Einer rutscht halt doch durch – Analyse zu Kiel

Analyse zu Holstein Kiel – 1. FC Nürnberg 1:0 (0:0) – Der FCN verliert beim Tabellenführer aus Kiel mit 0:1. Einer sehr ordentlichen ersten Hälfte folgte eine weitgehen
1. Aufstellung und Formation
2. Das Spiel in drei Grafiken
3. Einordnung
4. Kennzahlen
5. Stimmen
6. Noten

1. Aufstellung und Formation

Der Club begann im Vergleich zum Sonntag mit drei Veränderungen in der Startelf. Für den verletzten Enrico Valentini gab Noel Knothe sein Startelfdebüt, statt Hanno Behrens und Nikola Dovedan durften sich Fabian Schleusener und Fabian Nürnberger als Flügelzehner versuchen. Schleusener sollte auf der rechten Außenbahn Knothe absichern und unterstützen, Nürnberger auf links mit Handwerker für situatives Pressing und offensive Vorstöße sorgen.

Im Kader fanden sich – sicherlich begünstigt durch die Ausfälle von Sorg, Hack und Valentini – gleich drei Spieler aus der U21 wieder: Neben Erik Shuranov, der bereits gegen Würzburg zum Einsatz gekommen war, auch Tim Latteier und – erstmals überhaupt – Linus Rosenlöcher. Die angekündigte erhöhte Durchlässigkeit zu den Profis scheint also tatsächlich Programm zu sein, selbst wenn sie natürlich auch etwas der Personalnot geschuldet ist. Neben den drei Youngstern saßen Pius Krätschmer, Hanno Behrens, Sarpreet Singh, Nikola Dovedan, Virgil Misidjan und Ersatzkeeper Christian Früchtl auf der Bank.

Das 4-2-2-2, das sich in den letzten Wochen wieder zur Standardformation entwickelt hat, blieb bis kurz vor Schluss, die Grundformation der Wahl. Bis zum ersten Wechsel in der 70. Minute blieb die Startelf sogar unverändert. Dann ersetzte Klauß den völlig abgemeldeten Schäffler durch Singh und erhoffte sich dadurch, mehr Ballsicherheit ins Mittelfeld zu bekommen, da der Neuseeländer die Rolle als rechter Flügelzehner übernahm, während Schleusener in die Sturmspitze rückte. Die Idee scheiterte aber, da Singh nicht ins Spiel fand.

In der Schlussphase – kurz nach dem Kieler Führungstor – ersetzten dann zunächst Behrens und Shuranov Knothe und Krauß. Während der Wechsel von Behrens zu Krauß positionsgetreu war, bedeutete Shuranovs Einwechslung, dass Fabian Schleusener nun als Rechtsverteidiger agierte, also Knothe ersetzte, während Shuranov neben Lohkemper im Sturmzentrum agierte. Fünf Minuten später wurde Schleusener dann ersetzt. Er ging ebenso vom Feld wie Felix Lohkemper. Nikola Dovedan und Virgil Misidjan spielten die restlichen zwei Minuten der regulären Spielzeit.

Klauß stellte nun auf 3-4-1-2 um. Handwerker, Sörensen und Mühl bildeten die Dreierkette, Nürnberger und Misidjan die Flügelverteidiger, Singh, Behrens und Geis spielten im Zentrum. Dovedan und Shuranov in der Sturmspitze. Aus dieser Formation heraus entstand dann der einzige Nürnberger Schuss aufs Tor, mehr aber auch nicht. 

2. Das Spiel in drei Grafiken

Grafik 1 zeigt die Krux des FCN relativ deutlich. Zum einen schaffte der Club es kaum Zweikämpfe im eigenen Angriffsdrittel zu führen und wenn er sie führte, verlor er sie sehr häufig. Der Club kam auch deshalb zu selten vors Tor, weil er sich in den gefährlichen Zonen nicht durchsetzen konnte. Nur 18 von 60 Offensivzweikämpfen gewann der FCN. Dass es bei Kiel nur ein unwesentlicher Anteil (20/59) mehr war, zeigt, dass der Club über weite Strecken gut bis sehr verteidigte. Er schaffte es aber nicht für Entlastung zu sorgen. Das zeigt sich unter anderem auch daran, dass nur drei Ballbesitzphasen von 101 des FCN im Strafraum endeten.

Grafik 2 stellt die Schusswahl der Teams dar. Das schließt einerseits quasi direkt an das unter Grafik 1 dargestellte Problem an. Ganze zwei Abschlüsse innerhalb des Strafraums – Mühl in der 23. Minute nach einer Ablage von Schäffler, die auf einen Geis-Freistoß folgte, Lohkemper in der 41. nach einem Konter  – brachte der FCN zustande. Dazu gleich fünf Fernschüsse, die fast gänzlich ungefährlich waren und von denen nur der Abschluss von Behrens in der ersten Minute der Nachspielzeit aufs Tor ging. Kiels Schusskarte zeigt dagegen einerseits, dass sie viel näher zum Tor zum Abschluss kamen, aber auch, dass ihre Schüsse auch gar nicht so oft aufs Tor kamen, sondern oft genug daneben gingen. 

Grafik 3 ist eine in sich erstaunliche Darstellung. Sie zeigt die Kopfballduelle des FCN aufgeteilt nach erster und zweiter Halbzeit. Während der Club vor der Pause fast alle Duelle (12/15) gewann, verlor er nach der Pause fast alle (11/13).  Das ist insofern erstaunlich, weil Kiel eigentlich die kopfballschwächste Mannschaft der Liga ist und der Club bisher gerade in der Luft erfolgreich war. Andererseits deutet die Tatsache, dass der Club nach der Pause so wenig Kopfballduelle im Übergang von Mittelfeld zu eigenem Angriffsdrittel verlor, darauf hin, dass hier einer der Faktoren dafür lag, warum man dann keine Entlastung mehr zustande brachte.

3. Einordnung

Darüber, dass der Kieler Sieg in jeder Hinsicht verdient war, herrschte nach dem Spiel weitgehend Einigkeit. Zu passiv war der Club vor allem nach der Pause vorgegangen. Die positive Lesart des Spiels wäre dennoch zu sagen, dass der FCN es schaffte, gegen eine Spitzenmannschaft der Zweiten Liga das Spiel offen zu halten. Allerdings zeigte Kiel auf, dass man dem FCN schnell beikommen kann, wenn man die Duelle gegen die Angreifer gewinnt. Dann schafft es der Club – wie gegen Kiel – eben nicht mehr zu Entlastungsangriffen zu kommen, schafft es nicht in gute Abschlusssituationen zu gelangen. Hier muss auch weiter gearbeitet werden, da der Club sich sonst zu sehr aufs Verteidigen verlegen muss.

Dieses Verteidigen erledigte der Club über fast die gesamte Strecke des Spiels tatsächlich gut bis sehr gut. Das Problem war lediglich, dass die starke Passivität des FCN dazu führte, dass er immer mehr Angriffe über sich ergehen lassen musste. So erhöhte sich mit fortlaufender Spieldauer einfach die Wahrscheinlichkeit, dass einer der Angriffe durchrutscht. Am Ende geschah dann auch genau das, einmal waren die beiden Außenverteidiger zu langsam – der eine beim Flankengeber, der andere beim Flankenempfänger – und das Gegentor fiel dann doch. Jenseits dessen machte der Club vieles richtig, lief nicht nur quantativ (120 Kilometer), sondern auch qualitativ (238 Sprints) viel.

Deswegen kommt Robert Klauß wohl auch zur Einschätzung, dass die Niederlage den FCN nicht umwirft. Sie zementiert den FCN dagegen mit fünf Punkten auf die Abstiegsrelegation und fünf Punkten auf die Aufstiegsrelegation ungefähr da, wo das Leistungsvermögen des Clubs auch anzusiedeln ist, im Mittelfeld der Zweiten Liga. Sollte es gelingen, mehr offensive Lösungen zu entwickeln, kann es weiter nach oben gehen. Wahrscheinlicher ist aber eine Saison, wie sie die letzten Wochen abgebildet haben. Gegen die Spitzenmannschaften reicht es nicht, gegen den Rest hält man mit und punktet ausreichend.

4. Die Kennzahlen

Kiel   Nürnberg
1 Tore 0
0,99 expected Goals 0,16
0,58 Post Shot xG 0,03
10 Schüsse 7
3 Schüsse aufs Tor 1
7 Ecken 5
3 Freistöße 4
9 Fouls 11
17,2 PPDA 20,7
6,9 Challenge Intensity 4
17,4 Spieltempo 16,9
17 Ballbesitzphasen (geg. Strafraum) 3
00:18 Ballbesitzdauer (Ø) 00:11

*Alle Daten stammen von Wyscout. Benutzung der Daten von Wyscout unter der Journalistenlizenz des Anbieters.Die Terminologie von Wyscout wird in diesem Glossar erläutert.

5. Die Stimmen

Robert Klauß: „Am Ende war es ein verdienter Sieg für Kiel, auch wenn sie nicht viele klare Chancen hatten. Sie hatten aber mehr Ballbesitz und mehr torgefährliche Szenen. Wir hatten zu Beginn beider Halbzeiten offensiv ein paar gute Momente. Dann haben wir aber in der zweiten Halbzeit zu viele Flanken zugelassen und nicht mehr so gut Druck auf den Ball bekommen. Wir sind viele Kilometer gelaufen, hatten viele Sprints. Leider haben wir beim Tor die Box nicht gut verteidigt und uns vorher schon nicht clever verhalten. So war die Niederlage unnötig, wirft uns aber nicht um.“

Ole Werner: „Wir haben unterm Strich verdient gewonnen. In der ersten Halbzeit hatten wir durchaus Phasen mit dem ein oder anderen Ballverlust zu viel. Wir haben nicht allzu viel zugelassen. Es war die Herausforderung, 90 Minuten konzentriert und geduldig zu bleiben. Das war am Ende so, dafür haben wir uns belohnt. Die Jungs haben das super gemacht. Am Ende des Tages haben wir eine außergewöhnliche Situation gebraucht, um das Spiel zu entscheiden – unterm Strich geht das aber wie gesagt so in Ordnung. Dem Club alles Gute für die weitere Saison.“

Christian Mathenia: „Es ist bitter, dass wir uns für die Laufbereitschaft nicht belohnt haben. Wir hätten aus meiner Sicht einen Punkt verdient gehabt. Wir hatten einige gute Umschaltmomente, da hat die Genauigkeit im letzten Drittel gefehlt. Leider haben wir heute vorne nicht so eiskalt zugeschlagen wie in den letzten Auswärtsspielen in Osnabrück oder Paderborn. Kiel ist das gelungen. Ich bin mit der Leistung gegen den Ball zufrieden, wir haben alles reingehauen, es gut gemacht, uns aber leider nicht belohnt.“

Jannik Dehm: „Es war das erwartet harte Spiel für uns. Nürnberg hat uns das Spiel überlassen und hat auf Konter gelauert. Wir hätten uns die eine oder andere Chance mehr herausspielen können, aber das ein solch schönes Tor das Spiel entscheidet, freut uns natürlich sehr. Für uns ist wichtig, dass wir weiterhin von Spiel zu Spiel schauen und uns auch am Sonntag wieder perfekt auf den Gegner einstellen. Das hat uns zuletzt ausgemacht.“

Fabian Schleusener: „Es war ein sehr intensives Spiel. Wir wussten, dass Kiel eine breite Brust hatte, aber auch, dass wir etwas mitnehmen können, wenn alles gut läuft. Wir wollten mit unseren Umschaltmomenten gefährlich werden, das ist uns nicht so gelungen. Leider haben wir auch nicht alles verteidigen können und verlieren dann durch so ein irres Tor. Wir lassen aber die Köpfe nicht hängen und schauen jetzt schon auf Aue“

Fin Bartels: „Es war ein hartes Stück Arbeit gegen eine tief stehende Nürnberger Mannschaft. Von daher ist es ein verdienter, aber gleichzeitig auch hart erkämpfter Sieg. Vor meinem Tor waren wir hellwach und haben den Freistoß schnell ausgeführt. Fabian Reeses butterweiche Flanke habe ich gut getroffen. Schön, dass der Ball drin war.“

6. Die Noten 

Spieler CU-Note Kicker NZ BILD SofaScore
Christian Mathenia 3 3 3   6,7/10
CU-Urteil: Beim Gegentor machtlos, ordentliche Paraden gegen Dehm und Mees, sonst nicht gefordert.
Noel Knothe 4 4 4   6,3/10
CU-Urteil: Verteidigte 80 Minuten lang alles weg, was es wegzuverteidigen gab, wurde dann aber im Duell gegen Reese vor dem 1:0 verladen.
Asger Sörensen 3- 3,5 3   6,6/10
CU-Urteil: Mit guten Zweikampfwerten, verteidigte umsichtig und ohne Probleme, mit einem minimalen Wackler, den er aber wieder ausbügelte.
Lukas Mühl 3 3 3   6,7/10
CU-Urteil: Herausragende Zweikampfwerte, dazu eine starke Rettungsaktion. Nur im Aufbau ausbaufähig.
Tim Handwerker 4 4 4   7,1/10
CU-Urteil Machte bis zum Gegentor eine ordentliche Partie, dann aber viel zu weit weg von Bartels.
Johannes Geis 3- 3,5 3   6,6/10
CU-Urteil: Arbeitete nach hinten, gewann acht von elf Zweikämpfen, spielte aber nach vorne zu viele unpräzise Bälle.
Tom Krauß +4 3,5 4   7,0/10
CU-Urteil: War ähnlich wie Geis gefordert, aber etwas schwächer in den Duellen und etwas weniger um Vorwärtspässe bemüht..
Fabian Nürnberger 3- 3 3   7,0/10
CU-Urteil: Versuchte sich immer wieder durchzusetzen, blieb aber oft hängen, dennoch in der Vorwärtsbewegung der agilste und dynamischste.
Fabian Schleusener 4- 4,5 4  

6,4/10

CU-Urteil: Hatte Pech, dass er vor seinem Tor etwas zu früh gestartet war und es so zurückgepfiffen wurde. Nach vorne aber fast gänzlich ohne Durchschlagskraft.
Felix Lohkemper 4 4 4   6,4/10
CU-Urteil: Ähnlich wie Schäffler und Schleusener fast völlig ohne gewonnene Offensivzweikämpfe. Wirkte allerdings noch etwas dynamischer als die anderen beiden.
Manuel Schäffler +5 4,5 4   6,6/10
CU-Urteil: Gänzlich abgemeldet, kam überhaupt nicht zur Geltung, auch wenn er immer wieder die Duelle suchte – gewann 5 von 23 Zweikämpfen.
Sarpreet Singh 5 6,3/10
CU-Urteil: War fast gänzlich abgemeldet, weil ihm die Robustheit in den Duellen weitgehend abging.
Erik Shuranov 6,5/10
CU-Urteil: Kam erneut zu zehn Minuten, versucht noch sich im Seniorenbereich zurecht zu finden.
Hanno Behrens 6,8/10
CU-Urteil: Hatte den einzigen Schuss aufs Tor des FCN in 93 Minuten Spielzeit. Sorgte tatsächlich für etwas Belebung
Virgil Misidjan -/10
CU-Urteil: Kam zu spät, um noch etwas zu bewirken.
Nikola Dovedan -/10
CU-Urteil: Kam zu spät, um noch etwas zu bewirken.

3 Gedanken zu „Einer rutscht halt doch durch – Analyse zu Kiel

  • Sicherlich tröstet man sich mit der Aussage, dass man in Kiel beim Spitzenreiter verlieren kann.
    Dennoch habe ich den Eindruck, dass unsere Truppe meist nur eine Halbzeit lang einigermaßen im Spiel ist.
    Auch die Aussage von Mathenia, dass man sich für den tollen Aufwand nicht belohnt hat ist eigentlich
    eine Meinung welche in die Kategorie „Selbstzufriedenheit“ einzuordnen ist.
    Nach einer solchen zweiten Halbzeit von tollen Aufwand zu sprechen ist für mich ein Beleg dafür, dass
    unsere Truppe noch sehr viel daran arbeiten muss, galliger zu werden (und dies nicht nur dadurch, dass
    ich die Versuche einstelle, selbst ein Tor zu erzielen).

  • Super Analyse. Vielen Dank. Was mich etwas verwundert ist die Einstufung des Gegentores als unhaltbar. Den kann man halten. Ich habe nicht das Gefühl, dass wir als Club-Fans aktuell in den Genuss der Unhaltbaren kommen. Gute Paraden ja, aber das ist mir oft zu wenig. Das 2 zu 2 gegen Braunschweig oder das 2 zu 3 gegen Darmstadt gehören für mich ebenfalls nicht zu den „Unhaltbaren“.

  • Gestern hat der KSC richtig super gespielt und 4:1 gegen Aue verloren. Wenn damit das Glück von Aue aufgebraucht ist und wir am Sonntag wieder mit einem ekligen Spiel gewinnen soll es mir auch recht sein.

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