Haarig

„Sauber die Haare geschnitten“, begrüßte mich der Wirt und stellte ein Pilsglas unter den Zapfhahn. „Hier kannste nicht bleiben, der Tresen ist in diesen Zeiten für Gäste eine No-Go-Area. Die beiden Herren sitzen da hinten.“

„Du woorst doch beim Friseer“, sagte Alfred (klick), als ich unter Wahrung des Sicherheitsabstands am Tisch Platz nahm und den Mundschutz ablegte.

„Wie man sieht“, brummte ich.

„Leggsd mamm Oorsch hodd deer diech dsammgschduddsd!“

„Das macht der immer wieder. Wenn ich ihm, bevor er die Schere ansetzt, nicht ausdrücklich sage, dass er nicht zu kurz schneiden soll, säbelt mir dieses Arschloch die Haare radikal ab. Der ist wie Ochs. Der lernt nicht dazu.“

„Genau wie da Glubb. Deer lernd aa nedd dadsuu. Widda in da leddsdn Minnuddn a Door gfangd. Widda a Schbill dahaam valoorn (klick). Dess hädds nedd gebrauchd. Dess hädds wärglich nedd gebrauchd. Obber die lerna halld nedd dadsuu. Die senn wie Oggs.“

„Tröstet euch“, entgegnete Hannes (klick), „die Nationalmannschaft stellt sich auch nicht besser an…“

Die Bedienung stellte ein Pils vor mich auf den Tisch und ich nahm einen Schluck.

„…Jetzt gegen die Türkei wieder ein Gegentor in letzter Minute (klick), genau wie in der Nations-League gegen Spanien (klick). Und auch gegen die Schweiz (klick) die 1:0-Führung nicht gehalten. Dreimal in Folge den Sieg verspielt, zweimal in letzter Minute.“

„Das ist doch kein Trost!“, blaffte ich. „Die Verclubbung der Nationalmannschaft ist doch kein Trost! Scheiße ist das!“

„Da Leef gheerad aa amoll widda zumm Friseer. Deer hädds amoll widda needich!“

„Löw gehört entlassen“, sagte ich, „der hätte schon nach dem WM-Aus gegen Südkorea entlassen gehört. Der Mann hat zweifellos seine Verdienste, aber seine Zeit scheint vorbei zu sein. Da müssen dringend neue Impulse her. Wenn die anstehenden Nations-League-Partien gegen die Ukraine und die Schweiz nicht gewonnen werden, muss gehandelt werden…“

„Der DFB soll erst mal seine Steuerschulden begleichen (klick)“, warf Hannes ein.

„…Man kann die Verclubbung der Nationalmannschaft nicht so weiterlaufen lassen. Der Spruch Fußball ist ein Spiel, in dem 22 Männer dem Ball nachlaufen, und am Ende gewinnt Deutschland (klick), der so nie gestimmt hat, aber an dem einiges Wahres dran war, hat seine Gültigkeit verloren. Ich gebe Löw noch die Chance in den nächsten beiden Spielen, aber wenn da nicht geliefert wird, muss er entlassen werden, die gesamte sportliche Leitung – außer des Torwarttrainers – muss dann entlassen werden.“

„Mai Reed, vellich mai Reed. Dess iss a hooriche Sach. Middm Clubb und midd da Nadsjonoolmonnschaffd iss dess a hooriche Sach.“

Ich prüfte mit beiden Händen den Sitz des mir verbliebenen Haupthaars.

„Die waggsn scho widda“, sagte Alfred und bat mich um eine Zigarette.

Ich gab Alfred eine Blend 29 und Alfred steckte sie sich hinters Ohr und trottete Richtung Ausgang.

„Leg deinen Mundschutz an!“, rief der Wirt Alfred hinterher.

28 Gedanken zu „Haarig

      • Wenn Löw endlich gegangen wird, wer wird dann als Nachfolger installiert werden? Ich fürchte, da gibt es einen Sportdirektor, der als Übergangslösung gute Chancen hätte…

        2

        3
        Antwort
          • Das letzte mal, dass mich die Nationalmannschaft interessiert hat, war 1990. Nach dem Endspiel hat mir ein feiner Mensch in Zirndorf Prügel angedroht, weil ich seine Schland-Fahne versehentlich berührt hatte. Danach war’s emotional rum.

            3

            0
            Antwort
        • Am besten einen unserer Extrainer, dann bekommen wir den von der Lohnabrechnung

          3

          1
          Antwort
  • Zitat Markazero:

    „Das letzte mal, dass mich die Nationalmannschaft interessiert hat, war 1990. Nach dem Endspiel hat mir ein feiner Mensch in Zirndorf Prügel angedroht, weil ich seine Schland-Fahne versehentlich berührt hatte. Danach war’s emotional rum.“

    Dass es unter den Fans der Nationalmannschaft Idioten gibt, ist klar. Idioten gibt es aber auch unter den Club-Fans. Idiotisches Verhalten von Fans hat doch nichts mit meiner emotionalen Haltung zu „meiner“ Mannschaft zu tun.

    8

    0
    Antwort
    • Natürlich nicht. Das „wenn du mei Fraindin nu amol onschausd haui der anne nauf“ (oder war‘s „brännge di um“?) hat mich jedenfalls nicht dem Club nachhaltig entfremdet. Die Nationalmannschaft ist mir halt spätestens seit 98 (Zizou!!!) egal.

      2

      0
      Antwort
      • Ich erinner mich an „wenndunoaamalmeifreundinanfässdbringidium“. Wobei das angebliche „Anfassen“ lediglich ein „im-3er(oder5er?)-Block-zwangsläufig-eng-aneinander-Stehen“ war.

        0

        0
        Antwort
        • Ah, jetzt erinner‘ ich mich wirklich: das besagte Zitat war damals weder an Markazero noch an den Dude gerichtet gewesen, sondern an einen recht harmlosen Typen, der komplett sternhagelvoll durch den Block wankte, dabei auch an jene Freundin versehentlich ein zwei Mal hinrumpelte, vom Spiel nichts, aber auch gar nichts mitbekam und schließlich in einem kurzen Moment des sinnierenden Innehaltens mit den Worten schloss: „desllangwaildmiiwillhamm..“. (was man sich alles so merkt im Leben.. bald dreißg Jahr her..)

          2

          0
          Antwort
          • Richtig! War das das Männlein in Gummistiefeln, das vorne am Zaun immer Trainer-Anweisungen simuliert hat, oder werfe ich da was durcheinander?

            2

            0
            Antwort
    • Dass es unter den Fans der Nationalmannschaft Idioten gibt, ist klar. Idioten gibt es aber auch unter den Club-Fans. Idiotisches Verhalten von Fans hat doch nichts mit meiner emotionalen Haltung zu „meiner“ Mannschaft zu tun.

      Eben, ich bin in Nürnberg sogar schon vom Clubfans überfallen worden. Ich war mit einem Freund hier im Stadion, der St. Pauli Fan ist (lebt hier ist aber Hamburger, haben uns lange auf das Spiel FCN-Pauli gefreut) und natürlich seine geliebte Todenkopffahne mit ins Stadion genommen hat.
      Nach dem Spiel auf dem Heimweg wir waren schon ein gutes Stück weg aus dem Stadion wurden wir auf einmal von 6 Mann eingekreist, die uns schon länger sehr unauffällig verfolgt haben und es kam die klare Forderung die Fahne her ob mit oder ohne Gewalt läge in unserer Entscheidung.

      Wir haben uns dann für den Mittelweg entschieden 🙂 Ich wußte wie sehr er an seiner geliebten Todenkopffahne hing

      0

      0
      Antwort
  • 74 und 76
    Noch zu kurz gewesen, um zu verstehen, was geht.

    78
    Heimgekommen von einer Ferienpass-Aktion. Vor den Fernseher geschmissen. Deutschland vs. Österreich. Cordoba. Fußball kann sehr enttäuschend sein. Legendär natürlich Österreichs Rundfunkreporter Edi Finger. „Hölzenbein, Hölzenbein – das Stolperbein.“ Narrisch. Hansiburli. „Wartens noch a bißl, dann kemma uns vielleicht a Viertel genehmigen.“ Nicht für mich. Noch ein Kind. Ab ins Bett. Der Weltmeister ist raus.

    80
    Ecke Schuster. Kopfball Hrubesch. Europameister. In Rom.

    82
    Wachgeblieben bis zum Schluss mit Vater. Fallrückzieher Fischer. Elfmeterschießen. Halbfinalsieg gegen Frankreich. Eines der größten Spiele überhaupt. Unfassbare Dramaturgie. Finale. Dort allerdings wartete Italien mit Paolo Rossi und Marco Tardelli.

    84
    Maceda. Aus in der Vorrunde gegen Spanien.

    86
    „Toni! Halt den Ball!“, fleht ZDF-Mann Rolf Kramer. Markerschütternd. Toni hält den Ball nicht. 2:3. Burruchaga. Bierflaschen fliegen an die Wand. Riesige Enttäuschung. So nah dran. Sitzt sehr tief.

    88
    EM im eigenen Land. Eike Immel streckt sich, aber kommt nicht ran. Tor Van Basten. Holland im Finale. Deutschland nicht.

    90
    Live dabei gewesen. Hinter dem Tor, in das Andi Brehme per Elfer traf. Weltmeister. In Rom. Geschafft. Verdient. Haken dran. Check.

    Der Weg von Cordoba nach Rom ist voller Erinnerungen. Der EM-Titel 98 war auch klasse. Mit einem starken Andi Köpke. Die WM 2006, klar, die Engländer in Nürnberg, live in Berlin bei Deutschland gegen Ecuador. Schöne Begegnungen mit Fans aus anderen Ländern – so auch bei der EM 2008 in Österreich.

    Wenngleich mich die Karnevalisierung des Fußballs mit Klatschpappen, Hawaii-Ketten in Schwarz-Rot-Gold und dieses Omnipräsente eher abstößt. 2014 dann Weltmeister – trotz Löw. Freude. Aber keineswegs so tief wie 1990. Campo Bahio, dieses abgehobene deutsche Dorf im brasilianischen Busch, der Siegerflieger, Helene Fischer am Brandenburger Tor mit der „Die Mannschaft“, der DFB und seine Machenschaften – all das entfernt mich eher von der Nationalmannschaft.

    Das Spiel gestern in der Ukraine hab‘ ich nicht gesehen. Und ich hab auch nicht das Gefühl, als würde ich was verpassen. Nations League – wer’s braucht. Was Löw anbelangt, bin ich der Meinung von @belschanov.

    Die Nationalmannschaft ist mir zwar nicht mehr so wichtig, und in keinster Weise so wichtig wie der Club – doch es hängen halt viele schöne Geschichten und Erlebnisse dran. Gehört zu mir somit. Dass man sich überhaupt nicht mehr für die N11 interessiert, kann ich daher nicht nachvollziehen. Wenngleich ich durchaus nachvollziehen kann, wenn das Interesse deutlich nachgelassen hat. Und ich kann auch gut nachvollziehen, wenn einen der „Coca-Cola Fanclub Nationalmannschaft“ eher dubios erscheint.

    19

    0
    Antwort
    • @fränki:

      Danke für deinen schönen, mit viel Empathie geschriebenen Kommentar!

      Danke auch für die Erinnerung an das WM-Halbfinale 82. Darüber habe ich hier mal was geschrieben. Einfach bei google „belschanov zapfenstreich“ eingeben…

      3

      0
      Antwort
    • Danke für die schönen Erinnerungen! Von 74 weiß ich nur noch, wie ich mich gewundert habe, dass mein Vater mit ernster Miene vor dem Fernseher gesessen und Leuten zugeschaut hat, die hin und her rennen.
      Córdoba… kurz vor Spielende sind ein Schulfreund und ich nochmal zum Bolzen gegangen. In der Toreinfahrt hörten wir aus dem Wohnzimmer einen markerschütternden Schrei… Edi Finger natürlich Legende!
      82 muss natürlich auch die Schande von Gijón erwähnt werden. Das Halbfinale hab ich bei Nachbarn geschaut, die z.T. Franzosen waren. Es war hochemotional, oh la la!
      90 dann in Zirndof, allmächd, waren Schulfreund Uli und ich da besoffen…
      98 kam Zizou, hat mich verzaubert, ich bin der Equipe Tricolore verfallen, die mich dann in den Folgejahren so zuverlässig enttäuscht hat wie der Club. Insofern irgendwie folgerichtig.

      6

      0
      Antwort
      • @belschanov

        Großartig, Dein „Zapfenstreich“.

        Es ist zu kurz gesprungen von Vätern/Eltern, wenn sie ihren Kids ein WM-Halbfinale vorenthalten. Darf man es aber schauen, gehört man am nächsten Tag in der Schule zu den stolzen Helden. Ja, ich habs gesehen, ich habs gesehen! Hast Du den Seitfallzieher von Klaus Fischer auch gesehen? Nein? Ich schon! Und die Zu-Früh-Ins-Bett-Geschickten mit ihren Zwei-Streifen-Turnschuhen stehen bedröppelt daneben. Lieber den Kids „Dallas“ oder „Denver-Clan“ verbieten – diesen Amiquatsch.

        @Markazero

        Stimmt. Hast Recht. 1982. Die Schande von Gijon. Vier Jahre nach der Schmach von Cordoba. Deutlicher konnte man der FIFA und anderen Verbänden nicht zeigen, dass man die letzten Gruppenspiele in Zukunft besser mal zeitgleich austragen sollte.

        Immerhin aber gab es, hab mal nachgeguckt, tatsächlich zwei Gelbe Karten beim Nichtangriffspakt. Eine für Ex-Löwen-Trainer Schoko Schachner. Und eine für Reini Hintermaier. Wenige Wochen vor der Schande von Gijon erzielte Hintermaier ja dieses Hammer-Tor im Pokalfinale gegen den…ach, hab ich jetzt vergessen. Einige Jahre nach der Schande von Gijon schnürte der österreichische Herzensglubberer noch die Stiefel für den Club in Liga zwei. Im Jahr 1995 wurde Reini eingewechselt beim 2:0 gegen den SV Meppen. Trainer damals war Günter Sebert. Es war ein Montagabend, glaube ich.

        Als wir siegestrunken und mit bester Laune heimfuhren, hörten wir im Radio, dass es eine Regelwidrigkeit gab und dass der Sieg für den Club wohl in einen Sieg für Meppen geswitcht wird. Sebert wechselte gegen die Regel vier Ausländer ein. Reini daraufhin im Radio: „Ich fühle mich doch längst als Deutscher!“ Danach entsetztes Schweigen im Auto. Wie so oft auf Heimfahrten vom Club.

        0

        0
        Antwort
        • Trotz der Schmach, auch einer der nur-zwei-Streifen-Buben gewesen zu sein, hab ich’s gesehen! Der Ruck, der nach der Rummenigge-Einwechslung durch die Mannschaft gegangen ist! Hammer!
          Interessant: Das Pokalfinale mit dem Hintermaier-Hammer verbinde ich überhaupt nicht mit dem WM-Jahr. Völlig andere Wahrnehmungs-Ebene.

          0

          0
          Antwort
    • Nachjustierung, ja, dann am Besten ein rechter Wingback, der auch offensive Außenbahn kann, damit noch eine Option für Valentini da ist, der ja auch selten eine ganze Saison durchspielt.

      Wie ist das eigentlich vertraglich? Schaut man dann in die Röhre, weil man weder den Spieler einsetzen konnte, noch die Chance hatte, ihn im letzten Jahr gegen Ablöse abzugeben? Das ist ja gleich mehrfach beschissen! Sowas müsste man eigentlich versichern!

      3

      3
      Antwort
      • Versichern kann man sich gegen so gut wie alles, wenn man die Versicherungsgebühr bezahlen will oder vielmehr kann.

        1

        0
        Antwort
        • Das wäre mal eine sinnvolle Aufgabe für unseren Hauptsponsor. Die sind ja dann über Rückversicherungen eh wieder abgesichert 😉

          0

          0
          Antwort
      • Meist verlängert man dann um ein Jahr, Kosten sind eher klein, weil nach 8 Wochen eh die BG die Gehaltskosten übernimmt.

        0

        0
        Antwort
    • Man sollte mal beim Jahn um Entschädigung bittend vorstellig werden. Was die Misidjan und auch andere Clubberer in einem „Freundschaftsspiel“ umgenietet hatten ging auf keine Kuhhaut mehr. Ich war stocksauer nach dem Foul an Misidjan und hatte schon Schlimmes befürchtet.

      Ja, wirklich zum Kotzen!

      7

      1
      Antwort
  • Man hätte ja auch mal Glück haben können mit einem Unterschiedsspieler. Jeder Spieler für den der Club > 2 Mio auf den Tisch legt floppt beim FCN aus den unterschiedlichsten Gründen. Dann wird Misidjan wohl auch so quasi bis zum Vertragsende verletzt sein.

    4

    1
    Antwort
  • Wäre vielleicht clever jetzt doch leistungsbezogen seinen Vertrag zu verlängern. Außer man sieht gar nichts in ihm….

    2

    1
    Antwort
  • SR Pauli vs .FCN : Florian Heft aus Niedersachsen. Letztes FCN Spiel vs. Heidenheim 2:2 (2019/20)
    VAR : Pfeifer
    Nach dem Ansetzungen vom Wochenende in den Bundesligen und der 3. Liga habe ich Heft befürchtet.
    Für mich einer der 3 schlechtesten in den Bundesligen.
    Pfeift kleinlich und oft faire Zweikämpfe ab .
    Meine Meinung.

    4

    0
    Antwort

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.