Testosteron auf der Toilette

Wolfang Hars‘ Buch NullkommafünfzunullDie wundersamsten Fußballirrtümer und -legenden, erschienen 2008 im Fischer Taschenbuch Verlag, eignet sich vorzüglich als Toilettenlektüre. Kurze, sitzungsdauergetimte Kapitel, die einen kompakten thematischen Impuls setzen, der ohne weite Umwege in ein erkenntnisreiches Wohlgefühl mündet. Da ist alles – man verzeihe den schiefen Vergleich mit einem obstipationsfördernden Genussmittel – quadratisch, praktisch, rund.

Die Kapitelüberschriften präsentieren Thesen, die teils unhinterfragte Narrative des Fußballdiskurses, teils den Leser überraschende Behauptungen darstellen. Über diese Thesen wird das richterliche Urteil stimmt oder stimmt nicht gesprochen, woraufhin das Urteil anhand stichhaltiger Fakten begründet wird. So wird das weit verbreitete Vorurteil, dass im WM-Finale von 1974 Holland die bessere Mannschaft war, als Irrtum entlarvt (S. 64-66), genauso wie die weit verbreitete Meinung, dass Sepp Maier der bislang beste deutsche Nationaltorwart gewesen ist (in der Gegentor-pro-Spiel-Statistik Stand 2004 liegt Andreas Köpke als bester deutscher Nationaltorwart aller Zeiten knapp vor der Katze von Anzing; S. 36). Dass allerdings Deutschland bei einer EM oder WM erst drei Elfmeter verschossen hat, zwei davon Uli Hoeneß, ist – Stand 2008 – wahr (S. 161f.), und wahr ist auch, dass in Italien eine öffentliche Toilette nach einem Schiedsrichter benannt ist (S. 20f.).

Als ich – um zum Thema zu kommen – kürzlich nach dem Frühstück und der Zigarette danach dieses Buch aufschlug, landete ich auf Seite 147, wo es um die These…

 Mannschaften sind so heimstark, weil sie ihr Revier verteidigen

…geht.

Diese These stimmt. Untersuchungen des Evolutionsbiologen Nick Neave von der Universität Newcastle beweisen, dass…

der Heimvorteil nicht nur darin besteht, dass man sich die Kabine aussuchen darf und die Zuschauer den eigenen Namen schreien. Sondern dass es beim Fußball ein wenig wie mit den Frauen ist: Männer haben Besitzansprüche, und die werden auch verteidigt. Das eigene Stadion betrachten sie als ihr Revier, und deshalb gibt’s erst einmal was auf die Mütze, wenn fremde Männchen zu Besuch kommen.

Festgemacht hat Neave das an dem männlichen Sexualhormon Testosteron, das Männer ja bekanntlich besonders aggressiv macht und einen Teil des Heimvorteils ausmacht. „Wie andere Tiere, die ihr heimatliches Revier bewachen und beschützen, sind Fußballspieler energiegeladener, aktiver und selbstsicherer, wenn sie von auswärtigen Gruppen bedroht werden“, erklärt Neave.

Beim Lesen dieser Sätze schoss eine Kolik mit der Wucht eines Vollspannvolleys in mein Gedärm, denn – ganz egal, woran ich grade denke, am Ende denk‘ ich immer nur an dich (klick) – es fiel mir ein, dass der 1. FC Nürnberg in den 34 Heimspielen der letzten beiden Punkterunden lediglich sechsmal als Sieger vom eigenen Revier ging.  

Davon, dass das eigene Stadion die Braut des Fußballers ist, kann bei den Club-Spielern schon lange keine Rede mehr sein. Es ist zu hoffen, dass die Medizinmänner des neunmaligen deutschen Meisters und vierfachen Pokalsiegers das libidinöse Manko erkannt haben und die Heimspielschlaffis für die anstehende Partie gegen den SV Sandhausen testosteronmäßig „auf Stand“ bringen. Dass bei dieser Partie wieder Zuschauer im Stadion sein werden (klick), dieses nach monatelanger pandemiebedingter Besuchersperre also kein stiller Ort mehr ist, sollte unsere Mannschaft…

Die Aufstellung des 1. FC Nürnberg

am 27. 9. 2020

TESTOSTERON (TW)

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TESTOSTERON

Spielbeginn:

13 Uhr 30

…zusätzlich stimulieren, die Seuche des Revierversagens mit einem klaren Heimsieg zu verscheuchen.

4 Gedanken zu „Testosteron auf der Toilette

  • Zitat: „Wie andere Tiere, die ihr heimatliches Revier bewachen und beschützen, sind Fußballspieler energiegeladener, aktiver und selbstsicherer, wenn sie von auswärtigen Gruppen bedroht werden“.

    Es gibt aber mindestens noch einen weiteren „evolutionsbiologischen“ Mechanismus, der als Erklärung herangezogen werden kann und hierbei als Gegenkraft zum Revierinstinkt wirkt: Der Drang zur Eroberung bzw. der Erweiterung des eigenen Territoriums. Manchmal reist nämlich auch das Auswärtsteam mit dicken „Cojones“ an. Hierbei sei u.a. an die aus Sicht des FCN traurige (jüngste) Historie der fränkischen Derbys erinnert.

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  • Ein paar Anmerkungen:

    Schön, dass es endlich mal wieder eine humorvolle Geschichte von dir gibt. Allerdings muss ich ob des wissenschaftlichen Hintergrunds etwas genauer hinschauen und dir deine Pointe vermiesen (sorry!)

    Nick Neave ist kein Evolutionsbiologe, sondern Evolutionspsychologe. Schon im Abstract der zitierten Studie steht klar und deutlich, dass sich keine signifikanten Effekte bezüglich des Testosterons (wohl aber hinsichtlich des Kortisols) ergaben. So einfach ist das mit dem Heimvorteil also nicht. Es sieht eher so aus, als spiele Stress eine entscheinde Rolle. Und vor dem Hintergrund der zahlreichen Mekkeropas auf Nürnbergs Tribünen verwundert mich die überaus magere Heimbilanz des FCN nicht.

    Selbst den Aufstieg unter Köllner hat man nicht aufgrund einer Heimfestung (29 Punkte, Platz 8) erreicht, sondern aufgrund des von „mb“ vorgebrachten territorialen Eroberungsdrangs (32 Punkte, Platz 1). Die Clubspieler scheinen demnach eher fremde Bräute erobern zu wollen, als die eigene zu verteidigen. Demnach könnten die am Sonntag fehlenden Sandhäuser Bräute (aka Gästefans) dem FCN eher schaden als nutzen.

    Vor dem Hintergrund der neuen Faktenlage bitte ich Dr. B die propagierte Startaufstellung zu korrigieren. So wird das nämlich nix mit dem ersten Heimsieg. Danke.

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  • Mein lieber @Holzmichel, es gibt Texte, deren quadratisch-praktisch-runde Schönheit den Leser so ergreift, dass er vor Erbauung schweigt. Die sparsame Resonanz auf diesen Text ist dafür ein schöner Beweis.

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  • Es gibt eben auch Sachen, die so quadratisch-praktisch-rund sind, dass sie kaum einer Ergänzung bedürfen.

    Testosteron zur Verteidigung der eigenen Braut oder zur Eroberung einer fremden – Schaden kann es auf keinen Fall, damit aufgeladen ein Spiel anzugehen 😉

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