Wekesser? Handwerker? Rosenlöcher? – Die Linksverteidigerfrage beim #FCN

Erik Wekesser kommt von Jahn Regensburg, Linus Rosenlöcher kehrt aus Dänemark zurück, Tim Handwerkers Vertrag läuft aus. Wie geht es links hinten beim Club weiter. Wir schauen drauf – natürlich auch mit Hilfe von Daten.

Gelernter Stürmer vs. Dauerbrenner

Die Meldung, dass Erik Wekesser im Sommer an den Valznerweiher wechselt, ist bereits zwei Monate alt. Der gebürtige Schwetzinger kommt vom SSV Jahn Regensburg, für den er die letzten drei Spielzeiten auflief. Zuvor spielte Wekesser, der Anfang Juli 25 Jahre alt wird, in Koblenz, bei Astoria Walldorf und in der zweiten Mannschaft des 1. FC Kaiserslautern Regionalligafußball. Bei den Roten Teufeln war Wekesser auch ausgebildet worden. Bis zum Beginn der Saison 2020/21 war Wekesser bei all seinen Stationen ein Offensivspieler gewesen. In Kaiserslautern und Koblenz spielte er meist als Stürmer, bei Astoria Walldorf pendelte Wekesser dann zwischen rechtem Mittelfeld und Sturmpartner in einem flachen 4-4-2. In seiner ersten Saison in der Zweiten Liga setzte Mersad Selimbegović Wekesser vor allem auf dem Flügel ein. Egal ob rechts oder links, Wekesser beackerte die Außenbahn, allerdings ohne, dass seine Leistungen besonders auffällig blieben.

Zum Saisonwechsel 2020/21 entschloss Selimbegović sich dazu, Wekesser zum Linksverteidiger umzuschulen. Es war ein voller Erfolg. Nicht nur, weil Wekesser die Zahl seiner Vorlagen deutlich steigern konnte, von seiner tieferen Position aus schaffte Wekesser es auch im Spiel deutlich besser, den Ball dorthin zu bringen, wo die Mitspieler ihn verwerten konnten. Wekesser war – auch dank 13 Gelber Karten – einer der auffälligsten Zweitligaspieler der Saison 2020/21. In der laufenden Saison hat Wekesser in der Hinrunde das Niveau der Vorsaison halten können, kämpft seit dem Jahreswechsel aber etwas mit seiner Form, musste teilweise wieder im linken Mittelfeld agieren und seinen Linksverteidigerposten für Leon Guwara räumen. Seit das Spiel beim kommenden Arbeitgeber vorbei ist, ist Wekesser aber wieder Stammkraft.

Betrachtet man also die Entwicklung von Wekesser in den letzten Jahren, erscheint es wahrscheinlich, dass er für den Linksverteidigerposten vorgesehen ist. Dabei ist immer noch unklar, ob er dabei als Nachfolger oder Herausforderer von Tim Handwerker eingeplant ist. Der Vertrag des 23-Jährigen läuft im Sommer aus, im Gegensatz zu vielen anderen Personalien (Abgänge von Dovedan und Rausch, Verlängerungen von Geis, Valentini, Schäffler, Klaus und Schleimer), ist in Sachen Handwerker noch keine Entscheidung verkündet worden. Der Linksverteidiger, der 2019 vom 1. FC Köln kam, stand unter Robert Klauß in jedem Spiel in der Startelf, fehlte nie verletzt oder gesperrt. Das letzte Spiel, in dem Handwerker nicht in der Startelf stand, war im Februar 2020. Seitdem ist der gebürtige Bergisch Gladbacher in 77 Partien in Folge lediglich fünf Mal ausgewechselt worden. Er war weder verletzt, noch gesperrt seit mehr als zwei Jahren. Seine Startelfserie ist die längste im Verein, Christian Mathenia kommt auf 70 Spiele in Folge in der Startelf.

Vergleich auf Datenbasis

Vergleich von Handwerker und Wekesser anhand von Rohdaten

Egal, ob nun die beiden Spieler nun als Konkurrenten vorgesehen sind oder der eine als Nachfolger des anderen, in jedem Fall lohnt ein Vergleich der beiden Spieler. Eine Annäherung über die Datenperspektive offenbart bei Wekesser, dass er sowohl bei den Schlüsselpässen als auch bei den Pässen, die zu Raumgewinnen führen, deutliche Vorteile im Vergleich zu Tim Handwerker aufweist – und auch deutlich über dem Durchschnitt liegt. Allerdings ist hier auf Grund der direkten Spielweise Regensburgs ebenso Vorsicht in der Bewertung geboten, wie in der Analyse der Tatsache, dass Wekesser deutlich häufiger zum Sprint ansetzt. Handwerker dagegen ist in den Zweikämpfen in den Rohdaten deutlich besser als Wekesser und auch deutlich besser als der durchschnittliche Außenverteidiger in der Zweiten Liga.

Manchmal sind die Rohdaten aber etwas schwer zu lesen. Um dabei zu helfen, hat Matchmetrics ein Tool entwickelt, das dabei hilft, die Daten in verwertbare Indikatoren zu übersetzen. Im Scoutpanel lassen sich theoretisch alle Spieler, von denen Daten erfasst werden, vergleichen und es lässt sich auch anhand der Parameter suchen. Einige Vereine, wie – angesichts der Beteiligung von Sven Mislintat an Matchmetrics nachvollziehbar – der VfB Stuttgart, aber auch der SC Paderborn, der VfL Osnabrück oder Ferencváros Budapest verwenden das Scoutpanel zum Identifizieren von Spielern, die als Transfers in Betracht kommen. Dabei kombiniert das Programm Ereignisdaten und deren genaue Position auf dem Spielfeld, um aussagekräftig arbeiten zu können und entwickelt dann eine Wertung von 0 bis 10, wobei die 10 eher als theoretische Bestleistung zu sehen ist, die über eine Saison nur ein perfekter Spieler erreichen könnte. Was sagen also nun die Indikatoren von Matchmetrics zum Vergleich Handwerker-Wekesser und welche Indikatoren sind für einen Außenverteidiger von Belang?

Vergleich von Handwerker und Wekesser mit Hilfe der Scoutpanel-Daten von Matchmetrics

Die Position an sich ist deshalb so anspruchsvoll, weil sie Vorwärts- und Rückwärtsbewegung abdecken muss. Verglichen werden daher sowohl die Indikatoren für offensiven wie für defensiven Zweikampf, sowie das offensive und defensive Stellungsspiel. Um den Begriff des Stellungsspiels einordnen zu können, hilft die englische Entsprechung im Programm: Interception. Also wie gut ist der Spieler dabei Bälle abzufangen, sowohl in offensiv wie auch in defensiv wichtigen Positionen auf dem Feld. Ebenso wichtig ist die Fähigkeit sich im Eins-gegen-Eins durchsetzen zu können, diese wird durch den Indikator “Dribbling” (englisch: Take-On) abgebildet und natürlich muss ein Außenverteidiger auch gut flanken können. abgerundet wird das Bild noch durch zwei Indikatoren, welche die generellen fußballerischen Fähigkeiten und Instinkte abbilden sollen: Passgefahr (englisch: Delivery), also wie gut ist der Spieler darin, den Ball in gefährliche Räume zu bringen und Annahmeposition (englisch: Reception), also wie gut ist der Spieler darin, den Ball in gefährlichen Räumen anzunehmen.

Man sieht auch hier im Profil einige Unterschiede. In Sachen Flanken sind beide im Vergleich zum Schnitt eines Außenverteidigers in der Zweiten Liga schwächer. Wekesser schneidet aber noch deutlich besser ab als Handwerker. Die größten Defizite sind bei beiden Spielern, auch im Vergleich zum Durchschnitt, in Sachen Stellungsspiel auszumachen. Das Ballabfangen ist weder Handwerkers noch Wekessers Stärke. In den Zweikämpfen hat dagegen Handwerker in Angriffspositionen knapp, in Defensivpostionen klar die Nase vorn. Gleiches gilt für die Dribblings. Dagegen ist der Neuzugang deutlich stärker, wenn es darum geht, den Ball in gefährliche Positionen zu bringen. Beim Passempfang in gefährlichen Räumen sind die beiden auf recht vergleichbarem Niveau, wie auch in den meisten hier nicht aufgeführten Kategorien.

So ergibt sich, gemeinsam mit den Statistiken ein recht rundes Bild im Vergleich der beiden Spieler. Handwerker stellt im Vergleich zu Wekesser einen defensiv stabileren Außenverteidiger dar, Wekesser ist in der Vorwärtsbewegung – sicherlich auch im Zusammenhang mit seiner langen Zeit als Außenstürmer – stärker. Gleichzeitig haben aber beide in der Defensive ihre Schwächen, bzw. sind offensiv stärker als defensiv. Es wäre auf Grund der Fähigkeiten und durchaus vorstellbar, dass bei einer Vertragsverlängerung von Tim Handwerker er und Wekesser gemeinsam auflaufen und Wekesser den linken Flügel im 4-2-3-1 besetzt.

Interne Lösung, wenn Handwerker geht?

Vergleich: Handwerker/Wekesser/Rosenlöcher (Einzelindikatoren)

Doch was, wenn Handwerker den Verein noch verlassen sollte? Konstantin Rausch steht dem Club sicher nicht als Profi zur Verfügung. Mit Linus Rosenlöcher hat de facto noch ein weiterer Linksverteidiger ein gültiges Arbeitspapier. Rosenlöcher spielt derzeit in der zweiten dänischen Liga, welche verwirrenderweise den Titel “1. Division” trägt. Trainer von Rosenlöcher ist derzeit Rafael van der Vaart, der Ex-St. Pauli Trainer Roland Vrabec abgelöst hat. Um Rosenlöchers Leistungen einschätzen zu können, muss man das Niveau der zweiten dänischen Liga einstufen können. Auch hier helfen die Daten von Matchmetrics: Die errechnete Ligastärke sieht die zweite dänische Liga ungefähr zwischen Regionalliga und 3. Liga in Sachen Spielstärke und damit deutlich unter dem Level der Zweiten Bundesliga.

Vergleich: Rettig/Rosenlöcher/Brown (globale Daten)

Dieser Faktor, plus die Tatsache, die Anzahl der Spiele, die in Dänemark seit Rosenlöchers Wechsel bestritten wurden, sehr gering war, machen einen direkten Vergleich nur bedingt aussagekräftig. Auffällig ist aber, dass Rosenlöcher in Sachen Stellungsspiel auch nur auf unterdurchschnittliche Werte kommt und im Bereich “Passgefahr”, also bei den Zuspielen in gefährliche Räume sogar hinter Handwerker und Wekesser zurücksteht, obwohl er in einer deutlichen schwächeren Liga spielt. Matchmetrics berechnet aus allen Faktoren auch eine Gesamtbewertung. In dieser steht Rosenlöcher bei einem durchschnittlichen Rating in einer Liga mit geringerer spielerischer Klasse, hinzukommt, dass Rosenlöchers Leistungen noch sehr schwankend sind, was das Stability Rating ausdrückt – eine zehn in Stability muss nicht Gutes sein, ein Spieler, der immer ein Rating von 0 erreicht, bekommt auch eine 10 in Stability. Salopp gesagt: Ein Spieler kann auch konstant schlecht spielen. Auch das hätte einen hohen Stability-Wert zur Folge.

Vergleich: Handwerker/Wekesser/Rosenlöcher (globale Daten)

Dass man Linus Rosenlöcher vor seiner Leihe die Rolle als Back-Up für Handwerker nicht zugetraut hat, lässt sich aus der Verpflichtung von Konstantin Rausch ablesen. Die – sicherlich von einigen Unsicherheiten auf Grund der Stichprobengröße durchzogenen – Daten aus Dänemark lassen darauf schließen, dass Rosenlöcher wahrscheinlich auch in Zukunft nicht als dauerhafter Back-Up in Frage kommt. Denkbar wäre natürlich, dass man auf einen anderen Jugendspieler vertraut. Die Leistungen von Nathaniel Brown in U19 und U21 könnten darauf hinweisen, dass Brown in der Lage wäre, in die Rolle hineinzuwachsen. Seine Werte in der U19-Bundesliga liegen über denen von Rosenlöcher in dessen Zeit in der A-Jugend. Allerdings zeigt das Beispiel von Filip Rettig, der 2016 als Linksverteidiger für den FCN in der U19 spielte, dass diese Werte keine Garantie für eine Profikarriere sind: Rettig spielt – nach Stationen bei Braunschweig II und Hoffenheim II – heute in der vierten österreichischen Liga bei KFZ Hagspiel FC Hittisau.

Externe Lösung, wenn Handwerker geht?

Vergleich: Kleinhansl/Schikora/Lukacevic/Preisler

Sollte Handwerker gehen und man sich zu einem Transfer von außen entscheiden, so scheint es erstrebenswert, einen Spieler zu verpflichten, welcher die Defizite ausgleichen kann, die Wekesser mit sich bringt. Das heißt, vor allem einen Spieler, der in der Defensive stabil agieren kann. Dafür ließen sich offensivere Abstriche in Kauf nehmen, solange die Fähigkeit, gefährliche Bälle zu spielen und zu flanken nicht völlig fehlen. Rein nach Datenlage umfassen passende Kandidaten, die realistische Optionen in Sachen Leistungsniveau, wahrscheinliche Gehalts- und Ablöseforderungen und Akzeptieren der Herausfordererrolle darstellen, zum Beispiel folgende Spieler:

  • Florian Kleinhansl (VfL Osnabrück, 21, Vertrag bis 2023)
  • Marco Schikora (FSV Zwickau, 27, Vertrag bis 2022)
  • Leonardo Lukacevic (Admira Wacker, 23, Vertrag bis 2023)
  • Dominik Preisler (Mlada Boleslav, 26, Vertrag bis 2023)

Diese Spieler per Daten zu identifizieren wäre natürlich nur der erste Schritt im Prozess. Es würden dann Videostudium, vor Ort Scouting und Gespräche mit den passenden Spielern folgen. Dinge, die zu diesem Zeitpunkt der Saison in der Regel schon gelaufen sein sollten. Möglicherweise ist diese Option aber gar nicht nötig, da Tim Handwerker seinen Vertrag doch verlängert.

Anmerkung: Der Artikel entstand mit Hilfe und Erlaubnis mit Matchmetrics, er ist aber nicht bezahlt. Ein herzlicher Dank geht an Christian Kochs und Mirko Ronge von Matchmetrics, die den Zugang zu Datenbank und Visualisierungstool ermöglicht haben.

9 Gedanken zu „Wekesser? Handwerker? Rosenlöcher? – Die Linksverteidigerfrage beim #FCN

  • Sehr interessant!
    Übersetzt könnte man auch sagen, dass ein Verbleib von Handwerker neben Wekesser in der 1. Liga wichtiger wäre als in der 2. Liga, weil “da oben” sicherlich die defensive Stabilität eine größere Rolle spielen wird.

    Kann Wekesser eigentlich auch RV?

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    • Ich denke, dass bei einem Aufstieg, vieles neu geplant werden muss. Das ist schon für Handwerker ein großer Sprung. Für Wekesser aber noch viel mehr. Ich wäre sehr gespannt, wie man dann mit Geis, Schäffler und Vale umginge. Für diese langsamen Spieler, wäre ja kaum eine Spielperspektive in der ersten Liga da. Wird interessant sein zu sehen, wie Hecking/Rebbe es schaffen, Geschwindigkeit und Mentalität zu holen.

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      • Ich glaube, wenn es eine 3er-Kette wird, würde eher ein 3. IV spielen, wie z.B. Sörensen. Handwerker wäre mir für die 1. Liga zu wenig kopfballstark.

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  • Danke für den super Artikel!!!!!!!
    Vielleicht spielen wir auch wie zuletzt gegen Bremen mit Handweker als linkem IV in der 3er Kette und dann Wekesser als linker Wingback.

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  • Vielleicht sollten wir auch dem spanischen Schiedsrichter einen Vertrag geben, der am Wochenende Benzema bei einem Konter davon gelaufen ist ..lol

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