Glas halb voll? Glas halb leer? Ist es überhaupt ein Glas? – Analyse zu St. Pauli

Analyse zu FC St. Pauli – 1. FC Nürnberg 2:2 (1:1) – Der FCN holt einen Punkt in Hamburg. Ob das jetzt gut ist oder schlecht, ist auch im Nachhinein nicht so recht klar.
1. Aufstellung und Formation
2. Das Spiel in drei Grafiken
3. Einordnung
4. Kennzahlen
5. Stimmen
6. Noten

1. Aufstellung und Formation

Der Club begann erneut im 4-2-3-1, veränderte aber personell einiges. Statt des erkrankten Mühl (Magen-Darm-Infekt) begann erstmals in der Saison Margreitter, Tom Krauß begann anstelle von Nikola Dovedan, wodurch Fabian Nürnberger ins rechte Mittelfeld rückte, in der Sturmspitze debütierte Manuel Schäffler, was wiederum Fabian Schleusener auf die Bank verdrängte. Im Kader veränderten sich weitere Dinge, neben Ekin Celebi (Trainerentscheidung) rutschten auch die erkrankten Singh (grippaler Infekt) und Behrens (Infektion mit SARS-CoV2) aus dem Kader.

Das bedeutete einerseits das Kaderdebüt von Pius Krätschmer, andererseits stand auch Simon Rhein erstmals im Aufgebot. Auch Pascal Köpke kehrte nach überstandener Verletzung im Sprunggelenk zurück auf die mit acht Ersatzspielern nicht voll besetzte Bank. Auf dieser fehlte im Vergleich zum letzten Spiel auch Virgil Misidjan (Syndesmosebandriss). Des Weiteren nicht im Aufgebot: Die Ersatzkeeper Klandt, Lukse und Willert, sowie Kevin Goden, der inzwischen wohl eher der U21 zugerechnet werden muss.

Der erste Wechsel von Robert Klauß war nicht personeller Natur, sondern ein Formationswechsel. Der Trainer reagierte in der Halbzeit darauf, dass Tom Krauß immer wieder aus dem Mittelfeld der Hamburger mit Tempo überlaufen wurde, indem er den Youngster in die Abwehrkette zurückzog und auf eine Fünferabwehr umstellte, vor der mit Geis, Hack und Nürnberger drei weitere Mittelfeldspieler das Zentrum verdichteten. Das verhinderte ungefähr bis zur Auswechslung von Lohkemper und Schäffler, die vorne zumindest versuchten Bälle festzumachen, weitgehend gefährliche Angriffe.

Nachdem die beiden aber durch Schleusener und Köpke ersetzt wurden, war die Ausrichtung zu passiv und St. Pauli konnte wieder sehr viel Druck machen und so auch zum erneuten Ausgleich kommen. In der Schlussphase kamen noch Rhein und Sorg für Nürnberger und Hack, was die Dreierreihe vor der Fünferkette noch einmal defensiver ausrichtete. Einerseits ein verständlicher Impuls, um das Ergebnis zu sichern, andererseits kam der Club so immer weniger zu entlastenden Angriffen. Dennoch gelang es, das Remis zu halten.

2. Das Spiel in drei Grafiken

Grafik 1 zeigt die Linkslastigkeit des Aufbauspiels des FCN. Der Ball wurde oft von Mathenia auf Sörensen und von dort auf Handwerker und/oder Hack weiterverteilt. Dagegen war die Anzahl der Abspiele von Mathenia auf Margreitter, Krauß und Valentini unter der Anzeigeschwelle im Diagramm, die bei drei Pässen liegt. Das Problem an dem Aufbau über links oder auch an den Zuspielen, die bei Manuel Schäffler oder Felix Lohkemper landeten, war allerdings, dass sie meist eine Sackgasse darstellten. Denn Lohkemper, Hack und Schäffler gewannen gemeinsam nur neun von 39 Duellen mit dem Ball am Fuß, zu wenig, um viel offensiven Druck auszuüben.

Grafik 2 zeigt die Ballverluste des FCN im Vergleich mit denen von St. Pauli. Gerade in der zweiten Halbzeit hat der Club sehr viele Bälle tief in der eigenen Hälfte verloren, wodurch die Gastgeber viele noch im eigenen Angriffsdrittel gewinnen konnten und so den Druck über lange Phasen aufrechterhalten. Gleichzeitig zeigt sich auch, dass der FC St. Pauli die Ballverluste in der Regel sehr viel tiefer in der gegnerischen Hälfte erlitt, wodurch der Weg zum Tor für den Club natürlich weitaus größer war. Allerdings schaffte es der FCN aus einem dieser Ballverluste der Hamburger (gelber Pfeil in der ersten Halbzeit) sogar ein Tor zu erzielen.

Grafik 3 vergleicht die Flanken der beiden Mannschaften. Dabei sieht man deutlich, wie der FCN fast vollständig auf Hereingaben verzichtete – anders als zum Beispiel gegen Sandhausen, wo der Club mehr flankte als die Gäste, obwohl diese zu den flankenfreudigsten Teams der Liga gehören. Der FC St. Pauli dagegen entdeckte gerade in der zweiten Halbzeit, bedingt durch die Umstellung des FCN auf Fünferabwehr, die das Zentrum deutlich dichter machte, mehr zu flanken. Gerade hinsichtlich dessen, dass am Freitag mit Karlsruhe die absoluten Flankenkönige der Liga nach Nürnberg kommen, war es interessant zu sehen, wie viele Flanken Christian Mathenia abgreifen oder die Innenverteidiger abwehren konnte.

3. Einordnung

Ein Auswärtsremis nach zweimaliger Führung ist immer in gewisser Weise schwer einzuordnen. Die Einordnung des Ergebnisses hängt sicherlich bis zu einem gewissen Maße von der jeweiligen Geisteshaltung, Lebenseinstellung, Perspektive und/oder Fußballphilosophie ab. Überwiegt die Frustration aus dem Vorteil der Doppelführung kein Kapital geschlagen zu haben? Oder überwiegt die Erleichterung nach dem Ausgleich nicht – wie gegen Darmstadt – spät noch völlig eingeknickt zu sein? Nimmt man die positiven Faktoren wie das – aller Selbstkritik zum Trotz – ordentliche Debüt von Manuel Schäffler mit? Oder doch eher die Tatsache, dass die Abwehr vor der Pause mit dem Tempo der Hamburger und in der Schlussphase mit ihrem Dauerdruck nicht zurechtkamen?

Insgesamt zeigt sich das, was schon in den anderen Spielen zu sehen war. Positive Ansätze und Bedenklichkeiten hielten sich die Waage, eine klare Tendenz für die kommende Saison lässt sich noch nicht ablesen. Dennoch zeigten sich einige Dinge am Montagabend: Der Trainer konnte auf ein sich bietendes Problem in der Defensive mit einer sinnvollen Umstellung reagieren. Das funktionierte so lange bis St. Pauli seinerseits umstellte, dann tat sich der FCN wieder schwerer. Auch im Offensivbereich schaffte es der Club erstmals mehrere Hochkaräter zu erarbeiten – neben den beiden Toren auch die Großchance von Robin Hack. Andererseits kann man eben auch einwenden, dass gerade in der zweiten Halbzeit nach dem 2:1 kaum mehr offensive Aktionen zu sehen waren.

Und so stehen, wohin man auch sieht, eben positive und negative Aspekte Seite an Seite. Die Tatsache, dass man Führungen erspielt neben der Tatsache, dass man sie verspielt. Die Tatsache, dass man intensive Zweikämpfe führt neben der Tatsache, dass offensiv viel zu viele Zweikämpfe verloren wurden. Die Tatsache, dass man im Schnitt deutlich näher am Tor als sonst abgeschlossen hat, neben der Tatsache, dass es insgesamt wenige Schüsse waren. Und so wie gegen Darmstadt die Zeile aus Tom Pettys „Great Wide Open“, dass die Zukunft offen ist, immer noch Gültigkeit hat, ließe sich auch ein anderes Lied von jenem Album zitieren: „So I’ve started out, for God knows where/I guess I’ll know when I get there“.

4. Die Kennzahlen

St. Pauli   Nürnberg
2 Tore 2
2,29 expected Goals 2,15
20 Schüsse 10
9 Schüsse aufs Tor 4
7 Ecken 1
5 Freistöße 3
17 Fouls 21
6,6 PPDA 15,6
9,8 Challenge Intensity 7,9
15,1 Spieltempo 15,9
14 Ballbesitzphasen (geg. Strafraum) 9
00:15 Ballbesitzdauer (Ø) 00:09

*Alle Daten stammen von Wyscout. Benutzung der Daten von Wyscout unter der Journalistenlizenz des Anbieters.Die Terminologie von Wyscout wird in diesem Glossar erläutert.

5. Die Stimmen

Robert Klauß: „Wir waren heute in vielen Kriterien nicht so gut, wenn ich mir die Werte anschaue. Wir hatten aber die klareren Chancen. Nach dem 2:1 hatte ich eigentlich das Gefühl, dass wir es in den Griff bekommen, da hat uns die Umstellung in der Halbzeit gutgetan. Schade, dass wir uns dann noch ein Tor fangen. Am Ende ist aber wichtig, dass wir hier etwas mitgenommen haben. In so einem wilden Spiel hat man bis zum Schluss das Gefühl, dass noch was passieren kann.“

Timo Schultz: „Es ging hin und her – und am Ende muss man mit dem Punkt zufrieden sein. Nürnberg hatte die klareren Chancen, wir mehr Ballbesitz. Deshalb ist das 2:2 schon okay. Ich hatte bis zuletzt die Hoffnung, dass wir noch das 3:2 machen. Wir gehen offensiv natürlich auch Risiko, wollen nach vorne spielen. Dann gibt man hinten auch mal was her. Das müssen wir noch besser absichern. Aber die Jungs haben alles gegeben, haben mutig nach vorne gespielt und wollten auch nach dem 2:2 noch das Tor erzielen.“

Manuel Schäffler: „Am Ende hätte ich hier natürlich gerne drei Punkte mitgenommen. Wir haben uns etwas mehr vorgenommen, was am Ende nicht gelungen ist. Trotzdem werden wir einen Punkt mit nach Hause nehmen, das ist auch sehr wichtig. Im Training haben wir viele Aktionen, in denen wir mutiger sind. Wir müssen mutig Fußball spielen. Wir haben so gute Fußballer auf den Positionen – wenn wir das optimieren, sind wir auf einem guten Weg. Ich bin auf dem richtigen Weg und werde hart arbeiten, um ans Maximum zu kommen und 90 Minuten zu powern.“

Christopher Avevor: „Ich berühre den Ball auf jeden Fall mit der Hand, das ist extrem bitter. Man versucht, den Ball irgendwie mit dem Bein abzuwehren und gleicht dann mit dem Oberarm das Gewicht aus. Man sieht ganz gut, dass mein Arm auch weggeht und ich keine Spannung im Arm habe. Es ist aber ein Elfmeter, da brauchen wir nicht weiter zu diskutieren. Es wird sicherlich nicht die letzte Diskussion bei solchen Entscheidungen sein. Vor dem ersten Tor spiele ich den Ball zu riskant, den darf ich nicht spielen. Wir kämpfen uns aber super zurück und waren die klar bessere Mannschaft, dann rennen wir nach der Pause wieder hinterher. Man muss der Mannschaft ein riesen Kompliment machen, sie hat eine super Moral bewiesen. Die Jungs, die reingekommen sind, haben sich super eingefügt. Und Buba natürlich, der ein sehr schönes Tor erzielt hat. Für ihn freue ich mich und für uns alle, weil wir einen Punkt mitnehmen. Unterm Strich können wir aber nicht zufrieden sein, weil wir hier gewinnen wollten.““

6. Die Noten 

Spieler CU-Note Kicker NZ BILD SofaScore
Christian Mathenia +3 2,5 2 3 7,6/10
CU-Urteil: Machtlos bei den Gegentreffern. Vor der Pause sogar mit einigen präzisen Zuspielen, danach etwas wilder.
Enrico Valentini +5 4,5 5 5 7,1/10
CU-Urteil: Kam oft schlecht in die Zweikämpfe, gewann nur 3 von sieben Defensivdullen. Ab und zu aber plötzlich mit sehr starken Aktionen.
Asger Sörensen +4 3,5 3 4 7,2/10
CU-Urteil: Stark in der Luft (5 von 5 Duellen gewonnen. Ab und zu etwas wacklig am Boden (4 von 7), aber an sich in Ordnung.
Georg Margreitter 5 4 4 5 5,8/10
CU-Urteil: Schwach in der Luft (2 von 6), am Boden (4 von 10) und um den freien Ball (4 von 11). Hatte oft Probleme mit dem Tempo der Hamburger.
Tim Handwerker 3- 3,5 4 4 6,7/10
CU-Urteil Wollte antreiben, konnte das aber nicht immer. Holte den Elfmeter heraus. Mit Abstand bester Offensivzweikämpfer (8 von 11) des FCN. Aber mit zu vielen Ballverlusten.
Johannes Geis 3 3 3 4 7,4/10
CU-Urteil: Tor per Elfmeter, das 1:0 mit gutem Auge eingeleitet. Sogar im Duell gegen den Ball mehr gewonnen als verloren. Ordentlich, allerdings manchmal auch mit Tempoproblemen und ungenauen Abspielen.
Fabian Nürnberger 4 3 3 5 6,4/10
CU-Urteil: Wie immer bemüht und sehr emsig, manchmal aber wenig zielführend in seinen Aktionen.
Tom Krauß 4 3,5 4 5 5,9/10
CU-Urteil: Vor der Pause im defensiven Mittelfeld mit Riesenproblemen mit dem Tempo. Als Teil der Abwehrkette dann viel sicherer. Nürnbergs bester Defensivzweikämpfer (10 von 12 gewonnene Duelle)
Robin Hack 4 3 4 4 5,4/10
CU-Urteil: Um Tempo und Dynamik bemüht. Dribbelte sich aber sehr oft fest. Vergab eine Großchance.
Felix Lohkemper 3- 3 3 4 6,6/10
CU-Urteil: Schöne Vorlage und Laufweg vor dem 1:0. Danach zwar bemüht und auch mit gutem Verständnis mit Schäffler, aber nicht immer zielführend.
Manuel Schäffler +3 2,5 3 2 7,0/10
CU-Urteil: Premierentor mit einer der ersten Aktionen. Fand sein Spiel selbst nicht so gut, machte das an den nicht festgemachten Bällen fest. Da kann man mitgehen, muss man aber nicht.
Pascal Köpke 4- 4 6,5/10
CU-Urteil: Kaum gelungene Aktionen nach der Einwechslung.
Fabian Schleusener 4- 4 6,4/10
CU-Urteil: Siehe Köpke.
Simon Rhein -/10
CU-Urteil: Kam zum Saisondebüt, aber zu spät für eine Einschätzung
Oliver Sorg -/10
CU-Urteil: Kam zu spät für irgendeine Einschätzung.
           
CU-Urteil:  

4 Gedanken zu „Glas halb voll? Glas halb leer? Ist es überhaupt ein Glas? – Analyse zu St. Pauli

  • Schleusener mit 4- noch gut bedient. Er hatte 2 große Chancen auf das 3. Tor für mein Verständnis kläglich versiebt. Hätte gerne gesehen, wie Köpke mit bei diesen Chancen abgeschlossen hätte.

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  • Man hat halt die Hoffnung, dass die Mannschaft doch noch durchbricht zu ausgereifterer Spielweise, das heisst auch selbstbewusster auftritt. Wenn dies nicht der Fall sein sollte und die Purschen sich nicht weiterentwickeln, das heisst so bleiben wie sie sind, dann spielen wir wieder hinten mit.

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  • Entwicklungs- und Lernprozesse dauern. Bei Spielern, die sich an das Verlieren zwangsweise gewöhnen mussten umso länger. Daher mache ich den Jungs keinen Vorwurf. Denn dass sie wollen, ist unverkennbar. Und ebenso mehr positive Ansätze als in der letzten Quälsaison. Wird halt derzeit oftmals noch von negativen Eindrücken überlagert.

    Doch die kleinen Fortschritte lassen in mir ein zartes Optimismuspflänzchen wachsen. Mit echter Stabilität rechne ich trotzdem erst zur Mitte der Rückrunde, dann aber auch mit einer kleines Siegesserie!

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    • Das hört sich gut an und wir hoffen alle, dass es genauso eintrifft. Ein Torgarant wie Schäffler und ein Köpke in der guten Form, die er in Aue hatte, das ist schon mal die halbe Miete. Und Hack kann auch noch mehr. Dann werden auch die anderen Mannschaften wieder mehr Respekt vor dem Club haben. Im Frühling dann die Siegesserie und zum Schluss wird alles gut. Der Club schafft den Aufstieg, wir feiern und genießen eine spannende Europameisterschaft. Könnte alles so schön sein.

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