls problematisch war, dass Würzburg gemessen am Ballbesitz relativ wenig Bälle abfangen konnte, d.h. die Gegner im Passspiel relativ weit in Richtung Kickerstor spielen konnten. Einen Teil der Schwäche glichen die Kickers dadurch aus, dass sie beste Quote an gewonnenen Zweikämpfen gegen den Ball hatten. Daher war zwar die Chancenqualität der Gegner dann auch gut, die Anzahl der Abschlüsse aber nicht besonders hoch. Dennoch wären die Kickers nach expected Points nur auf Rang 9 gelandet – hinter Meppen, Bayern II, Ingolstadt, 1860 München, Magdeburg, Duisburg, Rostock und Kaiserslautern, aber dennoch vor Mitaufsteiger Braunschweig.

Damit deutet sich schon an, dass Würzburg und auch Braunschweig die expected Goals deutlich übertroffen haben. Dennoch muss die Offensive als Grund dafür gelten, dass Würzburg trotz der Schwächen in der Defensive aufsteigen konnte. So erzielte nur Meister Bayern München II mehr Tore als die Kickers, niemand schoss öfter aufs Tor, in Sachen Ballberührungen und Dribblings pro Spiel landeten die Kickers auf Rang drei, bei den Pässen zu Torabschlüssen auf Rang zwei. Ein auffälliges Mittel der Angriffe der Kicker war das Flankenspiel: Nur Halle und Zwickau schlugen mehr Flanken, nur Halle und Braunschweig erzielten mehr Kopfballtreffer. Angreifer Luca Pfeifer zählte mit fünf Kopfballtoren zu den Kopfballungeheuern der Liga. Auffällig auch die Art der Angriffe, die sich hinter manchen Zahlen versteckt. Mit 12,6 Pässen pro Minute Ballbesitz hielten nur drei Teams (darunter Mitaufsteiger Braunschweig) den Ball kürzer in den eigenen Reihen, nur Ingolstadt und Rostock eroberten mehr Bälle im gegnerischen Verteidigungsdrittel. Würzburg eroberte also den Ball oft nah am Tor und musste dann den Ball gar nicht mehr lang in den eigenen Reihen halten, kam aber dennoch zu vielen Abschlüssen.

 Würzburg 2019/20
Tore/expected Goals71/59,4
Gegentore/expected Goals against60/55,9
Schüsse pro 90/xG pro Schuss13,43/0,110
geg. Schüsse pro 90/xG pro geg. Schuss10,87/0,128
Ballbesitz/Dauer durchschn. Ballbesitzphase49,2%/12,5 s
PPDA/Chal. Intensity9,79/6,0
Zweikampfquoten Off./Def./Luft/fr. Ball43%/63%/45%/43%

3. Kader 2020/21

Trotz Aufstieg haben die Kickers einige wichtige Abgänge zu verzeichnen gehabt: Kapitän Sebastian Schuppan, dessen später Elfmeter gegen Halle Würzburg in die Zweite Liga schoss, beendete mit 34 Jahren seine Karriere. Der Vertrag von Mittelfeldspieler Dave Gnaase lief aus, die Leihspieler Albion Vrenezi (Regensburg) und Simon Rhein (Nürnberg) kehrten zu ihren Vereinen zurück, Angreifer Fabio Kaufmann – mit 26 Torbeteiligungen (14 Tore, 12 Assists) Würzburgs Topscorer – schloss sich Mitaufsteiger Eintracht Braunschweig an. Die Spieler, welche die Abgänge ersetzen sollen, fallen dagegen weitgehend in die Kategorie „kreative Lösung“. Für die Innenverteidigung wurde Douglas Teixeira verpflichtet. Der gebürtige Brasilianer, der inzwischen die holländische Staatsbürgerschaft angenommen hat, war in den vergangenen zwei Spielzeiten ohne Verein, hatte aber vorher Champions League Spiele mit dem FC Twente bestritten, ehe er bei Sporting in Portugal nach Absitzen einer Dopingsperre nach Einnahme eines Gewichtsreduktionsmittels außen vor war. Als Ergänzung wurde hier auch Tobias Kraulich von der U21 des FCN verpflichtet. Links offensiv soll Keanu Staude, der bei Aufsteiger Arminia Bielefeld kaum zum Zuge kam, Vrenezi ersetzen, auf rechts kommt auf Florian Flecker, der bei Union Berlin 2019/20 gänzlich ohne Einsatz blieb, die Aufgabe zu Fabio Kaufmanns Erbe anzutreten. Fürs zentrale Mittelfeld verpflichteten die Kickers David Kopacz vom VfB Stuttgart. Der 21-jährige gebürtiger Iserlohner war in der Saison 2019/20 an Gornik Zabrze in der ersten polnischen Liga ausgeliehen gewesen.

Gerade im defensiven Mittelfeld schien kurz vor Saisonstart noch Handlungsbedarf zu bestehen. Dort war nur Niklas Hoffmann, der im Januar vom FC St. Pauli II kam, als gelernter Sechser zu finden, im Pokal gegen Hannover agierte Tobias Kraulich auf der Sechs. Auch wenn das von Michael Schiele favorisierte 4-4-2 keine klaren „Sechser“, sondern eher „Achter“ bevorzugt, benötigten die Kickers noch einen defensivstarken Mittelfeldspieler. Am Mittwoch verpflichteten die Rothosen deshalb Nzuzi Toko, der bislang in Göteborg gespielt hatte. Der 29-Jährige Schweizer war in den vergangenen Spielzeiten zwar meist als Außenverteidiger zum Einsatz gekommen, spielte davor aber oft auf der Sechs, so auch in der Schweizer Super League. In Sachen Altersstruktur ist auffällig, dass viele junge Spieler hohe Einsatzzeiten in der vergangenen Saison hatten, gleich sechs Spieler, die 24 Jahre oder jünger waren, kamen auf mehr als 2000 Einsatzminuten – neben den in der Grafik zu findenden Sontheimer, Pfeiffer, Ronstadt und Hemmerich auch Vincent Müller, der nach dem verlorenen Torwartduell mit Fabian Giefer zum PSV Eindhoven wechselte und Simon Rhein; Dave Gnaase (23) und Leroy Kwadwo (24) lagen knapp unter den angesprochenen 2000 Minuten. Auf der anderen Seite hat Würzburg mit den Verpflichtungen von Douglas (32), Feick (32) und Giefer (30) auch einige erfahrene Spieler hinzugeholt. Die hatten zwar in der vergangenen Saison kaum oder keine Einsatzzeiten, aber können auf einen reichen Erfahrungsschatz zurückgreifen. Dennoch gibt es gerade hinsichtlich der Zweitligaerfahrung Fragezeichen bei den Unterfranken. Von den insgesamt nur 430 Zweitligaspielen, die der Kader bestritten hat, entfallen 248 auf Arne Feick und 83 auf Keanu Staude. Fünfzehn Spieler sind gänzlich ohne Zweitligaspiele, von denen nur einige wenige – Kopacz, Douglas, Flecker, Nikolov – stattdessen Erstligaerfahrung aufweisen.

Hinweis: Die Grafiken werden über den Sommer bei personellen Veränderungen aktualisiert. Der Artikel erst mit Saisonstart

4 Gedanken zu „Die 17 Anderen – Folge 16: Würzburger Kickers

  • Nahezu alles deutet hier auf Wundertüte hin 😉

    Ich denke trotzdem, dass man sie zu den Kandidaten im Abstiegskampf zählen muss.

    3

    1
    Antwort
  • Auch wenn man die Kickers respektive Flyeralarm nicht mag – der Aufstieg war, zugegeben, eine starke Leistung. Während die Liga noch stritt, ob man den Spielbetrieb ohne Zuschauer fortsetzen soll, legten die Kickers klar den Fokus auf einen Wiederbeginn – und hatten ein Ziel und arbeiteten akribisch daran.

    Vater des Erfolges war, was man so liest und hört, Trainer Michael Schiele. Wie @Florian analysiert, war Topscorer Fabio Kaufmann ein absoluter Leistungsträger. Auch Kapitän Sebastian Schuppan schien ein ganz wichtiger Integrationsfaktor gewesen zu sein. Schuppan äußerte sich mehrmals auch in der Lokalpresse zu wichtigen gesellschaften Themen. Ein guter Typ. Der aus Regensburg ausgeliehene Albion Vrenezi und Simon Rhein waren durchaus Aktivposten. Dass sowohl Kaufmann als auch Schuppan sowie Vrenezi und Rhein nicht mehr dabei sind, macht die Sache für die Rothosen keineswegs einfacher.

    Dass Trainer Schiele laut Medien auch in Hoffenheim als Kandidat gehandelt wurde, darf dieser durchaus als Anerkennung seiner erfolgreichen Arbeit interpretieren. Die „Main-Post“ kommentierte unlängst: „Es dürfte, da gibt es kein Vertun, eine schwierige Saison werden. Auch weil die Trainerpersonalie, wie schon in der vergangenen Spielzeit, eine delikate Geschichte bleibt: Schieles Vertrag läuft zum Saisonende wieder aus. Den vor Magaths Ankunft in Würzburg angedachten Zweijahres-Kontrakt hat der Kickers-Chefcoach trotz des Aufstiegs nicht bekommen.“

    Womit wir bei Felix Magath wären. Magath und Schiele – das scheint nicht zu passen. Oder scheint zumindest nicht nach dem Gusto von Magath zu sein. Startet man schlecht in die Saison, könnte Magath den Trainer schnell anzählen. Dass Kickers-Ikone, Magath-Ziehsohn, Magath-Schafkopfkumpel und Magath-Freund Bernd Hollerbach derzeit vereinslos ist…okay, reine Spekulation, vielleicht aber im Falle des Falles mehr als das.

    Anfangs war Magath natürlich die große Show in Würzburg. Der in Aschaffenburg geborene Unterfranke kehrt zurück in die Heimat und so – Magath wohnt übrigens immer noch in München. Auch dass Magath nicht exklusiv für die Kickers unterwegs ist, sondern als Flyeralarm-Fußballboss fungiert, wurde einigen erst hinterher bewusst. So gastierte Magath laut Medien öfter in Mödling bei der Admira als in Würzburg. Nachdem Magath sich gegen eine Vertragsverlängerung von Schiele sträubte, wurde dies im Umfeld mit Unmut quittiert. Somit bleibt es spannend, inwieweit Magath Flyeralarm Global Soccer, sprich Admira Wacker und Kickers Würzburg, nach vorne bringt – oder ob er eher als Poltergeist agiert.

    18

    1
    Antwort
  • Ach, warum soll man die Underdogs wie Aue und Würzburg nicht mögen.

    Das ist so in etwa unsere Wunschrolle in Liga 1. 🙂

    Wie sieht es mit unseren Wünschen für die Saison aus?

    Meine wären:
    (1) Entwicklung erkennen, auch mal schöne Spiele einer durchweg engagierten Mannschaft sehen.

    (2) Die Nummer 3 in Bayern werden. Das würde im worst case Platz 15 und auf alle Fälle ein Platz vor Fürth bedeuten.

    4

    0
    Antwort
  • Der Trainer Schiele zeichnet sich nicht durch fachliche Flexibilität auf dem Platz aus. wenn man die letzte Saison analysiert. Aufgestiegen sind die Würzburger aufgrund der besseren körperlichen Konstitution gegenüber den anderen Teams nach dem Lockdown. Soziale Kompetenz spreche ich dem Trainer ab. Mit H. Sauer sehe ich das ähnlich.Siehe allein die Torwartposition letzte Saison. Mit diesem Trainer sehe ich Würzburg als Punktelieferant, Kanonenfutter für die Gegner.

    2

    0
    Antwort

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.