Krawatte

Ich weiß nicht genau, wann ich das letzte Mal eine Krawatte getragen habe, vielleicht war es ja am Sonntag, den 26. August 2001. Mein Freund Berti hatte mir seine Karte für Götterdämmerung, den vierten Teil von Wagners Ring, angeboten, nach dem sitzfleischstrapazierenden Genuss der ersten drei Teile fehle ihm die Motivation für den ultralangen Abschluss dieses Opernzyklus, ich solle ihm den Gefallen tun, statt seiner hinzugehen, die Sache würde mich – wenn ich mich recht erinnere – 250 Mark kosten.

Nun bin ich, was die Oper anbelangt, ein absoluter Banause und es fehlt mir auch jeglicher Sinn für nebligen Germanenkult, doch da man als Sohn der Wagnerstadt wenigstens einmal am musikalisch majestätischen und prominenzumflorten Flair des Grünen Hügels (klick) geschnuppert haben sollte, kaufte ich Berti die Karte ab und…

…ging hin. Mit Krawatte – wie sämtliche männlichen Jünger des baskenbemützten Maestros mit der sächsisch tönenden Tonlage (klick). Einer davon war ein damals recht bekannter Politiker, der in den Pausen mit dem Sektglas in der Hand verbindlich lächelte, als suche er jemanden zum Brüderschafttrinken. Darüber hinaus sei hier nur angemerkt, dass er nicht von der SPD war und dass er seine Krawatte für meinen Geschmack etwas zu lang gebunden hatte.

Die Aufführung selbst war ein echtes Klangerlebnis. Zumindest, solange das Orchester allein musizierte und nicht durch presswehenhaften Soprangesang gestört wurde. Die am Grünen Hügel gegebene Aufführung vom 26. August 2001 wird wohl mein einziger Opernbesuch bleiben, allenfalls wenn sich die Rheintöchter im Adamskostüm zeigen (klick), könnte ich es mir anders überlegen.

Nach der Aufführung, die über fünf Stunden dauerte, ging ich in die Kneipe. Berti saß am Tresen und ich fragte ihn, wie der Club gespielt hat.

„Zweieins verloren.“

„Sag ehrlich!“

„Nee, wirklich.“

„Du willst mich verarschen!“

„Der Club hat zweieins verloren.“

„Ein Pils?“, fragte mich der Wirt über den Tresen.

„Nee, lass mal. Ich geh heim.“

Zuhause angekommen schaltete ich den Fernseher ein und ging auf Videotext.

Tatsächlich.

Zweieins verloren.

Der (damalige) Bundesligist 1. FC Nürnberg…

Die Aufstellung des 1. FC Nürnberg

vom 26. 8. 2001

KAMPA

FREY                KOS                NIKL                WIBLISHAUSER

JAROLIM

SANNEH                           KRZYNOWEK

STOILOV

GOMIS                           VILLA

Spielbeginn:

18 Uhr 30

 

…hatte die Partie beim (damaligen) Fünftligisten SSV Ulm zweieins verloren und war in der ersten Runde des DFB-Pokals ausgeschieden (klick).

An diesem Wochenende hat der (nunmehr) in der zweiten Liga vor sich hin dümpelnde 1. FC Nürnberg ein Erstrundenpokalspiel beim (jetzigen) Viertligisten SSV Ulm einsnull gewonnen. Ein zäh erkämpfter Pflichtsieg…

…der vielleicht auch dadurch bewerkstelligt wurde, dass der Club-Trainer nach der Halbzeit im Mittelfdeld von Raute…

GEIS

KRAUß                                              NÜERNBERGER

MÖLLER-DAEHLI

…auf Trapez umstellte…

KRAUß                     GEIS

 

NÜRNBERGER                                                                       MÖLLER-DAEHLI

…in dem die Flügel Nürnberger und Möller-Daehli die Spielfläche breit machten für die nachdrängenden Sechser Geis und Krauß. Jedenfalls stieß in der 79. Spielminute Krauß, von dem eingewechselten Jungspund Duman per Hackentrick jünglingsfrisch eingesetzt, forsch in die Lücke und bediente wiederum den mitgelaufenen Duman, der mit einem filigranen Linksschuss prall in den Winkel traf und das Spiel entschied.

Vorrücken gesichert – und dennoch: Was fühlt sich für den Club-Fan besser an: Ein blamables Pokal-Erstrundenaus bei einem Fünftligisten als Bundesligist (der dann die Klasse hielt) oder ein holpriges Erstrundenvorrücken bei einem Viertligisten als vor sich hin dümpelnder Zweitligist?

Am nächsten Samstag Zweitligapunktspiel gegen Fortuna Düsseldorf im heimischen Max-Morlock-Stadion. Ich werde es mir…

…anschauen. Wobei meine Zuversicht angesichts der Tatsache, dass unsere Mannschaft von den letzten 52 Ligaheimspielen gerade einmal elf gewinnen konnte, nicht allzu groß ist. Und Rheintöchter im Naturzustand wird es wohl auch nicht zu sehen geben (obwohl der Gegner an diesem sagenhaften Fluss zuhause ist). Sei’s drum, die Sky-Gebühren sollen nicht verschenkt sein. Vielleicht…

…lege ich mir ja mal wieder eine Krawatte an. Die Frage ist nur:

Welche?

[Zum Spiel: klick, klick, klick.]

4 Gedanken zu „Krawatte

  • Ja, wenn… Wenn die drei Düsseldorfer Rheintöchter Flosshilde, Wellgunde und Woglinde im Fortuna-Sturm unerbittlich Angriffswelle um Angriffswelle mit ihrem Schlachtruf „Weia! Waga! Woge, du Welle!“ gegen das bröselnde Nürnberger Abwehrdeichwerk anbranden lassen, dann kann man sich als Zuschauer nur korrekte Erleichterung verschaffen, indem man den Krawattenknoten lockert. Wie sich der Geplagte aber dann genderkonform verhalten soll, sollten die Töchter ihr Angriffswellenspiel – laut belschanov – „im Adamskostüm“ vorführen, muss sich der Zuschauer auch noch Gedanken über genderkonformes Game Watching machen. Am besten, der Club spielt gut und gewinnt, wigelaweia hin oder her. Lasst es endlich Torwogen, Ihr Noris-Kämpen. Dann sind nicht drei Rheintöchter, wohl aber drei Punkte Euer bzw. Unser.

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  • Mir stinkt noch immer diese ultra-saudumme Niederlage im letzten Saisonspiel am 13.05.2018, als der direkte Aufstieg von Dödeldorf und uns schon fest stand.
    Mit diesem einem, letzten Heimsieg wären wir Tabellenführer geworden, hätten endlich diese Salatschüssel gewonnen und man führte auch tatsächlich 2:0. Dann aber machten sich vielleicht die Aufstiegsfeiern bemerkbar, der Club knickte ein und verlor noch 2:3.
    Damit ging Platz 1 und die Schüssel an Dödeldorf, der Club stieg zwar auf, ging aber sonst leer aus.
    Da hab ich immer noch eine Krawatte, wenn ich an den Spielverlauf, die versemmelte Titelschanx und das Spiel denke!

    P.S.: Weshalb ist die Pokalauslosung erst in zweieinhalb Wochen?!

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  • Irgendwie ist mir jetzt aber noch nicht ganz klar, ob dem Autor der presswehenhafte Gesang oder die 1:2 Niederlage lieber gewesen ist oder wäre?
    Ich bitte darum die Antwort wohl zu überlegen, denn sollte unsere Mannschaft so weiter spielen müsste ich mir überlegen ob ich mich besser 2Stunden im Stadion oder lieber mehrere Stunden mit Wagner quälen sollte.

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